Kabaretts: 1. Politisches Kabarett (18.12. 1926 – Februar/März 1933) 2. Blaue Blusen/Rote Spieler (1932/33) 3. Jüdisch-Politisches Cabaret (1927-1938) 4. Der liebe Augustin (7.11. 1931-9.3. 1938) 5. Die Stachelbeere (1933 bis Nov. 1935) 6. Die Seeschlange (28.1.-11.2. 1934) 7. Literatur am Naschmarkt (30.11. 1933-12.3. 1938) 8. ABC (März 1934-13.3. 1938) 9. „Wiener Werkel“ (20.1. 1939-1944)
Politisches Kabarett (18.12.1926 – Februar/März 1933)
Sozialdemokratische Studenten, Mittelschüler und Arbeiterjugendliche gründeten 1926 die „Sozialistische Veranstaltungsgruppe“, die ursprünglich einer innerparteilichen linken Opposition gegen die Parteiführung Ausdruck geben sollte. Einer der führenden Mitstreiter war der später berühmt gewordene Sozialwissenschaftler Paul Lazarsfeld. Nach der gelungenen Eröffnungsvorstellung (später als „Urkabarett“ bezeichnet) vom 18.12. 1926 wurde das „Politische Kabarett“ zu einem schlagkräftigen Werbemittel, das in das Programm der sozialdemokratischen „Kunststelle“ aufgenommen wurde. In 13 Programmen wurden die österreichischen Konservativen und ihre Praktiken an den Pranger gestellt.
Blaue Blusen/Rote Spieler (1932/33)
Mit satirischen Liedern und Rezitationen warben auch „Blaue Blusen“-Gruppen (blaue Blusen waren die Uniform der Sozialistischen Arbeiterjugend) für die Sozialdemokratische Partei. 1932 wurden verschiedene Arbeiter- und Bauerntheatergruppen zu den „Roten Spielern“ zusammengeschlossen (Leitung Edmund Reismann). Die „Blauen Blusen“ wurden ebenfalls zu ständigen Spielgruppen unter diesem Namen ausgebaut. Die Zeitschrift „Die politische Bühne“ (herausgegeben von der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe Wien, Redaktion: Robert Ehrenzweig) galt von da an als offizielles Organ der „Roten Spieler“. Acht Gruppen spielten in vierzig Orten in der Umgebung von Wien. Zum Einsatz kamen auch Werke von Erich Mühsam, Bert Brecht, Erich Kästner, Jura Soyfer, Ernst Toller.
vgl. Konstantin Kaiser: Die Karrieren des Kleinen Mannes kleinbuerger.pdf
Jüdisch-Politisches Cabaret (1927-1938)
1927 wurde von Oscar Teller, Victor Schlesinger und Fritz Stöckler das „Jüdisch-Politische Cabaret“ im Saal des Porrhauses in der Treitlstraße gegründet. Unter dem Pseudonym „Victor Berossi“ verfassten die Gründer neben Benno Weiser auch die meisten Texte, die sich fast ausschließlich an jüdisches Publikum wendeten. Programme bis 1938 waren: „Juden hinaus!“, „Rassisches und Klassisches“, „Ho-Ruck nach Palästina!“, „Sorgen von morgen“. Nach der Annexion Österreichs gründete Teller in New York das „Jüdisch-Politische Cabaret Die Arche“. Schauspieler: u.a. Leopold Dickstein, Otto Presser, Kurt Riegelhaupt, Rosi Safier.
Der liebe Augustin (7.11. 1931 – 9.3. 1938)
Die „älteste Kleinkunstbühne Wiens“ (spätere Eigenwerbung) wurde von der Schauspielerin Stella Kadmon zusammen mit dem Autor Peter Hammerschlag, dem Zeichner Alex Szekely und dem Musiker Fritz Spielmann (ab 1932 Franz Eugen Klein) im Keller des Café Prückl eröffnet. Die Anfänge waren durch Werner Fincks Berliner „Katakombe“ inspiriert, ab Herbst 1934 setzte man sich deutlicher mit den politischen Umständen auseinander, die Improvisation wurde zugunsten szenischer Formen zurückgedrängt. Als Regisseure wirkten in insgesamt 35 Programmen u. a.: Leo Askenasy, Herbert Berghof, Fritz Eckhardt, Peter Ihle, Hermann Kner, Tom Kraa, Lilli Lohrer, Martin Magner, Aurel Nowotny, Ernst Pröckl, Ernst Rohner. Bis 1934 prägte der „Hausdichter“ Peter Hammerschlag, der auch als „Blitzparodist“, Conférencier und Schauspieler auftrat, das Bild. Mit den Autoren Gerhart Hermann Mostar (ab 1935) und Hugo F. Koenigsgarten (ab 1934) und unter dem Einfluss des Kabaretts „Literatur am Naschmarkt“ rückte der „Liebe Augustin“ in größere Theaternahe, brachte Einakter und Mittelstücke beider Autoren.
Siglinde Bolbecher: Zur zeitgenössischen Peter-Hammerschlag-Rezeption hammerschlagrezeption.pdf
Konstantin Kaiser: Die Karrieren des Kleinen Mannes kleinbuerger.pdf
Die Stachelbeere
Im Sommer 1933 startete Rudolf Spitz im Café Döblingerhof das Kabarett „Die Stachelbeere“. Für die Texte sorgten neben Spitz Hans Weigel, Fritz Brainin, der arbeitslose Buchdrucker Josef Pechacek, der seine Songs und Arbeiterlieder selbst vortrug, sowie das parodistische Talent Hans Horwitz. Spielorte: Café Döblingerhof, Café Colonnaden.
Die Seeschlange
Vor den Aufführungen der „Stachelbeere“ fanden im Café Colonnaden freitags, samstags und sonntags einige wenige Vorstellungen des Wochenend-Kabaretts „Die Seeschlange“ statt (vom 28. Jänner bis 11. Februar 1934). Zu den Autor/inn/en zählten: Greta Hartwig, Jura Soyfer, Hans Weigel.
Literatur am Naschmarkt (30.11. 1933-12.3. 1938)
Spielort: Café Dobner; in den Sommern 1934, 1936, 1937 ging das Ensemble auf Tournee durch österreichische Ferienorte. „Weitgehend liberal, jedoch nicht mit zu großer Schlagseite nach links, pro-österreichisch, jedoch nicht für einen Diktaturkurs“, so lautete die politische Programmatik. Die Initiatoren erstrebten ein Mittelding zwischen Theater und Brettl. Der „Bund junger Autoren“ war Rechtsträger, administrativer Direktor war der Journalist F. W. Stein (wahrscheinlich Winterstein) aus Budapest. Autoren: Eröffnet wurde mit Texten von Rudolf Weys und Harald Peter Gutherz. Für das fünfte Programm schrieb Weys das erste eigenständige Mittelstück („A.E.I.O.U. oder Wenn Österreich den Krieg gewonnen hätte“), weitere Mittelstücke verfassten Hans Weigel „Marie oder Der Traum ein Film“), Lothar Metzl („Pimperloper“) und Jura Soyfer („Der Lechner Edi schaut ins Paradies“); weitere Autoren waren Peter Hammerschlag, Rudolf Spitz, Franz Paul, Kurt Nachmann. Regie führten u. a. Walter Engel (vom achten Programm an auch künstlerischer Leiter), Martin Magner, Hermann Kner. Bis zur letzten Vorstellung am 12. März 1938 wurden 22 Programme mit einer Laufzeit von zwei bis drei Monaten herausgebracht. Nach dem „Anschluss“ gründeten einige Mitglieder das „Wiener Werkel“. Schauspieler: u. a. Edith Berger, Herbert Berghof, Franz Böheim, Walter Engel, Leon Epp, Benno Feldmann, Hugo Gottschlich, Heidemarie Hatheyer, Grete Heger, Peter Ihle, Manfred Inger, Lisl Kinast, Robert Klein-Lörk, Hila Krahl, Paul Lindenberg, Carl Merz, Martin Miller, Adolf Müller-Reitzner, Kurt Nachmann, Elisabeth Neumann, Peter Preses, Trude Reinisch, Gertie Sitte, Rudolf Steinboeck, Lisl Valetti, Walter von Varndal, Gerda Waschinsky, Oskar Wegrostek, Traute Witt, Hans Wlasak.
vgl. Siglinde Bolbecher: Zur zeitgenössischen Peter-Hammerschlag-Rezeption hammerschlagrezeption.pdf
ABC (März 1934-13. März 1938) Spielorte: Café City; Café Arkaden (heute Café Votiv) Rudolf Beer, Ernst Hagen, Paul Retzer, Hans Sklenka, Erich Pohlmann, Franz Böheim, Oskar Wegrostek gründeten auf Vorschlag des Besitzers des Café City die Kleinkunstbühne „Brettl am Alsergrund“ und brachten Texte von Kurt Breuer und Hugo Wiener zur Aufführung. Im November übernahm der Gerichtsberichterstatter der Zeitung „Tag“, Hans Margulies, die künstlerische Leitung. Das Kabarett hieß nun „ABC“ (Alsergrund, Brettl, City) und gilt als das politisch schärfste in den 30er-Jahren. Juni 1935 übersiedelte es in die Räume des Kabaretts „Regenbogen“ im Café Arkaden und hieß nun eine Zeit lang „ABC im Regenbogen“. Regisseure waren Leo Askenasy, Fritz Eckhardt, Herbert Berghof und Rudolf Steinbeck, der als künstlerischer Leiter im Mai 1936 das Mittelstück „Weltuntergang“ von Jura Soyfer herausbrachte. Es folgten Soyfers Stücke „Astoria“, „Vineta“ und „Kolumbus“. Als Autoren arbeiteten: Fritz Eckhardt, Peter Hammerschlag, Gerhart Hermann Mostar, Hugo F. Koenigsgarten, Jura Soyfer, Hans Weigel.
vgl. Siglinde Bolbecher: Zur zeitgenössischen Peter-Hammerschlag-Rezeption hammerschlagrezeption.pdf
Das „Wiener Werkel“ (20.1. 1939-1944) Spielort: Schiefe Laterne (später: Moulin Rouge). Nach dem „Anschluss“ Österreichs mussten die kritischen Kleinkunstbühnen ihren Spielbetrieb beenden. Das illegale NSDAP-Mitglied Adolf Müller-Reitzner verstand es, dem Gaupropagandaamt die Idee eines „Ostmark-Kabaretts“ schmackhaft zu machen. Unter seiner Direktion konnten rassisch nicht verfolgte Mitglieder der „Literatur am Naschmarkt“ weiter auftreten. Inhaltlich wurde versucht, die Österreicher gegenüber den deutschen Okkupanten aufzuwerten. Dies geschah in Form der Gegenüberstellung von Wiener und preußischer Mentalität. Wobei das österreichische Gemüt in Gestalt des typischen Wiener Raunzers als Ventil einer zumeist eher harmlosen kritischen Meinungsäußerung diente. Trotzdem wurden einige Szenen mit Verbot belegt. Nach dem Tod von Müller-Reitzner führte seine Frau Christl Räntz das Kabarett bis zur allgemeinen Theatersperre 1944 weiter. Zu den Mitarbeitern zählten u. a. Rudolf Weys, Franz Paul (sie zeichneten auch für die „nichtarischen“ Autoren Fritz Eckhardt und Kurt Nachmann). Schauspieler: u. a. Hugo Gottschlich, Robert Horky, Wilhelm Hufnagl, Josef Meinrad, Ralf Ohlsen, Christl Räntz, Oskar Wegrostek.
Das Laterndl (seit 1939, London) 21. Juni 1939: Die Wiener Kleinkunstbühne „Das Laterndl“ (The Lantern) wird als österreichische Exilbühne des Austrian Centre gegründet, wo es seit Juli 1939 einen eigenen Theatersaal innehatte. Später übernahm der britische Pen-Club das Patronat über diese bekannteste Theatergruppe österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien. Ihre am 27. Juni 1939 uraufgeführte erste Produktion von selbst verfassten Szenen und Sketches, Pantomimen, Liedern und Parodien wurde etwa 60 Mal vor ungefähr 3.000 Personen aufgeführt. Die Kleinkunstbühne brachte zunächst selbst verfasste Stücke und Programme zur Aufführung, seit 1940 auch Stücke anderer Autoren, und zwar 1940 „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, „Vineta, die versunkene Stadt“ und „Der treueste Bürger Bagdads“ von Jura Soyfer, „Der unsterbliche Schwejk“ frei bearbeitet nach Jaroslav Hasek von Hugo Friedrich Koenigsgarten, Rudolf Spitz, Franz Bönsch und Albert Fuchs, „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill, „Der Talisman“ von Johann Nestroy (Reprise 1942), 1941 „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer, „Volpone“ von Stefan Zweig, „Wiener Miniaturen“ von Arthur Schnitzler, 1942 „Spiel im Schloss“ (Játék a kastélyban) von Ferenc Molnár und „Sturm im Wasserglas“ von Bruno Frank, 1943 „Mandragola“ (La mandragola) von Niccolò Machiavelli nach der englischen Bearbeitung von Ashley Dukes (deutsch von Rudolf Spitz), „Die tote Tante und andere Begebenheiten“ von Curt Goetz, „Die Bekehrung des Ferda Pistora“ (Obrácení Ferdy?e Pi?tory) von Frantisek Langer (deutsch von Rudolph Popper), „Im Goldregengässchen“ (Laburnum Grove) von John Boynton Priestley (deutsch von Richard Duschinsky), „Sendung Samaels“ von Arnold Zweig, „Thunder Rock“ von Robert Ardrey (deutsch von Rudolf Spitz), „Die Galgentoni. 3 Bilder aus dem Prager Nachtleben“ von Egon Erwin Kisch, „Rufen Sie Herrn Plim“ von Kurt Robitschek mit Musik von Misch(k)a Spoliansky, „Häuptling Abendwind“ von Johann Nestroy mit Musik von Jacques Offenbach und Zeitstrophen von Rudolf Spitz, „Die Schule der Steuerzahler“ von Louis Verneuil (deutsch von Rudolph Popper), „Die Vorlesung bei der Hausmeisterin“ von Alexander Bergen, 1944 „Professor Polezhayew“ von Leonid Nikolaevic Rahmanov (deutsch von Rudolf Spitz), „Der Puppenspieler“ von Arthur Schnitzler, „In Ewigkeit, Amen“ von Anton Wildgans, „Die Lügenbrücke“ von Raoul Auernheimer, „Doktor Stieglitz“ (Reprise 1945) von Armin Friedmann und Ludwig Nerz, „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, „Der G’wissenswurm“ von Ludwig Anzengruber, 1945 „Das Konzert“ von Hermann Bahr, „Die Bildschnitzer“ von Karl Schönherr, „Der Kammersänger“ von Frank Wedekind, „Der Heiratsantrag“ (Predlozenie) von Anton Pavlovic Cehov und „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr.