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KAPITEL

1. Palšstina/Israel - ein "Exilland"?
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2. Moshe Ya'akov Ben-GavriÍl
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3. Meir Marcell Faerber
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4. Simon Kronberg
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5. Max Brod
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6. Max Zweig
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7. Leo Perutz
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8. Anna Maria Jokl
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9. Elazar BenyoŽtz
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10. Anhang
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Armin A. Wallas:
"Exilland" Palšstina/Israel

Simon Kronberg


Wie Faerber kam auch Simon Kronberg im Jahre 1934 nach Palästina. Im Unterschied zu Faerber trat er seine Reise jedoch nicht aus der demokratischen Tschechoslowakei an, sondern aus Deutschland, wo bereits ein Jahr zuvor Hitler die Macht ergriffen hatte. Kronberg war während des Ersten Weltkriegs als expressionistischer Dichter hervorgetreten, hatte sich jedoch in den 1920er Jahren immer mehr vom literarischen Leben zurückgezogen und sich in der zionistischen Bewegung, insbesondere in der jüdischen Jugendbewegung engagiert. In Berlin war er als Jugendführer und Chorleiter des "Jung-Jüdischen Wanderbundes" (später: "Habonim Noar Chaluzi") tätig. Die Entscheidung, nach Palästina zu emigrieren, war bei Kronberg somit zweifach begründet, zum einen aufgrund seiner zionistischen Weltanschauung, zum anderen aber auch als Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Kronberg bereitete sich auf der Hachschara-Farm Gut Winkel - wo er landwirtschaftlich ausgebildet wurde - auf das Leben im zionistischen Siedlungsgebiet vor und begleitete eine Gruppe Jugendlicher auf der Fahrt nach Palästina.

Kronberg, Simon zeigen

Die ersten Jahre, von 1934 bis 1937 verbrachte Kronberg in einem Kibbuz - Givat Chajim - nördlich von Tel Aviv. Hier, in einer der genossenschaftlichen Siedlungen Palästinas, wo der Versuch unternommen wurde, eine klassenlose Gesellschaft im Kleinen zu verwirklichen, schien es ihm möglich zu sein, jüdische Religion, Zionismus und Sozialismus zu einer Synthese zu führen. Er arbeitete als Schuhmacher, lehrte den Neuankömmlingen hebräische Lieder und inszenierte mit den Kibbuzmitgliedern selbstverfasste Sprechchöre. In diesen Texten arbeitete er zeitgeschichtliche Themen auf, unter anderem die Niederschlagung des Arbeiteraufstands in Wien im Februar 1934, um die Kibbuzgenossen zu einer Solidarisierung im internationalen Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus aufzurufen. Ideologische Fragen wie das Spannungsverhältnis zwischen jüdischem Nationalismus und sozialistischem Internationalismus, aber auch die Aktualität jüdischer religiöser Traditionen standen im Mittelpunkt dieser Texte. So etwa führt das Stück "Pessach im Kibbuz" das Geschehen des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten in die Gegenwart, indem das biblische Modell anhand der Flucht der verfolgten Juden aus Hitler-Deutschland aktualisiert wird. Die Sprechchöre waren als Lehrstücke konzipiert, es wurde die Grenze zwischen Darsteller und Publikum aufgehoben. Kronbergs Intention war es, den Darstellern ihre Identität als Juden (bzw. Zionisten) und als Arbeiter (bzw. Sozialisten) bewusst zu machen.

Als jedoch Kronberg sein Unterfangen, Religion und Sozialismus zu einer Einheit zu führen, aufgrund der religionskritischen Haltung der Kibbuzmitglieder scheitern sah, verließ er die Siedlung, ließ sich in Haifa nieder und verdiente seinen Lebensunterhalt als Chorleiter. Als Volksbildner und Musikpädagoge machte er den Gemeinschaftsgesang (Schira be-Zibur) in Palästina populär. Ein besonders Anliegen war es ihm, deutschsprachige Einwanderer mit der hebräischen Sprache, vermittelt über das hebräische Lied, vertraut zu machen. Seine eigenen, in deutscher Sprache verfassten literarischen Arbeiten trug er in privaten Lesekreisen vor, stieß jedoch auf wenig Verständnis, da sie auf die Zuhörer "zu modern" wirkten. Dies galt sowohl für die Form der vom literarischen Expressionismus inspirierten Texte, als auch für den Inhalt. Trotz seiner zionistischen Überzeugung verweigerte sich Kronberg den Klischees der zionistischen Helden- und Aufbaumythen, vielmehr stellte er diese Mythen kritisch in Frage. Seine Außenseiterrolle wurde durch das Festhalten an der verpönten deutschen Sprache noch befestigt. Über seine tristen Lebensverhältnisse geben Briefe Aufschluss, die er an seine in Europa zurückgebliebene Frau Herta und seinen Sohn Peter geschrieben hat.

"Ein paar Mal habe ich Dir angedeutet, daß ich, im Gegensatz zu allen Menschen, mit denen ich bei der Arbeit oder sonst zusammenkomme, wie ein heruntergekommener, oder besser wie ein nicht hinaufgekommener Künstler (lies Vagabund) aussehe. Manchmal bietet mir einer abgelegte zerrissene Schuhe an [...], dann andere einen von Herrschaften abgelegten Anzug eines feisten Mannes (der schon einmal von dieser Herrschaft gewendet worden ist) (ich ließ ihn von einem kleinen Schneider halbwegs auf mein Maß zurückschneidern, stöhnte ob des Geldes und trug ihn). Einmal kaufte ich von einer Frau, deren Mann gestorben war, 2 Hemden, billig; ein einziges Mal -, ich war der vielen alten Schuhe vor zwei Jahren müde geworden - kaufte ich mir ein Paar Stiefel. Ich habe mir noch nie - solange ich in Pal[ästina]. bin - ein Paar Socken, Unterhosen gekauft, von Anzügen gar nicht zu reden. Nur so billige Khakihosen und Blusen, die hab ich gekauft. Man kann (man muß nicht) hier so herumgehen. Ich habe keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, das Wetter ist dementsprechend. Zwar, ich muß Dir gestehen: ich bin manchmal ... müde. Ich weiß genau, wie schön es ist und nützlich und Eindruck schindend (auf andere Menschen) und Nerven sparend, gut angezogen zu sein. Vergiß nicht, ich bin fast immer unterwegs [...]. Ich werde 56 Jahre und versuche, mich auszulachen. Ich habe zwar den Krieg nicht verloren, auch keine gute Existenz eingebüßt. Ich bin ein harter Arbeiter geworden. Das Leben ist hier immer teurer geworden. Ich wage es nicht, Geld auszugeben (für mich.) Ich gehe monatelang herum, ohne mir die Haare schneiden zu lassen. [...] Dieses Leben lebe ich jetzt 13 Jahre." (Simon Kronberg, Brief an Herta Kronberg, Haifa 18.4. 1947, zit. nach Wallas, Kibbuznik, 47f.)

"Daneben läuft die Arbeit des - in deutscher Sprache Dichtenden. Das bedeutet in einem Land, das von der deutschen Sprache nicht viel wissen will, eine Komödie - und ich bin der Wurschtl darin. Vielleicht wird es in den nächsten Jahren, wenn die Grenzen um die Länder, die deutsch sprechen, nicht so hermetisch verschlossen sein werden, anders, besser. Ich habe wenigstens nie gehungert." (Simon Kronberg, Brief an Herta Kronberg, Haifa 12.2. 1946, zit. nach Wallas, Kibbuznik, 48)


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