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KAPITEL

1. Palšstina/Israel - ein "Exilland"?
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2. Moshe Ya'akov Ben-GavriÍl
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3. Meir Marcell Faerber
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4. Simon Kronberg
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5. Max Brod
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6. Max Zweig
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7. Leo Perutz
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8. Anna Maria Jokl
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9. Elazar BenyoŽtz
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10. Anhang
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Armin A. Wallas:
"Exilland" Palšstina/Israel

Max Brod


Unter den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern, denen es gelang, sich am hebräischen Kulturleben zu beteiligen, ragt Max Brod hervor. In den 1910er und 1920er Jahren war Brod als Angehöriger des "Prager Kreises" und als kulturzionistisch engagierter Schriftsteller bekannt geworden. Nach dem Tod seines Freundes Franz Kafka gab er dessen literarischen Nachlass heraus und schuf damit die Grundlage für die weitere Kafka-Rezeption. Obwohl sich Brod in seinem literarischen und essayistischen Werk intensiv mit jüdischen und zionistischen Themen auseinandergesetzt hatte, entschloss er sich zur Immigration nach Erez Israel doch erst im März 1939, wenige Tage vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Prag.

Brod, Max: Das Diesseitswunder oder Die jüdische Idee und ihre Verwirklichung 1939 zeigen

Brods Flucht nach Palästina stellt sich somit ambivalent dar, sie war zugleich "Flucht" und "Heimkehr". Als er eine Stelle als Dramaturg an der Habima, dem späteren israelischen Nationaltheater, erhielt, musste er zunächst seine Hebräischkenntnisse verbessern. Später arbeitete er als Musikkritiker bei der deutschsprachigen Zeitung "Jediot Chadaschot". In seinem ersten in Palästina veröffentlichten Buch, dem Essay "Das Diesseitswunder oder Die jüdische Idee und ihre Verwirklichung" (1939), wählt er die Möglichkeitsform, um "die welthistorische Bedeutung des neuen jüdischen Gemeinwesens in Palästina" zu umreißen: "es wird vielleicht eine adäquate Gestalt des Judentums schaffen, in der es imstande ist, sich selbst und der Welt genugzutun". Dennoch beschreibt er die Reise nach Erez Israel in seiner späteren Autobiographie "Streibares Leben" (1960) als "Aufbruch". Eine solche Ambivalenz prägt das gesamte Leben und Schaffen Brods in Palästina/Israel. Einerseits identifizierte er sich mit dem jüdischen Staat, andererseits bewahrte er durch das Festhalten an der deutschen Sprache Distanz zur hebräischen Kultur. Unter dem Eindruck der Nachrichten über die Shoah, der auch viele seiner Verwandten und Freunde zum Opfer gefallen waren, empfand er seine Zugehörigkeit zur deutschen Kultur als belastend, ohne jedoch diesem Dilemma entkommen zu können.

Brods in Palästina/Israel entstandene Romane greifen vornehmlich historische Themen auf, unter anderem befassen sie sich mit den Schicksalen des römischen Schriftsteller-Philosophen Cicero und des frühneuzeitlichen Humanisten Johannes Reuchlin sowie mit Galileo Galileis "Kampf um Wahrheit" gegen die Inquisition. Brod wählt historische Fallbeispiele aus nichtjüdischer Tradition, an denen er jedoch Prinzipien jüdischer Ethik sichtbar zu machen versucht. In der unmittelbaren Gegenwart spielt der Roman "Unambo" (1949), der den jüdisch-arabischen Krieg zum Thema hat. Hier greift Brod das Doppelgängermotiv auf, in dem auch ein Hinweis auf seine eigene ambivalente Position im jüdisch-arabischen Konflikt zu erkennen ist. Zum einen war ihm die Notwendigkeit bewusst, den jungen jüdischen Staat militärisch verteidigen zu müssen, zum anderen erhoffte er eine zukünftige Versöhnung zwischen Juden und Arabern auf friedlichem, gewaltlosem Wege.

Unter dem Eindruck der Shoah entstanden literarische Texte der persönlichen Erinnerung, unter anderem der Roman "Der Sommer, den man zurückwünscht" (1952), gewidmet seinem Bruder Otto Brod, der 1944 im Vernichtungslager Auschwitz umkam. Als Historiograph des "Prager Kreises" setzte Brod auch der vernichteten deutsch-jüdischen Kultur ein literarisch-kulturgeschichtliches Denkmal. Überdies betätigte er sich als Komponist und als Philosoph - 1947 erschien das zweibändige Werk "Diesseits und Jenseits", das sich vor allem mit der Frage nach der Ursache des Leidens und dem Kampf gegen das Leiden befasst.

Zweig, Max zu Besuch bei Max Brod (1963) zeigen

Mit der Figur des Jesus von Nazareth setzt sich Brods Roman "Der Meister" (1952; 1960) auseinander. Das Buch schildert die geistig-ethische Wandlung eines griechischen Philosophen namens Meleagros, der zur Zeit Jesu dem römischen Verwaltungsapparat in Jerusalem angehört. Meleagros wandelt sich von einem areligiösen Skeptiker mit antijüdischen Vorurteilen zu einem gläubigen Anhänger der Lehre Jesu und schließt sich nach der Hinrichtung Jesu einer Gruppe jüdischer Freiheitskämpfer an, die gegen die römische Fremdherrschaft kämpft. In diesem Roman sucht Brod die jüdischen Ursprünge der von Jesus verkündeten Lehre herauszuarbeiten. Überdies verwendet er die Historie als Spiegel für Gegenwärtiges. So lässt sich der Kampf der Juden gegen Unterdrückung und Verfolgung mit dem Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in Beziehung setzen. Nichtjüdische Leser werden so für die jüdischen Quellen des Christentums sensibilisiert, jüdischen Lesern hingegen wird ein "zionistisches Modell" vorgeführt, d. h. eine kämpferische Version jüdischer Identität in der "altneuen", immer wieder umkämpften "Urheimat" des Judentums.


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