Exil Porträts 03.) Robert Musil (1880-1942)
Markus Kreuzwieser

Einleitendes

Besucht man das Robert-Musil-Museum in Klagenfurt, Bahnhofstraße 50, das sich im Geburtshaus des Dichters befindet, so fällt sofort auf, dass nur wenige persönliche Gegenstände, die oft den Reiz eines Museums ausmachen, aus dem Besitz von Robert (1880-1942) und Martha (1874-1949) Musil auf die Nachwelt gekommen sind.
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Titel: Musil, Robert : Zeichnung von Martha Musil
Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, 295. Mit freundlicher Genehmigung des Robert-Musil-Literatur-Museums, Klagenfurt 2002 www. musilmuseum.at
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Martha: Selbstporträt
Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 152. Mit freundlicher Genehmigung des Robert-Musil-Literatur-Museums, Klagenfurt 2002 www. musilmuseum.at
MalerIn/FotografIn: Martha, Musil

Dies liegt vor allem daran, dass das Ehepaar Musil Wien im Jahre 1938, nach dem sogenannten „Anschluss“, verlassen hat und über Italien ins Schweizer Exil ging. Die Wohnung in Wien III, Rasumofskygasse 20, (gemietet seit November 1921) konnte Musil, trotz finanzieller Probleme und trotz behördlicher Schwierigkeiten, mit Hilfe des befreundeten Ehepaars Franz und Valerie Zeiss bis zu seinem Tod 1942 halten. (Musil [Briefe] 1981, 487 f.) In dieser Wohnung befanden sich der Hausrat, persönliche Gegenstände, die Bibliothek sowie das umfangreiche literarische Archiv samt Arbeitsmaterialien und Manuskripten. Nach Musils Tod musste sie geräumt werden, der gesamte Besitz wurde in die Magazine einer Spedition ausgelagert und bei Kriegsende durch einen Bombentreffer vollständig vernichtet.

Martha Musil brachte die wenigen persönlichen Gegenstände sowie den schriftlichen Nachlass nach dem Tod ihres Mannes von Genf nach Rom, wo sie nach ihrem Tode 1949 von ihrem Sohn, Gaetano Marcovaldi (1898-1977), aufbewahrt wurden. Der über 10.000 Seiten umfassende Nachlass des Dichters befindet sich seit den siebziger Jahren in der Handschriften-, Autographen- und Nachlasssammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und ist Dank der CD-ROM-Edition (Robert Musil: Der literarische Nachlass, 1992, besorgt von Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé) zugänglich.

Das Porträt zu Robert Musil kann auch wenig Multimediales anbieten, da weder Tondokumente von Musils Stimme noch Filmaufnahmen von ihm existieren, wie wir sie etwa von Thomas Mann besitzen, die dem interessierten Publikum den Dichter akustisch oder in bewegten Bildern näher bringen könnten. Vielleicht ist dies aber ganz im Sinne des Autors, der den „Tatsachen“ – auch den biographisch-persönlichen – stets misstraut hat und dem „geistig Typische[n]“ (Musil 1978, 939) und dem „Möglichen“, dem „Noch-nicht-Wirklichen“ den Vorzug gab. So kann das „Ideographische vor das Biographische“ (Berghahn 1980,13) gestellt und „unter der Oberfläche der vermeintlichen harten Tatsachen das verborgene Leben des Zeitgeistes“ (ebd.) unter Umständen verstehbarer gemacht werden.

Die ausgewählten Bilder, Textausschnitte und Kommentare zu Musils Leben, Denken und Werk unmittelbar vor und im Exil sollen sowohl die schwierige biographische Situation des Dichters erhellen, als auch die Komplexität seines Denken und Schaffens illustrieren. Das Porträt bietet gerafft Informationen zu den Jahren zwischen 1931 und 1942 und möchte anregen, auch das in diesem Projekt angebotene Praxisfeld-Modul zu Robert Musil einzusehen und zu bearbeiten. Umgekehrt kann es dem Benutzer und der Benutzerin des Praxisfeld-Moduls als Ergänzung dienen. Wie viel dieses Modul dem Bildband von Karl Corino verdankt, kann nicht genug hervorgehoben werden.

I. Berlin 1931-1933: Die Großstadt als Laboratorium

Vom 21. November 1931 bis zum 21. Mai 1933 wohnte und arbeitete Robert Musil in Berlin, und zwar in der Pension Stern, Kurfürstendamm 217, da ihm in der deutschen Hauptstadt, wie er im Curiculum Vitae um etwa 1938 schreibt, „die Spannungen und Konflikte des deutschen Geistesleben fühlbarer sind als in Wien.“ (Musil 1978, 950) Der Germanist Wolfdietrich Rasch, der Musil in Berlin kennenlernte, berichtet von einem Gespräch mit dem Dichter, in dem dieser festhält, dass er „den zweiten Band“ des „Mann ohne Eigenschaften“ in Berlin „zum Abschluss bringen“ wolle, was er „in Wien“ nicht könne, denn dort sei er „der Welt des Romans zu nahe“, in Wien sei er „zu weit abseits von den Ereignissen unserer Tage, zu sehr wie in der Provinz, wo alles stagniert. Die Spannungen in unserer heutigen Welt werden eher hier in Berlin ausgetragen, oder man spürt sie wenigstens besser. Das ist ein günstigeres Klima für meine Arbeit.“ (Dinklage 1960, 367)

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Titel: Robert, Musil: Pension Stern
Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 381. - Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Rowohlt, Ernst
Ernst Rowohlt (1887-1960), Musils Verleger in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren. Aus: Karl Corino: Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1988, S. 342. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden, wir bitten sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen!
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Ein weiter Grund, nach Berlin zu gehen, lag für Musil darin, dass er die Nähe seines Verlegers Ernst Rowohlt (1887-1960) suchte.

Zwischen April 1930 und September 1931 hielt sich Musil viermal in Berlin auf, um mit ihm Verhandlungen zu führen. Das oft sehr gespannte Verhältnis zwischen dem Dichter und seinem Verleger gründet auf Musils langsamer Arbeitsweise und seiner prekären finanziellen Situation, die ihn von Rowohlts Vorauszahlungen bzw. Unterstützung abhängig machte. In einem Brief (Poststempel vom 9. Mai 1930) an seinen Freund und Studienkollegen Johannes von Allesch klagt Musil:

„Da der jetzt abgelieferte Erste Teil […] 800 Maschinseiten stark ist, hatte ich erwartet, von Rowohlt für den zweiten Teil neues Geld zu bekommen. Aber er war dazu nur in ganz ungenügendem Maß zu bewegen; immer verschanzt hinter kaufmännische Berechnungen, deren letzter Sinn der ist, daß er kein Vertrauen in den Absatz hat, obgleich er den künstlerischen Wert nach dem Urteil seines Lektors hochhob. Ich habe den Eindruck, daß er, wenn kein Erfolg kommt, nicht mehr weiter will, und von den Bedingungen, unter denen ich weiter arbeiten muß, kann ich nur sagen, daß sie unmöglich sind. Ich mußte aber gute Miene zum bösen Spiel machen, weil ich mit einem halben Riesenbuch in der Hand bei der heutigen Lage der Dinge völlig hilflos bin.“

Musil [Briefe] 1981, 463

1930 war also der Erste Teil des „Mann ohne Eigenschaften“ auf Drängen des Verlegers erschienen.

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Titel: Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, Erstausgabe 1930
Der Mann ohne Eigenschaften, 1. Band, Cover der Erstausgabe 1930
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Die Kritik und viele Schriftstellerkollegen reagierten enthusiastisch, der finanzielle Erfolg oder das, was man als „Ruhm“ zu bezeichnen pflegt, blieben allerdings aus. An Allesch schreibt Musil am 15. März 1931:

„[…] Wenn ich die Kritik überblicke, sehe ich: Erstens die merkwürdige Erscheinung, daß man den Mann o[hne]. E[igenschaften]. imstande ist, bis aufs Höchste zu loben, beinahe ohne daß dabei für den Dichter davon etwas abfällt. Man sagt z. B. Unter den europäischen Romanen der bedeutendste, oder: Kein zweiter deutscher Roman erreicht diese Höhe: daß ich aber danach zumindest unter den deutschen Dichtern bisher unterschätzt worden sei, davon spricht kein Mensch, so als ob das eine ganz andere Sache wäre.“

Musil [Briefe] 1981, 503

Auch Musils Aufnahme in die „Preußische Akademie der Künste, Abteilung für Dichtung“, die etwa Thomas Mann, Alfred Döblin oder Oskar Loerke unterstützten, wurde abgelehnt. Da Ernst Rowohlt sich nicht in der Lage sah, den zweiten Teil des „Mann ohne Eigenschaften“ in ähnliche Weise wie den ersten vorzufinanzieren, veröffentliche Musil 1932 aufgrund abermaligen Drängens des Verlegers, der, selbst in wirtschaftlichen Nöten, an den Kritiker-Erfolg des ersten Bandes anschließen wollte, die 38 Kapitel der Fortsetzung.

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Titel: Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften, 1932
Der Mann ohne Eigenschaften, 1932, Cover der Ausgabe der 38 Fortsetzungskapitel
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Porträt: Thomas Mann (um 1933)
Quelle: Wysling, Hans/Schmidlin, Yvonne: Thomas Mann. Ein Leben in Bildern.: München: Artemis-Winkler 1994, 306. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Mann Archivs, Zürich. http://www.tma.ethz.ch/
MalerIn/FotografIn: unbekannt

1932 hatte sich zudem die (inoffizielle) Berliner Robert-Musil-Gesellschaft konstituiert, die dem Dichter ein sorgenfreieres Weiterarbeiten ermöglichen wollte. Thomas Mann (1875-1955) empfiehlt den Roman in einer Umfrage geradezu hymnisch und setzt sich für einen „Werkzuschuss“ der „Preußischen Akademie“ ein, ein Antrag, dem man sich, wie Gottfried Benn anmerkt, „nicht entziehen kann, auch wenn man über den in Frage stehenden Roman und seinen Autor anderer Meinung ist.“ (Corino 1988, 398)

Am 30 Jänner 1933, an dem Tag also, an dem Adolf Hitler Reichskanzler wird und die Nationalsozialisten die Macht übernehmen, erhält Musil die Zusage der Akademie für einen Werkhilfezuschuss in der Höhe von 1000 Reichsmark.

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Titel: Mann, Thomas: Antrag auf Werkhilfe für Robert Musil
Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 397
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Hitler, Adolf
Adolf Hitler beim Einstudieren seiner Posen. Aus: Karl Corino: Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1988, S. 404
MalerIn/FotografIn: Hofmann, Heinrich; München

Musil notiert zu Hitler im Tagebuch:

„H[itler]: ein Person gewordener Affekt, ein sprechender Affekt. Erregt den Willen ohne Ziel. […] Ein Mann hat ein Volk erobert! (Christus mit Radio, Auto, Vereinsbindung)“

Musil [Bd.1] 1976, 725

Allerdings wird die Akademie wenige Wochen später gleichgeschaltet. Musils Lebensbedingungen in Berlin ändern sich mit der „Machtübernahme“ grundlegend. Viele Mitglieder der Robert-Musil-Gesellschaft sind Juden, alle Gegner des Regimes, die Deutschland verlassen, der Verein muss seine Zahlungen einstellen. Am 10. Mai 1933 brennen in Deutschland die Bücher, unter vielen anderen auch die von Musils wichtigstem Mentor Alfred Kerr (1867-1948), wegen „dünkelhafter Verhunzung der deutschen Sprache“. 11 Tage später verlässt Musil Berlin und kehrt nach Zwischenaufenthalten in Böhmen nach Wien zurück.

II. Wien 1933 bis 1938: Zwischen den Stühlen

In Wien bezieht Musil wieder die Wohnung in der Rasumofskygasse 20.

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Titel: Musil, Robert: Wohnung
Wien III, Rasumofskygasse 20, Robert Musils Wohnung im 2. Stock: Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 282: Foto: Sammlung Corino. Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Corino-Albertsen und Carl Corino, Bad Vilbel 2002.
MalerIn/FotografIn: Elisabeth Corino-Albertsen/Carl Corino
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Titel: Musil, Robert - Rasumofskygasse
Aus: Dinklage, Karl: Robert Musil. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. im Auftrag des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt. Zürich/Leipzig/Wien: Amalthea-Verlag 1960, S. 337
MalerIn/FotografIn: unbekannt

„Das Paradoxe, das zu Musil gehörte, kam auch in der Wohnung zur Geltung. Nichts an ihr paßte zu Musil, weder die kleinbürgerliche Umgebung, noch der triste, langgestreckte Kasernenhofbau noch ihre schlauchförmige, düstere Gestalt: Man mußte durch einen langen Gang, die Küche und zwei Zimmer gehen, ehe man in seinem Zimmer stand, das mit seiner hoch aufgetürmten Bücherwand einer Arbeitsburg glich. […] Die Wohnung gefiel ihm nicht, aber die Hauptsache war: Er hatte eine Arbeitsstätte; für alles andere machte er sich blind und unempfindlich.“

zit. nach Dinklage 1960, 329

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Titel: Musil, Robert an seinem Schreibtisch
Robert Musil an seinem Schreibtisch in der Rasumofskygasse um 1935: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Robert - Rasumofskygasse
Aus: Dinklage, Karl: Robert Musil. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. im Auftrag des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt. Zürich/Leipzig/Wien: Amalthea-Verlag 1960, S. 337
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Von seinem Schreibtisch aus konnte Musil das Palais Salm sehen, das ihm, wie auch der dazugehörige Garten, als ein wichtiges Modell für Ulrichs Jagdschlösschen bzw. die sogenannten „Gartenkapitel“ im „Mann ohne Eigenschaften“ diente. Die Beschreibung von „Haus und Wohnung des Mannes ohne Eigenschaften“ füllt im Roman das 2. Kapitel und ist als eine artifizielle, ouvertürenhafte Entfaltung wichtiger Themen und Motive des Romans deutbar. Die Großmetapher des „Gartens“ ist für das gesamte Werk konstitutiv, Musil arbeitet im Schweizer Exil in den letzen Stunden seines Lebens noch am Kapitel „Atemzüge eines Sommertages“, dessen Handlungsraum der Garten von Ulrichs Schlösschen ist.

„[…] Das war ein teilweise noch erhaltener Garten aus dem achtzehnten oder gar siebzehnten Jahrhundert, und wenn man an seinem schmiedeeisernen Gitter vorbeikam, so erblickte man zwischen den Bäumen, auf sorgfältig geschorenem Rasen so etwas wie ein kurzflügeliges Schlößchen, ein Jagd- oder Liebesschlößchen vergangener Zeiten. Genau gesagt, seine Traggewölbe waren aus dem siebzehnten Jahrhundert, der Park und der Oberstock trugen das Ansehen des achtzehnten Jahrhunderts, die Fassade war im neunzehnten Jahrhundert erneuert und etwas verdorben worden, das ganze hatte also einen etwas verwackelten Sinn, so wie übereinander photographierte Bilder; aber es war so, daß man unfehlbar stehen blieb und ‚Ah!‘ sagte. Und wenn das Weiße, Niedliche, Schöne seine Fenster geöffnet hatte, blickte man in die vornehme Stille der Bücherwände einer Gelehrtenwohnung.“

Musil 1981, 11 f.

„Ich besitze in einem völlig absoluten Sinne kein Geld. Ich bemerke, während ich das niederschreibe, dass diese Tatsache, die ich bisher nach Möglichkeit zu verheimlichen suchte, obwohl sie mich in den letzten Jahren einigemal in die nächste Nähe des Suic[id]. gebracht hat, gar nicht uninteressant ist.“

„[…] Das war ein teilweise noch erhaltener Garten aus dem achtzehnten oder gar siebzehnten Jahrhundert, und wenn man an seinem schmiedeeisernen Gitter vorbeikam, so erblickte man zwischen den Bäumen, auf sorgfältig geschorenem Rasen so etwas wie ein kurzflügeliges Schlößchen, ein Jagd- oder Liebesschlößchen vergangener Zeiten. Genau gesagt, seine Traggewölbe waren aus dem siebzehnten Jahrhundert, der Park und der Oberstock trugen das Ansehen des achtzehnten Jahrhunderts, die Fassade war im neunzehnten Jahrhundert erneuert und etwas verdorben worden, das ganze hatte also einen etwas verwackelten Sinn, so wie übereinander photographierte Bilder; aber es war so, daß man unfehlbar stehen blieb und ‚Ah!‘ sagte. Und wenn das Weiße, Niedliche, Schöne seine Fenster geöffnet hatte, blickte man in die vornehme Stille der Bücherwände einer Gelehrtenwohnung.“

Musil 1978, 952

1936 erleidet Musil einen ersten Schlaganfall. Im selben Jahr kommt er um eine Beamtenpension ein, er richtet in dieser Angelegenheit einen devoten, aber folgenlosen Bitt-Brief an Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, auch sein Eintritt in die „Vaterländische Aktion“ steht in diesem Zusammenhang. Musil beantragt einen Waffenpass, um, wie Karl Corino vermutet, „im Falle absoluter Mittellosigkeit Selbstmord begehen zu können.“ (Corino 1988, 428)

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Titel: Musils Waffenpass
Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 429
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Robert: Nachlass zu Lebzeiten
Cover der Erstausgabe des "Nachlass zu Lebzeiten" (1936)
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Ebenfalls 1936 versuchte Musil sich beim Lesepublikum in Erinnerung zu rufen, indem er im Züricher Humanitas Verlag den Band „Nachlaß zu Lebzeiten“ veröffentlicht.

Diese Sammlung enthält wesentliche Texte des Autors, etwa „Das Fliegenpapier“ oder „Die Affeninsel“ sowie die paradigmatische Erzählung „Die Amsel“. Voll bitterer Ironie schreibt Musil in der „Vorbemerkung“:

„[…] in der Regel haben Nachlässe eine verdächtige Ähnlichkeit mit Ausverkäufen und wegen Auflösung des Geschäfts und mit Billigergeben. […] Aber kann man überhaupt noch von Lebzeiten sprechen? Hat sich der Dichter deutscher Nation nicht schon längst überlebt? Es sieht so aus, und genaugenommen, hat es, so weit ich zurückzublicken vermag, immer so ausgesehen, und ist bloß seit einiger Zeit in einen entscheiden Abschnitt getreten. Das Zeitalter, das den Maßschuh aus fertigen Teilen hervorgebracht hat, und den fertigen Anzug in individueller Anpassung, scheint auch den aus fertigen Innen- und Außenteilen zusammengesetzten Dichter hervorbringen zu wollen. Schon lebt der Dichter nach eigenem Maß beinahe allerorten in einer tiefen Abgeschiedenheit vom Leben, und hat doch nicht mit den Toten die Kunst gemein, daß sie kein Haus brauchen und kein Essen und Trinken. So günstig sind die Lebzeiten den Nachlässen. Auf die Benennung dieses Büchleins und seine Entstehung ist das nicht ohne Einfluß geblieben.“

Musil 1978, 473

Der Band wurde in Deutschland verboten. Auch Musils Vortrag „Über die Dummheit“ aus dem Jahre 1937 (Musil 1978, 1270-1293), vom dem der Bildhauer Fritz Wotruba (1907 – 1975), später im Schweizer Exil ein treuer Freund des Ehepaars, bemerkte, „es sei der letzte Vortrag von Bedeutung“ gewesen, den er in Wien gehört habe, ein „Abschieds- und Totenfest; denn unter den Anwesenden waren 75 Prozent Juden“, (Dinklage 1960, 400) zeigt Musils unaufhebbare Distanz zu den europäischen Faschismen deutlich. Da der Rowohlt-Verlag in Deutschland aufgrund der Pressionen in zunehmenden Schwierigkeiten war, kaufte die Wiener Musil-Gesellschaft die Rechte sowie Lagerbestände, und Musil wechselte zum in Wien gegründeten Bermann-Fischer-Verlag. Der I. Band des „Mann ohne Eigenschaften“ wurde neu gebunden und die Verlagsleitung drängte auf eine weitere Teilfortführung des II. Bandes. 20 Kapitel kamen in Satz, deren Fahnen Musil korrigierte, als Hitler Österreich okkupierte. Bermann-Fischer musste nach Stockholm weiter emigrieren. Die Fortsetzung konnte nicht ausgeliefert werden. Nachdem er ein durchaus verlockendes Angebot des Claasen-Verlages abgelehnt hatte, verließ Robert Musil Wien.

III. Schweizer Exil 1938-1942: Ein ontologisches Kunststück

Martha Musil war Jüdin und schon aufgrund ihres Aussehens in Wien, in dem es unmittelbar noch dem „Anschluss“ zu gewalttätigen antisemitischen Exzessen kam, sehr gefährdet. Die Emigration war lediglich eine Frage der Modalitäten. Thomas Mann und auch Gottfried Bermann-Fischer waren dabei behilflich, und so reiste das Ehepaar über Italien (Edolo) in die Schweiz, wo es am 2. September 1938 in Zürich eintraf. Die Musils nahmen zunächst in der Pension Fortuna, Mühlbacherstr. 55, Quartier.

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Titel: Musil: Das Ehepaar Robert und Martha Musil im Garten der Pension Fortuna, Zürich
Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 445
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Mann, Thomas: Haus in Küsnacht
Quelle: Wysling, Hans/Schmidlin, Yvonne: Thomas Mann. Ein Leben in Bildern.: München: Artemis-Winkler 1994, 324. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Mann Archivs, Zürich. http://www.tma.ethz.ch/
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Thomas Mann und der Verleger Bermann-Fischer in Küsnacht
Quelle: Wysling, Hans/Schmidlin, Yvonne: Thomas Mann. Ein Leben in Bildern.: München: Artemis-Winkler 1994, 330. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Mann Archivs, Zürich. http://www.tma.ethz.ch/
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Thomas Mann half auch weiterhin, Robert und Martha Musil waren bereits am 4. September, also zwei Tage nach ihrer Ankunft in Zürich, zum Tee und zu einer „Lagebesprechung“ bei Thomas und Katja Mann in Küsnacht eingeladen.

Martha Musil berichtet ihrer Tochter Annina:

„[…] Th.[= Thomas Mann] ist sehr hilfsbereit, hat die bisherige Hilfe vermittelt, […] Und doch, glaube ich, wäre ihm nicht recht, wenn R.[= Robert Musil] auch hinüber [in die USA] ginge. Er [= Thomas Mann] ist nun wirklich auf der Höhe des Ruhms u[nd] trifft es drüben wunderbar; ich höre, daß er nur 4 Vorlesungen zu halten braucht, auch ist ihm eine Villa in Princeton zur Verfügung gestellt worden. Man kann nicht umhin, R’s [Robert Musils] Schicksal damit zu vergleichen.“

Musil [Briefe] 1981, 840 f.

Gerade die letzten Lebensjahre Musils im Schweizer Exil sind in vielfacher Weise besonders schwierig und demütigend. Das Ehepaar kann sich finanziell schwer halten, es ist stets von Zuwendungen aus mehreren unterschiedlichen Quellen abhängig. Wesentlich waren etwa die American Guild for Cultural Freedom mit ihrem Sekretär Hubertus Prinz zu Löwenstein, das Comité international pour le placement des intellectuels réfugiés sowie mehrere private Mentoren. Karl Corino berechnet, dass Musil im Monat annähernd 500 Schweizerfranken zur Verfügung standen – „etwa das Gehalt eines kleinen Angestellten“. (Corino 1988, 450) Der wichtigste Helfer in den Schweizer Jahren wurde der Züricher Pfarrer Robert Leujeune (1891-1970).

„Ein solches Zeichen der Zuneigung von Ihnen u[nd] Ihrer Gattin zu empfangen – denn unter den jetzigen Verhältnissen muß das selbst für Sie ein Opfer sein – hat mich mit Glück, aber auch mit Reue erfüllt; wenn sich mein Schicksal, wie ich hoffe, noch zum Besseren wenden kann, wird das immer der feste Stein in dem Morast bleiben, der mir den Tritt hinüber ermöglicht hat.“

Musil [Briefe] 1981, 883

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Titel: Pfarrer Dr. Robert Lejeune, Musils unermüdlicher Helfer im Schweizer Exil
Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, 450. Mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsstelle für österreichische Literatur und Kultur - Robert-Musil-Forschung/Saarbrücken/http://www.uni-sb.de/fak4/fr41/afoelk/
MalerIn/FotografIn: Ullstein Bilderdienst Berlin
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Titel: Musils Pass
Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 448
MalerIn/FotografIn: Peter Zollna
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Titel: Musil, Robert im Arbeitszimmer
Quelle: Dinklage, Karl: Robert Musil. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. im Auftrag des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt. Zürich/Leipzig/Wien: Amalthea-Verlag 1960, S. 369. Bild zur Verfügung gestellt von: Dr. Gaetano Marcivaldi, Rom.
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Ständig versucht er Geld zu beschaffen oder aus eigenen Mitteln zu geben, er vermittelt Kontakte, interveniert bei den Behörden und hielt schließlich auch die Toten- und Gedenkrede für den Dichter. Zur problematischen finanziellen Situation kamen die immer wiederkehrenden, demütigenden Ansuchen um die Aufenthaltsverlängerung, diese wurde dann jeweils nur für etwa 2 Monate gewährt.

Musil ist nach dem „Anschluss“ deutscher Staatsbürger und bleibt es bis zu seinem Tode, da seine offizielle Begründung für den Aufenthalt in der Schweiz darin bestand, dass er seine Reise krankheitshalber unterbrochen habe. Im Juli 1939 übersiedelten Robert und Martha Musil nach Genf. Das Ehepaar wohnte zunächst im Hotel, dann in einer kleiner Wohnung in der Dependence der Pouponnière, Chemin des Grangettes 29.

Neben den finanziellen Problemen ist es Robert Musils Isoliertheit und Einsamkeit, die Probleme, auch Depression und Verbitterung bringen. Seine Wirkung ist marginal, zudem wurden „Mann ohne Eigenschaften“ und „Nachlaß zu Lebzeiten“ ab 1939 für das Deutsche Reich verboten (Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums), ab 1941 wurde das Verbot auf alle Schriften Robert Musils ausgedehnt. Während die Welt im Krieg versinkt, arbeitet er an seinem großen Roman-Projekt. Im Tagebuch vermerkt er:

„Eine Hauptidee oder =illusion meines Lebens ist es gewesen, daß der Geist seine eigene Geschichte habe u[nd] sich unbeschadet alles, was praktisch geschehe, schrittweise erhöhe. Ich habe geglaubt, daß die Zeit seiner Katastrophen vorbei sei. Daraus ist mein Verhältnis zur Politik zu verstehen.“

Musil [Bd.1] 1976, 928

An Pfarrer Lejeune schreibt er am 24. September 1939:

„[…] Es ist in der Schweiz leider so, […]. Man ist solide im Urteil und hält den Toten die Treue, ob sie nun Keller, Meyer, Rilke oder Hofmannsthal heißen; auch ich fühle mich einigermaßen sicher, daß man einst meinen Schweizer Aufenthalt wohlgefällig buchen wird, aber erst auf seinen Tod warten zu müssen, um leben zu dürfen, ist doch ein rechtes ontologisches Kunststück!“

Musil [Briefe] 1981, 1083

Am 22.1. 1940 tritt Robert Musil in Winterthur zum letzten Mal öffentlich auf. Er hält auf Einladung des Literarischen Vereins Winterthur eine Lesung im Vortragssaal der Kirchengemeinde vor ca. 20 Zuhörern. Seine Enttäuschung ist groß. Am 28.12. 1941 schreibt er an den Bildhauer Fritz Wotruba, dem er schon in Wien freundschaftlich verbunden war und der in der Schweiz eine Büste Musils anfertigt:

„Mehr Schnee als Geld ist keine behagliche Weihnachtsmischung; so wenigstes sieht es bei uns aus“

Musil [Briefe] 1981, 1380

Ab April 1941 Musils letzte Adresse Chemin des Clochettes 1, ein „turmartiges Gebäude“, in dem das Paar „Puppenzimmer“ (Musil [Briefe] 1981, 1283) bewohnte.

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Titel: Wotruba, Fritz (1940)
Fritz Wotruba, 1940. Aus: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 470
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Wortruba, Fritz: Büste Robert Musils
Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 471. Mit freundlicher Genehmigung des Vereins der Freunde zur Erhaltung und Betreuung des künstlerischen Nachlasses von Fritz Wotruba
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Robert: Letzte Wohnanschrift (Gartenhaus in Chemin des Clochettes
Musils letzte Wohnanschrift, das Gartenhaus in Chemin des Clochettes 1. Quelle: Dinklage, Karl: Robert Musil. Leben-Werk-Wirkung. Hrsg. im Auftrag des Landes Kärnten und der Stadt Klagenfurt. Zürich/Leipzig/Wien: Amalthea-Verlag 1960, S. 401. Bild zur Verfügung gestellt von Dr. Fred Liebstöckl, Genf.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Robert im März 1941
Robert Musil im März 1941, eine der letzten Aufnahmen des Dichters. Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 475. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Hans Emil Staub, Zürich
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Titel: Musil, Robert: Atemzüge eines Sommerstages
Letzte Seite des Kapitels ?Atemzüge eines Sommertages? aus dem ?Mann ohne Eigenschaften?, das Musil an seinem Todestag abschloss. Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 481 Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Musil, Robert - Totenmaske
Die Totenmaske Robert Musils nach einer Aufnahme von Harald Baruschke. Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 483. Foto: Sammlung Corino. Mit freundlicher Genehmigung von Elisabeth Corino-Albertsen und Carl Corino, Bad Vilbel 2002.
MalerIn/FotografIn: Elisabeth Corino-Albertsen/Carl Corino

Robert Musil starb am 15. April 1942 um 13.00 Uhr. Vormittags arbeitete er noch am Kapitel Atemzüge eines Sommertages. Bei seiner Einäscherung waren 8 Menschen zugegen. Pfarrer Lejeune hielt die Gedenkrede. Martha verstreut die Asche des Dichters, wie es Familienbrauch war, in einem Wald am Salève. Im Tagebuch hatte Robert Musil notiert:

„Th[omas] M[ann] u[nd] ähnliche schreiben für die Menschen, die da sind; ich schreibe für Menschen, die nicht da sind.“

Musil [Bd.1] 1976, 880

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Titel: Musils Schreibmaschine und Unterschrift
Quelle: Corino, Karl: Robert Musil: Leben und Werk in Bildern und Texten. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1988, S. 485. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Peter Zollna

Anhang

Werkverzeichnis

    Forschungsliteratur

    • Berghahn, Wilfried - Robert Musil. In Selbstzeugnissen und bilddokumenten
    • Corino, Karl - Robert Musil. Leben und Werk in Bildern und Texten
    • Dinklage, Karl (Hg.) - Robert Musil. Leben. Werk. Wirkung
    • Luserke, Matthias - Robert Musil
    • Wysling, Hans; Schmidlin, Yvonne (Hg.) - Thomas Mann. Ein Leben in Bildern
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