Einleitung
1943 erschien in London eine Anthologie „Mut. Gedichte junger Österreicher“ unter der Verlagsbezeichnung „Verlag Jugend voran“. Nur wenige der jungen Flüchtlinge, die in dieser Anthologie zum Teil erstmals ihre Gedichte veröffentlicht haben, sind in der literarischen Öffentlichkeit, wie immer man sie ein- oder ausgrenzen mag, späterhin bekannt geworden: Arthur Rosenthal vielleicht, den wir als Arthur West kennen; „Oliva“, Eva Priester, hervorgetreten als Verfasserin einer „Kurzen Geschichte Österreichs“ in zwei Bänden; Heinz Karpeles, der unter dem Namen Heinrich Carwin einige aufführenswerte Stücke verfasst hat; Willy Verkauf, der unter dem Pseudonym André Verlon als Collagekünstler internationales Ansehen errang … Und ’natürlich‘ Erich Fried. Er, Hilfsbibliothekar im Londoner „Austrian Centre“, war es auch, der, einer erhalten gebliebenen Korrespondenz mit Willy Verkauf in Jerusalem zufolge, die Anthologie vermutlich zusammenstellte. (Brief E. Frieds an W. Verkauf, London, Juni 1943, Kopie im Archiv der Theodor-Kramer-Gesellschaft, Wien). Er hat dabei wohl eine Gratwanderung absolviert zwischen den instrumentellen Anforderungen der Geld- und Auftraggeber und der relativen Selbstständigkeit der Auffassung und Gestaltung, ohne die ein literarisches Gebilde, welcher Art auch immer, nicht einmal propagandistisch wirksam werden kann.
Brief E. Frieds an W. Verkauf, London, Juni 1943. (Kopie im Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien). Aus dem Brief zitiert Verkauf auch in seiner Autobiographie „Situationen. Eine autobiographische Wortcollage“, Wien 1983, 55 f. Fried nimmt in dem Brief höchstwahrscheinlich zu den von Willy Verkauf für die Anthologie „Mut“ eingesandten Gedichten Stellung. Der Kernsatz, was Fried selbst betrifft, lautet: „Man darf die Form nicht über den Inhalt zu kurz kommen lassen. Ich bin bestimmt kein Formalist, aber es gibt handwerkliche Regeln …“
Vergleichen Sie dazu auch unsere Überblicksvorlesung zum Austrian Centre.
Die instrumentellen Anforderungen ergaben sich schon daraus, dass die Exiljugendorganisation „Young Austria“ (aus der nach dem Krieg in Wien die „Freie Österreichische Jugend“ hervorgegangen ist) unter der Bezeichnung „Verlag Jugend voran“ ihre Propagandaschriften publizierte. Auch eine Zeitschrift der Organisation trug den Titel „Jugend voran“. Anfang 1942 zählte die Organisation an die 750 Mitglieder in 21 Gruppen in Großbritannien und in kanadischen und australischen Internierungslagern. (S. Bolbecher/K. Kaiser/J. M. Ritchie: Chronologie der kulturellen Ereignisse des österreichischen Exils in Großbritannien 1995, 356)
Quelle: Young Austria. Nachweis NL Erich Fried (Österreichisches Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Mit freundlicher Genehmigung von Volker Kaukoreit
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Titelblatt des hektographierten Vereinsorgans der Exiljugendorganisation „Young Austria/Junges Österreich“, die im März 1939 gegründet wurde. In der Zeitschrift finden sich viele Beiträge Erich Frieds und auch Hans Schmeiers. Die Zeichnungen wurden von künstlerisch begabten Mitgliedern mit einem Griffel direkt in die Wachsmatrize geritzt, die dabei leicht verdorben werden konnte. Mit dieser Vervielfältigungstechnik waren nur geringe Auflagen (maximal 1.000 Exemplare, wahrscheinlich aber weniger) möglich.
Fried war kein einfaches Mitglied der Organisation, sondern gehörte dem innersten Zirkel an, war Verfasser der inoffiziellen Young Austria-Hymne „Wir stürmen das Land“ und der englischsprachigen Propagandabroschüre „They fight in the dark. The story of Austria’s youth, based on actual facts“. Bis Spätherbst 1943 war Fried auch Mitglied der im Schoß der Flüchtlings-Massenorganisationen „Austrian Centre“ (mit insgesamt 7.200 Klub-Mitgliedern) und Young Austria tätigen und Kader für zukünftige Kämpfe rekrutierenden halblegalen Gruppe österreichischer Kommunisten in Großbritannien.
Quelle: Young Austria Nr. 2, 1941. Nachweis: NL Erich Fried (Österreichisches Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Mit freundlicher Genehmigung von Volker Kaukoreit und Wagenbach Verlag, Berlin, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Quelle: Am Alsergrund. Erich Frieds Jugendjahre in Wien (1921-1938). Texte und Dokumente mit einem Wiederabdruck der Londoner Exilbroschüre The Fight in the Dark. Hg. von Volker Kaukoreit und Wilhelm Urbanek. Wien 1995. Copyright: Österreichische Exilbibliothek im Literaturhaus, Wien, Sammlung Herbert Steiner. Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: Volker Kaukoreit (Hg)
Erich Frieds Gedicht „Das tote Haus“, in: Young Austria, Nr. 2/1941. Das Gedicht entstand in der Zeit des intensiven deutschen Bombenkriegs gegen Großbritannien.
Quelle: Erich Fried. Ein Leben in Bildern und Geschichten. Hg. v. C. Fried-Boswell und V. Kaukoreit. Berlin: Wagenbach 1996.. Mit freundlicher Genehmigung von Catherine Fried-Boswell und Volker Kaukoreit.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Erich Fried und Hans Schmeier im britischen Exil
Nach Frieds eigener Aussage soll ihm sein älterer Freund Joseph Kalmer (1898-1958), Journalist, Lyriker, Übersetzer und linker Sozialdemokrat, damals gesagt haben: „Wenn du so weitermachst, dann wirst du natürlich eines Tages unweigerlich den Stalin-Preis kriegen, mein Haus dürftest du dann aber nicht mehr betreten.“ (K. Kaiser: Gespräch mit Erich Fried. Exil in Großbritannien: Kalmer, Schmeier und andere, 1990, 81) Dass sich Fried jedoch im Spätherbst 1943 von der kommunistischen Parteiarbeit zurückgezogen hat, dürfte durch ein anderes Ereignis beschleunigt worden sein: den Freitod seines um drei Jahre jüngeren Freundes Hans Schmeier. Am 12. Oktober 1943 stürzte sich der 18jährige, ein begabter Lyriker, vom Dach seines Wohnhauses in London. Er hinterließ ein Abschiedsgedicht, das Fried mir aus dem Gedächtnis zitierte (er hat es, mit geringfügigen, uncharakteristischen Abweichungen, auch bei anderen Gelegenheiten zitiert):
So Erich Fried in einem Interview mit dem Bielefelder „StadtBlatt“, Nr. 9, September 1982, S.21, zitiert bei Volker Kaukoreit: Frühe Stationen des Lyrikers Erich Fried. Werk und Biographie 1938-1966. Darmstadt 1991, 55. – So auch in einer deutschsprachigen BBC-Sendung vom 11.11. 1963, nachgedruckt bei Gerhard Lampe: „Ich will mich nicht erinnern an alles was man vergißt.“ Erich Fried – Biographie und Werk. Köln 1989, 83. – Letzteren Hinweis verdanke ich dem Aufsatz von Jörg Thunecke: „Sein tiefstes Gesetz schreibt sich jeder allein“: Erich Frieds Exillyrik vor und nach dem 13. Oktober 1943. In: Exil (Frankfurt/M.) 18 (1998) 2, 85-107. Thunecke beschäftigt sich mit demselben Thema wie ich, Fried und Schmeier, nur dass sich Thunecke für Schmeier und seinen Tod in erster Linie als Baustein einer Fried-Biographie interessiert. – Thunecke fehlt, trotz der vielen Quellenangaben, die er aufbietet, ein wenig das „feeling“ für die innere Situation des österreichischen Exils in Großbritannien. Z. B. schreibt er, dass das Austrian Centre „kommunistisch unterwandert“ gewesen sei (23). Man kann den Kommunisten aber schwerlich vorwerfen, eine Einrichtung „unterwandert“ zu haben, die ohne ihre Initiative gar nicht existiert hätte. Da Thunecke die für das gesamte österreichische Exil – und gerade in Großbritannien ganz besonders – wichtige Diskussion um die Frage der österreichischen Nation einfach nicht zur Kenntnis nimmt und bloß – Helene Maimann zitierend – von der „Propagierung des patriotischen Deutschenhasses im FAM“ (Free Austrian Movement) spricht (94), kann er auch Frieds Position (bzw. deren Entwicklung) nur unscharf zeichnen. Von den meist sehr jungen Funktionären der kommunistischen Gruppe in Großbritannien entwirft Thunecke implizit ein Bild, das eher für Geheimdienstleute passt als etwa für Franz Bönsch, Albert Fuchs, Georg Knepler, Eva Kolmer, Arthur Rosenthal (d. i. A. West), Willy Scholz, Herbert Steiner, Franz Weintraub (d. i. F. West), mit denen Fried zum Teil auch späterhin freundschaftlichen Umgang pflegte.
Zum letzten Mal, zum letzten Mal will ein Gedicht ich schreiben. Es wird von mir und meiner Qual sonst nicht viel übrigbleiben.
Die Welt war gut, die Welt war gut, nur ich wußt nicht zu leben. Euch, Brüder voller Lebensmut, bitt ich, mir zu vergeben.
Was kommen mag, was kommen mag, ich weiß, ihr werdet siegen. Es kommt auch ohne mich der Tag, ach, laßt mich im Grab nur liegen.
Kein Ende gab’s für meinen Kampf als dies, sei’s früher, sei’s später. Ich fiel im Kampf, ich fiel im Kampf, macht mich nicht zum Verräter.
Frieds Schilderung, wir sprachen 1986, zwei Jahre vor seinem Tod, war so plastisch und scharf umrissen, dass ich mich selbst zu dem Gedicht „Hans Schmeier“ gedrängt fühlte:
Den Älteren bleibt Veronal. Du gehst fort mit dreizehn Jahren nach England im Kindertransport.
Man will die Sprache, die dir um den Mund geschmiert ist, nicht hören. Alle Tage mußt du die Scham durchqueren.
Doch kommen, mit dir zu spielen, ernstere Schatten, wollen dich reden hören in ihren Kämpfen mit Nazi-Ratten.
Deine Worte hüpfen nicht weit, werden von Mund zu Mund geringer. Andere Zeiten folgen deinem Leid. Brauchen dich als Dünger.
Mag aus befreitem Leibe blühn ein Rosenland zu deinem Trost schlägt immerhin ein Herz unterm Gewand.
Bevor du auf das Pflaster springst, möchtest du reden, hast in den Rock, in dem du immer gingst, den Zettel gegeben:
„Zum letzten Mal, zum letzten Mal will ein Gedicht ich schreiben … Seid ihr aus Stahl, ich bin nur Qual. Laßt mich nach Hause treiben.“
K. Kaiser: Durchs Hinterland. Gedichte. Innsbruck 1993, 63 f.
Man merkt wohl, dass sich mein Gedicht, ein wenig weiter ausholend, an Schmeiers letzte Worte herantastet und sich dabei auf Kenntnisse, Einsichten, vielleicht auch Dünkel stützt, die erst in einer späteren Zeit erworben werden konnten. Das Gedicht verschweigt die geschichtliche Differenz, in der es steht, nicht. Seine Entstehung war selbstredend nur dadurch möglich, dass mir Hans Schmeiers Gedichte schon vor dem Gespräch mit Erich Fried in österreichischen Exilpublikationen, wie dem Londoner „Zeitspiegel“, der Anthologie „Mut“, dem hektographierten Blatt „Young Austria“, und einer 1945 in Graz erschienenen Anthologie „Bekenntnis zu Österreich. Moderne Arbeiterlyrik“ (Bekenntnis zu Österreich. Moderne Arbeiterlyrik. Graz: Antifaschistischer Volksverlag 1945) aufgefallen waren. Eines von ihnen nahm Motive aus Frieds späterem Gedichtband „Österreich“ vorweg:
Bekenntnis zu Österreich. Moderne Arbeiterlyrik. Graz: Antifaschistischer Volksverlag 1945. 112 – Faktisch wurde der Band von dem aus Großbritannien zurückgekehrten Willy Scholz und dem im Widerstand aktiv gewesenen Spanienkämpfer Josef Martin Presterl herausgegeben. Ein großer Teil der Beiträge wurden aus den Anthologien „Zwischen gestern und morgen“ (London 1942) und „Mut. Gedichte junger Österreicher“ übernommen, aber es finden sich auch Originalbeiträge, so vor allem von dem 1943 hingerichteten jungen Grazer Widerstandskämpfer Richard Zach. Von Hans Schmeier sind die Gedichte aus der Anthologie „Mut“ übernommen.
Faksimile der Hans Schmeier-Gedichte „Herbstabend“ und „Sommerabende“ aus dem Band „Bekenntnis zu Österreich. Moderne Arbeiterlyrik“ (Graz 1945). Diese Gedichte wurden der von Willy Scholz aus London mitgebrachten Anthologie „Mut. Gedichte junger Österreicher“ (London 1943) entnommen. Scholz, der im Londoner Austrian Centre eine leitende Position eingenommen hatte und Mitglied der kommunistischen Gruppe gewesen war, wurde nach seiner frühen Rückkehr nach Österreich von der KPÖ nach Graz geschickt, um dort beim Wiederaufbau der kommunistischen Tagespresse mitzuwirken.
Widerspruch
Ist uns der Weg bekannt, den wir bereiten, führt er ins gute Land, wer kann uns leiten?
Nur aus Verzweiflungskraft wuchs uns oft Mut. Ein, ach, so müder Saft ist dieses Blut.
Tragen der Welt Zerfall und schon des Neuen Qual in einem Sein.
Wir sind das Zukunftswort und sind ein Strauch, verdorrt in Wüstenein.
Zitiert nach: Mut. Gedichte junger Österreicher. London 1943, 38
Das Gedicht lehnt sich an die Form des Sonetts an und scheint somit dem zu entsprechen, was man so im allgemeinen über die Funktion des Sonetts in der Lyrik des Exils und des Widerstandes sagt: dass die strenge Form des Sonetts der Abwehr einer als „chaotisch“ empfundenen Welt, der Bewahrung der eigenen bedrohten Identität diene, und dass die Hinwendung zum Sonett überhaupt den ästhetisch-restaurativen Tendenzen, dem Bekenntnis zu Tradition und überliefertem Wert entspringe, die der Lyrik jener Zeit (1930-1950) eben eigneten. Man verzeihe mir, wenn ich schlampige Gedanken auch noch schlampig wiedergebe. Man beruft sich zum Behufe solcher Deutung des Sonetts gern auf Theodore Ziolkowskis Aufsatz „Form als Protest. Das Sonett in der Literatur des Exils und der Inneren Emigration“ (R. Grimm/J. Hermand (Hg.): Exil und innere Emigration. Frankfurt/M. 1972, 153-172).
Ziolkowski betont jedoch auch, dass die „Vorliebe für das Sonett … in deutlichem Kontrast zum ästhetischen Geschmack der Reichsschrifttumskammer“ stehe, dass es „im Gegensatz zu den ‚arteigenen‘ Formen als eine betont fremde oder sogar ‚entartete‘ Gattung“ gegolten habe. (Th. Ziolkowski, 158 bzw. 162.) Damit erinnert Ziolkowski auch an den Ursprung des Sonetts in der italienischen Literatur, an die mit ihm gewonnene Selbstständigkeit des lyrischen Ausdrucks gegenüber dem Epischen. Auch hier, bei Hans Schmeier, ist die Anlehnung an die Sonett-Form nicht einfach als Sehnsucht nach einem sicheren Gehäuse zu deuten, in dem eine prekäre Zuflucht des erschütterten Selbstgefühls gesucht wird, sondern legitimiert sich aus dem Trotz, den dieses Gedicht, verdeckt zwar, zum Ausdruck bringt: Dass überhaupt ein Widerspruch zwischen der Zukunft und dem Zerfall der alten Welt ausgedrückt wird, behauptet doch ein Recht auf Gegenwart, auf eigene Entfaltung: versucht eine (lyrische) Abgrenzung gegen den die Individualität und ihre „Selbstverwirklichung“ aufhebenden (epischen) Mahlstrom der Erwartungen. Doch bleibt dies ein durch die Sonett-Form vermittelter Subtext des Gedichts.
Leben in einer Zwischenzeit – wir kennen dieses Geschichtsbewusstsein aus den philosophischen Schriften Heinrich Heines: Die alte Welt ist zerfallen oder noch im Zerfall begriffen, liegt, „Traum aller toten Geschlechter als ein Alp auf den Gehirnen der Lebenden“ (Karl Marx), und eine neue Welt ist noch nicht entstanden, ist nur erst „Qual“ und „Krampf“, nicht gelebte Wirklichkeit. Der junge Flüchtling, der das Gedicht „Widerspruch“ schreibt, ist zwar physisch auf Erden noch vorhanden, aber nur als Gefäß eines stählernen Willens, nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Mordregimes und der für gewiss angesehenen Rückkehr in die Heimatstadt Wien eine neue Wirklichkeit zu schaffen. Dieses Individuum, zusammengehalten von einem Willen, der nicht abreißen darf, und zerrieben von dem Widerspruch zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht, schöpft seinen Mut und Glauben aus der Verzweiflung.
Dies führt uns zu dem bemerkenswerten und bedenklichen Bekenntnis-Mechanismus von Schmeiers Gedicht, das ja mit dem Zweifel, mit der Frage anhebt, ob die, die führen (also, im konkreten Fall, die österreichischen Kommunisten in Großbritannien) wirklich den Weg kennen, und ob es tatsächlich ein „gutes Land“ ist, das ihnen als Ideal vorschwebt. Der Zweifel wird aber hier durch die Verzweiflung überwunden: In der schrecklichen Welt und Heimatlosigkeit, in der wir uns befinden, gibt Schmeier dem Leser zu verstehen, bleibt uns keine andere Wahl, als uns der Führung anzuvertrauen, wohin immer sie uns führen wird. Die Unterdrückung des Zweifels, die Aufgabe der Selbständigkeit wird zusätzlich motiviert durch das retardierende Moment, die Trägheit des Blutes, dieses „müden Safts“, dessen naturwüchsiger Widerstand gegen das willensgemäß zielorientierte Agieren eben weggespült, fortgerissen, überwunden werden muss. Und damit mündet Schmeiers Gedicht ins politisch-pädagogische Konzept der „Free Austrian Youth“ ein, die „Emigration als Kampfzeit, als Übergang zu einem besseren Morgen zu sehen.“ (Helene Maimann: Das österreichische Exil in Großbritannien 1938-1945, 1987, 20)
Der Zweifel, der durch die Verzweiflung überwunden werden muss, hat aber noch eine andere, vielleicht ‚tiefere‘ Schicht, die von Erich Fried selbst in seinem Gedicht „An Österreich“ angesprochen wird:
Nicht Liebe wär’s, von deiner Schuld zu schweigen, die tief dich beugt und dich zu brechen droht. Und diese deine Schuld wird ganz mein Eigen wie deine Berge und wie deine Not. Du sollst einst nicht nur mit dem Finger zeigen: Den argen Nachbar straft, der mir gebot!
Erich Fried: Frühe Gedichte. Mit einem Vorwort des Autors. Frankfurt 1989, 78; Erstausgabe 1986
Prophetisch heißt es da in dem spätestens 1946 entstandenen Gedicht weiter unten auch: „… und du wirst oft noch glatt sein von Betrug!“
Quelle: Erich Fried. Ein Leben in Bildern und Geschichten. Hg. v. C. Fried-Boswell und Volker Kaukoreit. Berlin: Wagenbach 1996. Mit freundlicher Genehmigung von Catherine Fried, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Identitäten
Das Bestreben, „die jungen, fast ausschließlich jüdischen Flüchtlinge zu nationalbewußten Österreichern zu erziehen“ (H. Maimann 1987, 20), wurde untermauert mit dem Stolz auf eine bereits fertig herausgebildete große österreichische Kultur. So bekannte der hochintelligente Hans-Kelsen-Schüler und philosophisch von Franz Brentano und Edmund Husserl geprägte Albert Fuchs in seinem Referat bei der „I. Österreichischen Kulturkonferenz“ (London 1942): „Ich erkannte, daß unsere arme Republik, so wenig Raum sie auf der Landkarte bedeckte, doch Sitz und Stimme hatte unter den Großmächten des Geistes.“ (A. Fuchs: Über österreichische Kultur. Vortrag, gehalten auf der Konferenz des PEN, London 1942. London: Austrian Centre o. J., 1)
Quelle: Erich Fried. Ein Leben in Bildern und Geschichten. Hg. v. C. Fried-Boswell und Volker Kaukoreit. Berlin: Wagenbach 1996. Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte - Wien, Bildarchiv. Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte - Wien, Bildarchiv, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Die jungen Flüchtlinge hatten aber auch den österreichischen Ungeist und die Ohnmacht des Geistes erfahren, Zeugen der Ereignisse des März 1938, die sie zumeist waren. Was sie jedoch einschränkte und bedrückte, war eine von dem Young Austria-Funktionär Jenö Kostmann (der hier übrigens nicht deshalb genannt wird, weil er besonders starr und dogmatisch gewesen wäre, sondern nur darum, weil er damals verbreiteten Gedanken Ausdruck verlieh) im Hinblick auf eine Kulturkonferenz der Jugendorganisation im August 1942 aus dem Vorhandensein einer großen österreichischen Kultur gezogene Schlussfolgerung: „Aufgabe der Österreicher in der Emigration“ sei es, das „österreichische Kulturerbe zu erhalten, zu verteidigen und zu propagieren“, was in Zeiten der „Fremdherrschaft“, in denen der „Geist des Widerstandes“ aus dem „Schatz nationaler Kultur“ seine „Nahrung schöpft“, von „entscheidender Bedeutung“ sei. (J. Kostmann: Österreichische Kulturarbeit – eine Kampfaufgabe. In: Zeitspiegel (London) No. 22, 30.5. 1942, 8.)
Damit aber war der Emigration eine vor allem konservierende und tradierende Kulturaufgabe vorgeschrieben – wogegen unter anderen Erich Frieds Freund, der Maler Franz Pixner, in einem Leserbrief protestierte: „Die Erhaltung des österreichischen Kulturerbes kann nur ein Teil unserer Aufgaben sein. Der lebendigste Ausdruck der geistigen Verfassung eines Volkes liegt in der Schöpfung der lebendigen Generation, die das angetretene Erbe im Sinne ihrer Zeit bereichern und weiterentwickeln muss; diese Weiterentwicklung ist in der Heimat unterbunden, während sie in der Emigration – wenn auch in beschränktem Ausmaß – offen steht.“ (In: Zeitspiegel No. 29, 18.7. 1942, 8) Bei der Kulturkonferenz im August selbst kam es zu einem kleinen „Krach“. Der Maler Ernst Eisenmayer, damals Fabrikarbeiter in London, erinnert sich: „Während der straff organisierten Diskussion sagte ich, vielleicht zu sehr aus dem Ärger heraus, dass man zur Kultur auch den Beitrag lebender und junger Künstler brauche und man sie nicht davon abhalten sollte, etwas zu sagen. Was einen Krach nach sich zog.“ Man drohte ihm sogar, ihn aus dem „Young Austria“ hinauszuwerfen. (E. Eisenmayer: Erinnerungen an Erich Fried, 1938-1988, 1995, 19) Und auch Erich Fried und Hans Schmeier sahen sich in dieser Zeit offenbar vor die Alternative gestellt, entweder ihre Kaderpflichten zu erfüllen oder an ihrer Weiterbildung zu Schriftstellern zu arbeiten. Der Gedankengang Pixners hat eine Parallele in dem Vierzeiler Schmeiers:
Lernet verweben das War in das Werde, dann wird euch die Erde wahrhaft gegeben.
Erich Fried, der vielleicht die rein politische Seite des Konflikts zu sehr betont, hat wiederholt erwähnt, dass er Hans Schmeiers Zweifel geteilt und ebenso unterdrückt hat: „Jedenfalls aus seinen Papieren, aus seinen Aufzeichnungen habe ich damals gesehen, daß er dieselben Bedenken hatte gegen die Partei wie ich, nur hat er es nicht gesagt, um mich nicht zu belasten, genauso wie ich es nicht gesagt habe, um ihn nicht zu belasten. Nach seinem ersten Selbstmordversuch war ich mit ihm drei Wochen lang Tag und Nacht zusammen, um zu verhindern daß er wieder so etwas macht. Aber da ich nicht auf die Ursachen eingegangen bin, was eigentlich dahinter war, so war das eigentlich vergeudete Mühe und war saublöd von mir.“ (K. Kaiser: Gespräch mit Erich Fried, 90)
Mit anderen Worten: Fried konnte den Zweifel nicht zur Sprache bringen, es entstand kein Gespräch der zwei Zweifelnden (die ihren Zweifel ja auch noch ergründen hätten müssen, so eindeutig und klar wie sein Anlass war der Inhalt des Zweifels nicht). Fried glaubte höchstwahrscheinlich, dass mit dem Eingehen auf den Zweifel der stählerne Willensstrang, der diesen Menschen in einer abstrakt gewordenen Welt festhielt, gerissen wäre und noch größere Gefahr gedroht hätte. Und Fried hat daraus auch die für ihn entscheidende Lehre gezogen und zwanzig Jahre später in einem Radiovortrag für die deutsche Sendung der BBC auch Zeugnis davon abgelegt, dass nicht das Eingehen auf den Zweifel, sondern die Unterdrückung des Zweifels der Verrat an uns selbst ist, den wir fürchten müssen.
Hans Schmeier hat gewiss nicht allein deshalb Selbstmord begangen, weil ihn ehrgeizige und unsensible Funktionäre an die Kandare genommen haben. So soll er, Fried zufolge, im Ungewissen über das Schicksal seiner nach Jugoslawien geflüchteten Mutter gewesen sein und kurz zuvor eine große Enttäuschung in einer Liebesangelegenheit erlitten haben. Um darüber mehr sagen zu können, wissen wir zu wenig über Hans Schmeier. Schmeier wurde am 6. Juli 1925 in Wien geboren. Sein Vater Emil Schmeier, Kaufmann, geboren 4.8. 1878 Wien, starb am 27.9. 1941 im Rothschild-Spital in Wien. Über das Schicksal seiner Mutter Pauline, geborene Pick (geboren am 23.9. 1883 in Selcan/Böhmen), wissen wir vorderhand nur, dass sie mit anderen Familienangehörigen nach Jugoslawien geflüchtet war.
Das Matrikelamt der Iraelitischen Kultusgemeinde Wien hat in dankenswerter Weise Auskunft über die Lebensdaten von Hans Schmeiers Eltern erteilt.
Schmeier kam 1938 mit dem ersten, auf Betreiben Adolf Eichmanns überstürzt zusammengestellten „Kindertransport“, der am 11. Dezember 1938 von Wien abging (Vgl. dazu: Barry Turner: Kindertransport. Eine beispiellose Rettungsaktion. Aus dem Englischen von Anna Kaiser. Gerlingen: Bleicher Verlag 1994, 57 ff.), nach England und musste in einem Kinderlager dann vermutlich die erniedrigende Prozedur des so genannten „Kindermarktes“ über sich ergehen lassen. (Britische Familien kamen in die Aufenthaltsräume, um sich Kinder auszusuchen, die sie aufziehen wollten. Bevorzugt wurden kleine, hellhäutige Kinder.)
Ich stelle diese Behauptung aufgrund von Gesprächen mit Betroffenen auf, deren Namen ich hier nicht anführen möchte. – Vgl. dazu auch B. Turner, wie oben, Anm. 20, 84: „Das Allertraurigste waren die Kinder, die sich unerwünscht fühlten. […] Kinder …, die irgendwie ungewöhnlich waren – ein magerer, unterernährt wirkender Junge oder ein dickes, überfüttert aussehendes Mädchen zum Beispiel, litten unter dem Schmerz der Ablehnung. Die Älteren waren, als Gruppe gesehen, am schwersten zu vermitteln …“
Schmeier hatte eine Tante, Emilie Weihs, die nach New York emigriert war, und einen Cousin Felix, der gleich ihm nach Großbritannien gelangt war. Wie Fried verkehrte Schmeier in der Leihbibliothek des aus Wien stammenden Dichters, Buchhändlers, Bibliothekars und Journalisten Fritz Gross (1897-1946), der, 1932 aus der KPD ausgeschlossen, dennoch ein unabhängiger Linker geblieben und schon 1933 mit einer bedeutenden Sammlung deutschsprachiger politischer Literatur nach Großbritannien emigriert war.
Zu „Frigo“, wie sein Spitzname lautete, vgl. u. a. Jan Zimmermann: Hoffnung trotz Skepsis. Zu Leben und Werk des Schriftstellers Fritz Gross (1897-1946). In: Archiv für die Geschichte des Widerstandes und der Arbeit No.15, 233-256. Sowie: Charmian Brinson and Marian Malet: Fritz Gross: An Exile in England. In: German Life and Letters 49 (1996) 3 (July), 339-357.
Fried und Schmeier wussten aus dieser Quelle also von der Verfolgung der „Trotzkisten“, von den Moskauer Prozessen, vom Terror der Diktatur Josef Stalins. Aber neben dieser Nährzone des Zweifels scheint Schmeier doch von starken Schuldgefühlen belastet gewesen zu sein: in seinen Gedichten erscheint immer wieder das Heimweh, so in dem schönen Gedicht „Heimweh“, das Angelica Schütz und Felix Mitterer in ihre Anthologie „Fremdsein“ aufgenommen haben:
Heimweh
Manchmal, wenn ich durch London geh, irgendwo im Nebel steh, ist mir zum Weinen.
Manchmal tut das Fremdsein weh, wenn ich mein Wien vor den Augen seh mit den buckligen Pflastersteinen.
Aus: A. Schütz/F. Mitterer (Hg.): Fremdsein. Literarische Wanderungen. Wien: Jugend & Volk 1992. – In diesem Buch wird mir, K. Kaiser, im Anhang irrtümlich das Copyright an Schmeiers Gedicht zugeschrieben. Eine Richtigstellung meinerseits wurde vom Verlag leider keiner Antwort gewürdigt. (Die Herausgeber hatten damit nichts zu tun.)
Heimweh ist das Gefühl einer undefinierbaren Schuld gegenüber dem, das man verlassen hat, ein immer neu auflebender Wunsch, alles Zerstörte wieder gut zu machen, in dem die Phantasie, eine große Macht der Rettung zu besitzen, unvermittelt umschlägt in ein qualvolles Empfinden äußerster Ohnmacht.
Schmeiers enge Bindung an die „Austrian Youth“ manifestiert sich auch darin, dass er zumindest zeitweise im Austrian Youth House, 132 Westbourne Terrace, wohnte. (Davor war er 1940 in Northampton, wo er, so Erich Fried, „Erste Gedichte“ schrieb.) Er hielt, wie aus seinen nachgelassenen Papieren zu ersehen ist, u. a. einen kleinen Vortrag über Jura Soyfer, versuchte sich in deutschen Übersetzungen englicher Dichter (W. B.Yeats, Joy Davidman), arbeitete an einem längeren Prosatext, der das Gruppenleben von „Young Austria“ schilderte und nahm vom 3. bis 5. Juli 1943 als österreichischer Delegierter an der „International Youth Conference“ in Southampton teil.
Nach Aussage E. Frieds (1986) befand sich ein Konvolut von Gedichten (und anderer Aufzeichnungen) Schmeiers in seinem Besitz, das 1999 von seiner Witwe wieder aufgefunden wurde und sich jetzt im Nachlass Frieds im Österreichischen Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek befindet. – Ich danke Volker Kaukoreit für die mir gebotene Möglichkeit, Einsicht zu nehmen.
Diese Beschäftigung mit Soyfer steht vermutlich in Zusammenhang mit der Aufführung von „Vineta“ (in der englischen Übersetzung von John Lehmann) durch die „Austrian Youth Players“. Die Hauptrolle des Johnny spielte der heute bekannte Otto Tausig.
Von anderen Emigranten wird Schmeier, dieser so schöne junge Mann, als melancholisch und einsam beschrieben. (So von Grete Oplatek in einem Gespräch mit K. Kaiser, Wien 1994.) Mit dem Gedanken an Selbstmord muss er sich im Jahre 1943 schon länger beschäftigt haben. In der Handschrift eines von ihm nicht mehr mit Schreibmaschine abgeschriebenen Gedichtes notiert er seinen Vorsatz:
… und diese Qual wird mich zum Gashahn zwingen, denn nur als Toter kann ich stille sein, vielleicht wird mir ein letztes Lied gelingen, dann schläfert mich das große Rauschen ein.
Hindeutungen solcher Art finden sich etliche; eine Zeichnung in einem Heft verwandelt ein Gesicht in zwei Stufen in einen Totenkopf. Öfter als sachlich erforderlich kommt in den Gedichten „Marmor“ vor, das Kalte, Glatte, Starre, zugleich bewundert und gefürchtet. Erich Fried hat er seine Gedichte hinterlassen, und dieser wollte sie wiederholt für eine Herausgabe durchsehen: „Ich hab das bis jetzt immer wieder verschlampt, eigentlich weil ich immer, wenn ich damit angefangen hab, mich damit zu befassen, so zu heulen angefangen hab, daß ich gar nicht mehr weiterlesen konnte.“
K. Kaiser: Gespräch mit Erich Fried, 89. – Im Hans-Schmeier-Konvolut des Fried-Nachlasses findet sich allerdings eine maschinschriftliche Zusammenstellung von Gedichten Schmeiers, die offenbar von Fried hergestellt wurde.
Von diesem Schmerz zeugen auch die Gedichte im Nachlass, in denen Fried in immer neuen Anläufen seines Freundes Hans Schmeier gedenkt. Nur vier Zeilen daraus, vom 18. Oktober 1943:
Diese Zeilen, die mir beim Verfassen meines Gedichtes „Hans Schmeier“ nicht bekannt waren, nehmen in eigenartiger Weise ein zentrales Motiv meines Gedichts vorweg. Die Spur des unbekannten Hans Schmeier ist auch aufbewahrt in Erich Frieds immer wieder begonnenem, nie abgeschlossenem Gespräch mit dem Zweifel, einem Zweifel, nicht skeptisch abwägendem Einsatz des Gedankens und der Börse entspringend, sondern der wirklichen Ungewissheit und der seltenen Bereitschaft, sich diese Ungewissheit auch einzugestehen.