coll. Daniel Krauskopf, Tel Aviv. Mit freundlicher Genehmigung von Yosl Bergner, Tel Aviv.
MalerIn/FotografIn: Yosl Bergner
Die PORTRÄTS sind insgesamt 10 ausgewählten Autor/inn/en aus Österreich gewidmet, die Emigration und Exil erleben mussten, und setzen sich mit ihrer Biographie und ihrem künstlerischem Werk auseinander. Am Ende von Kapiteln oder Textabschnitten werden multimediale Materialien (Fotos, Töne, Videos, Externe Links, Textausschnitte) angeboten. Jede Einheit enthält einen ANHANG, in dem die bibliographischen Materialien versammelt sind und eine Printversion der Vorlesung angeboten wird.
Gabriele Frankl
Im Zentrum dieser Darstellung stehen die Exilsituation des 'Dadasophen', die politischen Bedingungen seiner Lage sowie Hausmanns Exilerfahrungen. Nach den Umständen, die zur ungeplanten Emigration führten, werden die rastlosen Jahre der wiederholten Emigration und der Ausklang des Künstlerlebens beschrieben. Für Hausmanns künstlerische Entwicklung war der Dadaismus ebenso wichtig wie er für diesen. Dieser Tatsache, die für das Verständnis der Person Raoul Hausmann entscheidend ist, wird deshalb das Kapitel "Dadü Dada" gewidmet. Hausmanns Polemik spiegelt sich am aussagekräftigsten in seinen Manifesten wider. Die Idee vom 'neuen Menschen' beeinflusste ihn nicht nur künstlerisch und wissenschaftlich, sondern auch privat in seinen Partnerschaften. So kämpfte er für die Erweiterung der Sinneswahrnehmung, die er durch seine optophonetischen Entwürfe einleiten wollte. Seine Beschäftigungen mit den psychischen und physischen Aspekten des menschlichen visuellen Wahrnehmungsapparates bildeten die Grundlage für photographische Arbeiten sowohl praktischer als auch theoretischer Natur, die von starker Liebe zur Lichtbildkunst geprägt sind. Für Hausmann, den 'größten Tänzer aller Zeiten', war der Tanz nicht nur Ursprung aller Künste, sondern elementares Ausdrucksmittel seiner eigenen Persönlichkeit. Die giftige Kritik seiner Satiren am Regierungssystem, an Politikern und am "deutschen Spießer" führte zur Aufnahme seines Namens in die Liste der "entarteten" Künstler durch die Nationalsozialisten und zur Verbrennung seiner Arbeiten.
Wilhelm Kuehs
Dieses Portrait beschäftigt sich mit der Schriftstellerin und Übersetzerin Hermynia Zur Mühlen. Vor allem ihre Texte, die sich mit den Mechanismen des Nationalsozialismus und mit Fremdheits- und Exilerfahrung auseinandersetzen, werden hier behandelt. Hermynia Zur Mühlen war in der Zwischenkriegszeit eine der bekanntesten und politisch exponiertesten deutschen Autorinnen. Im Zuge des Exils geriet sie in Vergessenheit und wurde bis heute trotz Neuausgaben einiger ihrer wichtigeren Texte nicht wirklich wiederentdeckt.
Wilhelm Kuehs
Diese Vorlesung stellt den österreichischen Schriftsteller (1902-1995) Albert Drach vor. Drach flüchtete 1938 über Jugoslawien nach Frankreich, wo er mehrmals interniert wurde und der Deportation aus dem Lager Drancy nur knapp entkam. Schon vor dem Krieg hatte er mit dem Stück "Das Satansspiel vom göttlichen Marquis" Aufsehen erregt und Anerkennung erhalten, ohne es veröffentlicht zu haben. Aber erst 1965 fand er für seinen Roman "Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" einen Verlag. 1988 erhielt er den Georg Büchner Preis. Er starb 1995 in Wien.
Konstantin Kaiser
Die Vorlesung beschäftigt sich mit einigen literarischen und politischen Aktivitäten Erich Frieds im britischen Exil. 1943 erschien in London eine Anthologie "Mut. Gedichte junger Österreicher" unter der Verlagsbezeichnung "Verlag Jugend voran". Nur wenige der jungen Flüchtlinge, die in dieser Anthologie zum Teil erstmals ihre Gedichte veröffentlicht haben, sind in der literarischen Öffentlichkeit späterhin bekannt geworden: Arthur Rosenthal vielleicht, den wir als Arthur West kennen; "Oliva", Eva Priester, hervorgetreten als Verfasserin einer "Kurzen Geschichte Österreichs" in zwei Bänden; Heinz Karpeles, der unter dem Namen Heinrich Carwin einige aufführenswerte Stücke verfasst hat; Willy Verkauf, der unter dem Pseudonym André Verlon als Collagekünstler internationales Ansehen errang, und 'natürlich' Erich Fried. Er, Hilfsbibliothekar im Londoner "Austrian Centre", war es vermutlich auch, der die Anthologie "Mut" zusammenstellte. Die Vorlesung erzählt auch von Erich Frieds Freundschaft mit dem Lyriker Hans Schmeier, der tragischerweise Selbstmord beging. Darüber hinaus gibt es Informationen über die politischen Auffassungsunterschiede im britischen Exil.
Anil Bhatti
Willy Haas (1891-1973) war ein "hommes de lettres", wie ihn Anil Bhatti in diesem Porträt sehr treffend bezeichnet. Haas hinterließ ein sehr facettenreiches literarisches Werk. Er war sowohl Literaturkritiker und beschäftigte sich unter anderem Franz Kafka und Franz Werfel, mit denen er auch befreundet war,als auch einer der ersten advantgardistischen Filmkritiker und Drehbuchautoren. Von 1925 bis 1932 editierte er eine der angesehensten literarischen Zeitschriften Europas: "Die Literarische Welt". Er galt als einer der ersten der Feuilletonisten der deutschsprachigen Welt. Von Prag ging er zuerst nach Berlin, das er aber 1939 verlassen musste. Der Weg seines Exils führte ihn über Prag und Frankreich nach Bombay. 1947 übersiedelte er als Angehöriger der britischen Armee nach London. 1948 kam Willy Haas schließlich nach Hamburg, wo er 1973 verstarb.
Rose Ausländer (1901-1988) gehört – gemeinsam mit Else Lasker–Schüler, Gertrud Kolmar und Nelly Sachs – in die Reihe der großen deutsch-jüdischen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Peter Rychlo beschreibt die verschiedenen Aspekte ihres Lebens und Werkes, Evelyn Adunka zeichnet Rose Ausländers Zeit in Wien nach. Bruni E. Blum deutet die Auswirkungen der Exil- und Ausgrenzungserfahrungen als grundlegende Momente ihrer Dichtung und zeigt – im Vergleich mit der zeitgenössischen Malerei – das Verhältnis zur Exilserfahrung zwischen Verlust und Sinnstiftung als Poetik des Exils. Rose Ausländers Heimat war die multikulturelle und vielsprachige Stadt Czernowitz in der Bukowina, dem einstigen Kronland der österreichischen Monarchie. Czernowitz fühlte sich Rose Ausländer ihr Leben lang verbunden. Viele Jahre verbrachte sie in den USA, vor allem in New York, kehrte aber immer wieder in ihre Geburtsstadt zurück, wo sie auch die schrecklichen Jahre der Verfolgung im Ghetto überlebt hatte. Nach einem Jahr in Wien ließ sie sich 1965/67 in Düsseldorf nieder, wo sie – seit 1972 pflegebedürftig – im Nelly-Sachs-Haus bis 1988 lebte. Nach den Wanderjahren ihres unruhigen Lebens fand sie ihre Heimat in der deutschen Sprache, im „Mutterland Wort“. In rascher Folge erschienen in den 1970er und 1980er Jahren ihre Gedichte, in denen sie spätromantische Bildstrukturen mit moderner poetischer Technik verband. Heute zählt Rose Ausländer zu den populärsten Lyrikerinnen der deutschen Sprache.