|

|
Konstantin Kaiser:
Berthold Viertel (1885-1953)
|
Berthold Viertel und Karl Kraus
"Nach einer Stunde kam er zurück, und nun hatte ich meinen Widerspruch an der Hand des Textes Punkt für Punkt und Satz für Satz zu begründen. Dieser Aufgabe war ich damals nicht gewachsen." ("Erinnerung an Karl Kraus", New York 1947, zitiert nach: Kindheit eines Cherub, 189)
Die Verehrung Viertels für Kraus war also von Anfang an auch von einem Widerstreben begleitet, das zunächst eher die Bedingungslosigkeit des Zutrauens nährte. Das Urteil über Heine hat Viertel ein Vierteljahrhundert später verworfen:
"[...] Heines Nerven waren offen für die ganze Welt. Er hat an allem gelitten, was überhaupt passierte. Er war eben ein jüdisches Herz - und jetzt erst kann ich ihn verstehen." (Brief an Salka Viertel, London, 21.2. 1936)
Diese Neubewertung Heines wurde unmittelbar durch die Lektüre von Max Brods Biographie "Heinrich Heine" (Amsterdam 1934) veranlasst, entspricht aber zugleich der allgemeinen Tendenz des deutschsprachigen antifaschistischen Exils, in Heine einen Vorläufer des eigenen, im Namen eines anderen Deutschland geführten Kampfs gegen ein autoritäres und reaktionäres Deutschland zu erkennen, als dessen schlimmste Verwirklichung das NS-Regime angesehen wurde. Zudem musste Viertel angesichts der "Nürnberger Rassegesetze" und des mit ihnen zur Staatsdoktrin erhobenen rassistischen Antisemitismus bewusst werden, wie sehr ein Karl Kraus, in dessen "Fackel" noch 1908 der berüchtigte Antisemit Lanz von Liebenfels veröffentlichen konnte, in dieser Frage in die Irre geführt hatte.
Nürnberger Rassegesetze zeigen
In anderen Fragen, im Begreifen des Ersten Weltkrieges als einer ungeheuerlichen Schmach und Schande und in der beißenden Verhöhnung des Übermenschentums der Nietzschetümler, hat Kraus bei Viertel letztlich Recht behalten ("... die substanzloseste aller Verkündungen der Geistesgeschichte: 'Ich lehre euch den Übermenschen' ..." Die Fackel, Nr. 726-729, Mai 1926, 28 f.)
S. 5/25
vorherige Seite
nächste Seite
|