Exil Exil Überblicke
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Titel: Woman at a Window
1956 coll. Tel Aviv Museum of art. Mit freundlicher Genehmigung von Yosl Bergner, Tel Aviv.
MalerIn/FotografIn: Yosl Bergner
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Die ÜBERBLICKE beschäftigen sich in insgesamt 17 Modulen mit den wichtigsten Voraussetzungen, Erscheinungsweisen und Problemen des Exils. Am Ende von Kapiteln oder Textabschnitten werden multimediale Materialien (Fotos, Töne, Videos, Externe Links, Textausschnitte) angeboten. Jede Einheit enthält einen ANHANG, in dem die bibliographischen Materialien versammelt sind und eine Printversion der Vorlesung angeboten wird.
Exiltheater ist ohne die Frage nach den Zusammenhängen zwischen Kunst und Gesellschaft, Theater und Politik nicht fassbar. Exil bedeutet auch, dass eine Verschiebung vom Großen hin zum Kleinen stattfindet: Langfristig geplante, professionell gemachte Aufführungen in einem großen Haus mit fixem Ensemble und einem Riesenaufwand an Technik sind unter den Bedingungen des Exils kaum zu bewerkstelligen, andere Formen wie Leseaufführungen, Kabarett, Lesungen treten in den Vordergrund; auch dem Lagertheater ist ein gebührender Platz einzuräumen. Die Darstellung spannt einen weiten Bogen von der Skizze der Bedingungen für Theaterschaffende um 1938/39 in Österreich bis zur Charakterisierung wichtiger Theater-Initiativen in Europa, insbesondere in Großbritannien, in Asien und in den USA. Die Leistungen von vielen Regisseuren, Schauspieler/inne/n, Ensembles und Theaterdirektoren wird dargestellt.
Zu Beginn des Beitrags wird die Exilsituation in Australien skizziert. Auf die Darstellung der Exiltheater und -kabaretts im gesellschaftlichen Kräftefeld und die Problematisierung des Attributs 'österreichisch' im Kontext mit dem australischen Exiltheater folgt ein Überblick über dessen langjährige Geschichte. Dieser gliedert sich in drei Teile und beschreibt, wie die Emigrant/inn/en durch die Aufführung von Theater- und Kabarettstücken ihre gesellschaftliche Position zwischen den Kulturen reflektierten und aktiv gestalteten. Während zu Beginn die Erinnerung an die Wiener Vergangenheit dominierte, brachten die fünfziger Jahre eine Hochblüte des deutschsprachigen Exiltheaters in Australien hervor. Die Spielplangestaltung richtete sich teilweise immer noch an Wiener Bühnen aus, inhaltliche Brüche verweisen jedoch bereits auf die letzte Periode im Theater, die zur (teilweisen) Beheimatung des Exiltheaters innerhalb der jüdischen bzw. deutschsprachigen Minderheit in Australien führten. Der vorliegende Beitrag nimmt auf die Ergebnisse der Dissertation von Birgit Lang (Lang 2001) Bezug. Verweise sind nicht dezidiert ausgewiesen.
Die Germanistik der USA und Kanadas war seit den 1960er Jahren nicht unwesentlich von NS-Vertriebenen geprägt - was bei US-amerikanischen Fachkollegen auch zuweilen auf Argwohn und Ablehnung stieß. In der Tat erwiesen sich insbesondere aus Österreich geflüchtete Emigranten der zweiten Generation, d.h. jene, die als Kinder oder Jugendliche vertrieben wurden und erst im Aufnahmeland eine Berufswahl zu treffen hatten, in der Vermittlung von deutschsprachiger Literatur als außergewöhnlich aktiv, engagiert und überregional wirksam - und das im Fach Germanistik, das schon während der 1920er Jahre an den Universitäten Deutschlands und Österreichs tatkräftig an der ideellen Nährung deutschnationaler und nationalsozialistischer Kulturideologie mitgewirkt hatte. Der Beitrag versucht - ausgehend von insgesamt neun lebensgeschichtlichen Interviews - zu umreißen, unter welchen Bedingungen die Wiener Jugendlichen flüchten mussten, was sie an deutschsprachiger Literatur (und an Liebe zu ihr) 'mitnahmen', was sie bewegte, durch ihre Beschäftigung mit (vor allem österreichischer) Literatur den ideellen Bodensatz der Täterkulturen Deutschland und Österreich in der fremden Heimat neu zu bestellen und dergestalt zu Mittlern zu werden - und worin sie den Sinn von Germanistik und der Auseinandersetzung mit Literatur sehen.
Gilt die biographisch-literarische Geographie des Exils mittlerweile als gut vermessen, so zählen Arbeiten, die sich mit der Exilerfahrung im Kontext der ästhetischen Traditionen beschäftigen, noch immer zu den Desiderata der literaturwissenschaftlichen Forschung. Die Frage nach den poetischen und poetologischen Folgen der Exilerfahrung wurde noch nicht ausreichend gestellt. Das besondere Verhältnis der Exilant/inn/en zur deutschen Sprache und zur Sprache überhaupt steht zur Diskussion. Exil als literarhistorische und ästhetische Kategorie ist nach wie vor am Rande des literaturwissenschaftlichen Diskurses angesiedelt. Neben "bedeutsamen" Leistungen sei die Exil-Produktion, so ein oft erhobener Einwand, durch eine Tendenz zur "ästhetischen Desintegration" mitgeprägt und seien zu wenig innovative "Ausdrucksformen" festzustellen. Die Folge davon wäre, dass es wenig fruchtbare Debatten über Formfragen und vermeintliche Absagen des Exils an die Moderne gäbe.
Es werden grundsätzliche Fragen zum Thema Exilliteratur behandelt. Denn es geht hauptsächlich um jene geschichtlichen Bedingungen, die zur Flucht und zur Vertreibung ins Exil führten. Daraus ergibt sich auch die Frage nach der Dauer des Exils: Endet das Exil mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Krieges oder dauert es fort - etwa bis heute? Der unterschiedliche Verlauf des Exils wird beispielhaft u. a. bei Robert Musil, Ruth Klüger und Hermann Broch angedeutet.
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