Exil Porträts 09.) Albert Drach (1902 -1995)

Albert Drach: Kurzbiographie

Albert Drach wurde am 17. Februar 1902 als Sohn eines Gymnasialprofessors in Wien geboren. Sein Vater wechselte später den Beruf und war im Vorstand der österreichischen Länderbank tätig. Drach besuchte das Akademische Gymnasium in Wien und veröffentlichte 1919 seinen ersten Gedichtband unter dem Titel „Kinder der Träume“. Dann studierte er Rechtswissenschaft an der Universität und promovierte im Jahre 1929. Schon 1926 wurde er von Hans Henny Jahnn (1894-1959) für den Kleist-Preis nominiert. Drach erhielt das Preisgeld allerdings nie ausbezahlt, da sein Stück „Satansspiel vom göttlichen Marquis“ offensichtlich Anstoß erregte. Die näheren Umstände rund um den Vorschlag Jahnns und die Ablehnung des Stückes sind bis heute nicht geklärt.

Von 1934 bis 1938 war Drach Rechtsanwalt in Mödling. Viele Anspielungen auf diese Tätigkeit sind in „Z.Z. das ist die Zwischenzeit“ zu finden. 1935 schrieb er auch das Anti-Hitler Stück „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“.

Am 26. Oktober 1938 flüchtet Albert Drach über Jugoslawien mittels eines Transitvisums nach Frankreich. Als die Deutschen in Frankreich einmarschieren, wird Drach wie viele andere interniert. Er flüchtet nach Südfrankreich und findet in Nizza Unterschlupf. Dennoch wird er noch mehrmals interniert, wobei es ihm immer wieder gelingt zu entkommen. Er entgeht mehrmals der Deportation nach Deutschland. Aus dem Sammellager Drancy werden Transporte in die Vernichtungslager der Deutschen geschickt. Drach versteckt sich in einem Bergdorf, wo er bis nach dem Krieg unentdeckt bleibt.

O-Ton Albert Drach – Porträt des streitbaren Dichters Albert Drach (Tonspuren, ORF, Ö1 1989). Dauer: 0:22 min.

Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.

Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

O-Ton Albert Drach – Porträt des streitbaren Dichters Albert Drach (Tonspuren, ORF, Ö1 1989), Dauer: 0:33 min.

Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.

Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

Bevor er 1947 erstmals wieder nach Österreich zurückkehrt, arbeitet er in Nizza als Dolmetscher für die amerikanischen Truppen. Viele seiner Manuskripte sind während der Exiljahre verloren gegangen. Er rekonstruiert später einen Teil davon mühsam. Drach ist wieder als Anwalt in Mödling tätig. Sein Haus erhält er erst nach längeren Verhandlungen wieder. 1954 heiratet er die Sängerin Gerty Rauch.

Sein Roman „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ erscheint 1964 bei Langen -Müller. Der Erfolg stellt sich unmittelbar ein. Eine Werkausgabe wird vorbereitet. Nach Schwierigkeiten mit dem Verlag wird diese Ausgabe 1972 vom Claassen-Verlag fortgeführt. Seit 1988 setzt der Hanser Verlag die Werkausgabe fort.

1984 schließt Albert Drach seine Anwaltskanzlei. 1988 erhält er den Georg-Büchner-Preis. Der Nachlass befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.

1996 wurde die Internationale-Albert-Drach Gesellschaft in Wien gegründet.

Werkbesprechungen

Albert Drachs Werk zeichnet sich besonders durch den ?Protokollstil? aus, der als das literarische Markenzeichen des Autors gilt. Er bedient sich einer auf die Spitze getriebenen Kanzleisprache, wie sie in Österreich während der Habsburgermonarchie ausgebildet wurde und lange danach gebräuchlich war. Mit der Wahl dieser Art des Schreibens signalisiert Drach Kritik und Ironie.

„Semantisch suggeriert das Protokoll eine Nähe zum Dokument, zum Faktischen, zum literarischen Gebrauchstext, zugleich aber auch zu öffentlich gemachter Privatheit und Alltäglichkeit, […]“

Kucher, Anwendungsfall des Zynismus, 1993, 21

Die Texte unterlaufen sich selbst in ihrer vermeintlichen Objektivität und zeigen so den ideologischen Gehalt der Sprache. Das Protokoll sei immer gegen den Menschen gerichtet (Kucher, Anwendungsfall des Zynismus, 1993, S. 21). Es wird eine Wirklichkeit hergestellt, in der der Mensch immer als Objekt behandelt und womit dessen Individualität negiert wird.

Was sich in den kleinen Protokollen ankündigt, wird in den thematisch zusammenhängenden Großprojekten „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“, „Z.Z. das ist die Zwischenzeit“, „Unsentimentale Reise“ und „Das Beileid“ weiter ausgeführt.

Der Protokollstil legt nahe, dass die Perspektive der Betrachtung die eines Rechtsstreites ist. Aber schon im „Großen Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ wird dieser Eindruck unterlaufen. Dem Angeklagten wird keine Möglichkeit eingeräumt, sein Recht einzufordern. So wird aus dem Angeklagten ein Opfer.

"Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum" (publiziert 1964)

In diesem Roman schildert Drach das Schicksal des Juden Schmul Leib Zwetschkenbaum. Exemplarisch werden Erscheinungsweisen und Mechanismen des Antisemitismus während der Ersten Republik dargestellt. Es wird gezeigt, wie jemand zum Opfer wird und sich sämtliche Vorurteile und Beschuldigungen auf ihm entladen.

„Angegangener [Zwetschkenbaum] beging jedoch die Unvorsichtigkeit, den Besitz irdischer Güter überhaupt in Abrede zu stellen, und wurde deshalb als unverschämter Saujude entlarvt […] Wie aber alle Prosa zuletzt in Poesie gipfelt, wenn die Erregung aus innerstem Gemüte zum Ausdruck drängt, geschah es auch im gegebenen Falle, als der in seinen angesprochenen Rechten sich verletzt Glaubende mit dem Volksspruch: ‚Jud, Jud, spuck in den Hut! Sag der Mama, das war gut!‘ seine Ausführungen beschloß.“

Drach, Zwetschkenbaum, 1964, S. 27 f

Zwetschkenbaum ist an den meisten Vergehen, die ihm zur Last gelegt werden, entweder gar nicht beteiligt oder wurde durch Betrug dazu verführt. Da er sich aber als Sündenbock und Spielball eignet, gerät er in die Mühlen der Macht.

Über die Geschichte Österreichs zwischen 1933/34 und 1938 können Sie sich in unseren Darstellungen „Das Exilland Österreich zwischen 1933 und 1938“ und „Als Exilant im austrofaschistischen Wien“ (zu Rudolf Franks Zeitroman „Fair play“) ausführlich informieren.

In diesem Protokoll erzählt ein junger Gerichtsreferendar die Geschichte des Schmul Leib Zwetschkenbaum. Der Roman spielt zur Zeit der Ersten Republik (1918-1934) und zeigt neben dem Schicksal Zwetschkenbaums vor allem die Vorurteile und Vorbehalte der Bevölkerung gegen die Juden. Am Ende des Protokolls tritt ein illegaler Nationalsozialist auf, der eine Begründung abgibt, warum man die Juden zum Sündenbock macht.

„Seit geraumer Zeit, mit geringfügigen Unterbrechungen schon seit der Arche Noahs, sei das Vorhandensein, die Reinerhaltung und abgesonderte Aufzucht von Juden durch deren besondere Eignung zum schwarzen Mann für die Völker gerechtfertigt gewesen. [?] Einmal das raffende vom schaffenden Kapital geschieden, würde sich die Menge mit der Zerreißung des Juden begnügen, den christlichen Nutzen aber unberührt lassen.“

Drach, Zwetschkenbaum, 1964, S. 285 f

"Z.Z." das ist die Zwischenzeit. Ein Protokoll (publiziert 1968)

Ein junger, jüdischer Anwalt will nicht wahrhaben, dass die Nationalsozialisten das austrofaschistische Österreich besetzen wollen. Er weiß um die drohende Gefahr, wird selbst Opfer von Ausschreitungen. Aber das alles bewegt ihn noch nicht zur Flucht. Erst im letzten Moment verlässt er das Land Richtung Jugoslawien. Der autobiographisch beeinflusste Roman lässt sich als Vorgeschichte zur „Unsentimentalen Reise“ lesen.

Dieser autobiographische Roman spielt in der Zeit zwischen 1935 und 1938, also während der austrofaschistischen Diktatur in Österreich und der anschließenden Annexion und Eingliederung Österreichs in das Dritte Reich. Protagonist ist ein Sohn, dessen Name verschwiegen wird. Er muss nach dem Tod des Vaters die Verantwortung für die Familie übernehmen.

Der „Sohn“ schlägt sich als Anwalt durchs Leben, hat einmal mehr, einmal weniger Erfolg. Seine berufliche Laufbahn scheint ihn aber wenig zu interessieren. Viel wird von seinen Liebesabenteuern berichtet, die allesamt eher glücklos verlaufen. Er wehrt sich nicht gegen die allgemeine Verfolgung der Juden, wiewohl er sich darüber empört und weiß, dass auch er nicht verschont bleiben wird. Erst als er selbst Opfer von Ausschreitungen wird und man ihn und seine Mutter aus dem Haus jagen will, ergreift er eine erste zaghafte Initiative und will sich mit List und Verweigerung aus der Affäre ziehen. An Flucht denkt er noch nicht. Sein Widerstandsgeist beginnt erst zu erwachen, als Hitler in Österreich einmarschiert. Er beginnt, sich für ein Visum zu interessieren, reist sogar nach Berlin, um bei verschiedenen Botschaften vorzusprechen. Der französische Minister der Botschaft zieht ihn ins Vertrauen. Dieser meint, erst wenn Hitler das Sudetenland verlangt, würden die Alliierten eingreifen. Der Sohn verlässt sich auf dieses vage Versprechen, denn er fühlt sich zur Flucht noch nicht bereit. Selbst als seine Schwester das Land verlässt, trifft er noch keine Vorkehrungen, um ihr zu folgen. Auch die immer heftiger werdenden Ausschreitungen veranlassen ihn noch nicht umzudenken. Erst als SA und SS sein Haus besetzen, dämmert es ihm endlich, dass eine Flucht unumgänglich ist. Dieses autobiographisch getönte Protokoll kann als Vorgeschichte zur „Unsentimentalen Reise“ gelesen werden.

"Unsentimentale Reise" (publiziert 1966)

Der Text ist autobiographisch und beschreibt die Flucht Albert Drachs durch Frankreich, schließt somit an „Z.Z. das ist die Zwischenzeit“ an. Drach tritt hier unter dem Pseudonym Peter Kucku auf und schildert seinen Weg durch verschiedene französische Anhaltelager, seine Flucht aus denselben und seinen Kampf mit den Behörden.

Peter Kucku verlässt am 25. Oktober 1938 Wien. Er flüchtet zuerst nach Zagreb, wo ihm der Pass abgenommen wird. Als sich herausstellt, dass er Schriftsteller ist, begegnet man ihm wohlwollender. Später sucht er bei einem Onkel in Frankreich Unterschlupf. Seine Bemühungen, seine Mutter und seine Schwester ebenfalls aus dem besetzen Österreich zu retten, scheitern. Seine Halbschwester, deren Papiere er mit sich führt, gelingt die Ausreise Richtung Afrika. Sie ist es auch, die ihn in weiterer Folge mit Geld versorgt.

Eine Intervention des Schriftstellers Guido Zernatto bleibt erfolglos. Kucku muss sich selbst um eine Aufenthaltsgenehmigung kümmern und wird ins Departement Nice ausgewiesen. Er versucht die Behörden davon zu überzeugen, dass er kein Jude ist. Die Abkürzung „IKG“ (Israelitische Kultusgemeinde) übersetzt er mit „Im Katholischen Glauben“.

Als die Deutschen Paris besetzen, wird Kucku wie so viele andere in ein Lager eingewiesen. Dort begegnet er dem Dichter Walter Hasenclever, der sich später in Marseille aus Verzweiflung das Leben nimmt. Kucku kann aber immer wieder aus den Lagern entkommen, wird aber auch wiederholt aufgegriffen und interniert.

Die französischen Behörden nehmen es anfänglich mit der Aufsicht nicht so genau. Als aber das Vichy-Regime an die Macht kommt, ist bald klar, dass die Juden an die Deutschen ausgeliefert werden. Über ihr Schicksal macht sich niemand Illusionen. Kucku schafft es, aus Rives Altes freigelassen zu werden. Er versucht, Geld aufzutreiben. Zum einen leiht ihm ein Bekannter (Festenberg) immer wieder größere Beträge, zum anderen ist er auf die Zuwendungen seiner Schwester angewiesen. Es schließen sich einige amouröse Abenteuer an, aus denen aber nichts Rechtes wird.

Auf Empfehlung einer Baronin sucht er eine Gräfin in dem Bergdorf La Commune auf. Er verliebt sich sogleich in die Tochter der Gräfin. Im Bergdorf ist er vorerst vor dem Zugriff der Behörden geschützt und bringt sich gemeinsam mit einem anderen Dichter über die Runden. Als die Alliierten im Vormarsch sind, setzt er sich für die Befreiung des Dorfes von den Deutschen ein und erreicht auch, dass die Amerikaner vorrücken. Aber durch ein Missgeschick wird diese Aktion für ihn zum Pyrrhussieg. Er hat zwei amerikanische Einheiten benachrichtigt, die sich dann gegenseitig beschießen.

Kucku übernimmt eher widerwillig Dolmetscherdienste bei den Amerikanern und macht sich durch seine Beflissenheit unbeliebt. Er hat es noch immer nicht aufgegeben, die Tochter der Gräfin für sich zu gewinnen. Er gibt sein letztes Geld aus, um mit ihr auf einen Ball zu gehen. Sie erwidert seine Liebe, aber durch einen unglücklichen Zufall werden die beiden von ihrer Liebesnacht abgehalten. Der ehemalige Dichter und Rechtsanwalt sieht sich am Ende seiner Reise von den Gespenstern der Vergasten verfolgt. Er hat überlebt, aber er zählt sich eigentlich zu den Toten.

„In meinem Zimmer, das eng ist wie ein Sarg, liege ich und möchte weinen. Aber Tote weinen nicht, und Tränen sind überhaupt nicht erlaubt auf einer unsentimentalen Reise. Ich weiß nicht, ob ich die Gashähne geschlossen habe, als wir nach dem halbrohen Abendessen noch Tee bereiteten, aber ich erhebe mich nicht, um nachzusehen. Das Zimmer scheint nach Gas zu riechen.“

Drach, U. S., 368

"Das Beileid" (publiziert 1993)

Mit diesem aus Tagebuchnotizen zusammengestellten Bericht setzt der Erzähler fort, wo die „Unsentimentale Reise“ endet. Nach einer gescheiterten Liebschaft und ohne Zukunftsaussichten im Exil gestrandet, sieht sich der Erzähler als wandelnder Toter. In seinen Tagebuchnotizen finden sich nur die laufenden Ärgernisse des Tages verzeichnet. Erst als er sich entschließt, wieder nach Wien zurückzukehren, ändert sich der Stil. „Das Beileid“ ist die Geschichte einer Rückkehr aus dem Exil, einer bitteren und einer über weite Strecken sehr unspektakulären Rückkehr.

Nach einem Ball, an den sich die erhoffte Liebesnacht nicht anschließt, lässt der Erzähler den Gashahn offen.

„Dabei war die Speise in einem mit Wasser gefüllten Gefäß wohl auf dem einflammigen Rechaud aufgestellt und die Gaszufuhr geöffnet, aber die Zündung unterlassen worden. So mußte, was als Versehen begonnen, zu einem Erstickungstode führen, den mir die Nazis zugedacht, dem ich aber durch geglückte List seinerzeit entronnen war.“

Drach, Das Beileid, 1983, 6

Nach und nach erfährt er, dass viele seiner Verwandten umgekommen sind. Er kämpft mit seiner Schlaflosigkeit und Unlust am Leben, das er nun als „Toter“ zu absolvieren hat. Seine erste Fahrt nach Wien wird ihm zu einem Deja-vu-Erlebnis. Wieder wird er mit den üblichen, ehemals von den Nationalsozialisten propagierten Vorurteilen gegen die Juden konfrontiert.

„Es muß aber noch das Abenteuer mit dem französischen Zollbeamten in mir gespukt haben, als ich bereits in Feldkirch auf den österreichischen gestoßen war, der ein direkter Nachkomme der hitlerschen Zöllnerdynastie gewesen sein mußte und mir trotz meinem gespenstischen Aussehen nicht glauben mochte, dass ich nichts Zuverzollendes mit mir führte, insbesondere in meinen Unterhosen und Socken, sowie unter dem Hemde keine verbotenen Valuten, Devisen, noch Gold und Diamanten verborgen hätte. Daß er auch nach meiner vollständigen Bekleidung mir nicht auch noch unter die Haut leuchtete, mußte ich ihm als Akt des Wohlwollens gutbringen. Währenddem durchsuchten seine Zollbrüder die mitgeführte Wäsche, die mit der vor neun Jahren aus Österreich ausgeführten identisch war und daher besonderen Verdacht erregt haben mußte. Weniger gefährlich erschien ihm ein österreichischer Direktor alliierter Betriebe, ein Universitätsprofessor, von denen der eine sogar aus England gekommen war. Vor ihnen zückten sie die Hand gewohnheitsmäßig zur halben Höhe zum Hitlergruß, zogen sie allerdings zum Salut an die Kappe zurück, als sie sich ihres Irrtums gewahr wurden. Jedenfalls verzichteten sie gehorsam, den Herrn Professor und den Herrn Direktor auf Mitgebrachtes zu überprüfen.“

Drach, Das Beileid, 1993, Droschl, Graz, 84 f.

Im Nachkriegsösterreich stößt er auf ähnliche Vorbehalte wie andere Exilanten. Er hätte es ja besser gehabt, hätte mit seiner Flucht die richtige Entscheidung getroffen und wäre dem Kriegsgräuel entgangen. Er sucht sein Haus in Mödling auf und findet es besetzt. Er ist dort nicht willkommen, erhält aber die Zusicherung, den Drachhof zurückzuerhalten, sobald die Alliierten ihn freigeben. Vorübergehend nimmt er seine Tätigkeit als Rechtsanwalt wieder auf. Er macht die Erfahrung, dass die so genannte Entnazifizierung hauptsächlich darin zu bestehen scheint, Nationalsozialisten nach Pro-forma-Verfahren an ihren angestammten Plätzen zu belassen. Die Rückkehr nach Österreich erfolgt schrittweise. Immer wieder kehrt der Erzähler nach Frankreich zurück, findet aber, dass er weder hier noch dort richtig Fuß fassen kann. Erst seine Heirat bringt ihn wieder dauerhaft nach Österreich zurück und befreit ihn von seinem Gespensterdasein.

Die nichtbeteiligten Protokolle (publiziert 1965)

Den Protokollstil hat Drach für verschiedene Themen und Stoffe eingesetzt, nicht nur für Politisches, sondern auch für Beziehungsthemen. Im distanziertem Ton, im Stil eines Gerichtsprotokolls, schildert Drach in seinen „nichtbeteiligten Protokollen“ zwei Lebensgeschichten: „Ironie vom Glück“ und „Martyrium eines Unheiligen“. In diesen Texten herrscht eine Atmosphäre der gleichgültigen Folgerichtigkeit vor. Es scheint so, als hätten die handelnden Personen gar keine andere Wahl, als von einem Unglück in das andere zu stolpern. Drach hält sich hier an das Motto: Das Böse passiert einfach. Es mag für alles Begründungen geben. Doch der Leser spürt, dass diese Rechtfertigung im Grunde nicht ausreicht, um den Lauf der Dinge in ein erklärendes Raster einzubetten.

 

Die ungemütlichen Protokolle (publiziert 1965)

In den „ungemütlichen Protokollen“ („Amtshandlung gegen einen Unsterblichen“, „Vermerk einer Hurenwerdung“ und „Apotheose der Langeweile“) schildert Drach vor allem, was man in Österreich euphemistisch Freunderlwirtschaft nennt. Die Strukturen der Macht sind von Korruption und Hinterhältigkeit durchsetzt. Am besten ist es, wenn man niemandem vertraut, nicht einmal sich selbst. Wie oft bei Drach geht es auch um unglückliche Liebe, um das Begehren, das gegen die gesellschaftlichen Konventionen verstößt. Und es wird auch auf die unterschiedlichen Auswirkungen hingewiesen, die eine moralische Verfehlung je nach Gesellschaftsschicht haben kann.

In „Amtshandlung gegen einen Unsterblichen“ steht der Dichter Arthur Rimbaud im Mittelpunkt. Auf seinem Weg nach Abessinien kommt Rimbaud nach Wien. Er schlägt sich mit korrupten Polizisten und diebischen Kutschern herum und lernt das „goldene Wienerherz“ von seiner steinharten Seite kennen.

In „Vermerk einer Hurenwerdung“ schildert Drach die sozialen Zustände der Arbeiterschicht und des Lumpenproletariats im Wien der Ersten Republik. Ausgangspunkt und Thema des Textes ist der soziale Abstieg eines Mädchens. Die soziale Verwahrlosung führt dazu, dass das Mädchen eine Prostituierte wird und in einem rumänischen Bordell landet. Am Schluss entpuppt sich der Protokollführer als Retter in der Not, der das gefallene Mädchen wieder aufrichten möchte.

In „Apotheose der Langeweile“ schließlich geht es um eine Frau aus besseren Kreisen, die für ihr langweiliges Leben Abwechslung sucht. Anna Margarethe, eine Frau offensichtlich mittleren Alters, mit einem wohlhabenden, aber nicht besonders aufregenden Mann verheiratet, langweilt sich zu Tode. Die ewigen Bälle und Einladungen, die Ausflüge und Kuraufenthalte bedeuten für sie nichts mehr, als dass eine Langeweile durch eine andere abgelöst wird. Drach interessiert sich protokollartig und erneut für den engen Zusammenhang zwischen Privatem und Öffentlichem, wenn auch nicht direkt Politischem. Zuerst nimmt die Frau einige zwielichtige Neureiche in ihren Kreis auf. Später gibt sie sich einem Lebemann hin. Diese Liebesaffäre wird durch die Neureichen an die Öffentlichkeit gebracht. Allerdings hat das weder für die gesellschaftliche Stellung der Frau noch für ihre Ehe nennenswerte Konsequenzen.

Die wohlwollenden Protokolle (publiziert 1965)

Die beiden Texte „Ein Herr mit Hut und ohne“ sowie „Vom Stift zum Gimpel, aber nicht wieder zurück“ thematisieren abermals die schier unabwendbare Macht des Schicksals. Die Protagonisten mögen sich auch noch so vorsehen, das Unheil naht mit Riesenschritten. „Ein Herr mit Hut und ohne“ ist die Geschichte eines Mannes aus der Provinz (Sebastian Nissenklauber), der den politischen Aufstieg schafft. Durch Heirat und Geschick gelangt er zu einem Nationalratsmandat. Aber das Parkett der großen Politik erweist sich für ihn als zu glatt. Er stolpert über eine Liebesaffäre mit einer Jüdin, seiner einzigen großen Liebe.

Die zweite Geschichte, „Vom Stift zum Gimpel, aber nicht wieder zurück“, erzählt vom privaten Glück und Unglück einer Familie. Wieder wählt Drach die Form des Protokolls, obwohl die Geschichte, die berichtet wird, gleichnishafte Bedeutungen enthält.

Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot (1935)

Albert Drach ist auch Dramatiker. Dieses Theaterstück, 1935 als Entlarvung der Methoden der Sprachmanipulation für politische Zwecke geschrieben, zeigt die Kasperlfigur des Wiener Kindertheaters als Verführer der Massen. Durch Betrug und Aufschneiderei gelangt er in hohe Positionen und regiert mit Menschenverachtung und Grausamkeit. Er selbst ist kein Mensch, sondern nur eine Puppe. Am Ende wird ihm aber das Netz aus Lügen, das er gesponnen hat, zum Verhängnis.

Albert Drach nimmt in diesem Theaterstück die Tradition des Kasperlstücks auf und wendet sie ins Politische. Kasperl verschreibt sich mithilfe des Bluts der Zuschauer dem Teufel und nimmt den Namen Siebentot an. Dann zieht er in die Welt hinaus, um Unheil anzurichten. Er lässt sich als Schneider in der Stadt nieder und bekommt auch gleich einen Vertrauten des Königs als Kunden. Kasperl entlarvt sich selbst schon in dieser frühen Phase als Demagoge: „Was die Leute ausspucken, klaub ich auf und geb es ihnen wieder zum Schlucken.“ (Drach, Das Spiel vom Meister Siebentot, 1965, 21)

Das Satansspiel vom göttlichen Marquis (1929)

Die Wandelbarkeit der Moral steht im Zentrum dieses Stückes. Zwar werden die sexuellen Eigenarten des Marquis de Sade geschildert, aber vor allem scheint es darum zu gehen, wie sich der Adelige die Revolution und die nachfolgende Republik zunutze macht. Der Marquis wird für seine einzige gute Tat, die freilich gegen die Regeln der Republik verstößt, hingerichtet.

 

Gottes Tod ein Unfall (publiziert 1972)

In dem vielschichtigen Stück tauchen sowohl das Böse als auch Gott in unterschiedlicher Verkleidung auf. Das Böse verhält sich aktiv, versucht die Menschen zu verführen, was auch gelingt. Gott gibt sich zurückhaltend und wird getötet. Ob es sich dabei um einen Unfall handelt, wie der Titel andeutet, wird nicht ganz klar. Vielleicht wurde Gott doch ermordet, das heißt mit Absicht aus dem Weg geschafft.

Über Albert Drachs poetische Leistungen, wie sie insbesondere in seinen bekanntesten Werken „Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum“ (1964) und „Unsentimentale Reise. Ein Bericht“ (1966) zum Ausdruck kommen, können folgendermaßen zusammengefasst werden:

„Die scheinbar unbeteiligte Darstellung der Leidenserfahrungen […] lässt eine fatalistische Haltung durchscheinen […] Mit seiner Kunst originell charakterisierter Figuren von Nestroyschem Zuschnitt, verwirrend-skurril gestalteter Handlungsabläufe und der verschnörkelten Amtssprache reiht sich Drach in die österreichische Literaturtradition ein, wobei ihm der Status eines literarischen Unikums zugemessen wurde, das sich ‚dem sowieso schon breiten Spektrum zwischen Gütersloh und Lebert, zwischen Doderer und Celan, zwischen Lernet-Holenia und Hochwälder als ein neue Nuance einfügt.‘ (Herbert Eisenreich).“

Cornelia Fischer: Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon, Band 4, 845

„Drach vermittelt ein authentisches Bild vom Exil mit seiner Atmosphäre aus Angst, bürokratischer Willkür, Zukunftslosigkeit und Geldnöten; er berichtet von Denunziation durch die Franzosen, verrat der Juden untereinander und von den Flügelkämpfen zwischen den Kommunisten und Gaullisten in der Rèsistance. Aus dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit in der Darstellung erwächst ein gleichsam immoralistischer Erzählstandpunkt, der sich der radikalen Offenlegung auch vulgärer, niederträchtiger und zynischer Regungen und Handlungen des Ich-Erzählers [in der ‚Unsentimentalen Reise‘] nicht verschließt.“

Cornelia Fischer: Unsentimentale Reise. Ein Bericht. In: Kindlers Neues Literatur Lexikon, Band 4, 846

Anhang

Werkverzeichnis

    Forschungsliteratur

    • Bortenschlager, Wilhelm - Enth. in: W. B.: Österreichische Dramatiker der Gegenwart. Kreativ-Lexikon
    • Böttcher, Kurt (Red.) - Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller. (Bd. 2:) 20. Jahrhundert
    • Egyptien, Jürgen - Im Schatten des Zwetschkenbaums. Judentum in Albert Drachs literarischem und essayistischem Werk
    • Fetz, Bernhard (Hg.) - In Sachen Albert Drach
    • Brauneck, Manfred (Hg.) - Autorenlexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts
    • Fischer, André - Albert Drach
    • Fischer, André - Neuausg. d.Werks
    • Fuchs, Anne - A space of anxiety: dislocation and abjection in modern German-Jewish literature
    • Fuchs, Gerhard; Höfler, Günther A. (Hg.) - Albert Drach
    • Gregor-Dellin, Gregor - Dellin, Gregor - Albert Drach
    • Heger, Roland - Albert Drach
    • Köttelwesch, Clemens (Hg.) - Bibliographisches Handbuch der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 2: 1945-1972
    • Kramberg, Karl Heinz - Einfalt/Ironie
    • Kucher, Primus-Heinz - Heinz - Anwendungsfälle des Zynismus
    • Kucher, Primus-Heinz - Heinz - Protokolle der Ausgrenzung und des Überlebens
    • Kunisch, Hermann (Hg.) - Handbuch der deutschen Gegenwartsliteratur. Bd. 1
    • Lennartz, Franz - Albert Drach
    • ohne Autor - Deutsches Literatur-Lexikon
    • ohne Autor - Internationale Bibliographie zur Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. II/2
    • ohne Autor - Internationale Bibliographie zur Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. IV/2
    • Preisendanz, Wolfgang - Laudatio
    • Preisendanz, Wolfgang - Vorrang des Komischen bei der Darstellung von Geschichtserfahrung
    • Schicht, Elisabeth - Albert Drach
    • Schobel, Eva - Bibliographie Albert Drach
    • Schobel, Eva - Nachlaß- und Werkdokumentation zu Albert Drach
    • Schondorf, Joachim - Selbstzerstörung eines Autors
    • Settele, Matthias - Der Protokollstil des Albert Drach
    • Stock, Karl F. u.a. - Personalbibliographien österreichischer Dichter und Schriftsteller
    • Strigl, Daniela - Ich war immer nur ein kleiner Anwalt
    • Vogelsang, Hans - Dokumentardramatik
    • Wilpert, Gero von, Gühring Adolf (Hg.) - Erstausgaben deutscher Dichtung
    Nach oben scrollen