Exil Porträts 08.) Hermynia Zur Mühlen (1883-1952)

Hermynia Zur Mühlen

Hermynia Zur Mühlen wurde als Hermine Isabella Maria Viktoria Gräfin Folliot de Crenneville 1883 in Wien geboren. Der Vater Franz Graf Crenneville (gest. 1920) war im diplomatischen Dienst der k. k. Monarchie tätig und nahm seine Tochter auf Reisen nach Nordafrika, den Nahen Osten und Europa mit. H. Z. M. erlernte mehrere Sprachen, erhielt Unterricht von Hauslehrern, besucht das Sacre Coeur in Algier und wurde nach dem Pensionat für Höhere Töchter in Dresden in Ebensee (OÖ) zur Volksschullehrerin ausgebildet. In diese Zeit fällt auch die starke Bindung zu ihrer engl. Großmutter, die für die liberale Haltung und das soziale Engagement H. Z. M. verantwortlich war.

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Titel: Zur Mühlen, Hermynia
Quelle: Bolbecher, Siglinde/Kaiser, Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien: Deuticke 2000, S. 723. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn:

1908 heiratet sie gegen den Willen ihrer Eltern Viktor von zur Mühlen (1879-1950), einen baltischen Gutsbesitzer, den sie 1918 verlässt. Zu dieser Zeit hält sie sich in Davos/CH auf, um eine Lungenerkrankung zu behandeln. Gemeinsam mit Stefan Isidor Klein, den sie 1938 in Bratislava heiratet, verlässt sie 1919 Davos Richtung Frankfurt. Sie tritt der KPD bei und betätigt sich als Übersetzerin, u. a. von Upton Sinclair, John Galsworthy, Nathan Ash, Max Eastman, Jerome K. Jerome, Henri Guilbeuax und Alexander Bogdanoff vorzugsweise für den Malik Verlag. (vgl. Altner, 81 f.)

Als Schriftstellerin tritt sie zu Beginn der 20er Jahre mit sozial- propagandistischen Romanen wie „Licht“ (1922) oder „Der rote Heiland“ (1924) sowie mit „Was Peterchens Freunde erzählen“ hervor und wird zur erfolgreichen Autorin sozialistischer Jugendbücher. Es erscheinen Essays und Romane. Gegen die Erzählung „Schupomann Müller“ (1924) wird Anklage wegen Hochverrats erhoben, das Verfahren aber ein Jahr später eingestellt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flüchten H. Z. M und Klein nach Wien. In einem aufsehenerregenden Brief lehnt H. Z. M. die Aufforderung ihres Verlages, die Mitarbeit an der Exilzeitschrift „Neue Deutsche Blätter“ (hrsg.: Oskar Maria Graf, Wieland Herzfelde und Anna Seghers) einzustellen ab und deklariert sich deutlich als Gegnerin des Nationalsozialismus.

Der Kampf gegen die NS-Herrschaft ist auch das Thema ihrer Exilromane. „Unsere Töchter die Nazinen“ erscheint erstmals im Juni/August 1934 als Fortsetzungsroman In der saarländischen Zeitung „Deutsche Freiheit“. H. Z. M. schildert anhand mehrerer Frauenschicksale die Mechanismen, insbesondere die opportunistischen Haltungen,die mit zum Siegeszug des Faschismus führten. Gleichzeitig kommt es zur Abwendung von der KP-Linie.

Nach der Flucht nach Bratislava im März 1938 Kontakt zu Prinz Löwenstein. H. Z. M. erhält ein Stipendium der American Guild for German Freedom. Arbeit am ersten Teil einer österreichischen Familiensaga „Ewiges Schattenspiel“; als Fortsetzungsroman vom Dezember 1938 bis März 1939 in der Berner Zeitung „Der Bund“ (engl.: „We poor shadows“, 1942). Gleichzeit Arbeit an dem Roman „Als der Fremde kam“, der als dritter Teil der Familiensaga konzipiert ist. Der zweite Teil gilt, wie der gesamte Nachlass, als verschollen.

Ab 29. Mai 1939 ist H. Z. M. auf der Flucht über Budapest, Jugoslawien, Italien, die Schweiz und Frankreich nach Großbritannien. Am 19. Juni 1939 trifft sie in London ein. Zu Kriegsbeginn wird das Ehepaar Klein kurzfristig nach Reigate evakuiert. Kontakt zum Austrian PEN, Unterstützung durch den Czech Refugee Trust Fund. Nach 1948 Übersiedlung nach Radlett in der Nähe Londons, wo H. Z. M. bis zu ihrem Tod wohnt. Insgesamt übersetzte H. Z. M. über 150 Romane und galt als eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Zwischenkriegszeit. In ihren letzten Lebensjahren geriet sie aber in Vergessenheit. Ihre Romane und Erzählungen wurden erst in den letzten Jahren wieder aufgelegt.

Ewiges Schattenspiel

„Ewiges Schattenspiel“ erschien zuerst als Fortsetzungsroman vom 8.11. 1938 bis zum 7.3. 1939 in „Der Bund“, Bern. Das „Prager Tagblatt“ druckte den Roman vom 5.4 bis zum 4.4. 1939 bis zum 9. Kapitel als Fortsetzung ab. Als Buch erschien der Text erstmals 1943 bei Free Austrian Book in London, allerdings nicht in der deutschen Originalfassung, sondern als Übersetzung. In Buchform liegt die deutsche Version erst seit 1996 vor. (vgl. Altner 1997, 219)

„Ewiges Schattenspiel“ ist der erste Teil einer Trilogie über die adelige Familie Herdegen, die nach dem Vorbild der „Forsythe-Saga“ von John Galsworthy angelegt sein sollte. (vgl. Thunecke, 1996, 242) Es erschien aber nur noch der dritte Teil unter dem Titel „Als der Fremde kam“.

Die Handlung dieses ersten Teils deckt den Zeitraum vom Wiener Kongress (1815) bis zur Revolution von 1848 ab. Das geistige Zentrum des Romans bildet Grand´maman Inez die mit ihrem unerschütterlichen Christentum, ihrem Glauben und Einsatz für Gerechtigkeit und Anstand. Jedes Familienmitglied untersteht ihren Befehlen und beugt sich ihren Urteilen. So verfügt sie etwa, dass ihr Enkel Stanislaus das Bauernmädchen Bozena heiraten muss. Grand´maman Inez sieht darin nur die Erfüllung ihrer Christenpflicht. Wie aber später klar wird, hat ihr Engagement für die Mitmenschen durchaus politische Aspekte. Da sie ihre Kinder und Enkel dazu erzieht, die christlichen Werte nicht nur als Lippenbekenntnisse zu betrachten, macht sie sie indirekt für die sozialistischen und revolutionären Ideen jener Zeit empfänglich. So gerät Joseph in den Ruf eines „roten Grafen“, weil er sich für die Freilassung des Sohns der Köchin einsetzt, der wegen revolutionärer Umtriebe im Gefängnis sitzt. Die Ignoranz der Obrigkeit treibt Joseph so weit, seine Karriere im Staatsdienst zugunsten seines Einsatzes für die Notleidenden zu opfern. Hier klingen die Ideen Leo Tolstois an, der einen christlich fundierten Anarchismus fordert, der anders als jener Bakunins auf Gewalt verzichtet und durch die konsequente Umsetzung christlicher Werte Gerechtigkeit schaffen will. Die geschichtliche Entwicklung spielt in das persönliche Leben der Protagonisten hinein, ohne allerdings im Roman explizit ausgeführt zu sein. Bekannte Persönlichkeiten wie Bauernfeld, Grillparzer und Lanner tauchen als Randfiguren auf.

Ein weiter Aspekt des Romans, der in diesem Zusammenhang von Bedeutung ist, ist die Schilderung zahlreicher Exilschicksale. Schon Grand’maman Inez ist eine eingeheiratete Spanierin. Carl Herdeggens Frau Ludmilla stammt aus Polen. Josefs Frau Victoria stammt aus Frankreich und gerät während der Napoleonischen Kriege in schwere Gewissenskonflikte, entscheidet sich zunächst für Frankreich respektive Napoleon, kann aber die Liebe zu ihrer neuen Heimat Österreich doch nicht ganz verleugnen. Antoinette heiratet einen preußischen Grafen, und ist in dort äußerst unglücklich, weil sie einerseits in einen anderen verliebt ist und sich andererseits in der deutschen Atmosphäre unwohl fühlt. Dieser Unterschied zwischen der Donaumonarchie und Preußen wird von Zur Mühlen auch in Reise durch ein Leben abgehandelt. Weitere Exilschicksale zeigen sich im Gutsverwalter Monsieur de Venelles und dem Schweizer Hauslehrer Monsieur Venerius. Besonders schlimm trifft es Marie Christine, die einen polnischen Großfürsten heiratet und beim Krieg gegen Russland (1831) in Gefangenschaft gerät und nach Sibirien deportiert wird. Interventionen Grand’maman Inez beim Kaiser fruchten nicht, und so kann Marie Christine nicht zurückkehren.

Die Emigrationen, die hier geschildert werden, sind allerdings nicht, wie das Exil Zur Mühlens, kriegsbedingt und resultieren auch nicht aus Vertreibungen aus rassischen bzw. ideologischen Motiven, sondern sie gehören in die Kategorie der durch persönliche Gründe und Umstände bedingten Wanderbewegungen und Fährnisse. Schon hier wird die Eingewöhnung in eine neue Lebensform, das Fußfassen in neuer Umgebung als etwas äußerst Schwieriges, ja beinahe Unmögliches geschildert. Vor dem biographischen Hintergrund der Autorin lässt sich daher erahnen, in welcher Situation sie sich ab 1933 bzw. 1938 selbst befand. Wie bereits in früheren Texten, z. B. dem Roman „Das Riesenrad“ (1932) scheinen auch in diesem Roman zahlreiche autobiographische Züge durch, die freilich nicht das zentrale Moment ausmachen. Denn vielmehr geht es um das Wechselspiel von Privatheit und historischer Entwicklung, um wiederkehrende und archetypische Erfahrungsmuster. Bemerkenswert scheint noch, dass einige der Handlungselemente sowie einige Personenzeichnungen auch in anderen Romanen Zur Mühlens auftauchen.

Als der Fremde kam

Der Roman erschien zum ersten 1946 bei Frederick Muller in London unter dem Titel „Came the stranger“. 1947 veröffentlichte der Globus Verlag in Wien die deutsche Version. Die Handlung erstreckt sich zwischen dem Herbst und Winter 1937 bis zum Einmarsch der Hitlertruppen in das Sudetenland am 1. Oktober 1938.

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Titel: Exilwerke von Frauen erschienen oft verspätet (Eva Priester 1946, Hermynia zur Mühlen 1947)
Quelle: MdZ 12, Nr. 3, Oktober 1995
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Die Herdegers, die Haupthelden dieser Geschichte, gehören einem alten österreichischen Adelsgeschlecht an. Hermynia Zur Mühlen hat ihnen schon den Roman „Ewiges Schattenspiel“ gewidmet. „Als der Fremde kam“ ist der letzte Teil dieser Familiengeschichte, deren Mittelstück nicht existiert.

Der Roman schildert wie die Nazipropaganda in einem kleinen slowakischen Dorf um sich zu greifen beginnt. Ein Preuße, von Brachleben, ist jener Fremde, der im Hintergrund agiert und den Hass der Bewohner schürt. die Hauptprotagonistin Clarisse Herdegen sieht das Unheil nahen, als ihre deutschen Verwandten, die Bredars, auf den Gut Hrad auftauchen. Zunächst hält man es für unmöglich, dass die Versuche die Deutschen gegen die Slowaken, die Tschechen gegen die Ungarn aufzubringen, Erfolg haben könnten. Selbst als die ersten der Propaganda unterliegen, darunter Emma Leberfinger, eine Epileptikerin, die sich durch die Lehren Hitlers geheilt fühlt, denkt niemand daran, dass in der Tschechoslowakei sich deutsche Zustände durchsetzen könnten.

Diese Hoffnung trübt sich, als Hitler in Österreich einmarschiert. Eine Flüchtlingswelle ergießt sich über Bratislava und Prag und auch die Herdegers fürchten um ihre Verwandten in Wien. Tante Annerl und ihr jüdischer Mann Anton Braun.

Die positiven Figuren des Romans machen allesamt eine Wandlung durch. Clarisse gibt ihre Weltabgewandtheit auf und widmet sich letztlich wie ihr Mann Robert dem Widerstand. Ihr Vorbild dabei ist die alte Marianka Hrubin, eine tiefgläubige Bäuerin, deren Zuversicht und Kraft ein Licht in der Nacht ist und sie für alle erhellt, „die durch das Tal des Todes und der Finsternis wandern.“ (Zur Mühlen 1947, 346) In diesem pathetischen Schlusssatz ist die Botschaft des Textes angelegt.

„Die Gemeinschaft aller anständigen, aller guten Menschen“ (Zur Mühlen 1947, 220) wird sich von der Barbarei nicht auf Dauer unterdrücken lassen. Die anständigen Menschen scharren sich um Martha, die Schwester des Pfarrers, und da ist es egal ob sie nun Kommunisten, Sozialisten, Liberale oder Katholiken sind, solange sie nur gegen die Nazis kämpfen. Bemerkenswert ist vor allem Svata Hrubin, ein slowakischer Medizinstudent, der sich zuerst von der neuen Ideologie gefangen nehmen lässt, aber angesichts des festen Glaubens seiner Mutter und der Grausamkeiten, welche die Nazis gegen den jüdischen Arzt Dr. Silberthaler verüben, stellt er sich auf die Seite der Nazigegner. Der Pfarrer Monsignore Aladar Jeszennák hat bisher die Wurzel des Übels in philosophischen Schriften gesucht. Nun aber greift der ehemalige Husarenrittmeister wieder zu altbewährten Methoden und stellt sich dem Feind mit Wort und Tat entgegen.

Aber die Schutzaktionen, die diese kleine Gruppe Aufrechter während der ersten Pogrome durchführt, können den Lauf der Geschichte weder aufhalten noch verhindern. Als Hitler im Sudetenland einmarschiert und das Land ab diesem Zeitpunkt unter seiner Kontrolle steht, müssen die jüdischen Verwandten nach England weiterflüchten. Clarisse, ihr Mann und einige andere bleiben zurück. Sie haben nur die Hoffnung, dass dieser Spuk schnell vorübergehen würde.

Reise durch ein Leben

Der Hauptstrang der Erzählung verfolgt die Biographie der Komtess Erika Rautenberg. Sie wächst bei ihrer Großmutter in Gmunden auf. Schon hier lassen sich autobiographische Züge erkennen. Aber diese gehen, so scheint es, nicht über Anleihen die Zeitereignisse, die Landschaft und einige Charaktere betreffend, hinaus. Erika versucht schon früh, die Standesgrenzen zu überwinden, findet es ganz natürlich sowohl mit der Tochter des Gymnasialdirektors als auch der Tochter des Straßenkehrers zu spielen. Die Einwände der Erwachsenen überwindet sie, und deckt mit kindlicher Schlauheit die Widersprüche in deren Argumentation auf. Wenn man ein Christ ist und glaubt, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, wie kann man dann glauben, dass die Menschen vor den Menschen nicht gleich seien?

Erikas Mutter stirbt mit zweiunddreißig Jahren bei einem Reitunfall. Erika hat sie nur im Sommer gesehen, und ihre Eltern sind ihr eigentlich fremd. Dennoch markiert dieses Ereignis das Ende der Kindheit- denn schon wenig versucht die Großmutter dafür zu sorgen, dass sich Erika verheiratet. Von ihrem Vetter Nicki ist sie nicht sehr angetan und der junge Dandy interessiert sich auch eher für ihre bürgerliche Freundin Betty, die sich auch prompt in den Grafen Nicki Gaschin verliebt.

Die Rautenbergs sind ältester Adel und man beruft sich darauf, schon unter den Karolingern gedient zu haben, aber viele der Familienmitglieder gelten als verschroben. So auch der Exzellenzherr, der seinen Lebensabend in einer nahe gelegenen Villa verbringt, und damit beschäftigt ist, ein Werk gegen die Todesstrafe zu verfassen. Denn, so meint er, einer, der so viele Todesurteile wie er unterschrieben habe, kenne am besten die Gegenargumente und müsse sie formulieren. Ebenso eigenartig ist der Graf Emanuel Zierotan, der sich von seinem Diener beim Familiennamen rufen lässt und sich in seiner Burg vor der Welt versteckt. Er verachtet den Adel, weil er meint, dass seine heutigen Vertreter ihren Aufgabe nicht mehr nachkämen. Als jedoch die Regierung unter Dr. Karl Renner nach dem Ersten Weltkrieg den Adel abschafft, empört er sich allerdings darüber und lässt Visitenkarten mit seinem Adelstitel drucken.

Auch Erika ist nicht frei von solchen Eskapaden und besteht darauf, einen Bürgerlichen zu heiraten: Dr. Georg Steinbach, Rechtsanwalt aus Mainz und mit Betty verwandt. Zu ihrem Unglück setzt die Komtess ihren Willen durch. In Mainz wird sie nie heimisch, und ihr Sohn Wilhelm bleibt ihr fremd. Die einzige, mit der sie engeren Kontakt pflegt, ist Tante Minnchen. Sie hat sich dem Sozialismus verschrieben und ist überzeugt, dass die Internationale einen neuen Krieg verhindern werde. Erika kommt über sie zum ersten Mal mit dem Marxismus in Kontakt. Ihr Mann und die Familie wollen aber keine Frau, die sich mit politischen Bewegungen beschäftigt, sich für die Armen und Benachteiligten einsetzt, und behandeln Erika wie ein Kind, das von Dingen spricht, von denen es nichts versteht.

In dieser Zeit stirbt die Großmutter. Erika kehrt an den See zurück und fühlt, dass sie eigentlich nur hier heimisch ist. Allerdings verhindern die folgenden Ereignisse die Rückkehr für lange Zeit. Denn als Erika wieder nach Mainz zurückkommt, führt eine Zurückweisung durch ihren kleinen Sohn dazu, dass sie das Haus fluchtartig verlässt. Sie will zu ihrer Tante Nadine Gaschin, die auf Kururlaub in der Nähe weilt. Diese ist aber nicht im Hotel und so trifft sie auf Nicki. In ihrer Verzweiflung wirft sie sich in seine Arme. Die beiden brennen durch.

Der Skandal ist nicht zu verhindern. Aber um nicht noch mehr Aufsehen zu erregen, stimmen die Rautenbergs und die Gaschins zu, das Verhältnis zu dulden, solange die beiden nicht nach Österreich zurückkehren.

Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges besucht Nicki aber doch seinen geliebten Gutshof und meldet sich anschließend zum Kriegsdienst. Erika ist mittlerweile in die Schweiz gereist, wo sie Nicki noch einmal sieht. Er fällt wenige Monate später. In der Schweiz trifft sie auch ihre alte Freundin Betty wieder, die in der Zwischenzeit einen alten Botschafter geheiratet hat und nach dessen Tod, sich dem Wohlleben hingibt.

Nach dem Krieg kehrt Erika nach Österreich zurück. Sie ist erstaunt darüber, dass die meisten Menschen aus der Grausamkeit des Krieges nichts gelernt haben. Gleichzeitig sieht sie sich nicht in der Lage, gegen das neu heranwachsende Unheil, das nun andere Gesichter trägt, anzukämpfen. Wieder steht sie, wie schon als kleines Mädchen, vor scheinbar unüberwindlichen Schranken. Doch diesmal fehlen ihr der jugendliche Mut und die Kraft, den Kampf wieder aufzunehmen.

Der Roman wurde allgemein gelobt. Klaus Mann gratuliert Zur Mühlen in diesem Zusammenhang vor allem für die aufrechte Haltung gegenüber dem Engelhorn Verlag, der sie dazu aufgefordert hat, keine Beiträge mehr in Exilzeitschriften zu veröffentlichen, weil das einem „geistigen Landesverrat“ gleichkäme. Hermynia Zur Mühlen sah es jedoch als ihre vorrangige Pflicht, gegen das Nazi-Regime aufzutreten und anzukämpfen und ließ ihren mutigen Antwortbrief im Oktober 1933 in der „Wiener Arbeiterzeitung“ veröffentlichen.

Unsere Töchter die Nazinen

Erstmals auf deutsch und in Buchform erschien „Unsere Töchter die Nazinen“ 1935 im linkskatholischen Wiener Gsur-Verlag, den Ernst Karl Winter leitete. Zuerst war das Buch allerdings in norwegischer Übersetzung im Tien Norks Forlag in Oslo erschienen. (vgl. Altner 1997, 150)

Als Vorabdruck war er 1934 in der sozialdemokratischen saarländischen Zeitung „Deutsche Freiheit“ veröffentlicht worden. Da Hermynia Zur Mühlen Nazi-Deutschland erst kurz zuvor verlassen hatte, zeichnet dieser Roman ein relativ wahrheitsgetreues Bild der damaligen Situation (Thunecke 2000, 145), vor allem aber, trotz der illusionären Hoffnung auf Widerstand von Innen heraus, eine bedrückende Vision der sich rasch durchsetzenden Gewalt- und Terrorpraxis des Regimes, z. B. aus dem Mund der tief geschockten Gräfin Agnes.

„Ich sah, wie alle Menschen, die anständig und gut waren, ausgetrieben wurden, gemartert, gequält. Heimatlose, Flüchtlinge, die durch ihre bloße Gegenwart in den anderen Ländern die Schmach Deutschlands verkündeten. Ich sah uns in einem Abgrund versinken …“

Unsere Töchter, die Nazinen; Neuausgabe 2000, 57

„Wie aus einem Brief ihres Lebensgefährten Stefan I. Klein hervorgeht, ist der Roman sofort nach Hermynia Zur Mühlens Rückkehr in ihre Geburtsstadt Wien – am 1. April 1933 – begonnen und geschrieben worden und zählt somit zu den frühesten Zeugnissen der Exilliteratur überhaupt.“

Siegel 1995, 130f.

Der Handlungszeitraum erstreckt sich vom 3. Jänner 1933 bis zum Sommer des selben Jahres. Handlungsort ist eine süddeutsche Kleinstadt am Bodensee, der allerdings das österreichische Gmunden, das Zur Mühlen aus ihrer Jugend vertraut war, zum Vorbild gedient haben dürfte. Die Handlung wird aus drei Perspektiven (Kati Gruber – eine Arbeiterin, Gräfin Agnes Saldern und die Frau des Arztes Martha Feldhüter) erzählt, wobei die unterschiedlichen politischen Einstellungen und Sehnsüchte die Darstellung bestimmen. Die Frauen erzählen jeweils über ihre Töchter. Kati Grubers Tochter Toni wendet sich von ihrem sozialdemokratischen Elternhaus ab um zunächst dem Kommunismus zu folgen. Davon enttäuscht, wendet sie sich den Nationalsozialismus zu, wie ihre Mutter mit Schrecken feststellt. Als Toni bei den ersten Ausschreitungen gegen Juden und Nazigegnern sieht, wozu die Nationalsozialisten, vor allem die SA, fähig sind, schließt sie sich dem Widerstand an.

Gräfin Agnes sieht sich der neuen Bewegung zunächst hilflos gegenüber und kann auch ihre Tochter Claudia, zu der sie seit ihrer Geburt eine schwierige Beziehung unterhält, nicht davon abhalten, der NSDAP beizutreten. Als ihre Tochter beim Versuch, einen sozialdemokratischen Gemeindevorsteher vor den Nazis zu retten, ums Leben kommt, unterstützt die Gräfin aktiv den Widerstand, mit dem sie bereits vorher sympathisiert.

Frau Gruber und Gräfin Agnes bilden die für Zur Mühlen Romane charakteristische Allianz der wahren Aristokratie und des Proletariats gegen das Bürgertum. (vgl. Gauß 1992, 167) Martha Feldhüter ist hingegen die Verkörperung des gleichermaßen raffgierigen wie skrupellosen Mittelstandes. Ihr lange Zeit eher erfolglose und gesellschaftlich nicht entsprechend angesehene Mann wendet sich aus bloßer Berechnung dem Nationalsozialismus zu, und sie folgt ihm begeistert, weil sie erstmals die Chance auf volle Zugehörigkeit zur sozialen Elite auf sich zukommen sieht. Nachdem der jüdische Arzt (Dr. Beer) und seine Frau aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben, nehmen die Feldhüter deren Villa in Besitz. Sie spielen nun offen ihren latenten Antisemitismus aus, etwa, indem sie die Möblierung einem jüdischen Kaufmann, dessen Geschäft vor der Arisierung steht, abpressen und damit die schäbige Bereicherungshaltung weiter Teile des (klein)bürgerlichen Mittelstandes verkörpern. Die Tochter Lieselotte soll den künftigen Gauleiter heiraten, um die Position der Familie weiter abzusichern.

Am Ende des Romans beginnt sich der linke Widerstand zu formieren. Es hat den Anschein, dass der Nationalsozialismus aber auch von innen heraus (unzufriedene SA-Männer) sowie durch die im Untergrund organisiert verbleibende Linke wirksam bekämpft werden könnte, und so nur eine kurze dunkle Periode der deutschen Geschichte bleiben würde. Diese Optimismus sollte sich, wie wir wissen, nicht bestätigen.

Der damalige Gesandte Hitlers in Wien, Franz von Papen, intervenierte direkt bei Schuschnigg gegen den Roman und erreichte eine Beschlagnahmung. Von der Auflage (600 Stück) war aber zu diesem Zeitpunkt nicht mehr all zu viel im Verlag vorhanden. Man hatte schon an die Abonnenten ausgeliefert. (vgl. Altner 1997, 151) Es ist bezeichnend, dass man dem Verlagsleiter mit einer Anklage wegen Hochverrats drohte, weil er in dem damals ständestaatlichen Österreich antinazistische Bücher drückte. Das Buch wurde im Gegensatz zu anderen Romanen von Zur Mühlen auch nicht rezensiert. Erst 1983 kam es in der DDR zu einer Neuauflage des Romans. (vgl. Altner 1997, 152)

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Titel: Zur Mühlen, Hermynia - Intervention der Deutschen Gesandtschaft (1)
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv. Zitiert nach: Jörg Thunecke: Nachwort. In: Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter die Nazinen, Wien: Promedia 2000
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Zur Mühlen, Hermynia: Intervention der Deutschen Gesandtschaft (2)
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv. Zitiert nach: Jörg Thunecke: Nachwort. In: Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter die Nazinen, Wien: Promedia 2000
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Zur Mühlen, Hermynia: Pro domo 1
"Pro domo": Reaktion des Österreichischen Bundeskanzleramtes auf die Intervention des deutschen Gesandten in Wien (Franz von Papen) vom 15.12.1935 (Seite 1). Aus: Österreichisches Staatsarchiv (Nach: Jörg Thunecke: Nachwort. In: Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter die Nazinen, Wien: Promedia 2000.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
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Titel: Zur Mühlen, Hermynia: Pro domo 2
Quelle: Österreichisches Staatsarchiv. Zitiert nach: Jörg Thunecke: Nachwort. In: Hermynia Zur Mühlen: Unsere Töchter die Nazinen, Wien: Promedia 2000.
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Die Übersetzertätigkeit von Hermynia Zur Mühlen

Hermynia Zur Mühlen wuchs vielsprachig auf, und das Englische war ihr ebenso vertraut wie das Deutsche, das Französische oder das Russische. In ihrer Jugend lernte sie auch Spanisch und ein wenig Arabisch. (Altner 1997, 35) Nach ihrer Scheidung vom baltischen Gutsbesitzer Viktor von zur Mühlen begann sie um 1917 Romane zu übersetzen, um sich ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Roman „Unter dem Joch des Krieges“ von Leonid Nikolajew Andrejew erschien 1918 in der von René Schickele betreuten „Europäischen Bibliothek“. (Altner 1997, 57)

Insgesamt übersetzte sie mehr als 200 Romane und Erzählungen aus dem Russischen, Amerikanischen, Englischen und Französischen, 50 davon im englischen Exil. Zu den Autoren gehörten u. a. Upton Sinclair, den sie für den deutschsprachigen Raum entdeckte, Henri Guilbeaux, Jerome K. Jerome, Nathan Asch, John Galsworthy und H. S. Walpole. (vgl. Frakele 1992, 210)

Hermynia Zur Mühlen wählte die Werke, aber auch die Verlage, u. a. nach ihrem ideologischen Gehalt aus und wies mehrmals Aufträge zurück, weil die Texte und die Autoren ihren sozialistischen und kommunistischen Vorstellungen nicht genügten. So schlug sie ein finanziell verlockendes Angebot des Kurt-Wolff-Verlages aus und gab die Übersetzung des Sinclair Romans 100 Prozent an den Malik-Verlag. Der von Wieland Herzfelde geleitete Verlag bemühte sich um die Verbreitung kommunistischer Literatur. Für den Verlag war Upton Sinclair ein Glücksfall, denn der Autor erreicht im Deutschland der Zwischenkriegszeit große Popularität und seine Werke wurden zu Bestsellern. Hermynia Zur Mühlens Anteil an diesem Erfolg ist kaum zu überschätzen. Sie war die erste Übersetzerin Sinclairs und von den 32 Titeln die bis 1938 im Malik-Verlag von Sinclair erschienen, übersetzte sie 24. Weiters war sie die Initiatorin der Werkausgabe, die 73 Auflagen erlebte. Weitere Werke wurden unter anderem von Elias Canetti und dem Wiener Paul Baudisch, der 1941 in seinem schwedischen Exil Hemingways „Wem die Stunde schlägt“ übertrug, übersetzt. (Altner 1997, 71 ff.)

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Titel: Canetti, Elias
Quelle: Salzburger Nachrichten, 8. Mai 1990 (Sammlung Kurt Arrer).
MalerIn/FotografIn: Ohlbaum, Isolde

Beinahe zum Bruch zwischen Zur Mühlen, Sinclair und dem Malik Verlag kam es im Zusammenhang mit der Übersetzung des Romans „Boston“. Upton Sinclair schreibt in einem Brief vom 9. Dezember 1927 an Hermynia Zur Mühlen, dass ihm einerseits zu Ohren gekommen sei, dass ihre Übersetzungen seiner Bücher nicht adäquat sei, und so der Einfluss seiner Romane im deutschsprachigen Raum gemindert werde, und andererseits, dass er eine Kopie des Manuskriptes des neuen Romans direkt an den Malik Verlag schicke, damit dieser sich um eine Serienveröffentlichung kümmern könnten. (vgl. Grünzweig 1992, 346-350)

Zur Mühlen fühlte sich hintergangen und war von Sinclairs Haltung enttäuscht, aber auch von Herzfelde, der sich selbst als Sinclair-Übersetzer profilieren wollte, hatte sie sich anderes erwartet. Der Malik Verlag hatte mittlerweile den Besitzer gewechselt und Herzfelde war zwar nur noch Angestellter des Verlags, immerhin aber auch Aufsichtsratmitglied. Hermynia Zur Mühlen wirft dem Verlag vor, die Propaganda zu Gunsten des Kommerzes zu verraten. Die Schwierigkeiten hatten sich schon bei Sinclairs Roman „Petroleum“ abgezeichnet und schrittweise verstärkt. Der Verlag monierte immer wieder ideologische Stellen und drängte auf deren Streichung. Zur Mühlen setzte sich zur Wehr und beklagte sich darüber bei Sinclair. Beim nächsten Roman, „Der Sündenlohn“, wurde Hermynia Zur Mühlen vom Malik-Verlag ausgebootet, ohne dass Sinclair dagegen Einspruch erhob. Zur Mühlen versucht gegen den Malik-Verlag vorzugehen, und die Angelegenheit vor das Schiedsgericht des Schriftstellerverbandes zu bringen. Soweit kam es aber nicht. Absurderweise bot der Malik-Verlag Zur Mühlen die Übersetzung von „Boston“ zur Korrektur an, was sie empört zurückwies, da man sie vorher bezichtigt hatte, sie sei nicht in der Lage, das Werk adäquat zu übersetzen. Mit diesen Querelen endete Zur Mühlens Übersetzertätigkeit für den Malik-Verlag. Das Verhältnis zu Upton Sinclair kühlte merklich ab, ohne jedoch vollständig abzubrechen.

Anhang

Werkverzeichnis

    Forschungsliteratur

    • Altner, Manfred - Biographische Notizen zu Victor von zur Mühlen und Stefan I. Klein
    • Altner, Manfred - Hermynia Zur Mühlen. Eine Biographie
    • Altner, Manfred - Hermynia zur Mühlen. Konzeption einer Biographie
    • Bolbecher, Siglinde; Kaiser, Konstantin - Lexikon der österreichischen Exilliteratur
    • Brenner, Hildegard - Deutsche Literatur im Exil 1933 - 1947
    • Brinker-Gabler, Gisela; Ludwig, Karola; Woffen, Angela - Gabler, Gisela; Ludwig, Karola; Woffen, Angela - Lexikon deutschsprachiger SchriftstellerInnen 1800 - 1945
    • Dolle, Bernd - Hermynia Zur Mühlen
    • Frakele, Beate - Ich als Österreicherin...
    • Frakele, Beate - Reise durch ein Leben. Zum 40. Todestag Hermynia Zur Mühlens
    • Gauß, Karl-Markus - Markus - Kein Weg zurück aus Hertfordshire
    • Gauß, Karl-Markus - Markus - Tinte ist bitter
    • Grünzweig, Walter - Dear Comrade. Aus der Korrespondenz zwischen Hermynia Zur Mühlen und Upton Sinclair
    • Helfand, Natalija W. - Deutsche revolutionäre Schriftsteller und ihre Bundesgenossen 1918 - 1945
    • King, Lynda - From the Crown to the Hammer and Sickel. The Life and Work of Austrian Interwar Writer Hermynia Zur Mühlen
    • King, Lynda - Hermynia Zur Mühlen
    • Kraus, Karl - Zur Sigasax-Episode aus "Ende und Anfang"
    • Müssener, Helmut - Wir bauen auf Mutter'. Wie man sich 'draußen' das 'Drinnen' vorstellte. Zu Hermynia Zur Mühlens Roman 'Unsere Töchter die Nazinen'
    • Patsch, Sylvia M. - Österreichische Schriftsteller im Exil in Großbritannien
    • Siegel, Eva Maria - Junge Leute laufen jedem nach, der die Trommel schlägt. Warum kann das Gute keine Trommel schlagen?
    • Siegel, Eva-Maria - Maria - Unsere Töchter die Nazinen'
    • Staud, Herbert - Zum 100. Geburtstag von Hermynia Zur Mühlen
    • Thunecke, Jörg - Nachwort
    • Thunecke, Jürgen - Nachwort
    • Zintzen, Christiane - Schnitte durchs Leben. Hermynia zur Mühlen in Neuausgaben.
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