Fred Wander: Kurzbiographie
Fred Wanders Eltern kamen auf der Flucht vor Pogromen gegen die Ostjuden 1910 oder 1911 aus Czernowitz (heute Ukraine) nach Wien. Wanders Vater, Jakob Rosenblatt, arbeitete als Handelsvertreter u. a. für eine Hutmacherfirma in Deutschland und den Niederlanden. Seine Mutter Berta Rosenblatt, geborene Hoffmann (1881-1942), war Näherin und verrichtete Heimarbeit für den Großvater. Beide Eltern und Wanders Schwester Renée (1915-1942) wurden im September 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Fred Wanders Bruder Otto (1905-1977) konnte flüchten und überlebte in einem Versteck in Frankreich.
Quelle: Bolbecher, Siglinde/Kaiser, Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien: Deuticke 2000, S. 668. Foto:. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Harald Maria Höfinger
MalerIn/FotografIn: Harald Maria Höfinger
Wander besuchte die Volks- und Hauptschule in Wien. Mit vierzehn verlässt er die Schule, ist dann drei Jahre lang Lehrling in einer Kleiderfabrik. Anschließend vagabundiert Wander durch mehrere Länder und nimmt Hilfsarbeiten an. Er kehrt aber immer wieder nach Wien zurück.
Wenige Monate nach dem „Anschluss“, im Mai 1938 gelingt Wander die Flucht über die Schweiz nach Frankreich. Er nimmt Gelegenheitsarbeiten im Gastgewerbe und in der Landwirtschaft an und erhält Unterstützung von jüdischen Hilfsorganisationen. Ähnlich wie Albert Drach pflegt Wander keinerlei Kontakt zu österreichischen oder deutschen Exilorganisationen. Er reist quer durch Frankreich und wird bei Kriegsbeginn als ?feindlicher Ausländer? inhaftiert. 1940 flüchtet er in die nichtbesetzte Zone nach Marseille. Aber auch dort wird er verhaftet und in mehreren Lagern interniert. Er flüchtet abermals und versucht, sich in die Schweiz abzusetzen. Der Versuch misslingt. Wander wird von der Schweizer Polizei aufgegriffen und in Ketten an die französische Vichy-Polizei ausgeliefert. Vom Lager Rivesaltes über das Lager Drancy wird Wander nach Auschwitz deportiert. Von dort kommt er in das Lager Groß-Rosen und nach Buchenwald, wo er im April 1945 die Befreiung erlebt. Seine Flucht und seine Lagererfahrungen hat Wander in den Büchern „Der siebente Brunnen“, „Hôtel Baalbek“, „Ein Zimmer in Paris“ und in seiner Autobiographie „Das gute Leben“ beschrieben.
1945 kehrt Wander mit einem Transport nach Österreich zurück, erreicht zuerst Salzburg und dann Wien. Er arbeitet als Zeichner, Fotograf und Reporter für die Zeitung „Der Abend“, später wird er Mitglied der KPÖ. Das Eigentum seiner Eltern erhält er nicht zurück. Als Wiedergutmachung bekommt er eine einmalige Zahlung. 1954 veröffentlicht er die Erzählung „Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben eines „Reporters“ in der Anthologie „Der Kreis hat einen Anfang“.
Auf Einladung des Johannes-R.-Becher-Institutes besucht er 1955 zum ersten Mal die DDR. Am 13. Juli 1956 heiratet er Maxie Brunner (1933-1977), eine ebenfalls aus Wien stammende Schriftstellerin und übersiedelt mit ihr in die DDR. Wander lebt dort als freier Schriftsteller und Publizist, wird Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR und schließt Bekanntschaften mit zahlreichen DDR-Autoren, u. a. mit Christa Wolf, Ralph Giordano und Erich Loest. Die Auseinandersetzung mit dem Regime verfolgt er aufmerksam, beteiligt sich aber nicht direkt daran. Allerdings tritt er 1968 aus der KPÖ aus. Nach dem Tod seiner Tochter Kitty und dem Tod seiner Frau kehrt er 1984 nach Wien zurück, wo er seither lebt. In zweiter Ehe ist er mit Susanne Wedekind (geb. 1954) verheiratet.
Die Bücher Fred Wanders bleiben in Österreich lange unbeachtet, da sie bei DDR-Verlagen erscheinen, Wander selbst wird von der literarischen Öffentlichkeit hierzulande nicht mit Österreich in Verbindung gebracht. Erst mit der Veröffentlichung des Romans „Hôtel Baalbek“ 1991 verstärkt sich die Rezeption seiner Werke.
"Der siebente Brunnen"
Wander, Fred: Der siebente Brunnen (Lesung eines Textausschnittes)
Geschichtenerzählen im KZ. Lesung aus dem Buch „Der siebente Brunnen“. Aus der Sendung Tonspuren (ORF, Ö1, 30.9.1990 1990). Dauer: 0:59 min.
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Durch die vielen eingeflochtenen Erzählungen und Anekdoten beschwört der Text aber auch die untergegangene jüdische Kultur in Europa, versucht, sie nochmals zu vergegenwärtigen. Berichte aus dem Warschauer Ghetto wechseln sich mit dem Lebensbericht eines jüdischen Schneiders aus Amsterdam oder dem eines französischen Widerstandskämpfers ab. Die Bandbreite jüdischen Lebens – vom Ostjudentum bis zum assimilierten jüdischen Akademiker – wird immer wieder sichtbar gemacht. All diese individuellen Erzählungen stehen am Rande der Vernichtung. Ihre Erzähler wissen eines ganz genau: sollten sie zurückkehren, die Hölle des Lagers überleben können, würden sie ihre alte Welt nicht mehr wiederfinden können.
Steiner 1997, 19
Wander zeigt aber auch, dass das Lager nicht das Ende der Geschichten sein muss. Wie Menschen unter diesem Terror ihre Würde zu wahren versuchen, wie sie sich Menschlichkeit und Ordnung in diesem von den Nationalsozialisten inszenierten Chaos zu retten trachten, das sind die Themen seiner Erzählungen. Wander gibt den Leidenden Namen und Geschichte und schreibt so gegen das Ziel der Mordmaschine Konzentrationslager an, die ihre Opfer vollständig auslöschen wollte. Wie in seinen anderen Erzählungen und Romanen („Hôtel Baalbek“, „Ein Zimmer in Paris“) kontrastiert Wander auch hier das friedliche Leben, das er in seiner schillernden Vielfalt beschreibt, mit der Erfahrung der Verfolgung, des Exils, des Lagers und seiner zügellosen Gewalt.
Erzählen ist hier nicht nur Gegenwehr, sondern bindet das Geschehen auch in einen eschatologischen Zusammenhang ein. Darauf verweist unter anderem das Zitat des legendären Rabbi Löw, das der Erzählung vorangestellt ist und ihr den Titel gibt:
„Der Fluch auf uns ist wie das Wasser des siebenten Brunnens. […] Der siebente Brunnen aber wird wegspülen, was du angehäuft hast, die goldenen Leuchter, das Haus und deine Kinder. Nackt wirst du zurückbleiben wie Hiob, als kämest du aus der Mutter Schoß. Und das lautere Wasser des siebenten Brunnens wird dich reinigen, und du wirst durchsichtig werden, selbst der Brunnen, bereit für zukünftige Geschlechter, auf dass sie entsteigen der Dunkelheit, reinen und klaren Auges, das Herz ganz leicht.“
Wander 1987, 42
Das Erdenleben ist nichtig, aller Reichtum, alles Glück kann von heute auf morgen zerstört sein. Aber dieses Leiden, diese Qualen haben einen Sinn. Sie sind als Prüfung, als Läuterung zu verstehen. Denn am Ende wird der Geprüfte, der Geschlagene der Dunkelheit entkommen, er und seine Nachkommen werden das Heil erlangen. Das ist, wie im Zitat angeklungen, die Geschichte Hiobs, es ist aber auch die Geschichte vieler anderer Helden der Verkündigungsreligionen. Und in dieser Geschichte bildet sich auch das Werk eines Alchemisten wie Rabbi Löw ab. Man muss durch die Hölle, um in den Himmel zu gelangen. Wenn Wander die Erzählung in diesen Rahmen stellt, versucht er dem sinnlosen Schrecken die Spitze zu nehmen, ihm eine Bedeutung zu geben, die vordergründig nicht fassbar scheint, aber die den Schrecken erträglicher macht. Wander stellt seine Erzählung vom siebenten Brunnen, die einen erlösenden Ausgang verheißt, gegen das Chaos der Nationalsozialisten.
"Ein Zimmer in Paris"
In einem alten Hotel in Paris treffen sich vier Freunde. Dreißig Jahre sind vergangen, seit sie einander zum erstenmal sahen. Sie waren Emigranten, auf der Flucht vor den Nationalsozialisten. Die Zimmer, die Boulevards, die Straßencafés, die Parks wecken gemeinsame Erinnerungen und Erfahrungen. Die Gedanken des Erzählers gleiten zurück durch die Jahrzehnte, bleiben an Episoden haften und kehren immer wieder in die Gegenwart zurück. Einer der Freunde, Grünberg, verliert während dieser Reise durch die Zeit und die Erinnerungs-Bilder seinen Halt: Er flüchtet in Medikamente und verschwindet spurlos.
In die Handlung, die etwa Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts spielt, schieben sich immer wieder Episoden aus der Zeit des Krieges, des Exils und der Flucht. Sie überschatten die Heiterkeit und die Lust, mit der sich die Freunde anlässlich ihres Wiedersehens in das Pariser Leben stürzen. Es scheint, als versuchten sie, die verlorene Zeit einzufangen, wieder gutzumachen und die schrecklichen Erfahrungen von Exil und Konzentrationslager aufzuheben. Dabei geraten sie immer wieder aus der Spur eines konventionellen Wiedersehens, versinken mit einer unbürgerlichen Exzentrik in ihren Streifzügen. Exil ist mittlerweile zum Alltag geworden, zum Antrieb dieser unaufhörlichen Flucht, in die einige Geheimnisse eingewoben sind, die sich erst am Ende (tragisch) entschleiern.
„Bap hatte uns schon am Morgen gesagt, daß er sich entschieden habe, Europa zu verlassen. Vorher jedoch wolle er seine Tochter besuchen. Eine Tochter? Es war nicht zu fassen, davon hatten wir in all den Jahren nicht einmal eine Andeutung gehört.“
Wander 1995, 143
Das Leben der Boheme, der lässige Müßiggang in den Cafés, die erotischen Abenteuer sind die Fassade, hinter der sich die Angst der Verfolgten, der Lagerinsassen verbirgt. Jeder Ort ist unsicher, denn seit Buchenwald verfolgt den Erzähler ein Alptraum.
„Der nie endende Alptraum meines Lebens (ich muß das einmal sagen) wiederholt sich meist kurz vor dem Erwachen: Ich sitze im Bett, kalter Schweiß auf der Stirn, stiere mit glasigen Augen um mich, sehe das Zimmer, die schäbigen Möbel, das Fenster, den grauen Himmel draußen, weiß aber nicht, wo ich bin. Angst würgt mich, ist das noch Buchenwald? Haben sie uns dabehalten, so viele Jahre nach dem Krieg; oder ist das ein Polizeiarrest in Marseille, ein Hotelzimmer in Paris, irgendeine schäbige Dachkammer in Amsterdam oder Wien?“
Wander 1995, 77
Quelle: Hans Marsalek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Wien: Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen 1980, 119. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Marsalek.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
So unterschiedlich die vier Freunde, Gerson, Grünberg Baptiste und der Ich-Erzähler Jossl auch sind, ihr Leben ist durch Entwurzelung und Flucht bestimmt. Im Grunde haben sie nie aufgehört davonzulaufen und umherzuirren, auch als die Bedrohung durch die Nationalsozialisten längst vorbei war. Ihre Lebensentwürfe zerfallen in einzelne Episoden, die vordergründig wenig miteinander zu tun haben. Das verbindende Element ist ihre Freundschaft, die aus der Flucht, der Vertreibung entstanden ist. Sie bildet den Motor der Erinnerungsarbeit, der unablässig Bilder produziert auch dann, wenn sich die Figuren ihrer überdrüssig wähnen.
Alle vier versuchen sich in einem sogenannten bürgerlichen Leben, brechen aber immer wieder aus. Gersons Mystik, Baptists Erotomanie und Grünbergs Wahnsinn sind unterschiedliche Ausprägungen ein und derselben Haltung. Es ist der Versuch, das wahre Leben zu finden, zurück zu erlangen, was ihnen von ihren Verfolgern genommen wurde.
Wenn sie zusammen sind, können sie den Schrecken für eine Zeit bannen, einander stützen. Das bohemehafte Leben verspricht Erlösung, weil es sich über bürgerliche Schranken hinwegsetzt, Zwänge ignoriert. Wenn Baptiste und der Ich-Erzähler in einem Café sitzen und die vorbeiziehende Menge betrachten, sich fragen, wer dieser oder jene wohl ist, dann nehmen sie sich aus dem Getriebe der Welt heraus und sind für diesen Moment unantastbar. Die Obsession des Ich-Erzählers ist es, diese Geschichten, eigentlich zahllose Fragmente, festzuhalten. Dafür wird er von den anderen für verrückt gehalten, auch weil er glaubt und hofft, sich durch das Erzählen befreien zu können. Denn der Erzähler tritt einen Schritt zurück, um den Gegenstand seines Interesses genauer betrachten zu können. Dabei werden nicht nur die sehr unterschiedlichen Schicksale seiner Freunde erzählt, sondern auch unzählige andere Geschichten aus einer jüdischen Vergangenheit, die durch den Holocaust zerstört wurde.
In einem zentralen Punkt gleichen sich aber alle Geschichten. Die Vertreibung und die Internierung haben das frühere Leben der Flüchtlinge zerstört, aber auch nach dem Krieg lässt sich für die NS-Opfer kein völliger Neuanfang realisieren. Günther Anders fasste diesen Zustand 1962 in Post Festum zusammen:
„Kennzeichnend für uns ist nicht, daß unser Leben durch ein (unerinnerbares) Intermezzo eine Unterbrechung erfahren hat, sondern daß die Zerfällung unseres Lebens in mehrere Leben endgültig geworden ist; und das heißt, daß das zweite Leben im Winkel vom ersten absteht, und das dritte wieder vom zweiten, [?] Nach jeder Knickung wurde das der Knickung vorausliegende Stück Leben unsichtbar.“
Anders 1985, 71
Der Erzähler versucht, dieses auseinandergefallene, mehrfach geknickte Leben durch den Akt des Erzählens wenn auch nicht wieder herzustellen so doch fassbar zu machen. Während er erzählt, befreit er sich. Nur scheint es mit dem Erzählen hier ebenso wie mit allen anderen Obsessionen. Wenn sie abklingen, kehrt der Schrecken zurück. Die Flucht beginnt von Neuem.
Hôtel Baalbek
Die Handlung des Romans spielt 1942/43 in Marseille in Südfrankreich. In dieser Hafenstadt treffen sich alle, die auf der Flucht vor den Nazis und dem mit ihnen kollaborierenden Vichy-Regime sind; jüdische Flüchtlinge, Mitglieder der Résistance und viele andere, die auf ein Ausreisevisum warten.
Wander, Fred: Situation der Emigranten in Frankreich/Hotel Baalbek
O-Ton Fred Wander – aus der Sendung Tonspuren (ORF, Ö1, 30.9.1990 1990). Dauer: 1:04 min.
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Die Stimmung in der Stadt ist aufgeheizt und nervös. Die Deutschen stehen schon an der Loire. Man rechnet damit, dass sie jeden Tag in Marseille einmarschieren.
Die Geschichte wird aus dem Rückblick erzählt – als Versuch einer Rekonstruktion. In die Beschreibung jener letzten Wochen in Marseille mischen sich immer wieder Szenen aus dem Konzentrationslager; Geschichten, wie sie Fred Wander in seinem Buch „Der siebente Brunnen“ erzählt hat.
Der Roman beginnt mit der verwickelten Geschichte der Tochter der Familie Jablonsky, eines wohl erzogenen jüdischen Mädchens, das durch die Zeitläufe zur Rebellin und Freiheitskämpferin wird. Katja täuscht vor, mit einem Schiff nach Amerika auswandern zu wollen. In Wirklichkeit hat sie sich der Résistance angeschlossen, die sich im Sommer 1942 auch in Marseille zu formieren begann. Der Erzähler wird in diese ersten dilettantischen Versuche des Widerstands am Rande verwickelt.
Er erinnert sich dann an seinen ersten Aufenthalt in einem französischen Internierungslager. Die Franzosen sperrten bei Beginn des Krieges alle so genannten feindlichen Ausländer ein, vor allem Österreicher und Deutsche. Dabei nahm man keine Rücksicht darauf, dass viele dieser Menschen vor Hitler geflohen waren.
Quelle: Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus. Ausstellungskatalog 1985, S. 144. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Hermann Kosel
Von überall treffen nun Meldungen über die Siege der Deutschen ein, überall sind sie im Vormarsch. Man will es nicht glauben, aber es sieht danach aus, als würden die Deutschen und die Japaner den Krieg gewinnen. Nachrichten vom Widerstand in Paris treffen ein. Andere Flüchtlinge erzählen von Deportationen. Ein Junge berichtet, wie seine Familie von den Nationalsozialisten aus ihrer Wiener Wohnung getrieben wurden. Nur er war entkommen. Jetzt will er in den Widerstand.
Der Hotelbesitzer legt dem Erzähler nahe, sich freiwillig in einem Internierungslager zu melden. Dort sei man vor dem Zugriff der Deutschen sicher. In der Stadt wird es zusehends gefährlicher. Die Polizei führt verstärkt Kontrollen durch, alles weist auf den Einmarsch der Deutschen ihn.
Der Erzähler fährt mit seinem Zimmerkollegen Joschko nach Adge, ein Lager in den Dünen vor der Stadt, das er bereits kennt. Zwei Tage später bringt man ihn zur Arbeit in einen Steinbruch. Dann erfahren sie, dass eine Kommission der Deutschen unterwegs ist, welche die Internierungslager nach verdächtigen Personen durchsucht. Gemäß dem Waffenstillstandsabkommen von 1940 ist das Vichy-Regime verpflichtet, diese Personen auszuliefern.
Moritz Lederer, Joschko und der Erzähler beschließen in die Schweiz zu flüchten. Der Erzähler hat wenig Glück. Zwar gelangt er in die Schweiz, aber die dortige Polizei, von der er eigentlich Hilfe erwartet hat, liefert ihn – in Handschellen – an die Garde mobil aus. Er wird im Barackenlager von Riversaltes interniert und von dort nach Auschwitz deportiert.
Am Ende der Erzählung sind wir im Jahr 1962 angelangt, der Erzähler hört, dass Katja noch lebt und sich auf eine Insel bei La Rochelle zurückgezogen hat. Bevor der Erzähler dorthin fährt und feststellt, dass besagte Frau nicht Katja ist, erfährt er, dass sein Freund Sascha an Lungenkrebs leidet und bald sterben wird. In einem ihrer letzten Gespräche meint Sascha resignierend:
„Weißt du, wir haben geglaubt […], die Toten von Auschwitz hätten alles verändern müssen. Nichts hätte so sein dürfen wie vorher. Das Wissen über Auschwitz würde die Menschheit reinigen vom Gift des Hasses, haben wir geglaubt. Aber es war eine Illusion. Und das ist der Wahnsinn unserer heutigen Zeit, daß es nicht so ist. Auschwitz ist nicht Vergangenheit, es ist noch gegenwärtig, Auschwitz ist heute dort, wo die Menschen hungern, wo Hunderttausende im Elend und vor Hunger sterben, und die Satten sehen es nicht, wollen es nicht sehen, die Welt sieht es nicht, so wie sie Auschwitz nicht sehen wollte!“
Wander 1994, 214
"Das gute Leben - Erinnerungen"
In seiner Kindheit hatte Fred Wander den allgegenwärtigen Antisemitismus in Wien zu spüren bekommen. Später wird er durch den Bürgerkrieg von 1934 und das Dollfuß-Schuschnigg Regime politisch sensibilisiert.
Als Einundzwanzigjähriger erlebt Wander den Einmarsch Hitlers in Österreich, er sieht, wie die Menschen jubeln. Ein zufällig belauschtes Gespräch auf der Mariahilferstraße bringt Wander auf die Idee, bei Nauders, im Dreiländereck Österreich-Italien-Schweiz, die Grenze zu überschreiten.
Im April 1938 flüchtet Wander aus Österreich. Mit dem Zug fährt er nach Nauders. Ohne Karte macht er sich auf den Weg. Er läuft beinahe zwei Grenzposten in die Arme, erreicht nach langer Wanderung die Schweizer Grenze und wird dort von einem Gendarmeriebeamten aufgegriffen. Dieser stempelt Wander kurzerhand zum Kommunisten. Denn nur politische Flüchtlinge werden in der Schweiz aufgenommen. Drei Wochen sitzt Wander wegen unerlaubten Grenzübertritts im Gefängnis von Pontarlier. Dann wird er von den Schweizer Behörden nach Frankreich abgeschoben, wo er abermals verhaftet wird. Er hat keine Papiere und kein Geld.
Im Mai 1938 gelangt Wander nach Paris. Er ist von dieser Stadt sofort begeistert. Seine Ankunft in Paris empfindet er als Neubeginn, als ‚Gefühl von einem völlig neuen Leben‘. Bald lernt er andere Exilanten kennen und findet einen Schlafplatz in einem Asyl.
„Meine Ankunft in Frankreich war für mich gleichbedeutend mit der Wahrnehmung, ohne ständige Beschimpfung und Entwürdigung zu leben. Und vielleicht ist mir diese Leichtigkeit des Daseins erst später bewusst geworden. Paris hatte mein Leben verändert und die Demütigungen geheilt, die ich als jüdisches Kind in Wien erfahren hatte.“
Wander 1999, 16
Anfänglich denken viele Flüchtlinge, dem Nationalsozialisten für immer entkommen zu sein. Aber bald wird klar, dass Hitler mit seinen Angriffen nicht bei Österreich, nicht bei Polen und nicht bei der Tschechoslowakei halt machen wird. Dennoch wähnt man sich in Frankreich sicher. Aber schon bald gibt es Gerüchte über Hitlers Einmarschpläne in Frankreich. Erste Nachrichten von systematischen Judenverfolgungen treffen in Paris ein. Niemand will daran glauben, aber das Gefühl der Sicherheit löst sich zusehends auf. Wander fährt quer durch Frankreich, verdingt sich als Anstreicher, arbeitet in den Weinbergen, besucht seinen Bruder in Lyon.
Bei Ausbruch des Krieges im September 1939 befindet sich Wander wieder in Paris. Die Stadt ist in Aufruhr. Schutzmaßnahmen werden getroffen, Kinder werden evakuiert. Der Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin vom 23. August ist für viele ein Schock. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Kommunisten als einzige ernsthafte Gegner Nazi-Deutschlands gegolten. Wirre Spekulationen, z. B. dass England und Frankreich sich lieber Europa mit Hitler teilen würden, als den Kommunismus zu stärken, kreuzen sich mit den Schreckensmeldungen aus Deutschland.
Im September 1939 werden alle deutschen und österreichischen Staatsbürger als feindliche Ausländer interniert.
Am 10. Mai 1940 greift Hitler-Deutschland Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Frankreich an. Schon vier Tage später erreichen deutsche Truppen Nordfrankreich. Am 14. Juli erobern die Deutschen Paris. Frankreich kapituliert.
Die internierten Exilanten werden in Lager im noch unbesetzten Süden Frankreichs gebracht. Wander soll sich im Sammellager Angoulème melden. Dazu hat er vier Tage Zeit, drei davon verbringt er in Paris.
Einige Male versucht Wander ein Visum für die USA zu bekommen. Aber das von seinem Onkel ausgestellte Affidavit ist (finanziell) zu schwach. Man muss mindestens 1000 US-Dollar vorweisen, damit die US-Behörden tätig werden.
„Die Amerikaner hätten Hunderttausende Menschen vor der Vernichtung retten können. Sie haben es nicht getan! Und selbst als sie von den Gaskammern in Auschwitz und Treblinka wußten, sahen sie dem Morden tatenlos zu. Die ganze Welt schaute zu.“
Wander 1999, 73
Wander streift durch den Süden Frankreichs, hält sich in Toulouse und Marseille auf. Die Ereignisse jener Zeit hat er in seinem Buch „Hotel Baalbek“ festgehalten.
Ein Fluchtversuch in die Schweiz im September 1942 scheitert und wird zum eigentlichen Ausgangspunkt der Deportation. Die Schweizer Polizei lieferte jüdische Flüchtlinge an die Deutschen oder in diesem Fall an das mit den Deutschen kollaborierende Vichy-Regime aus. Wander gelangt in das Lager Rivesaltes (bei Perpignan). Von dort wird er nach Auschwitz deportiert.
„Reden wir von der Deportation, dort bin ich mit meiner Chronik angelangt. Reden wir von den langen Zügen, in denen Hunderttausende Menschen aus allen Teilen Europas nach Auschwitz und Treblinka gebracht wurden, wo sie dann verschwanden […] Der Zug war sehr lang, vielleicht vierzig Waggons für je siebzig oder manchmal neunzig Menschen. Wie das Vieh, wenn es zum Schlachthof gefahren wird. Es gab weder Stroh noch Decken. […] Die faschistische Vichy-Regierung Frankreichs hat mehr als 80 000 Juden an die Nazis ausgeliefert!“
Wander 1999, 68
Warum hat sich niemand dagegen gewehrt? Warum haben sich all diese Menschen in Züge laden lassen? Diese Fragen stellt sich Fred Wander und findet keine Antwort.
Im Lager werden die Transporte von brüllenden SS-Leuten und einer Häftlingskapelle, die deutsche Schlager spielt, empfangen. Die Männer werden von den Frauen und Kindern brutal getrennt. Die arbeitsfähigen Männer bringt man in das Lager Groß-Rosen. Frauen, Kinder, Kranke und Greise werden ermordet. Viele der Häftlinge werden deutschen Industriebetrieben als Zwangsarbeiter zugeteilt. Erst sechzig Jahre später wird dieser Teil des NS-Terrors thematisiert und über Entschädigung für die Zwangsarbeiter in Deutschland und Österreich verhandelt werden.
Quelle: Hans Marsalek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Wien: Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen 1980, S. 345. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Marsalek.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Eine andere Frage, die mit dieser ursächlich zusammenhängt, betrifft die Täter:
„Was für Menschen sind das, die auf Befehl zu jeder Art Verbrechen, zu jeder Grausamkeit fähig sind? Waren es Psychopaten, Sadisten, Ungeheuer? Oder waren es vielleicht ganz gewöhnliche Leute, Kleinbürger, Durchschnittsmenschen, wie jeder von uns?“
Wander 1999, 76
Wander zitiert Elie Wiesel, ebenfalls Überlebender des Holocaust, der dazu meint:
„Ich, der ich dort gewesen bin, kann es immer noch nicht verstehen!“
Wander 1999, 76
Fred Wander berichtet vor allem in der Erzählung „Der siebente Brunnen“ von seinen Erlebnissen in den deutschen Konzentrationslagern.
Im zweiten Teil seiner Erinnerungen schildert Fred Wander seine Rückkehr nach Österreich. Zuerst gelangt er nach Salzburg und muss bereits dort, nochmals interniert, die Erfahrung machen, dass es eine unüberbrückbare Kluft zwischen ihm und den Bewohnern dieses Landes gibt. Niemand will etwas von den Konzentrationslagern wissen. Sobald deutlich wird, dass einer aus dem Lager kommt, wenden sich die Passanten von ihm ab, nicht selten ist auch unterdrückter Hass zu spüren.
Das Exil endet nie, man entkommt dem Lager niemals völlig. Das ist das Fazit, das Wander zieht.
In Wien angekommen wollte Wander neuerlich seine Ausreise in die USA betreiben. Tatsächlich schaffte er es, auf die Liste gesetzt zu werden. Aber nach einer neuerlichen Abfuhr der amerikanischen Behörden entschließt er sich in Wien zu bleiben und heiratet. Bis 1955 bleibt Wander in Wien und arbeitet als Fotoreporter für mehrere Zeitschriften, vor allem für die kommunistische Zeitung „Der Abend“. Er wird 1947 Mitglied der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und bleibt es bis 1968.
Die politischen Verhältnisse im Nachkriegsösterreich beurteilt Wander sehr kritisch. Die Entnazifizierung nimmt er als sehr unzureichend wahr, vor allem aber sieht er immer wieder Anzeichen, dass Faschismus und Antisemitismus aus dem alltäglichen Leben nicht verschwunden sind.
Als Schriftsteller hat Wander in Wien keinen Erfolg. Für sein Jugendbuch „Taifun über der Insel“, in dem er allegorisch seine KZ-Erfahrung beschreibt, findet sich kein Verleger. Auch ein Anlauf an der Schauspielschule bleibt erfolglos. Zwar wird Wander 1945 ins Reinhardt-Seminar aufgenommen, aber er bricht seine Ausbildung schon nach wenigen Wochen ab.
Wander lernt Elfriede Brunner (später: Maxie Wander) kennen. Sie stammt aus einer sozialistisch-kommunistisch geprägten Arbeiterfamilie. Viele ihrer Verwandten waren im Widerstand tätig. Wander ist nicht nur von dieser jungen Frau, sondern auch von ihrem Umfeld fasziniert. Hier vermeint er einen urwüchsigen, quasi unschuldigen Sozialismus zu erkennen.
Ab 1955 hat Wander reichlich Gelegenheit den real existierenden Sozialismus aus nächster Nähe zu beobachten. Auf Empfehlung des Chefredakteurs des „Abend“, Bruno Frei (1897-1988), erhält er ein Stipendium am Literatur-Institut Johannes R. Becher in Leipzig.
Im dritten Teil seiner autobiographischen Aufzeichnungen schildert Wander sein Leben in der DDR. Er kennt die Kritik des Westens, ist aber davon überzeugt, dass der Kommunismus maßgeblich zum Fall des Nationalsozialismus beigetragen hat. Im Vergleich mit dem Wien der 50er Jahre erscheint ihm die DDR als Hort des Antifaschismus. Und auch als Autor gelingt ihm hier der Durchbruch, was wohl wesentlich dazu beigetragen hat, dass er in der DDR blieb.
Als österreichische Staatsbürger unterliegen Fred und Maxie Wander nicht den strikten Reise-Bestimmungen der DDR. Sie reisen vor allem nach Frankreich. Ein Paris-Fotoband entsteht, der großen Erfolg hat. Die Rückkehr nach Wien wird immer wieder erwogen, schiebt sich aber aus den verschiedensten Gründen hinaus.
Den letzten Teil seiner Aufzeichnungen widmet Wander der Erinnerung an Maxie Wander und ihrer künstlerischen Arbeit. Sie starb 1977 in Berlin.
1984 kehrt Fred Wander nach Wien zurück. Aber aus dem Exil, aus dem Lager zurückgekehrt ist er nicht.
Fred Wander. Quelle: Mit der Ziehharmonika - Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Interview mit Fred Wander Wander vom 11.9.2000 (Wilhelm Kuehs), Dauer: 0:37 min.
Interview mit Fred Wander Wander vom 11.9.2000 (Wilhelm Kuehs), Dauer: 1:57 min.
Wander, Fred: Wechsel des jüdischen Namens nach dem Krieg
O-Ton Fred Wander. Aus der Sendung: Menschenbilder 5.1.97. Das gute Leben: Fred Wander zum 80. Geburtstag (ORF, Ö 1), Dauer: 0:42 min.
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Wander, Fred: Auswahl an der Rampe des KZ
O-Ton Fred Wander. Aus der Sendung: Menschenbilder 5.1.97. Das gute Leben: Fred Wander zum 80. Geburtstag (ORF, Ö 1), Dauer: 1:05 min.
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Wander, Fred: Schreiben über das KZ
O-Ton Fred Wander. Aus der Sendung: Menschenbilder 5.1.97. Das gute Leben: Fred Wander zum 80. Geburtstag (ORF, Ö 1), Dauer: 0:53 min.
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