Die Leopoldstadt (im 17. Jahrhundert „Am unteren Werd“ genannt) selbst war zu der Zeit, als Theodor Kramer dorthin gelangte, ein sehr inhomogener Stadtteil: Einerseits bürgerliche Wohnbauten zum Donaukanal hin und um den Augarten, mit größeren Wohnungen, die prachtvolle Praterstraße, mit ihren Palais und schönen Bauten, mit Kaffehäusern. An ein vornehmes Viertel erinnert sich Arthur Schnitzler in bezug auf die 1860er Jahre. Andererseits: Hinter den Prachtbauten trübsinnige Ghettoatmosphäre; Massenquartier-Bauboom um die Jahrhundertwende (1900), trostlose Hinterhöfe, zehn Parteien auf einem Stock, maximal Zimmer-Küche-Kabinett mit Bassena (Stockbrunnen am Hausgang für mehrere Parteien). Wien war (nach heutigem Gebietsstand) von einer 550.000 Einwohner zählenden Stadt bis 1910 auf 2 Mill. Einwohner gewachsen.
In die Leopoldstadt kamen im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jüdische Einwanderer aus Mähren, Böhmen und Ungarn. Die Zuwanderung aus Galizien und der Bukowina setzte im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein. Ein nächster Flüchtlingsstrom aus den umkämpften Gebieten im Osten des Reiches erreichte Wien während des Ersten Weltkrieges. Von 38.772 Flüchtlingen waren 34.223 Juden, unter ihnen viele religiös orthodoxe und zugleich verarmte Menschen. Die am Nordbahnhof Ankommenden hielten sich oft zunächst im Prater auf, wo sie sich mit einfachen Beschäftigungen durchzubringen suchten. Obdachlosigkeit war für Zuwanderer eine bedrohliche Angelegenheit: Sie konnten in ihre zuständige Heimatgemeinde abgeschoben werden. Ein Vergleich: Von der zweitgrößten Einwanderungsgruppe in Wien, den Tschechen, lebten um 1900-1910 nur 5-6.000 in der Leopoldstadt.
Neben den gründerzeitlichen Bauten entstand, bereits 1899 beim Bau des Winterhafens, ein Slum aus Erdhütten, die abgerissen wurden und durch von der Behörde errichtete Wohnbaracken ersetzt wurden. Aber im Auwald und über der Donau in Kagran entstanden neue Erd- und Bretterhütten. Die Leopoldstadt und die angrenzende Brigittenau waren Bezirke der Armen. Die israelitische Kultusgemeinde gibt für den Zeitraum von 1896-1914 an, dass 41 % der ausgezahlten Armengelder an die in der Leopoldstadt wohnenden Juden ausbezahlt wurden. Es gab natürlich auch die Seite der eleganten und weniger eleganten Kaffehäuser: die Cafés Fetzer, Produktenbörse, Rembrandt, Artistencafé, Stierböck … Die Cafés waren Wärm- und Lesestuben für die Leute, die in elenden Quartieren hausten, waren Wohnzimmer, wo man beim Tarockieren (Kartenspiel für vier Beteiligte) den Alltag für ein paar Stunden vergaß. Und selbstverständlich Informationszentren und Geschäftslokal.
Um 1919 lebten 60.000 Juden im II. Bezirk, fast die Hälfte der Leopoldstädter Bevölkerung, der damit der größte jüdische Wohnbezirk Wiens war. Trotzdem ist es falsch, die Leopoldstadt als „Ghetto“ zu bezeichnen. Sie wurde nie ausschließlich von Juden bewohnt, und die, die hier ihren Aufenthalt nahmen, wurden durch soziale Schranken (Armut, Mittellosigkeit) von einem Wegzug abgehalten und nicht durch eine nicht mehr existierende besondere Judengesetzgebung.
Das heißt nicht, dass ganz offene Pogromaufrufe nicht auch zum Alltag gehörten. Tätig war der „Deutschösterreichische Schutzverein Antisemitenbund“, der in seinen Kundgebungen dazu ermunterte, offen auf die jüdische Bevölkerung loszuschlagen. Trotz Optionsrecht für die Republik Deutsch-Österreich gab der sozialdemokratische Landeshauptmann von Niederösterreich, Albert Sever, die Trennung von Wien und NÖ war noch nicht vollzogen ? 1919 dem Druck der rabiaten deutschnationalen Stimmung durch den Erlass, illegale Flüchtlinge in ihre Heimatgemeinden (die nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie nun im Ausland lagen) abzuschieben, was in der Praxis nicht durchzuführen war. Der Erlass richtete sich tendenziell gegen die nach Wien geflüchteten Ostjuden aus Polen und der Sowjetunion, aber signalisierte auch den politischen Flüchtlingen aus Ungarn (nach der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik) ihre bloßes Geduldetsein. Um Aufhetzung der nichtjüdischen, ebenfalls armen Bevölkerung gegen ihre Nachbarn und Provokationen waren Völkische eifrig bemüht. 1925, bei einer Kundgebung von Sozialisten und Kommunisten gegen solche Agitationen, erstach ein polizeibekannter Gewalttäter, der sich unter die Demonstranten gemischt hatte, den Deutschnationalen Josef Mohapl. Die Tragödie wurde in rechtsstehenden Zeitungen als „Christenpogrom in der Leopoldstadt“ skandalisiert.
In dem Zyklus „Die Pest“ (1925) bezieht sich Theodor Kramer auf die Traditionen des christlichen Antisemitismus mit seinen Legenden von Hostienschändungen und den damit gerechtfertigten Pogromen. (Allerdings blieben, im Gegensatz zu ihren Glaubensbrüdern in deutschen Ländern, die Wiener Juden vor Austreibung und schlimmeren Folgen in den Jahren der Pestseuche 1348/49 verschont. Albrecht II., der „Judenknecht“, unterband dies mit Waffengewalt. Seine Beweggründe waren finanzieller Natur, brachte ihm doch die jüdische Gemeinde einen Sondersteuern ein. In den Wiener Sagenbüchern kann man nachlesen, welche Sündenbockfunktion die jüdischen Bevölkerung erfüllte.)
Theodor Kramer verwendet „Pest“ im übertragenen Sinn, symbolisch. Die Pest, eine den Zeitgenossen unbekannte, neue Seuche, die ihre Ursache und Verbreitung in den unhygienischen Lebensumständen der spätmittelalterlichen Städte fand, wird zur Metapher für christlichen Aberglauben und für politisch bewusst eingesetzte Preisgabe der Juden. Doch Kramer knüpft vielmehr an die legendäre dionysische Figur des Spielmanns Augustin an – der keine Angst vor der Pest kannte, weiter trank, bis kein Heller mehr da war, sang „Oh Du lieber Augustin, alles ist hin“ und schlimmste Zeiten unbeschadet überlebt. Zugleich eine wollüstige Zeit, „Tilgerin von Standesgrenzen“:
„Von fernher knattert grau die Synagoge, in der die Judenschar sich selbst verbrennt. […] Jach tanzen zu des Todes rostiger Hippe Graf, Kardinal, Vagant und Lanzenknecht, zerbrechen ohne Messe, nur Gerippe, das Mosaik aus abgestuftem Recht. […] Verbannte kommen aus den stummen Forsten, zu stetem Werk und Friedlichkeit bereit.“
Und die Schlusszeilen lauten dann:
Im eigenen Reichtum schlicht und unvermittelt steht groß der neue Mensch vor seinem Gott. (Th. Kramer: Die Pest. Zitiert nach: Gesammelte Gedichte 2, 30 f.)