Exil Porträts 01.) Theodor Kramer (1897-1958)

Lebensphasen

In einem Dorf bin ich geboren ... - 1897 bis 1907

In einem Brief an Hilde Spiel schreibt Kramer (Guildford, 24.7. 1955):

„Vielleicht hab ich es leicht, weil schwer, gehabt. Auf dem Land geboren, aber Sohn des jüdischen Arztes. Dann lebte ich in der Stadt. Ich gehörte nie ganz dazu und nicht nur sah ich deshalb besser, sogar meine Empfindungen, ja meine Triebe waren heftiger. Und unbedingte Ehrlichkeit wurde mit gepredigt.“

Kramers Vater, der mit Hilfe eines Kredits sein Medizinstudium abgeschlossen hatte, musste die nächste freiwerdende Stelle als Sprengelarzt annehmen. So wurde er, mehr oder weniger zufällig, Landarzt im niederösterreichischen Dorf Niederhollabrunn, ca. 40 Kilometer nordwestlich von Wien im Weinviertel gelegen. (vgl. Lebenschronik) Niederhollabrunn hatte bei der Volkszählung von 1910 612 Einwohner. Max und Betty Kramer und ihre Söhne Richard und Theodor waren die einzige jüdische Familie im Dorf. Die Söhne erhielten kaum eine jüdisch-religiöse Erziehung.

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Titel: Kramer, Theodor - Familie vor dem "Doktorhaus"
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 9. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Titel: Kramer, Theodor: Geburtshaus
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 8. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Kramer, Theodor: Hohlweg
Mit der Ziehharmonika. Mit freundlicher Genehmigung von Harald Maria Höfinger
MalerIn/FotografIn: Höfinger, Harald Maria
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Titel: Kramer, Theodor: Niederhollabrunn, der Geburtsort
Quelle: Foto: Harald Maria Höfinger. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Harald Maria Höfinger
MalerIn/FotografIn: Harald Maria Höfinger

Der Vater, ein Mann von robuster Körperkraft, war im Dorf hoch angesehen. Gegen antisemitisches Gerede soll er sich mitunter brachial zur Wehr gesetzt haben. Dennoch waren die Kramers im Dorf Außenseiter, die an für die Dorfgemeinschaft wesentlichen Festen und Zeremonien nicht teilnahmen. In Theodor Kramers Werk findet sich kaum eine Hindeutung auf Freundschaften mit den anderen Kindern des Dorfes.

Der Vater wird als amusisch beschrieben, die Mutter dürfte eine Verehrerin der klassischen deutschen Dichtung, besonders aber Gotthold Ephraim Lessings und Heinrich Heines gewesen sein. Theodor Kramers Gedichte sind zunächst an die Mutter adressiert. Sie ist es, die seine ersten beiden Gedichte (1908) überhaupt aufschreibt, ihn zum Schreiben ermutigt und offenbar stolz auf die poetische Veranlagung des Sohnes ist. Die Figur des Vaters kehrt in vielen Gedichten wieder, die sich jedoch nicht an den Vater wenden, selbst wenn sie die ländlichen Verhältnisse aus der Erfahrung eines in seinem Beruf erprobten Landarztes schildern. Kramer hat auch späterhin die Sommerferien zumindest zum Teil bei den Eltern in Niederhollabrunn verbracht. Für seine ausgedehnten Wanderungen (bis 1931) bevorzugte er das ihm heimatliche Weinviertel.

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Titel: Kramer, Theodor in Wanderkleidung, 20er Jahre
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 19). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Theodor Kramer hatte zunächst Hausunterricht genossen, besuchte dann zwei Jahre die Volksschule in Niederhollabrunn und ein Jahr das Realgymnasium in Stockerau. Von 1907 bis 1914 lebte er als Schüler der Realschule in der Vereinsgasse in wechselnden Untermietquartieren in Wien-Leopoldstadt.

Wir lagen in Wolhynien im Morast …, 1915 bis 1918

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Titel: Kramer, Theodor: Wir lagen in Wolhynien im Morast (Titelblatt)
Buchumschlag des Paul Zsolnay Verlages. Quelle: MdZ. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
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Titel: Kramer als Soldat
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 15. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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… wir irrten einher unter altem Gewicht, 1919 bis 1926

Über diese Lebensperiode Kramers liegen nur wenige Zeugnisse vor. Es hat den Anschein, dass Kramer die Gedichte und Korrespondenzen aus dieser Zeit nicht aufgehoben oder sogar bewusst vernichtet hat. Was ihn in diesen „dämmernden Jahren nach dem Krieg“ bewegte, erschließt sich nur aus seinem eigenen Rückblick, der einen scharfen Bruch in poetologischer und weltanschaulicher Hinsicht um das Jahr 1926 vermuten lässt. In einem Brief an seinen alten Freund Paul Elbogen schreibt Kramer (Guildford, 12. Februar 1949):

„In allen Ländern Europas hat man wieder mit dem Surrealismus usw. begonnen, also kann es nicht nur eine Modeerscheinung sein, sondern muß tiefere Ursachen haben. Mir erscheint die Bewegung noch mehr eine Sackgasse zu sein als nach dem ersten Weltkrieg. Hingegen bin ich der Meinung, daß mit INNERLICHKEIT allein nichts getan ist, sondern daß auch die äußeren Lebensbedingungen geändert werden müssen, obwohl das Pendel ja immer nach der einen oder nach der anderen Seite weiter ausschwingt und es heute vielleicht an der Zeit ist, Innerlichkeit zu betonen, aber wohlgemerkt nur den Planern gegenüber und nicht etwa der Reaktion gegenüber, obwohl Sie dieses Wort sicherlich höchst ungern hören. Aber am 12. Februar kann ich es wohl gebrauchen.“

Die Weise, in der Kramer „äußere Lebensbedingungen“ und „Innerlichkeit“ einander gegenüberstellt, deutet auf ein durchgehendes Denkmotiv Kramers. So beginnt auch eine Besprechung von Rudolf Brunngrabers Roman „Karl und das 20. Jahrhundert“ mit den Worten:

„Von den beiden großen Romanthemen der Gegenwart, der Bestimmtheit des Individuums durch sein Unterbewußtsein und der Abhängigkeit des Einzelschicksals vom Wirtschaftsgeschehen, hat sich Rudold Brunngraber in seinem ersten Roman […] mit ungewöhnlicher Konsequenz an das letztere gemacht.“

Rezension in: Vossische Zeitung, 23.4. 1933 [!]

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Titel: Kramer, Theodor: Gedichte (Notizheft)
Beschreibung: Quelle: Nachlass Theodor Kramer. Mit freundlicher Genehmigung von Erwin Chvojka, Wien 2002.
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Kramer bewundert nun zwar die Konsequenz und die Anschaulichkeit, mit denen Brunngraber sein Unterfangen durchführt, doch wird darin auch einige Distanz spürbar. Die „beiden großen Romanthemen“, von denen Kramer spricht, sind in Wirklichkeit mehr Ausdruck eines Dilemmas denn neue Gebiete der künstlerischen Gestaltung. Das Individuum ist entweder wie in den psychologischen Romanen Stefan Zweigs durch ein ihm selbst verborgen bleibendes Innenleben bestimmt, das nur als dunkler Drang bewusst wird, und dessen Botschaft meist erst in der persönlichen Katastrophe erfahren wird, oder es ist schicksalhaft den Gesetzen einer Ökonomie, auf die es von vornherein keinen Einfluss hat, unterworfen. Das innere Leben des Individuums und sein äußeres Schicksal fallen schlechthin auseinander. In beiden Fällen fehlt die Kategorie der Persönlichkeit, die Einholung und Aufhebung der eigenen Voraussetzungen im tätigen Lebensprozess und die damit einhergehende Versöhnung des Gegensatzes von Innen und Außen. Ob sich die Gestaltung nun ausschließlich auf das Innenleben oder das äußere Leben konzentriert, die menschliche Persönlichkeit kann in diesem Entweder-Oder keine Rolle spielen. Umgekehrt entspringt solche Ausschließlichkeit nicht der Willkür literarischer Moden, sondern dem realen Bedeutungsverlust der Persönlichkeitsentwicklung im Leben der Menschen jener Epoche, die Kramer unbestimmt als 20. Jahrhundert bezeichnet.

Kramers 'klassische Periode', 1927 bis 1939 - Besonderheiten seines Exilschicksals

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Titel: Kramer, Theodor: Lyrik-Preis
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 20. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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kramermanus
Titel: Kramer, Theodor: Gedichte (Notizheft)
Beschreibung: Quelle: Nachlass Theodor Kramer. Mit freundlicher Genehmigung von Erwin Chvojka, Wien 2002.
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Titel: Kramer, Theodor (1932)
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 29. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Theodor Kramers Gedichtzyklus „Wien 1938“, entstanden in Wien in der Zeit von der Okkupation Österreichs durch Hitlerdeutschland bis zu einem „mißglückten Selbstmordversuch“ im August 1938 und fortgesetzt in Wolverhampton, London und Guildford in den Jahren 1942/43, legt ein an Eindringlichkeit schwer überbietbares Zeugnis ab von dem „Zustand der Macht- und Rechtlosigkeit“, von „dem an Entmenschung grenzenden Zustand der Angst“. Die Lyrik Theodor Kramers ist damit „das tönende Herz vieler ihrer Stimme, ihres Einspruchs, ihrer Menschenwürde Beraubter, unsäglich Bedrohter geworden“. (Viertel 1989, 246)

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Titel: Kramer, Theodor: Wohnadresse
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 48. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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„Die Wahrheit ist, man hat mir nichts getan“, „Wer läutet draußen vor der Tür?“, „Woher soll das Brot für heute kommen […]“, „Wien, Fronleichnam 1939“, „Ich bin froh, daß du schon tot bist, Vater“ – es sind Gedichte, hinter deren Prägungen der heute Schreibende nicht mehr zurückgehen kann.

Wien, Fronleichnam 1939

Wenige waren es, die Stellung nahmen unterm Himmel, um zur Stadt zu gehn; als sie singend ihres Weges kamen, blieben viele auf den Steigen stehn.

Schütter quoll der Weihrauch und die Reiser längs der Straße standen schier erlaubt; klagend sang der kleine Chor sich heiser und das Volk entblößte still das Haupt.

Manche kannten nur vom Hörensagen noch den Umgang; doch dem baren Haar tat es wohl, daß selbst in diesen Tagen irgendetwas manchen heilig war.

Und indessen sie dem Zug nachstarrten, salzigen Auges, Mannsvolk, Weib und Kind, schwenkten aus den Fenstern die Standarten alle das verbogne Kreuz im Wind.

Dass der Zyklus „Wien 1938“ zusammen mit dem 1943-45 in Guildford entstandenen Zyklus „Die grünen Kader“ 1946 in einem Band erschien, ist nicht Zufall, sondern ganz gewiss kompositorische Absicht des Dichters gewesen. Die Kunde vom Leid ist mit der Botschaft vom Widerstand durch das Motiv der Rache verbunden, der Erniedrigung folgt die Erhebung.

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Titel: Kramer, Theodor: Wien 1938/Die grünen Kader
Theodor Kramer: Wien 1938 - Die grünen Kader (Gedichte). Globus Verlag, Wien 1946
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Andre, die das Land so sehr nicht liebten

Andre, die das Land so sehr nicht liebten, warn von Anfang an gewillt zu gehn; ihnen – manche sind schon fort – ist besser, ich doch müßte mit dem eignen Messer meine Wurzeln aus der Erde drehn.

Keine Nacht hab ich seither geschlafen, und es ist mir mehr als weh zu Mut; viele Wochen sind seither verstrichen, alle Kraft ist längst aus mir gewichen und ich fühl, daß ich daran verblut.

Und doch müßt ich mich von hinnen heben, sei’s auch nur zu bleiben, was ich war. Nimmer kann ich, wo ich bin, gedeihen; draußen braucht ich wahrlich nicht zu schreien, denn mein leises Wort war immer wahr.

Seiner wär ich wie in alten Tagen sicher; schluchzend wider mich gewandt, hätt ich Tag und Nacht mich nur zu heißen, mich samt meinen Wurzeln auszureißen und zu setzen in ein andres Land.

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Titel: Kramer, Theodor Andre, die das Land so sehr nicht liebten
Quelle: Mit der Ziehharmonika 13, Nr. 3, November 1996. Nachlass Theodor Kramer. Mit freundlicher Genehmigung von Erwin Chvojka, Wien 2002.
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Theodor Kramer hat offenbar gezögert, das zur Ostmark gewordene Österreich zu verlassen. Doch für ihn, der nach den „Nürnberger Rassegesetzen“ ohnehin als „Jude“ galt (ungeachtet einer „arischen“, zum jüdischen Glauben übergetretenen Großmutter), bestand einige Veranlassung, eine rasche Flucht aus dem Machtbereich Hitlers zu erwägen. Dass er mit „sämtliche Schriften“ in der „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ der Reichsschrifttumskammer, Stand vom 31.12. 1938 angeführt war, ist ein Detail am Rande. Wichtiger scheinen verschiedene Schritte und Aktivitäten, durch die Theodor Kramer als eindeutiger Gegner des Nationalsozialismus identifizierbar wurde.

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Titel: Kramer, Theodor: Reisepass
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 45. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Titel: Kramer, Theodor: Manuskript: Wenn der Pfründner einmal Wein will (Wien 1927)
Quelle: Robert Musil-Institut für Literaturforschung der Universität Klagenfurt/Kärntner Literaturarchiv (Bestand Michael Guttenbrunner, Splitternachlaß Theodor Kramer)
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Titel: Kramer, Theodor: Manuskript ("Mittags musst der Armenvater")
Robert Musil-Institut für Literaturforschung der Universität Klagenfurt/Kärntner Literaturarchiv (Bestand Michael Guttenbrunner, Splitternachlaß Theodor Kramer)
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Theodor Kramer hatte 1933/34 in Wien dem Vorstand der „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“ angehört, der sich nach dem 30. Jänner 1933 (Machtantritt Hitlers) auch aus Deutschland nach Österreich geflüchtete Schriftsteller/innen anschlossen wie Oskar Maria Graf (der wie Theodor Kramer als Obmann-Stellvertreter fungierte) und Hermynia Zur Mühlen. (vgl. Exenberger 1984, 27-31) Fritz L. Brassloff, der von 1931-36 Konzipient in der Rechtsanwaltskanzlei des sozialdemokratischen Strafverteidigers Dr. Heinrich Steinitz (der als Schriftführer fungierte) war, berichtet:

„Steinitz […] spielte im Vorstand der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller und Journalisten eine aktive Rolle. [Anmerkung: Was den Vereinsnamen betrifft, irrt sich Brassloff. Der Zusatz „und Journalisten“ kam erst hinzu, als die Vereinigung, mit gewechseltem Personal, nach 1945 unter dem Vorsitz von Rudolf Brunngraber wieder ins Leben gerufen wurde. Viele Mitglieder der Vereinigung wurden in deutschen Konzentrationslagern ermordet: Heinrich Steinitz, Käthe Leichter, Else Feldmann, Adolf Unger, Benedikt Fantner, Walter Lindenbaum, Thekla Merwin.] […] Kramer war Obmann-Stellvertreter des Vereines; das war wohl nur eine ehrende Geste; außerdem waren nur wenige Mitglieder literarisch allgemein geschätzt. Die sehr loyale persönliche Sekretärin von Dr. Steinitz besorgte auch die administrativen Agenden.“

Brassloff 1985, 5

In der Vereinigung fanden sich Autor/inn/en von beträchtlichem literarischen Ansehen mit weniger bekannten „Arbeiterdichtern“ zusammen, führten gemeinsame Diskussionen und Lesungen durch. Einleitende Referate hielten Wieland Herzfelde, Emil Oprecht, Ernst Fischer, Oskar Maria Graf. Die „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“ stand in der kurzen Zeit ihres Bestehens (bis zu ihrer behördlichen Zwangsauflösung nach dem Februar 1934) im Zusammenhang mit den vielen Bemühungen in jener Zeit, um die in Deutschland ausgebrochene „Walpurgisnacht“ einen geistigen Cordon sanitaire zu ziehen. Johann Muschik, der den Zweiten Weltkrieg in Wien überlebte und dem Kramer vor seiner Ausreise nach Großbritannien einen großen Teil seiner Manuskripte und Korrespondenzen zur Aufbewahrung übergeben hat, berichet:

„In den Jahren 1933/1934 war Kramer, der früher kaum je eine politische Zeile geschrieben hatte, zum politischen Dichter geworden. Da man um seine Gesinnung wußte, wurde er kaum mehr gedruckt. In Privatwohnungen aber fanden nunmehr Vorlesungen statt. Kramer, der sein bester Interpret war, trug selbst vor. Er bot ein großartiges Bild, wenn er hinter dem Vorlesetisch saß: seine mächtige Erscheinung, sein bleiches Antlitz mit dem dunklen Haar. Er trug Bartkoteletten, und es gab Leute, die fanden, er sähe wie Franz Schubert aus. In kleinen Schlucken trank der Dichter gerne roten Sooßer Wein. Einmal las er auch in meinem damaligen Untermietzimmer.“

Muschik 1970, 9

Theodor Kramer war Mitglied des in Berlin ansässigen „Kartells lyrischer Autoren“ gewesen, das dem „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ (SDS) eingegliedert war. Als der SDS am 10. März 1933 vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda „gleichgeschaltet“ wurde (vgl. Martens 1975, 159), legte Theodor Kramer am 12. März „freiwillig unter Protest meine Mitgliedschaft beim Kartell lyrischer Autoren, Berlin, zurück.“ (Brief vom 24.02. 1938 an Richard A. Bermann in Wien, zit. nach Berthold, Eckert, Wende 1993)

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Titel: Kramer, Theodor
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 3, Innenseite). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Er blieb Mitglied des österreichischen SDS, der sich infolge der Ereignisse von der deutschen Mutterorganisation abgespalten hatte. Und als am 22. April 1933 in der ebenfalls bereits gleichgeschalteten „Literarischen Welt“, Berlin, Theodor Kramers Gedicht „Maifeuer“ erschien – in Gesellschaft anderer Beiträge österreichischer Schriftsteller, die als Begrüßungsadressen an das NS-Regime zusammenmontiert waren?, veröffentlichte Theodor Kramer am 6. Mai in der „Arbeiter-Zeitung“ (Wien) eine Protesterklärung gegen diesen Missbrauch seines Gedichts und erklärte, dass er alle seine Arbeiten aus Deutschland zurückziehe.

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Titel: Kramer-Abend, 1934
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 36. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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In den Augen der Nationalsozialisten noch belastender als diese frühen und unverblümten Distanzierungen müssen Theodor Kramers Kontakte zum Wiener Vizebürgermeister Ernst Karl Winter und dessen Kreis angesehen werden. In Winters Gsur-Verlag erschien 1936 Theodor Kramers umfangreichster Gedichtband „Mit der Ziehharmonika“. Die Autoren dieses Verlages konnten besonderer Aufmerksamkeit durch die Gestapo sicher sein – 1935 hatte der „Ständestaat“ dem Verlag die weitere Verbreitung von Hermynia Zur Mühlens Roman „Unsere Töchter, die Nazinen“ untersagt. Vorangegangen war eine Intervention des deutschen Gesandten in Wien, Franz von Papen. Der Verleger, E. K. Winter, war einer der prominentesten und bekanntesten Gegner des Nationalsozialismus in Österreich. Die Veröffentlichung eines Gedichtbandes Theodor Kramers in seinem Verlag steht politisch im Zusammenhang mit Winters Bemühungen, die durch den Bürgerkrieg vom Februar 1934 Entzweiten zu versöhnen, um eine gemeinsame Abwehrfront gegen den drohenden Nationalsozialismus zu bilden. Ohne Zweifel war sich Theodor Kramer der politischen Stellung und Intention Winters vollkommen bewusst. Krames Gedicht „Nach neunzehn Jahren“ (entstanden 1937) belegt es. (vgl. Exkurs: Gespräch mit Kurt Blaukopf)

„Wie durch ein Wunder“, schreibt Kurt Blaukopf über Theodor Kramer am 30. November 1938 aus Suresnes (Seine) an die „American Guild for German Cultural Freedom“, ist er bis jetzt der Verhaftung entgangen“, jedoch:

„Nach den jüngsten Ereignissen wird seine Lage in Wien unhaltbar. Seine jüdischen Freunde sind teils verarmt, teils ausgewandert, von allen anderen Leuten ist er unter den gegenwärtigen Bedingungen fast abgeschnitten. Seine Gesundheit ist durch zwei Übersiedlungen und üble Behandlung in einer SA-Kaserne stark mitgenommen. […] Schweizer Freunde haben sich nun entschlossen, ihn in den nächsten Tagen in die Schweiz zu bringen. Es hängt nur noch von seinem Gesundheitszustand ab, ob er den vorbereiteten Weg wirklich beschreiten kann.“

zit. nach Berthold, Eckert, Wende 1993, 341

Blaukopf bittet, Theodor Kramer im Schweizer Exil zu unterstützen, aber die Flucht in die Schweiz kommt nicht zustande. Am 4. Oktober 1938 hatte der Schweizer Bundesrat der Vereinbarung mit Deutschland über die Einführung des „Juden-Stempels“ zugestimmt und eine Visumspflicht für jüdische deutsche Staatsangehörige erlassen. Es ist möglich, dass Blaukopf bei der Abfassung seines Briefes diese neu eingetretenen Umstände noch nicht bekannt gewesen sind. Theodor Kramer gab aber noch nicht auf. Am 7. Jänner 1939 ersuchte er das Polizeidepartement in St. Gallen um einen „Grenzübertrittsschein“; er wolle am 16.1. um 10.45 Uhr in Buchs (der schweizerischen Grenzstation) ankommen. Das Ersuchen wurde abgewiesen mit der handschriftlichen Bemerkung: „Die Grenze ist seit Samstag für Emigranten jeder Art vollständig gesperrt.“ (vgl. Chvojka 1984, 57-80)

Über die Schweiz können Sie sich auch in unserem Vorlesungsüberblick „Exilland Schweiz“ informieren.

Zufällig hatte Heinrich Rothmund, der Leiter der Eidgenössischen Fremdenpolizei, der die Absperrung der Schweiz gegen unerwünschte Flüchtlinge mit Nachdruck betrieb, gerade am 6./7. Jänner 1939 die St. Gallener Behörden erneut unter Druck gesetzt, die Fluchtbewegung aus Österreich zu unterbinden. (vgl. Keller 1993, 235 f.) Möglicherweise hatten Kramer und seine Schweizer Freunde auf die Hilfe des St. Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger gesetzt, der Flüchtlinge unter Umgehung der in der Schweiz geltenden Bestimmungen ins Land ließ. Die Stellung Grüningers war aber in der Zeit, in der Theodor Kramer in die Schweiz einreisen wollte, bereits sehr prekär geworden. Am 31.3. 1939 wurde er vom Dienst suspendiert.

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Titel: Kramer, Theodor: Schweiz 1939
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 50.
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Theodor Kramer unternahm parallel dazu eine ganze Reihe anderer Versuche, das rettende Visum für ein Exilland zu erlangen. So beantragten er und Inge Kramer-Halberstam Visa für die USA, wo vor allem Inge Halberstam etliche Verwandte hatte. Allein an dieser letztlich erfolglosen Visumsangelegenheit sind eine Vielzahl von Personen beteiligt, und der Schriftwechsel, akribisch zusammengetragen, würde gewiss mehrere Aktenordner füllen.

Am 6. Februar 1939 verließ Inge Halberstam Wien mit einem britischen Dienstboten-Permit. Eine Mrs. Josephine Willcock in Albrighton bei Wolverhampton war bereit, sie als Hausgehilfin zu beschäftigen und unterzubringen. Inge Halberstam bemühte sich, in Großbritannien angekommen, nun auch für Theodor Kramer ein Dienstboten-Permit zu erwirken. Ihre Dienstgeberin wollte helfen. Doch am 23. März musste Theodor Kramer Ernst Waldinger (der in die USA emigriert war) melden, „daß sein vom [britischen] Home Office bewilligtes Permit vom britischen Konsulat in Wien ebenfalls abgelehnt worden sei, da er für den vorgesehenen Posten nicht geeignet erscheine.“

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Titel: Kramers Ehefrau Inge Halberstam
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 30). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Titel: Waldinger, Ernst
Quelle: Bolbecher, Siglinde/Kaiser, Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien: Deuticke, 2000, S. 665, DÖW 3589/2, Neg. 451. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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Wieder parallel dazu bemühte sich Theodor Kramer um eine Ausreise in die Republica Dominicana und schrieb am 9.5. 1939 an Ernst Waldinger um Empfehlungen. Es ginge um eine Stellung als Bibliothekar an der Universität von Ciudad de Trujillo (Santo Domingo). Der Vermittler dieser Möglichkeit war ein Cousin Kramers, der Chemiker Dr. Paul Bleier. Theodor Kramer sagt von sich: „Ich bin elend krank, arbeite 16 Stunden täglich, bin moralisch völlig ungebrochen, ganz allein.“ (Brief an E. Waldinger, Wien, 9.5. 1939, zit. nach: Berthold, Eckert, Wende 1993, 343 f.)

Theodor Kramer bereitete seine Emigration auch anderwärtig vor; darauf, dass er viele seiner Manuskripte verschiedenen Freunden zur Aufbewahrung übergab, wurde im Zusammenhang mit Johann Muschik bereits hingewiesen. Rose Spranger berichtet:

„Kramer hat mir einen größeren Betrag auf gut Glück vor meiner Ausreise in die Schweiz gegeben, den ich ihm in der unsicheren Zukunft! zurückgeben sollte. Und so geschah es. Nach ’46 oder ’47 hat er es (auf seinen Wunsch) in Raten zurückbekommen. Er muß Gründe dazu gehabt haben. Damals (in New York) waren wir bereits in der Lage, den ganzen Betrag zu retournieren […] Da ich sein Geld nicht aus Wien mitnehmen konnte (durfte!), aus Angst, erwischt zu werden, habe ich es für Kleidereinkäufe verwendet.“

Rose Spranger, Brief an die Zeitschrift "Mit der Ziehharmonika", Nr.1/1990, 12

Irm Sulzbacher zufolge hat Kramer bereits 1941 monatliche Überweisungen von „jener Geldsumme“ erhalten, „die er … vor seiner Emigration der Familie Prof. Spranger ins Ausland mitgegeben hat.“ (vgl. Sulzbacher 1984, 52 f.) Als entscheidender Strang in dem Gewirr von Bemühungen, ein Visum für Theodor Kramer zu beschaffen, muss der von Theodor Kramer schon seit 1936 über Peter de Mendelssohn, Thomas Mann und Richard A. Bermann angebahnte Kontakt zur „American Guild for German Cultural Freedom“ vermutet werden, wobei besonders Ernst Waldinger durch Vorsprachen bei Thomas Mann und bei der „American Guild“ in New York um den in Wien verbliebenen Freund bemüht war. Die „American Guild“ verschaffte Theodor Kramer zunächst ein amerikanisches Affidavit. Dieses wurde jedoch vom US-Konsulat in Wien in der vorgelegten Form nicht anerkannt. (vgl. Berthold, Eckert, Wende 1993, 341) Das Problem bestand bald nicht mehr darin, Theodor Kramer die Einreise in ein Land seiner Wahl, sondern darin, ihm die Einreise in irgendein Land und damit die Ausreise aus dem Deutschen Reich zu ermöglichen. So schrieb also am 27.4. 1939 Thomas Mann aus Princeton an das British Home Office und setzte sich für eine Einreise Theodor Kramers ein.

Es ist nicht geklärt, ob dies in Abstimmung mit der „American Guild“ geschah, was aufgrund der engen Zusammenarbeit der „American Guild“ mit Mann wahrscheinlich ist, oder nur aufgrund einer persönlichen Intervention Ernst Waldingers.

Und am 31.5. 1939 schrieb das englische P.E.N-Zentrum an das Home Office, dass es für die Zeit des Aufenthalts Theodor Kramers in Großbritannien eine Unterstützung aus dem „P.E.N. Refugees Writers Fund“ garantiere. (Diese Unterstützung betrug gewöhnlich 3 Pfund die Woche.) Schon Anfang Mai hatte das „Scholarship Committee der American Guild“ ein dreimonatiges Stipendium (monatlich 50 Dollar) für Theodor Kramer beschlossen, das an Inge Kramer-Halberstam in Großbritannien angewiesen wurde. (vgl. Berthold, Eckert, Wende 1993, 341) Am 2.5. 1939 hatte Arnold Zweig zu diesem Behufe für die „American Guild“ ein Gutachten über Theodor Kramer skizziert:

„Der Lyriker Theodor Kramer schien mir schon vor der Zerstörung des deutschen literarischen Lebens durch den Einbruch der Hitlerei eine der lebendigsten und wertvollsten Stimmen, die sich im Vers äußern. Seither hat er Gedichte veröffentlicht, die nach Einbruch eines neuen Zeitalters in einer Lyrik-Anthologie das Gesicht unserer Jahre würdig widerspiegeln werden.“

zit. nach Berthold, Eckert, Wende 1993, 343

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Titel: Kramer, Theodor - Brief des P.E.N.
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 53)
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Am 20. Juli 1939 konnte Theodor Kramer das Deutsche Reich endlich verlassen und kam am nächsten Tag in Dover an. Am gleichen Tag schrieb die „American Guild“ an das US-Generalkonsulat in London:

„Mr. Kramer has come to England under the auspices of our organization; a scholarship has been awarded to him in recognition of his literary merits.“

zit. nach Chvojka 1984, 238

Der Aufenthalt in Großbritannien galt den Beteiligten als Zwischenlösung. Am 31.7. 1939 schrieb Theodor Kramer aus London an die „American Guild“, er strebe nun eine Weiteremigration in die USA an. Seine Frau „ist noch etwa 14 Tage in Aushilfsstellung in Wendover“. (zit. nach Berthold, Eckert, Wende 1993, 345) In den USA hatten etliche Freunde und Verwandte Kramers, so Rose und Otto Spranger, Ernst Waldinger, Paul Elbogen, sein Bruder Richard, Asyl gefunden. Außerdem hatte Inge Halberstam ja Verwandte in den USA, nicht aber in Großbritannien. Fritz L. Brassloff berichtet:

„Ich war bereits im März 1938 aus guten Gründen in die Schweiz gekommen oder richtiger entkommen. Ich wanderte im August 1939 nach England weiter. Am Tag nach meiner Ankunft in London begab ich mich pflichtgemäß ins Büro des jüdischen Flüchtlingskomitees zur Registrierung. Im Warteraum war auch Theodor Kramer, der sich mir vorstellte, den ich aber bereits von der Vorlesung im Volksheim [Anmerkung: Brassloff hatte, wie er an anderer Stelle berichtet, vor 1934 eine Lesung TKs im Volksheim Ottakring besucht] kannte. Ich glaube nicht, daß ich davon überrascht war, daß er zumindest „rassisch“ Jude war. Vorher hatte mich seine Abkunft gleich jene vieler anderer nicht beschäftigt oder interessiert. Jetzt war es sozusagen normal geworden, daß sich herausstellte, daß Leute, die bisher gar nicht als Juden galten, zu der verfemt gewordenen Gruppe gehörten.“

„Kramer sagte mir mit einem gewissen Stolz, Eleanor und Herbert Farjeon [Anmerkung: Eleanor Farjeon (1881 – 1965), berühmt vor allem als Kinderbuchautorin, Verfasserin von über 100 Büchern und Theaterstücken. Einige Werke: „Jim at the Corner and Other Stories“ (1934), „The Children’s Bells“ (Gedichte, 1934; auch unter dem Titel: „Eleanor Farjeon’s Poems for Children“, 1951), „The Little Bookroom“ (Geschichten für Kinder, 1955)], zwei damals angesehene englische Schriftsteller, hätten ihm als Garanten die Einreise ermöglicht, die unter den Auspizien des PEN-Klubs stattfand.“

Brassloff 1985, 5

Eleanor Farjeon hat, so Erwin Chvojka, „nichts zur Ermöglichung der Einreise Kramers in England beigetragen. Sie konnte dies gar nicht tun […] Sie hat dann später wirkungsvoll in Kramers Leben eingegriffen, indem sie die treibende Kraft hinter den schließlich erfolgreichen Bemühungen, Kramer ab 1.1. 1943 eine Stelle als Bibliothekar in Guildford zu beschaffen, war.“ (Brief an Konstantin Kaiser, Wien, 11.3. 1995)

Kramer blieb zunächst in London, lebte von dem Stipendium der „American Guild“ und der Unterstützung des englischen P.E.N.-Clubs und betrieb seine Weiteremigration in die USA. Am 17. Oktober 1939 berichtete Theodor Kramer aus Wimborne (Dorset) Volkmar von Zühlsdorff (von der American Guild):

„Ich selbst hatte in London eine Vorlesung und schrieb eine Anzahl einschlägiger Gedichte. Knapp vor Kriegsausbruch erhielten meine Frau und ich eine Einladung und lernten eine schöne englische Landschaft kennen. Nach drei Wochen mußten wir fort … und sitzen nun in einem kleinen Landstädtchen fest. Meiner Einreise nach U.S.A. stellen sich Schwierigkeiten entgegen. […] Alle literarischen Dinge, die ich in Frankreich anbahnte, stocken nun. In England sind wir an unser Permit gebunden, das uns nur Arbeit im Haushalt gestattet; dieser Arbeitsmarkt hat sich hier ganz wesentlich verschlechtert. Wir hatten hier nur ganz vorübergehend Arbeit; ich selbst hatte steinigen Grund zu roden. […] Wir dürfen uns nur im Umkreis von fünf Meilen bewegen …“

zit. nach Berthold, Eckert, Wende 1993, 345

Theodor Kramer bat zugleich um eine „weitere Hilfe“ der „American Guild“, welche aber nicht möglich war. Möglicherweise verkehrte Theodor Kramer schon bald nach seiner Ankunft in dem am 17. März 1939 eröffneten Austrian Centre, mit dem auch Theodor Kramers alter Freund Joseph Kalmer (vor allem als Mitarbeiter der Zeitschrift „Zeitspiegel“) verbunden war. In der Zeit vor der Internierung könnte auch ein erstes Zusammentreffen mit Erich Fried stattgefunden haben. Erich Fried berichtet:

Über das „Austrian Centre“ können Sie sich in unserer gleichnamigen Überblicksvorlesung informieren.

„Der Kalmer ist auf mich aufmerksam geworden wegen meiner Gedichte, und er hat auch den Kramer gekannt. Und ich hab den Kramer durch meinen Deutschlehrer, den Otto Spranger, kennengelernt, der gesagt hat, ich muß den unbedingt kennenlernen und mich unter Umständen ein bißchen um ihn kümmern.“

Kaiser 1990, 81

In den zugänglichen Dokumenten und in der vorhandenen Sekundärliteratur klafft für die Zeit von Oktober 1939 bis Mai 1940 eine Lücke. Feststeht, dass Kramer vermutlich am 16. Mai 1940 als „enemy alien“ der Kategorie B interniert worden ist und zunächst ins Lager Huyton bei Liverpool kam. Ein Leidensgenosse Theodor Kramers, Gerhard Zadek, der sich allerdings an eine persönliche Bekanntschaft mit Kramer nicht erinnern kann, berichtet:

„‚Huyton‘ war eine Vorortsiedlung der großen Hafenstadt Liverpool an der Westküste Englands in der Grafschaft Lancashire. Man hatte dort einen ganzen Ortsteil neu erbauter ein- bis zweistöckiger Siedlungshäuser mit einem soliden Stacheldrahtzaun umgeben. Das ganze sah aus wie eine gerade verlassene Baustelle.“

Kaufmann, wie der Briefwechsel Theodor Kramers mit Gretl Oplatek erhellt, war ein gemeinsamer Bekannter Kramers und Zadeks aus dem Internment Camp. – Das Jugendkomitee organisierte Bildungsveranstaltungen und Theateraufführungen, so eine von Louis Fürnbergs „Böhmischer Passion“ im September 1940, ein Stück über den „Verrat“ von München. Von deutschen Luftangriffen blieb das Lager verschont, jedoch:

„Wenige Kilometer von unserem Lager weg brannte, splitterte es, schlugen die Flammen lichterloh in den schwarzen Nachthimmel. Von der Dachluke unseres Hauses bot sich ein Bild des Grauens. Gezielt zwar auf den Hafen, zerfetzten die Bomben ganze Wohnviertel.“

Wenige Wochen später, für Gerhard Zadek war es der 9. Oktober 1940, wurden die meisten Lagerinsassen über die Irische See auf die Isle of Man überführt. Man darf annehmen, dass auch Theodor Kramer im Oktober auf die Isle of Man kam und wie die anderen Internierten wusste, was am 2. Juli 1940 mit dem ohne jeden militärischen Geleitschutz von Liverpool nach Kanada in See gestochenen Passagierschiff „Arandora Star“ geschehen war. Aufgrund dieser Vorgeschichte war die Unruhe über die Verlegung auf die Isle of Man im Lager Huyton beträchtlich. <Alice und Gerhard Zadek: Mit dem letzten Zug nach England. Opposition. Exil. Heimkehr. Berlin 1992, S.194ff.> Sie spiegelt sich in den Lagergedichten Theodor Kramers wider. Im Jänner 1941 wurde er aus der Internierung entlassen. Inzwischen scheint ein Koffer Theodor Kramers mit Materialien beim Bombardement Londons durch die deutsche Luftwaffe verloren gegangen zu sein. (vgl. Brief an Michael Guttenbrunner, Guildford, 24.6. 1954) Fritz L. Brasloff berichtet:

„Das nächste Treffen mit Kramer und die erste Begegnung mit Inge Kramer fand 1941 in Birmingham statt. Ich arbeitete dort als Büroangestellter. Gemeinsam mit einigen anderen Mitgliedern der Austrian Labour Club-Gruppe fungierte ich als ‚Stützpunkt Birmingham‘ des ‚London Bureau of Austrian Socialists in Great Britain‘ und des Club. […] Zahlenmäßig waren wir eine kleine, bewußt exklusive Gruppe, bestehend aus Menschen, die entweder in der Sozialdemokratischen Partei oder bei den Revolutionären Sozialisten oder in der Gewerkschaftsbewegung aktiv gewesen waren. […] Etwa zehn oder zwölf in Birmingham und Umgebung lebende, zum Austrian Labour Club gehörende Emigranten kamen aber doch einige Jahre mehr oder weniger regelmäßig gesellschaftlich zu Sonntagsjausen bei mir zusammen. […] Wir sprachen über aktuelle Themen und auch über Zukunftsprojekte, meine erste Frau ‚lieferte‘ großzügig immer neue Ladungen belegter Brote zum Kaffee. Das Ehepaar Kramer gehörte zu dem Kreis. Es lebte damals in der nahegelegenen Industriestadt Wollverhampton. Kramer hatte keine Arbeit und wurde daher – was nicht ungewöhnlich war – von seiner Frau erhalten. Sie hatte verhältnismäßig schnell Kontakt zu Engländern gefunden, sie gehörte der Wolverhamptoner Sektion der ‚International Friendship League‘ an. An den politischen Unterhaltungen beteiligte sich Kramer kaum; er konzentrierte sich auf die Brote mit sichtlichem, ja kindlichem Vergnügen.“

Brassloff 1985, 5

Es fällt auf, dass Brassloff, der sich Theodor Kramer gegenüber immer sehr freundschaftlich und hilfreich verhalten hat, sich in der Berichterstattung über Kramer zu einer gewissen Herablassung verpflichtet fühlt. Im Hintergrund steht vielleicht die sozialdemokratische Sprachregelung, Kramer habe sich dem mit den Sozialdemokraten im Clinch liegenden Austrian Centre zugewandt um einer Nestwärme willen, die die Sozialdemokraten nicht bieten konnten, und weil man sich dort auch für seine Gedichte interessierte, also mehr aus einer persönlichen Schwäche heraus als aus politischen Gründen. Diese Sprachregelung erklärt bis zum heutigen Tag das, was das Problem der führenden Sozialdemokraten war (nämlich ihre persönliche Kälte und ihr literarisches Desinteresse) zu einem Problem Kramers.

Eigenartig am Bericht Brassloffs ist, dass er mit keinem Wort die vorangegangene Internierung Kramers erwähnt, die sich gewissermaßen vor seinen Augen abgespielt haben muss. Obwohl auch prominente Sozialisten wie der Philosoph Otto Neurath und der Journalist Alfred Magaziner von der Internierung betroffen waren, scheinen die führenden österreichischen Sozialisten in Großbritannien, durch ihre Kontakte zur Labour Party und offiziellen Stellen selbst vor der Internierung geschützt, von dem Problem der Internierungen wenig betroffen gewesen zu sein, wie sie überhaupt den Problemen der Massenemigration nur wenig Aufmerksamkeit schenkten. Dies dürfte für die Isolation der Sozialisten im britischen Exil entscheidend gewesen sein. Statt sich auf die in den Lagern geknüpften Kontakte stützen zu können, hatten sie sich vielmehr mit einem zumindest stummen Vorwurf der Internierten und ihrer Angehörigen auseinander zu setzen. So scheint es, dass sich für Theodor Kramers Entlassung aus der Internierung eher noch die das Austrian Centre tragende Association of Austrians eingesetzt hat als seine sozialdemokratischen Parteigenossen. (vgl. Lafitte 1988, 80)

In Francois Lafittes „The Internment of Aliens. New edition with an introduction by the author“ wird in dem Kapitel „Who was Interned, and How it was Done“ auf Seite 80 Kramer als „lyrical poet of outstanding quality“ angeführt; der Gewährsmann oder vielmehr die Gewährsfrau für die Angaben in diesem Kapitel ist aber Eva Kolmer, gewissermaßen die Generalsekretärin des kommunistisch beeinflussten Austrian Centre.

Die Lage, in der sich Theodor Kramer nach der Internierung in Wolverhampton befand, scheint wenig beneidenswert. Er ist arbeitslos, unterliegt der Meldepflicht und der Ausgangssperre und darf nur mit polizeilicher Genehmigung nach London reisen. Bei einem Verstoß gegen die ihm auferlegten Beschränkungen drohte die neuerliche Internierung. Als Kramer zu dem am 11. September 1941 in London stattfindenden P.E.N.-Kongress eingeladen wurde, ergriff er die Gelegenheit, in London zu bleiben. Joseph Kalmer unterstützte ihn, indem er ihm „parttime work“ verschaffte. (vgl. Brief an Gretl Oplatek, Wolverhampton, 26.10. 1942)

In dieser Zeit muss sich der intensivste Kontakt zu jungen österreichischen Exilierten entwickelt haben. Einer von ihnen, der Journalist und Schriftsteller Arthur West, meint, Theodor Kramer habe damals fast alle jungen Lyriker beeinflusst, ohne sich um ihre Produktion zu kümmern. Oft sei Theodor Kramer bei ihnen, bei West und seiner Frau Edith, eingeladen gewesen. Dass er 1941-43 wiederholt den Lieblingsgedanken geäußert habe, einen Gedichtband über „Suff und Fraß, Schlaf und Beischlaf“ zu schreiben, hätte befremdet. Absonderlichkeiten seien ihm jedoch wegen seiner Leistungen verziehen worden – Theodor Kramer stand für einen, der Österreich „gefunden“ hatte: „Er war schon das, was wir sein wollten.“ Für das Gros der jungen jüdischen Emigranten aus Wien habe Österreich außerhalb Wiens nur als Sommerfrische existiert, Theodor Kramer „war erste Berührung mit Landluft“, „war fast eine Umkehrung von Blut und Boden“. Bei Theodor Kramer wirke selbst in den „weinerlichen Gedichten“ ein „Stückchen Kraft“, er habe ein Österreich gezeigt, auf das man noch Vertrauen habe können. Kramer strahlte für West, könnte man sagen, die Robustheit eines unzerstörbaren „Unten“ aus. Man habe, in der Emigration, eine Assimilation an Österreich gesucht; und die meisten seien erstmals auf die Tatsache gestoßen, dass es nicht nur Bildungsbürgertum in Österreich gebe. „Sie kannten nur das Kaffeehaus, nicht das Wirtshaus.“ Auch er selbst, Arthur West, habe Gedichte in der Art Kramers geschrieben und publiziert. (vgl. Gespräch Konstantin Kaisers mit Arthur West in dessen Wohnung, Wien, 1.7. 1983)

Auch einige frühe Gedichte Erich Frieds sind in der Manier Theodor Kramers geschrieben.

Charakteristisch für die Rezeption der Lyrik Kramers durch andere österreichische Exilierte sind auch Hilde Spiels – freilich viel später geprägte – Worte über Theodor Kramer:

„Theodor Kramer, mein Freund und Gefährte im Exil, war einer der letzten wahren Volksdichter. Wenn etwas den dummen deutschen Mythos von der ‚artreinen‘ Bindung an ‚Blut und Boden‘ widerlegt, dann sind es seine wunderbaren Schilderungen der Natur, der Landschaft, der Bauern und Häusler, der Glasbläser und Winzer, der Lehrer und Schreiber, der Schnapsbrenner und Budenwirte, der Soldaten und der einfachen Leute allenthalben und überall. […] Der Sohn des jüdischen Dorfarztes fühlte sich schon in Wien nicht ganz daheim, in England wahrhaft verbannt und ausgesetzt. Wenn er, einer der größten deutschen Lyriker, in der Fremde schrieb ‚Ich preise die Scholle, die einst mich gebar‘, dann hatte er mehr Recht auf diese Scholle als jeder, der auf ihr verblieben und dem dummen deutschen Mythos erlegen war.“

Spiel 1983, 130

Die am 15.12. 1941 und am 14.1. 1942 entstandenen Gedichte „Der Austrian Youth“ und „Austrian Centre“ (vgl. Chvojka 1987, Bd. III, 544 f.) sprechen eine klare Sprache. An die Austrian Youth (die Jugendorganisation des Austrian Centre) gewandt, schrieb Kramer:

„Näher fühl ich euch mich als den andern, wend ich manchmal ein auch dies und das, kann ich auch nicht heben mehr und wandern, brauch ich auch von Zeit zu Zeit ein Glas.“

Der Kontakt zum Austrian Labour Club brach dennoch nie ganz ab. Fritz L. Brassloff berichtet:

„Wann das Ehepaar Kramer aus Wolverhampton nach London zog [Anmerkung: Hier irrt Brasloff. Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß „das Ehepaar Kramer nach London zog“. Kramer hielt sich ohne seine Frau in London auf], ist mir nicht erinnerlich, aber ich traf Kramer wiederholt, wenn ich zu Tagungen des Austrian Labour Club nach London kam. Er gehörte nicht zu den „auserwählten“ Teilnehmern und stand im Vorraum herum, offenbar wartend, um Bekannte zu treffen. Wir beide gingen regelmäßig in ein nahegelegenes Café zu einem Plausch. […] Er empfand es schmerzlich, daß „die Genossen“ sich zu ihm so gleichgültig benahmen. Wie er mir wiederholt sagte, werde er hingegen von den viel freundlicheren Angehörigen der „Konkurrenz“, dem Austrian Centre, häufig zu Kaffee und Kuchen eingeladen.“

Die Gründe dieser Gleichgültigkeit, von der schon die Rede war, sieht Brassloff – abgesehen von der Konzentration der Sozialisten auf die ‚reine Politik‘ – u. a. darin:

„[…] daß es in diesen Kreisen bekannt war, daß er in der Periode des Christlichen Ständestaates in zu diesem Regime gehörigen Publikationen veröffentlicht hatte. [Anmerkung: Dieser Vorwurf müßte wohl dahin ermäßigt werden, daß Kramer zwar in Österreich publiziert hat, nie aber in den Zeitschriften und Zeitungen, die als Organe der Regierung oder der Vaterländischen Front angesehen werden müssen.] […] sein literarisches Werk und seine Eigenart wurde in diesen Kreisen nicht geschätzt.“

Nun folgt in Brassloffs Bericht eine kleine Verwirrung des Zeitablaufs, indem er ein Ereignis, das ins Jahr 1943 fällt, zur Erklärung von Haltungen heranzieht, die er wahrscheinlich schon 1941 und 1942 beobachtet hat:

„Dazu kam ferner, daß er auch in der Emigration unter den Auspizien des Austrian PEN den Band ‚Verbannt aus Österreich‘ publizierte. Hinter dem PEN standen wohl damals den Kommunisten nahestehende Sympathisanten; ich vermute, daß er, abgesehen vom Namen, nicht wirklich bedeutend war. Die PEN-Publikation war in der Sicht orthodoxer Parteisozialisten ein anderer Schlechtpunkt.“

Brassloff 1985, 6

Brasloffs Darstellung des Austrian PEN ist nicht korrekt.

Ähnliches berichtet Hilde Spiel von Theodor Kramer:

„Jener Londoner Hüter der Sozialdemokratischen Partei indes, der Kramer sich in Wien verschrieben hatte, Oscar Pollak, wollte ihm nicht erlauben, sein Werk in dem weiter links gerichteteten Austrian Centre vorzulesen, das die einzige Plattform für literarische und theatralische Darbietungen der österreichischen Emigranten war. Schuldbewußt betrat er denn von Zeit zu Zeit das Podium, des Pollak’schen Bannfluches gewärtig.“ (Spiel 1986, 2 f.)

Kramer hat aber auch mindestens einmal, nämlich am 2. August 1942, aus „neuen Gedichten“ im Austrian Labour Club, London, gelesen. Und an der vom Austrian-P.E.N. veranstalteten „I. Österreichischen Kulturkonferenz“ (London, 29./30.8. 1942) nahm er als vom Austrian Labour Club Nominierter teil.

kramerlesung42
Titel: P.E.N.-Club: Einladung zur Theodor-Kramer-Lesung, 1942
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 68). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Warum aber bestand zwischen den österreichischen Sozialisten in Großbritannien und dem Austrian Centre überhaupt ein solcher ausschließender Gegensatz? Die größten Meinungsverschiedenheiten bezogen sich auf die Zukunft Österreichs: Während das Austrian Centre und das aus ihm hervorgegangene Free Austrian Movement für die Wiederherstellung eines demokratischen Österreich eintraten (sie folgten darin den politischen Direktiven der KPÖ, entsprachen damit aber sicher den Wünschen einer großen Mehrheit der Flüchtlinge aus Österreich), hielten die führenden Sozialisten (Karl Czernetz und Oscar Pollak) am Konzept der „gesamtdeutschen Revolution“ fest, welche sie, als deutsche Truppen fast ganz Europa erobert hatten, später zu einer „gesamteuropäischen“ modifizierten. Sie lehnten zwar die Form des „Anschlusses“ an Deutschland ab, bejahten aber seine „historische Notwendigkeit“. Sie blieben der großdeutschen Einstellung der Vorkriegssozialdemokratie verhaftet, die die Vereinigung Österreichs mit Deutschland als eines ihrer wichtigsten Ziele ansah und diesen Passus erst im Oktober 1933 aus ihrem Parteiprogramm strich. Für Theodor Kramer war das Aufgehen Österreichs in einem Großdeutschland kein erstrebenswertes Ziel. Je länger Kramers Exil währte, umso betonter „österreichisch“ ist seine Haltung.

„Es mögen andre suchen eine Bleibe und nützlich werden, der und jener reich; doch wo ich steh und was ich immer treibe, dort steht und lebt ein Stückchen Österreich.“

Datiert 28.9. 1941; vgl. "Gesammelte Gedichte 2", 185

Dieses selbstbewusste Bekenntnis zu einem Österreich, das Kramer in sich selbst trägt, repräsentiert (und das ihm daher auch nicht Gegenstand eines Heimwehs werden kann), findet sich vielfach wiederholt und variiert in Gedichten, Briefen und anderen Dokumenten. In einer Eingabe an das österreichische Unterrichtministerium schreibt Kramer im April 1949:

„Werk: durchaus österreichisch. Müßig, dem im Einzelnen nachzugehen. […] Formale Lösung mit dem ersten Gedichtband gefunden, erweitert, auf fast alle Stoffe des Alltagslebens angewandt.“

Zugleich verwahrt er sich vehement und wiederholt gegen eine Klassifikation als „Heimatdichter“. Auch einem undifferenzierten Österreich-Patriotismus konnte er nichts abgewinnen:

„[…] ärgere ich mich über einen Ausschnitt aus dem Wolverhamptoner Lokalblatt […] Das F.A.M. [Free Austrian Movement] hielt ein Meeting ab; ein Abgeordneter sagte, der Frieden müsse wieder sein wie der Friede von Wien (nach den napoleonischen Kriegen). Alles klatschte Beifall. Niemand stand auf und sagte, daß dieser Frieden 33 Jahre der ärgsten Knechtschaft brachte (Heilige Allianz, Metternich usw.) und daß niemand in Österreich einen solchen Frieden wolle. Ein Beispiel der segensreichen Tätigkeit des F.A.M. Solche Dinge sind gefährlich.“

Brief an Gretl Oplatek, Guildford, 17.3. 1943

Nach dem Aufenthalt in London im Herbst 1941 musste Kramer im Dezember nach Wolverhampton zu seiner Frau zurückkehren. Vergeblich hatte er in London Arbeit gesucht. In der Folge war er monatelange krank, schrieb erfolglos Stellengesuche und sann darüber nach, wie er nach London zurückkehren könnte. In Vorbereitung war der Gedichtband „Verbannt aus Österreich“, der schließlich im Juli 1943 erscheinen sollte. Ein Brief von Willy (Wilhelm) Scholz, Sekretär des Austrian Centre, gibt Aufschluss über die näheren Umstände:

kramertitelverbannt
Titel: Kramer, Theodor: Verbannt aus Österreich. London: Austrian P.E.N. 1943
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

„Robert Neumann teilte mir gestern mit, daß der P.E.N. nichts gegen die Herausgabe einzuwenden hat. Er möchte dies nur unter dem Titel tun ‚Schriftenreihe des Austrian P.E.N. Clubs‘ No. 2. No. 1 wird das Protokoll der Kulturkonferenz sein. Mit John Heartfield habe ich gesprochen. […] Er ist einverstanden, diese Sache zu machen. Ich habe außerdem mit Robert Neumann die Frage der Auslieferungsstelle besprochen. Er erklärte mir, der P.E.N. Club könne sich selbst nicht damit belasten und hat das Austrian Centre vorgeschlagen. […]“

Wilhelm Scholz, Brief an Th. Kramer, London, 2.10. 1942

Die Initiative ging also offensichtlich vom Austrian Centre aus. Nicht zustande gekommen ist die in dem Brief erwogene Gestaltung des Umschlags durch John Heartfield. Im Oktober 1942 zog Kramer von Wolverhampton nach London und trennte sich endgültig von Inge Halberstam. Am 30. Oktober nahm er an der Generalversammlung des Austrian P.E.N. teil und wurde in den Vorstand gewählt. Durch Vermittlung von Eleanor Farjeon und des Verlegers Geoffrey Faber erhielt er den Bibliothekarsposten am Technical College in Guildford (Surrey) (vgl. Sulbacher, „Theodor Kramer: Lebenslauf“. Unveröffentlichtes TS, 2 S, E. Chvojka, Brief an K. Kaiser, Wien, 11.3. 1995), den er im Jänner 1943 antrat und bis zu seiner Rückführung nach Wien im September 1957 behielt. Die Guildford-Möglichkeit muss sich erst in der Zeit des Londoner Aufenthaltes ergeben haben. In Guildford schloss Kramer Freundschaft mit anderen dort angesiedelten Exilierten, unter ihnen den Graphiker und Zeichner Helmut Krommer und dessen Tochter Anna, die an der Kunstgewerbeschule des Technical College in Guildford studierte. Dem vor allem im International Youth Club organisierten Emigrantenleben Guildfords stand er skeptisch gegenüber. Er fand Kontakt zur örtlichen englischen Poetry Society – die Schilderung, die Anna Krommer von einer Lesung Kramers in Anwesenheit von literaturinteressierten Damen der Poetry Society gibt, dürfte allerdings eine Spur überzeichnet sein:

„Theodor Kramer räusperte sich und begann laut aus seinen Werken vorzulesen. Sein ernster prüfender Blick streifte uns dabei über der Hornbrille. Fräulein Woolwich erbebte, vergeblich bemüht, ihre Erregung zu unterdrücken. Es kam da Lyrik zur Geltung im strengen Versmaß, in harmonischen Reimen, die in ihrer Schlichtheit viel Sexuelles umfaßten, das die alten Fräuleins erröten ließ und ihnen einen Schamschweiß auf die Stirn trieb. Besonders Fräulein Smithys Busen hob und senkte sich in atemloser Empörung, auch Fräulein Woolwich litt unter den derben Worten moralischer Unzulänglichkeit. Die Damen saßen in Verlegenheit versteinert. Doch der Blick über der Hornbrille ignorierte die bigotte Entrüstung der reinen Seelen zuhörender englischer Jungfrauen mittleren Alters.

Krommer 1990, 57 ff.

kramerguildford
Titel: Kramer, Theodor in Guildford/GB
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 9. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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kramerhandschrift
Titel: Kramer, Theodor : Handschrift
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV S. 111). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Kramer unterhielt weiter vielfache Kontakte zur „Emigrantenszene“ in London, wurde zu Lesungen eingeladen, las für das Austrian Service der BBC, besuchte Vorträge und Kulturveranstaltungen im Austrian Centre. Durch die Auseinandersetzung mit den erst seit Juli 1944 (Befreiung des Konzentrationslagers Majdanek bei Lublin durch die Rote Armee) in vollem Ausmaß bekannt gewordenen Verbrechen der Nationalsozialisten entstehen Gedichte wie „Der Ofen von Lublin“ (22. August 1944) und in weiterer Folge Zyklen wie „In der Dobrudscha“ (teilweise aufgenommen in die Sammlung „Die grünen Kader“.

Der Ofen von Lublin

Es steht ein Ofen, ein seltsamer Schacht, ins Sandfeld gebaut, bei Lublin; es führten die Züge bei Tag und bei Nacht das Röstgut in Viehwagen hin. Es wurden viel Menschen aus jeglichem Land vergast und auch noch lebendig verbrannt im feurigen Schacht von Lublin.

Die flattern ließen drei Jahre am Mast ihr Hakenkreuz über Lublin, sie trieb beim Verscharren nicht ängstliche Hast, hier galt es noch Nutzen zu ziehn. Es wurde die Asche der Knochen sortiert, in jutene Säcke gefüllt und plombiert als Dünger geführt aus Dublin.

Nun flattert der fünffach gezackte Stern im Sommerwind über Lublin. Der Schacht ist erkaltet; doch nahe und fern legt Schwalch auf die Länder sich hin, und fortfrißt, solang nicht vom Henkerbeil fällt des letzten Schinderknechts Haupt, an der Welt die feurige Schmach von Lublin.

Über das Gedicht „Der Ofen von Lublin“ können Sie sich auch im „Holocaust und Literatur“ informieren.

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Titel: Kramer, Theodor: Gedicht
Nachlass Theodor Kramer. Mit freundlicher Genehmigung von Erwin Chvojka, Wien 2002.
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Kramer war sich offenbar der großen Schwierigkeiten, mit denen der Widerstandskampf gegen die Nationalsozialisten in Österreich selbst zu rechnen hatte, bewusst. Er verlegte seine Visionen von Guerillakrieg und Aufstand in ein Gebiet Rumäniens, das ihn aus den Romanen Panaït Istratis vertraut war. Guildford war ein Exil im Exil. Am 8.11. 1945 schrieb Kramer an Paul Elbogen in den USA:

„Trotzdem die Gruppe des österreichischen Penklubs im Sommer 1943 es ermöglichte, daß das Austrian Centre meinen kleinen Auswahlband ‚Verbannt aus Österreich‘ veröffentlichte, war ich bis vor Kurzem, auch an den Maßstäben dieser Emigration gemessen, fast ganz in Vergessenheit geraten. Leben in der Provinz, politische Zänkereien, Freunderlwirtschaft, Vorherrschaft der Nichtskönner, die ihr Österreichertum plötzlich unter großem Geseres in London entdeckten, das mag einiges erklären.“

Ähnlich bittere Resümees finden sich auch an anderen Stellen. Eine „Wiedergutmachung“ erhielt Kramer von österreichischer Seite nicht. 1956 hatte er sich darum bemüht, musste aber erfahren, dass er, wenn überhaupt, erst zu einem späteren Zeitpunkt berücksichtigt werde. Kramer erhielt die Hilfe, auf die er ein Recht zu haben glaubte, durch die Bitten von Freunden wie Hilde Spiel gnadenhalber erst zu einem Zeitpunkt, wo er sie zur Führung eines eigenen, selbständigen Lebens kaum mehr brauchen konnte.

Gescheiterte Rückkehr

Die Geschichte der Nicht-Rückkehr der meisten österreichischen Emigranten nach 1945 ist kaum noch beschriebenes Kapitel unserer Nachkriegsgeschichte. Während selbst Politiker wie Adolf Schärf der Remigration mit Ablehnung und Misstrauen gegenüberstanden, wurde die Wiedereingliederung der ehemaligen Nationalsozialisten schnell vollzogen. Die Wiedergutmachung kam nur äußerst schleppend in Gang.

Oskar Kokoschka und Ernst Karl Winter, die sich – als Künstler der eine, als Politiker und Wissenschaftler der andere – im Exil unbezweifelte Verdienste um die Wiederaufrichtung eines unabhängigen Österreichs erworben hatten, fanden bei ihrer Rückkehr verschlossene Türen, keine ihnen entsprechenden Betätigungsmöglichkeiten. Sie stehen hier als prominente Beispiele für viele. Deutschland, ob die Bundesrepublik oder die DDR, hat sich in dieser Hinsicht anders verhalten. War dort das Bewusstsein einer historischen Schuld an den Greueln der Naziherrschaft vorhanden, ist die Abstreifung jeder Verantwortung für die Vergangenheit hier für viele die wesentliche Pointe bei der Betonung österreichischen Nationalbewusstseins geworden.

„Daß Österreich eine eigene Diktatur hatte und an der Naziherrschaft nicht unschuldig war, dafür hat man kein Gefühl dort, davon will man durchaus ganz und gar überhaupt nichts hören, ein Emigrant hat einen Buckel zu machen … Nur ein Gesunder oder ein Wohlhabender oder ein Massenautor könnte dort leben und nichts beigeben, es nicht billiger geben. Ich werde niemals als Schriftsteller irgendeine Konzession machen.“

So schreibt Kramer am 20. November 1955 aus Guildford an Harry Zohn in Boston. In Guildford war Kramer seit 1943 als Bibliothekar beschäftigt, unter oft drückenden Bedingungen. Dennoch hat er diese Stellung der ihm angebotenen in Wien vorgezogen. Der Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka, damals Mitglied der KP, einer der wenigen, die sich konsequent für die Rückkehr der Emigranten eingesetzt haben, hielt ihm einen Platz in der Zentrale der Wiener Städtischen Bibliotheken frei. Doch Kramer zögert und versagt sich: Als Magenleidender sieht er seine Ernährung in Österreich gefährdet, das Gehalt eines Volksbibliothekars ist ihm zu gering, es gibt Schwierigkeiten bei der Beschaffung eines geeigneten Quartiers, er fürchtet, in die neu aufgebrochenen politischen Frontenbildungen unfreiwillig einbezogen zu werden, auch dass ihn die Kommunisten verfolgen würden, erbrächte er nicht die politische Gegenleistung für die gebotene Hilfe. All diese Motive und noch einige andere werden wechselnd vorgebracht, nie im Zusammenhang. Die Vermutung, dass hinter diesen „Vorwänden“ andere Motive stecken, liegt nahe.

Weiter Informationen finden Sie auch in der Überblicksvorlesung „Germanistik als Erinnerung, Mahnung und Heimat“.

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Titel: Kramer, Theodor als Bibliothekar
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV. S. 77). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Titel: Kramer, Theodor: Ehrendiplom
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 83. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Von – geschätzten – 130.000 österreichischen Flüchtlingen sind bis 1952 nur etwas mehr als 4.000 nach Österreich zurückgekehrt, ungefähr jeder dreißigste. Kramer ist offenbar einer von den vielen, die die damals schmale Sicherheit des Exils der breiten Ungewissheit in Österreich vorziehen, die von Misstrauen und Abscheu gegen Menschen erfüllt sind, die gestern die Judenverfolgungen zumindest gebilligt haben und die überlebenden Opfer heute als „Hitlers Unvollendete“ bewitzeln.

Die Rückführung einzelner Emigranten, losgelöst vom allgemeinen Zusammenhang einer wirklichen „Entnazifizierung“ (ein schrecklicher Ausdruck übrigens, der unterstellt, das Problem sei durch Elimination zu lösten), einer ernsthaften Wiedergutmachung, gerinnt zur Versorgung. Versorgung ist ein klassischer Begriff bürokratischer Nächstenliebe: Sie setzt den, dem sie zu helfen vorgibt, zum Objekt herab. Die Versorgung beginnt, wo einer in den mitleiderregenden Zustand geraten ist, sich nicht mehr selber helfen zu können. Zweierlei wird dabei unterschlagen: erstens, dass die Emigranten ein Recht auf Wiedergutmachung, nicht eine Option auf Mitlied hatten; zweitens wird der Anspruch der Emigranten, an der Gestaltung der Verhältnisse, auf welchem Gebiet auch immer, aktiv teilzuhaben, abgeschnitten. Eine Schar Wohlmeinender korrespondiert über die Versorgung Kramers, und kaum einer von diesen Wohlmeinenden pflegt auch nur einen Gedankenaustausch mit Kramer, was in Österreich, z. B. auf kulturellem Gebiet, nun zu tun sei. Wie Matejka Kramer einmal bittet, Vorschläge zur Gestaltung eines österreichischen Bauernkalenders zu unterbreiten, antwortet ihm Kramer sofort eifrig, ausführlich, erfreut. Diese Reaktion sticht signifikant von dem sonstigen hinhaltenden Ton ab, dessen sich Kramer im Briefwechsel mit Matejka und anderen befleißigt. Sie erhellt, wie man es anstellen hätte müssen, um die Emigranten für Österreich wieder zu „gewinnen“.

In Österreich ist Versorgung meistens mit dem besonderen Witz verbunden, dass die Opfer des Faschismus zu Objekten einer Versorgung gemacht werden, die in der Regel einfach nicht stattfindet. Erst 1956 wird Kramer über Vermittlung Franz Theodor Csokors und des PEN-Klubs zur Ausfüllung eines Fragebogens des Hilfsfonds für politisch Verfolgte angehalten, um dann zu erfahren, „daß ich in eine Gruppe eingereiht werde. Erst nach dem 10.6. 1957 wird es sich entscheiden, ob diese Gruppe überhaupt was kriegt, und dann fragt es sich, was und was.“ (Brief an Hilde Spiel, 23.8. 1956) Wer also bis 1955 nicht die Gelegenheit ergriffen hatte, sich durch seinen Tod der Wiedergutmachung zu entziehen, konnte seit 1956 in der Hoffnung, immerhin einen Fragebogen ausgefüllt zu haben, weiterleben. Die Versorgung, die stattfinden sollte, ermutigte offizielle Kreise dazu, die Opfer des Faschismus derweil als Schaustücke für den Beitrag, den Österreich nach dem Moskauer Memorandum für seine Befreiung zu leisten hatte, in Gebrauch zu nehmen. Am 16. Oktober 1955 schreibt Kramer an Hilde Spiel:

„Die Großzügigkeit des Neuen Österreich wurde mir eindringlich vor Augen geführt. Für eine Anthologie will man etliche zwanzig Gedichte von mir abdrucken, das Werk soll vornehmlich verteilt werden an ausländische Bibliotheken (um sich in guten Geruch zu bringen), jedoch der Autor bekommt nicht einen Schilling Anerkennungshonorar.“

Kramer führt all die Jahre einen verbissenen Kampf um seine Selbstständigkeit. Er klammert sich, trotz Überarbeitung, schwerer Krankheit, immer neuen Schwierigkeiten, in der englischen Kleinstadt Guildford geduldet zu werden, an seine Stellung als Bibliothekar. Hier, an diesem Punkt, muss er festhalten. Das Festhalten ist angesichts seines sich verschlechternden körperlichen Zustandes und der damit verbundenen effektiven Unmöglichkeit, etwas Neues anzufangen, seine einzige Chance, souverän zu bleiben. Seine ständigen, geradezu hypochondrischen Klagen über seinen Gesundheitszustand, dazu die Betteleien, mit denen er niemanden ungeschoren lässt, sind Betriebsmittel dieser seiner bedrohten Souveränität. Er bettelt, um kein Bettler zu werden.

Dazu kommt, dass Kramer wahrlich nicht mit leichtem Gepäck unterwegs ist. In den Jahren des Exils hat sich eine große Masse unveröffentlichter Gedichte angesammelt, die sich durch tagtägliche unermüdliche Produktion unaufhörlich vermehrt. Die Masse des Ungeordneten, Unausgefeilten, Unveröffentlichten liegt wie ein Alb auf der Entschlusskraft Kramers. Schon am 3. Mai 1946 schreibt er seinem Freund Paul Elbogen nach Hollywood: „… bin entschlossen, hier meine Manuskripte aus den Notizheften reinschreiben zu lassen, zu Bänden zu arrangieren und zu feilen, bevor ich zurückgehe.“ Die Anstrengungen einer Übersiedlung erscheinen als tödliche Gefahr für die Fortführung einer Arbeit, mit der Kramer auch in den folgenden Jahren nicht wirklich weiterkommt.

kramer1952
Titel: Kramer, Theodor (1952)
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 91. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Kramer, Theodor (1956)
Theodor Kramer nach seinem Schlaganfall im Juni 1956. Foto aufgenommen in der Kunstschule desColleges. Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 96. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Es werden hier nur die Hauptlinien einer Entwicklung, die für Kramer eine Katastrophe gewesen ist, nachgezeichnet. Es hat auch gegenläufige Tendenzen gegeben. Verschiedene Menschen, unter ihnen Matejka, aber auch Michael Guttenbrunner, Robert Neumann, Edwin Rollett, Bruno Kreisky, Erwin Chvojka, Hilde Spiel u. a. haben sich um Kramer ehrlich bemüht – freilich ohne Zusammenhang und in verschiedenen Zeiten. Die Liste ließe sich fortsetzen. Diese Bemühungen sind nicht fruchtlos geblieben, aber sie endeten unglücklich.

Zu Hilde Spiel finden Sie Informationen in der gleichnamigen Porträtvorlesung.

„Neuerlich werden Versuche gemacht, mich nach Österreich zu verpflanzen, doch die guten Leute kennen meine körperliche Verfassung nicht. Mein Gott, wenn man mich nur endlich in Ruhe ließe.“

Brief an Hilde Spiel, 1. Februar 1957

Der Widerstand Kramers, sich versorgen zu lassen, hat den Punkt der Unverzeihlichkeit überschritten. Die bürokratische Nächstenliebe schlägt – natürlich ungewollt, unabsichtlich, darum um so gesetzmäßiger – in die Vergewaltigung ihres Objekts um. Am 15. Juni 1957 berichtet Hilde Spiel dem Staatssekretär Bruno Kreisky:

„Die Sozialreferentin der österreichischen Botschaft hatte indirekt von Kramers Schwierigkeiten erfahren und den Medical Officer (den für die Grafschaft Surrey, in der Guildford liegt, zuständigen englischen Gesundheitsbeamten, Anm. d. Verf.) auf ihn aufmerksam gemacht. Das Resultat war, daß Kramer nach längeren Gesprächen mit diesem sehr wohlwollenden, aber das labile Temperament eines österreichischen Dichters doch nicht ganz begreifenden Mann, angeblich ‚freiwillig‘, in eine Nervenheilanstalt eingeliefert wurde. Er hatte vor mehreren Jahren schon einmal an Depressionen gelitten und einige kurze Zeit in einem Sanatorium verbracht. Nun wurde er also von neuem in ein solches gesteckt, und hier bekommt er, obwohl seine Erkrankung vom Chefarzt als ‚akute Depression‘ bezeichnet wird, eine Serie von Schockbehandlungen.“

Direkt aus diesem Sanatorium ist Kramer dann im September nach Wien gebracht worden, wo er am 3. April 1958 gestorben ist. Diese letzten Monate, in denen Kramer auf Kosten des Unterrichtsministeriums in einer Pension in der Innenstadt untergebracht worden ist, bieten nun das Umkehrbild der Versorgung. Die Versorgung hat ihr Objekt nur in seinen stofflichen Lebensbedürfnissen umschrieben. so bleibt das Individuum in der Kommunikation, die als Versorgung verläuft, ein leeres, äußerlich umschriebenes Phänomen. Eine Vermittlung von geistigen Gehalten, eine Verständigung über konkrete Bedürfnisse findet nicht statt. Das Resultat ist hoffnungslose Isolation, die durch Kontakte zu anderen Individuen nur übertüncht werden kann. „Ich bin überhaupt, nicht nur während der Feiertage, zu viel allein, höchst ungern allein.“ (Brief an Waldinger, 25. Februar 1957)

„Erst in der Heimat bin ich ewig fremd“ – lautet der Refrain eines der letzten Gedichte Kramers.

kramerschreiben1956
Titel: Kramer, Theodor: Über das Schreiben ...
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 99. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
kramerletztewohnung
Titel: Kramers letzte Wohnung
Quelle: Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997 (CHV. 105). Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Theodor Kramer liest sein Gedicht „Lob der Verzweiflung“ (1957). Quelle: ORF-Porträt über Theodor Kramer von Brita Steinwendtner, Dauer: 1:17 min.

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Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

kramergrab
Titel: Kramer, Theodor: Ehrengrab
Erwin Chvojka/Konstantin Kaiser: Vielleicht habe ich es leicht, weil schwer gehabt. Theodor Kramer 1897-1958. Eine Lebenschronik. Wien 1997, S. 107. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Anhang

Werkverzeichnis

    Forschungsliteratur

    • Berthold, Werner; Eckert, Brita; Wende, Frank (Red.) - Deutsche Intellektuelle im Exil. Ihre Akademie und die "American Guild for German Cultural Freedom".
    • Brassloff, Fritz L. - Ein Augenzeuge berichtet über Theodor Kramers England-Periode und seine Rückkehr nach Wien
    • Chvojka, Erwin - Brief an Konstantin Kaiser
    • Chvojka, Erwin - Versuch, das Wuchern von Legenden zu verhindern. Beiträge zu einer Lebensgeschichte Theodor Kramers
    • Exenberger, Herbert - Die "Vereinigung sozialistischer Schriftsteller"
    • Farjeon, Eleanor - Brief an Konstantin Kaiser
    • Kaiser, Konstantin - Gespräch Konstantin Kaiser - Arthur West
    • Kaiser, Konstantin - Gespräch mit Erich Fried [Wien, 21.3. 1986]. Exil in Großbritannien: Kalmer, Schmeier und andere
    • Keller, Stefan - Grüningers Fall. Geschichten von Flucht und Hilfe
    • Krommer, Anna - Theodor Kramer in Guildford
    • Martens, Wolfgang - Lyrik kommerziell. Das Kartell lyrischer Autoren 1902 - 1933
    • Muschik, Johann - In einer alten Mappe blätternd. Erinnerungen an Theodor Kramer
    • Spiel, Hilde - Über Theodor Kramer
    • Spranger, Rose - Brief an die Zeitschrift Mit der Ziehharmonika
    • Sulbacher, Irm - Theodor Kramer: Lebenslauf
    • Sulzbacher, Irm - Der Briefwechsel zwischen den Dichtern Theodor Kramer und Michael Guttenbrunner (1951 - 1958)
    • Viertel, Berthold - Die Überwindung des Übermenschen. Exilschriften
    • Viertel, Berthold - Kramers Zeitgedichte
    • Zadek, Alice; Zadek, Gerhard - Mit dem letzten Zug nach England. Opposition. Exil. Heimkehr

    Verwendete Medien

    Bilder

    Dokumente

    Externe Links

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