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Konstantin Kaiser:
Berthold Viertel (1885-1953)
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Die spätere Theaterauffassung
Ein Schwerpunkt seiner Inszenierungsarbeit lag auf der neueren amerikanischen Dramatik, die er zum Teil selbst ins Deutsche übersetzt hatte (Arthur Miller und vor allem Tennessee Williams). Er nützte damit den Rückenwind, den alles Amerikanische in der Nachkriegszeit für sich hatte, und unterlief zugleich die offizielle Selbstdarstellung der USA, in der eine Selbstkritik der amerikanischen Lebensverhältnisse, wie sie Tennessee Williams und Carson McCullers leisteten, kaum gefragt war.
Williams, Tennessee: Die Glasmenagerie zeigen
1927 hatte Viertel in Düsseldorf Arno Holz' Monsterdrama "Ignorabimus" in einer von ihm und Louise Dumont erstellten Bühnenfassung inszeniert. Diese Tragödie einer preußischen Akademikerfamilie, in der sich spiritistischer Wunderglaube (in den der nüchterne Empirismus umschlägt), angeerbter Wahnsinn, die Doppelnatur des Weibes zwischen Maria und Magdalena zum Untergang verdichten, feierte Viertel damals als "grenzenlosen Naturalismus", der seinen "begrenzten" Widerpart, den nur die Realität der kleinen Leute widerspiegelnden Naturalismus des frühen Gerhart Hauptmann, überwinde und endlich den "geistigen Menschen" auf die Bühne stelle. Doch hatte Holz den Milieudeterminismus keineswegs überwunden, er hatte ihn nur ins Innere der Akteure verlegt und dabei in der Abwendung von den "simplen Schicksalen nicht geistiger Menschen" auch die demokratischen Tendenzen des Naturalismus 'überwunden'.
Berechtigt in Viertels Engagement für Arno Holz war die Abwehr einer verkürzten Realitätsauffassung, aber die weitere und tiefere Realität wurde in den Abgründen eines dämonischen Inneren gesucht, nicht in der Wirklichkeit. Gleich Holz erstrebte Tennessee Williams "einen näheren Zugang zu den Dingen, wie sie sind, einen mehr durchdringenden und lebhaften Ausdruck für sie". Wie Holz interessierte sich Williams für die Darstellung psychologischer Grenzfälle; aber es handelte sich - etwa bei der Blanche in "Endstation Sehnsucht" - jeweils "um einen gesellschaftlich genau bedingten Fall":
"Die Krankheit der Blanche ist als eine gesellschaftliche Erkrankung ... diagnostiziert."
Für Berthold Viertel hatte sich der Ort der Suche durch die Erfahrung des Exils zu einer ganzen weiten Welt gewandelt, waren Wahnsinn und Traum, Leidenschaft und Gedanke aus der Zeugenschaft für Überwirkliches und Übermenschliches wieder zurückgekehrt in die dramatische Situation, waren eingetragen in die gegenständlichen Konturen der Personen. Viertel wusste um die Grenzen der Dramatik Williams', wollte kein "Spezialist" für amerikanische Stücke werden. Er sagte über Williams wie vorher über den Lyriker Theodor Kramer (die er beide gegen Angriffe von 'links' verteidigte): "Sein Glas ist klein, aber er trinkt aus seinem Glase."
S. 23/25
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