Behütete Kindheit und Jugend in der Bukowina
Was bewegt einen Menschen zum Schreiben? Welche Triebkräfte veranlassen ihn, zur Feder zu greifen? In ihrem autobiographischen Essay „Alles kann Motiv sein“ (1971) versucht R. Ausländer diese Frage zu beantworten: „Warum schreibe ich? Vielleicht weil ich in Czernowitz zur Welt kam, weil die Welt in Czernowitz zu mir kam. Jene besondere Landschaft. Märchen und Mythen lagen in der Luft, man atmete sie ein. Das viersprachige Czernowitz war eine musische Stadt, die viele Künstler, Dichter, Kunst-, Literatur- und Philosophieliebhaber beherbergte. Sie war die Wahlstadt des großartigen jiddischen Fabeldichters Eliezer Steinbarg. Sie hat den bedeutendsten jiddischen Lyriker Itzig Manger und zwei Generationen deutschsprachiger Dichter hervorgebracht. Der jüngste und wichtigste war Paul Celan, der älteste Alfred Margul-Sperber“ (Ausländer, Rose: Die Nacht hat zahllose Augen: Prosa. 1995, 92.) Zu der älteren Generation der deutschsprachigen Dichter, die in der multinationalen und multikulturellen Atmosphäre der Stadt Czernowitz aufgewachsen sind, gehörte auch Rose Ausländer.
Rose Ausländer stammte aus einer beinahe exemplarischen jüdischen Familie, in der sich ost- und westeuropäische Wurzeln verflochten. Ihr Vater Sigmund (Süssi) Scherzer (1871-1920), der in Sadagora, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Czernowitz, das Licht der Welt erblickte, das zugleich eines der wichtigsten chassidischen Zentren der Bukowina war, wurde am Hofe des Sadagorer „Wunderrabbi“ jüdisch-orthodox erzogen. Obwohl er sich später einem kaufmännischen Beruf als Prokurist in einer Import-Export-Firma widmen sollte und sogar als liberaler Freidenker galt, gab er doch sein traditionsverpflichtetes Judentum nie völlig auf. Die Mutter, Kathi Etie Rifke Binder (1873-1947), wurde in Czernowitz geboren, aber ihre Familie war aus Berlin in die Bukowina gekommen. Als die Tochter Rosalie Beatrice, die später auch noch den hebräischen Vornamen Ruth erhielt, am 11. Mai 1901 geboren wurde, betrachtete man sie als ein „Ersatzkind“. Denn vor einigen Monaten, im Februar 1901, wurde das Kindermädchen der Familie von einem durchgehenden Pferdegespann niedergerannt und zusammen mit dem 18 Monate alten Sohn des Ehepaars von dem schweren Fuhrwagen überrollt. Das Kindermädchen erlitt schwere körperliche Schäden, das Kind starb. Die bunte, schillernde Welt des Chassidismus, die Martin Buber mit seinen „Chassidischen Büchern“ und seiner „Legende des Baalschem“ für die deutschsprachige Leserschaft entdeckte, gibt Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Der Vater“ wieder:
Am Hof des Wunderrabbi von Sadagora / lernte der Vater die schwierigen Geheimnisse / Seine Ohrlocken läuteten Legenden / in den Händen hielt er den hebräischen Wald // Bäume aus heiligen Buchstaben streckten Wurzeln / von Sadagora bis Czernowitz / Der Jordan mündete damals in den Pruth – / magische Melodien im Wasser / Der Vater sang sie lernte und sang das / Erbe der Ahnen verwuchs mit / Wald und Gewässern // Hinter den Weiden neben der Mühle / stand die geträumte Leiter / an den Himmel gelehnt / Jakob nahm auf den Kampf mit den Engeln / immer siegte sein Wille // Von Sadagora nach Czernowitz und / zurück zum Heiligen Hof gingen die Wunder / nisteten sich ein im Gefühl / Der Knabe erlernte den Himmel kannte die / Ausmaße der Engel ihre Distanzen und Zahl / war bewandert im Labyrinth der Kabbala. // Einmal wollte der Siebzehnjährige / die andere Seite sehn / ging in die weltliche Stadt / verliebte sich in sie / blieb an ihr haften
Ausländer, Rose: Wir pflanzen Zedern: Gedichte 1957-1963. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 98
Die Kindheitserinerungen verflechten sich hier mit alttestamentarischen Sagen und den mystischen Vorstellungen des Chassidismus. Biographisches verbindet sich mit dem Mythischen, und der durchschimmernde phantastische Hintergrund ruft eine märchenhafte Atmosphäre von „1001 Nacht“ ins Gedächtnis. In Czernowitz besuchte Rose Ausländer die sechsklassige Mädchenvolksschule und das Mädchenlyzeum. Durch kriegsbedingte Vertreibung setzt sie ihre Mittelschulbildung in Budapest (1915) und Wien (1916) fort. Danach besucht sie die Germinal-Handelsschule der Wiener Kaufmannschaft (dort erlernt sie die Gabelsberger Stenoschrift, die sie dann auch für die Erstfassungen ihrer Gedichte verwenden wird) und (vermutlich) für ein Semester die Universität Czernowitz, wo sie als freie Hörerin Literatur- und Philosophievorlesungen besucht. Die klassische Literatur war ihr von Kindheit an vertraut. Goethe, Schiller und Heine galten als „Dreigestirn“ der deutschen Dichtung, Heines „Rabbi von Bacharach“ las Sigmund Scherzer seiner Tochter vor. Aber schon früh, im Alter von 15-16 Jahren, geriet R. Ausländer unter den Einfluss der Philosophie, und eine Zeit lang bedeuteten ihr die Philosophen mehr als die Dichter. Zusammen mit anderen jungen Leuten, die sich außerhalb von Schule und Universität im sogenannten „Ethischen Seminar“ trafen, bekannte sie sich zu Platon, zu dem Berliner Philosophen Constantin Brunner und zu Spinoza. Insbesondere die Werke des Holländers Baruch (Benedikt) Spinoza, die sie in jungen Jahren studierte, beeindruckten sie nachhaltig. Noch in den späten Gedichten finden sich Spuren der Lektüre des Philosophen, der sich seinen Lebensunterhalt als Brillenschleifer verdient hatte:
Mein Heiliger / heißt Benedikt. // Er hat das Weltall / klargeschliffen. // Unendlicher Kristall / aus dessen Herz / das Licht dringt.
Ausländer, Rose: Spinoza II. In: Treffpunkt der Winde: Gedichte 1979. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991, S.109
Aus jener Zeit stammen auch etliche Essays über Spinoza, Brunner und Sigmund Freud – sie alle sind in den Wirren des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit verloren gegangen, abgesehen von „Phaidros“, wo sie sich mit der Philosophie Platons auseinandersetzt. Erst Mitte bis Ende der 1920er Jahre entdeckt sie für sich Friedrich Hölderlin, Franz Kafka, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke, Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn.
Quelle: „Mutterland Wort“. Rose Ausländer 1901-1988. Ausstellungskatalog. Köln; Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum, 1996, S. 11 (vgl. Bildnachweis S. 249).
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Quelle: „Mutterland Wort“. Rose Ausländer 1901-1988. Ausstellungskatalog. Köln; Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum, 1996, S. 15 (vgl. Bildnachweis S. 249).
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Quelle: Ich fliege auf einer Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum (1994) (Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Hg. Von Helmut Braun, Band 3), S. 83 (Bildnachweis, S. 170)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Quelle: Ich fliege auf einer Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum (1994) (Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Hg. Von Helmut Braun, Band 3), S. 83 (Bildnachweis, S. 170)
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Auswanderung nach Amerika
Im April 1921 verlässt die junge Rosalie Scherzer Czernowitz und wandert in Begleitung ihres Studienfreundes Ignaz Ausländer in die USA aus. Die Mutter hat sie dazu wegen bitterster Not der Familie bewogen. Nach dem Tod des Vaters 1920 konnte die Mutter die Familie nicht mehr erhalten, und so musste die Tochter schon sehr früh „abgenabelt“ werden. Das war für sie äußerst traumatisch – sie sehnt sich nach Mutterbindung. In vielen Gedichten verrät sie ihre Liebe zur Mutter, enthüllt jene unsichtbaren Fäden, die beide verbinden, z. B. in „Immer die Mutter“:
Mein Stern hängt / an ihrer Nabelschnur // Ich trinke ihre Milch / bald / werde ich geboren // Hinter meinem Tod / wächst sie mir zu.
Ausländer, Rose: Sanduhrschritt: Gedichte 1977-1978. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994, S. 62
Rosalie Scherzer und Ignaz Ausländer halten sich zunächst in dem kleinen Ort Winona in Minnesota und in Minneapolis/St. Paul auf. Hier findet Rosalie eine Stelle als Hilfsredakteurein bei der deutschsprachigen Wochenzeitung „Westlicher Herold“. Nach kurzer Zeit wird ihr auch die Betreuung der Anthologie „America Herold Kalender“ anvertraut, wo sie ihre ersten Gedichte veröffentlicht. Diese Arbeit leistet sie neben ihrer Tätigkeit als Sekretärin in einer Bank. Im Sommer 1923 übersiedeln beide nach New York, wo sie heiraten. Doch bald gerät die Ehe in eine tiefe Krise – beide sind wahrscheinlich zu verschieden, um lange Zeit zusammen leben zu können. Bei einem Besuch in Czernowitz im Jahre 1926 lernt Rosalie den 14 Jahre älteren Kulturjournalisten und Graphologen Helios Hecht kennen. Sie verliebt sich leidenschaftlich in ihn und trennt sich von Ignaz Ausländer, von dem sie sich einige Jahre später auch scheiden lässt. „Ich langweilte mich in der Ehe“, erinnert sie sich. „Man kann nicht mit der Langeweile leben“. Ende 1928 kehrt sie gemeinsam mit Helios Hecht in die USA zurück, um sich dort scheiden zu lassen. Als sie Anfang 1931 wegen des sich verschlechterten Gesundheitszustands ihrer Mutter, die eine dauernde Pflege benötigt, erneut nach Czernowitz zurückkehrt, wird sie von Helios Hecht begleitet, der für die nächsten Jahre ihr Lebensgefährte und die größte Liebe ihres Lebens wird. 1935 wird sie sich von ihm trennen.
Quelle: Ich fliege auf einer Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum (1994) (Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Hg. Von Helmut Braun, Band 3), S. 42 (Bildnachweis, S. 170)
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„Der Regenbogen“ erscheint in Czernowitz
Bereits mit 17 Jahren begann Rosalie Scherzer ein Tagebuch zu führen, wo sie ihre Einfälle, Gedanken, Verse notierte. Bald stand für sie fest, dass Lyrik ihr Lebenselement war – in Gedichtform konnte sie ihre Träume und Sehnsüchte am besten äußern. Die gelegentlichen Publikationen in verschiedenen deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften Europas und der Neuen Welt konnten sie aber nicht befriedigen. Alfred Margul-Sperber, der Entdecker und Förderer vieler Talente (u.a. auch Paul Celans), ermutigte sie zu ihrer ersten Buchpublikation.
In der Zwischenkriegszeit war A. Margul-Sperber eine Art Integrationsfigur der deutschsprachigen Dichtung der Bukowina. Als Dichter, Übersetzer und Redakteur der Zeitung „Czernowitzer Morgenblatt“ korrespondierte er beinahe mit allen literarischen Berühmtheiten Europas. Er stand im regen Briefwechsel z. B. mit Karl Kraus, Thomas Mann und Hermann Hesse. Als erster – noch vor Ernst Robert Curtius – hatte er etwa T. S. Eliots „The Waste Land“ ins Deutsche übertragen. Eliot nannte diese deutsche Fassung „admirable“. In seiner Zeitung stellte Margul-Sperber Feuilletons, Satiren, Kritiken und neue Dichter vor, darunter auch Rose Ausländer, von deren Gedichten er begeistert war. Er traf eine Auswahl und interessierte dafür auch einen Verlag. 1939 erschien Rose Ausländers erster Gedichtband unter dem Titel „Der Regenbogen“ im Verlag „Literaria“ in Czernowitz. Die frühe Lyrik R.Ausländers zeichnet sich durch hohe formale Qualitäten aus: erlesene Reime, strenge metrische Verse, kunstvolle strophische Architektonik, welche an eine gute „Vorschule der Ästhetik“ (Jean Paul) gemahnen. Der Band „Der Regenbogen“ wird von einem kurzen Gedicht unter dem Titel „Ins Leben“ eingeleitet:
Nur aus der Trauer Mutterinnigkeit / strömt mir das Vollmaß des Erlebens ein. / Sie speist mich eine lange, trübe Zeit / mit schwarzer Milch und schwerem Wermutwein.
Ausländer, Rose: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte 1927-1947. Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 52
Komm, laß uns lautlos in den Abend gehn / und immer tiefer in den Wald der Nacht, / wo Sterne hoch und weiß wie Lilien stehn / und noch ein Märchenmund im Monde wacht. // Hier sind wir nicht daheim. Es ist kein Raum / so groß, daß unsre Sehnsucht ihn erfüllt. / Wir steigen tausend Treppen in den Traum, / wo Gott das Licht in tausend Farben hüllt.
Ausländer, Rose: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte 1927-1947. Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 53
Man sieht, dass dieses Gedicht Rose Ausländers noch in den „Schnürleib der Tradition“ (Walter Hinck) eingezwängt ist. Abend und Nacht, Wald, Sterne und Mond, Sehnsucht und Traum bildeten schon immer eine beliebte Kulisse der romantischen Dichtung, aber auch die allgemeine Stimmung dieser Verse, ihre schimmernde märchenhafte Melancholie, der Versuch, aus dem Irdischen in die Sphäre des Transzendenten zu fliehen, machen dieses frühe Gedicht der jungen Dichterin mit dem romantischen Weltbild verwandt. Auch Rainer Maria Rilkes Töne erkennt man hier unschwer in der Art der Metaphorisierung, wenn man z. B. an seine Zeilen denkt: „Traumselige Vigilie! / Jetzt wallt die Nacht durchs Land; / der Mond, die weiße Lilie, / blüht auf in ihrer Hand“. So wächst diese Lyrik aus traditionellen Vorstellungen von Dichtung auf, die als eine „himmliche Gnade“ verstanden wird, als eine Substanz, deren Entstehung dem höheren Willen verpflichtet ist. „Lied und Gedicht müssen Flügel sein, Vögel einer Sternensphäre“, schrieb Rose Ausländer in einem Brief an ihren Czernowitzer Förderer Alfred Margul-Sperber am 16. März 1935. „Der Typus des ‚modernen‘ Dichters ist kein Lyriker, sondern so etwas wie ein sprachlicher Ingenieur, ein Maschinenmensch, dessen Worte Hammerschläge statt gelöster Klänge sind. Der wahre Lyriker muß heute ‚altmodisch‘ erscheinen“ (Neue Literatur, Bukarest, 1988, Heft 9, S. 53). In einem anderen frühen Versuch mit dem Titel „Das vollendete Gedicht“, der sich in ihrem Nachlass aufbewahrt hat, entwickelt sie ihre Poetologie in völliger Übereinstimmung mit diesem ästhetischen Konzept:
Wir brauchen das vollendete Gedicht, / den keuschen Klang, das klare, reine Licht, / um wieder Kind zu sein und still zu beten.
Ausländer, Rose: Denn wo ist Heimat: Gedichte 1927-1947. Fischer Taschenbuch Verlag 1994, S. 38
Das Buch einer Jüdin wird jedoch in Nazi-Deutschland nicht mehr zur Kenntnis genommen. Die deutschsprachige Presse der Bukowina, aber auch rumänische Presseorgane sowie Zeitungen in der Schweiz finden für den Gedichtband „Der Regenbogen“ viele Lobesworte. Schriftsteller wie Hans Carossa, Arnold Zweig, Hermann Hesse oder Thomas Mann ermutigen die junge Dichterin. Ein Erfolg beim breiteren Publikum bleibt der Autorin jedoch versagt. Rumänien und Deutschland verbünden sich, der nationalsozialistische Terror gegen die Juden in Rumänien beginnt. Die Auflage des Buches wird fast vollständig vernichtet. Heute sind nur noch wenige Exemplare des „Regenbogens“ nachweisbar.
Quelle: Ich fliege auf einer Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum (1994) (Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Hg. Von Helmut Braun, Band 3), S. 94 (Bildnachweis, S. 170)
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Sowjetisierung der Bukowina
Nachdem Ende Juni 1940 im Zuge des so genannten Hitler-Stalin-Paktes die Rote Armee in Czernowitz kampflos einmarschiert war und die Nordbukowina samt Bessarabien der Sowjetunion zugeschlagen worden war, erlebte Rose Ausländer eine der größten Erschütterungen ihres Lebens. „Bis die Bomben fielen“, also die Hölle begann, gab es eine Vorhölle. Davon zeugen die neuentdeckten Unterlagen, die sich im Archiv des Ukrainischen Sicherheitsdienstes in Černivci/Czernowitz befinden. Es geht um eine bis heute in den Lebensbeschreibungen der Dichterin unbekannte Episode: Am 5. November 1940 wurde Rose Ausländer-Scherzer „wegen des Spionageverdachts zugunsten eines der ausländischen Staaten“ vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet. Gegen sie wurde ein Untersuchungsverfahren begonnen, das etwa dreieinhalb Monate dauerte. Die Dichterin hielt man die gesamte Zeit über im Gefängnis des NKWD in Czernowitz inhaftiert, was für sie ein psychologisches Trauma auslösen sollte. Die Anklage erwies sich schließlich als unhaltbar, und die Dichterin wurde am 17. Februar 1941 entlassen, doch dieser Fall half ihr, das Wesen des neuen Regimes ohne jegliche romantischen Illusionen zu durchschauen. (vgl. Rychlo, Peter: „Es ist so dunkel, wie dein Herz es will” – Rose Ausländer und Paul Celan in Czernowitz. In: Gans, Michael/Vogel, Harald (Hrsg.): „Immer zurück zum Pruth“: Dokumentation des Czernowitzer Symposiums‚100 Jahre Rose Ausländer. Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren 2002, S. 75-84)
Lebenslang verheimlichte Rose Ausländer diese Episode und verriet sie niemandem. Vielleicht verpflichtete sie sich dem sowjetischen Geheimdienst gegenüber, darüber zu schweigen. Nur ihren Gedichten vertraute sie diesen Alpdruck an, ohne ihn jedenfalls biographisch oder politisch weiter zu präzisieren. Und so lesen wir unter dem Titel „Im Kerker“ aus dem Band „Ein Stück weiter“ (1979) diese fast protokollhaft fixierten und mit gedämpfter Wut geladenen Zeilen, die den paranoischen Verdächtigungswahn der neuen „Befreier“ mit einfachsten Worten bloßlegen:
Man brachte mich / ins Verlies / ich weiß nicht warum // Was sind Sie / ein Dichter ist nichts / was sind Sie in Wahrheit // In meiner Zelle / erzählte ich der jungen Frau / Märchen Gedichte / sie lernte sie leicht // Aus lehmigem Brot / machten wir Schachfiguren / spielten bis Auge / im Guckloch erschien / Spielen verboten / Lesen und Schreiben verboten // Zehn Minuten im Hof / der Himmel eine / blaue Legende / Weiß winkte die Wolke / deine Mutter wartet.
Ausländer, Rose: Treffpunkt der Winde. Gedichte 1979. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991, S. 22
Ghetto, Elend, Horror, Todestransporte
Nach dem „roten Schachspiel“, dem kurzen sowjetischen Besatzungsjahr, in dem viele Czernowitzer Juden als „Bourgeois“ angeprangert und nach Sibirien verschickt worden waren (am 13. Juni 1941, kurz vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, wurden aus Czernowitz ungefähr 4000 Personen deportiert), kamen Anfang Juli 1941 die deutschen SS-Truppen in die Bukowina. Die große Synagoge (Templ) wurde in Brand gesetzt, etwa 300 führende Funktionäre der jüdischen Gemeinde wurden am Ufer des Pruth erschossen. Zum erstenmal in der Geschichte der Stadt entstand in Czernowitz ein jüdisches Ghetto. Die Wohnung in der Dreifaltigkeitsgasse, wo Rose Ausländer, ihre Mutter und Schwiegertochter Bertha mit ihrem kleinen Sohn lebten (Bruder Max wurde von den Sowjets zwangsrekrutiert), gehörte zum Ghettoviertel. Von da an muss R.Ausländer den gelben Davidstern tragen, wird zu schweren Zwangsarbeiten herangezogen und von rumänischen Gendarmen brutal misshandelt. Die Familie lebte von heimlich geschmuggelten Nahrungsmitteln, die sie aus dem Erlös von Schmuck und anderen wertvollen Dingen finanzierte, oder war auf die Hilfe einiger in materieller Hinsicht besser versorgten Freunde angewiesen. Jeder Tag verwandelte sich in einen harten Lebenskampf. Daran erinnert sich die Dichterin in ihrer Skizze „Alles kann Motiv sein“:
Getto, Elend, Horror, Todestransporte. In jenen Jahren trafen wir Freunde uns zuweilen heimlich, oft unter Lebensgefahr, um Gedichte zu lesen. Der unerträglichen Realität gegenüber gab es zwei Verhaltensweisen: entweder man gab sich der Verzweiflung preis, oder man übersiedelte in eine andere Wirklichkeit, die geistige. Wir zum Tode verurteilten Juden waren unsagbar trostbedürftig. Und während wir den Tod erwarteten, wohnten manche von uns in Traumworten – unser traumatisches Heim in der Heimatlosigkeit. Schreiben war Leben. Überleben.
Ausländer, Rose. Die Nacht hat zahllose Augen. Prosa. S. 93
Auch unter diesen unerträglichen Umständen schrieb Rose Ausländer Gedichte, die sie erst Jahrzehnte später publizieren konnte, wie z. B. die folgenden freirhythmischen Zeilen aus dem Zyklus „Gettomotive“:
Sie kamen mit giftblauem Feuer / versengten unsere Kleider und Haut. // Der Blitz ihres Lachens schlug an unsre Schläfe / unsere Antwort war der Donner Jehovas. // Wir stiegen in den Keller, er roch nach Gruft. / Treue Ratten tanzten mit unseren Nerven. // Sie kamen mit giftblauem Feuer unser Blut zu verbrennen. / Wir waren die Scheiterhaufen unsrer Zeit.
Ausländer, Rose: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte 1927-1947. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 143
Obwohl Rose Ausländer und ihre Familie den entsetzlichen Zwängen unterworfen waren, muss es doch als großes Glück für sie bezeichnet werden, dass sie nicht sofort nach Transnistrien (so nannte man das unter deutscher Oberhand und rumänischer Verwaltung stehende Territorium zwischen Dnjester und dem südlichen Bug) transportiert wurden. Dort wurden in verlassenen Viehställen, Steinbrüchen oder überhaupt unter freiem Himmel die von rumänischer Soldateska bewachten „Arbeitslager“ für die Bukowiner Juden eingerichtet, wohin in den Jahren 1941–1944 rund 45.000 Czernowitzer jüdische Bürger verschleppt worden waren, von denen nur wenige Hunger, Kälte und Flecktyphus überlebten. Auch Paul Celans Eltern kamen dort um. Ein Nachlassgedicht Rose Ausländers, als ein exakter, trockener Bericht verfasst, findet für die Tragik jener Zeit eine adäquate Form:
IN MEMORIAM CHANE RAUCHWERGER // Getto / Hungermarsch / Bei 30 Grad unter Null / schlief meine fromme Tante / (immer betete sie / glaubte inbrünstig an Gerechtigkeit) / schlief meine sündlose Tante / ihre Tochter ihr Enkel / nach vielen Hungermarschtagen / auf dem Eisfeld in Transnistrien / unwiderruflich / schliefen sie ein // Der Glaube / der Berge versetzt / o weiser Wunderrabbi von Sadagora / Chane Rauchwerger glaubte an dich / wo warst du / damals / wo war dein Wunder.
Ausländer, Rose: Schweigen auf deine Lippen. Späte Gedichte aus dem Nachlass. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994, S. 120
Wieder in Amerika
Als im Frühjahr 1944 sowjetische Truppen die Bukowina befreiten und die Schrecken des Krieges für Czernowitzer Juden zu Ende waren, ist Rose Ausländer eine gewisse Zeit unentschlossen, wo sie endgültig bleiben soll. Sie arbeitet eine kurze Zeitlang in der Stadtbibliothek. Jener noch am Leben gebliebenen jüdischen Bevölkerung wird die Ausreise nach Rumänien und in andere Länder angeboten, da sie für das sowjetische Regime ein unerwünschtes Element darstelle. Schließlich stellt auch R. Ausländer einen Ausreiseantrag. Anfang Juni 1946 verlässt sie mit der Eisenbahn die Stadt via Rumänien. Unmittelbar nach der Ankunft in Bukarest bekommt sie das Angebot ihrer amerikanischen Freunde, wieder in die USA zu kommen. Sie muss sich sofort entscheiden, da die Papiere nur für kurze Zeit gültig sind, und sie sagt zu. Diesmal kommt sie nach New York und arbeitet als Fremdsprachenkorrespondentin bei einer New Yorker Speditionsfirma.
Jahrelang sollte es ihr nicht mehr möglich sein, in ihrer deutschen Muttersprache, der „Sprache der Mörder“, zu dichten. Von 1948 bis 1956 hat R.Ausländer ihre Gedichte ausschließlich in englischer Sprache verfasst: „Nach mehrjährigem Schweigen“, so erinnert sie sich, „überraschte ich mich eines Abends beim Schreiben englischer Lyrik.“ (Ausländer, Rose: Die Nacht hat zahllose Augen. Prosa. S. 94). Ihre englischen Dichtungen (es sind über 200 Texte, die sich an Robert Frost, E. E. Cummings und Marianne Moore orientieren), sind heutzutage in ihren Gesammelten Werken im Band „The Forbidden Tree. Englische Gedichte“ veröffentlicht (Ausländer, Rose: The Forbidden Tree: Englische Gedichte. Frankfurt a. M: Fischer Taschenbuch Verlag 1995). Von Kennern wird ihnen ein hoher Rang zugebilligt. Die amerikanische Lyrikerin Marianne Moore war es auch, die Rose Ausländer anregte, wieder in deutscher Sprache zu dichten. Denn man müsse Gedichte in der Muttersprache schreiben: „Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse. Kein äußerer Anlaß bewirkte die Rückkehr zur Muttersprache. Geheimnis des Unterbewußtseins“, sagt Ausländer dazu. (Ausländer, Rose: Die Nacht hat zahllose Augen. Prosa, S. 94)
In Amerika – unter dem Einfluss zeitgenössischer amerikanischer Dichtung – begann Rose Ausländer ihre Poetik und Stilistik allmählich zu verändern. In diesen Jahren findet sie Anschluss an das moderne Gedicht, das sich von ihren frühen Arbeiten grundsätzlich unterscheidet. Es sind keine gebundenen Strophen mehr, sondern freie Verse mit unregelmäßigem Rhythmus, assoziativen Zusammenhängen der Bilder und suggestiver Wirkung. Ihrem Themenkreis bleibt sie jedoch treu, doch erscheinen jetzt ihre Lieblingsworte wie Mond, Stern, Baum, Vogel, Traum, Erde, Atem u.a. in einer anderen Konstellation. 1957 besuchte sie in Paris ihren Bukowiner Landsmann Paul Celan, den sie noch aus der Czernowitzer Ghetto-Zeit kannte: „Geschmückt / mit dem gelben Stern / lief ich zu Freunden / um Celans Gedichte / zu zeigen“, so heißt es in dem Gedicht „Eine Stunde Vergessen“ (Ausländer, Rose: Treffpunkt der Winde. Gedichte 1979, S. 59). Einige ausführliche Gespräche mit Celan, dem damals bereits anerkannten Dichter, bestätigten ihr die Richtigkeit ihrer thematischen und stilistischen Wandlung. Von nun an beginnt eine neue Phase ihres lyrischen Schaffens. Sie hat für sich wiederum die Muttersprache als eine unzerstörbare geistige Heimat entdeckt:
Mein Vaterland ist tot / sie haben es begraben / im Feuer // Ich lebe / in meinem Mutterland / Wort.
Ausländer, Rose: Sanduhrschritt. Gedichte 1977-1978, S. 94
Im Nelly-Sachs-Haus
1965 erscheint im Wiener „Bergland-Verlag“ – nach einer Pause von einem Vierteljahrhundert – ihr zweiter Gedichtband „Blinder Sommer“. „Nach allem, was sie hinter sich gebracht hat, ist es eine literarische Auferstehung“, meint Helmut Braun (Braun, Helmut. “Ich bin fünftausend Jahre jung”: Zur Biographie von Rose Ausländer. Stuttgart: Radius Verlag 1999, S. 110). Das Buch findet noch wenig Widerhall, hat aber für die Autorin eine wichtige „Werbefunktion“ bei den Medien und den Verlagen. Im gleichen Jahr verlässt sie die USA und übersiedelt zuerst nach Wien und später in die Bundesrepublik Deutschland, um sich von dem Element ihrer Muttersprache umgeben zu fühlen. Hier bekommt sie Entschädigungsrente als Verfolgte des Naziregimes und kann ihren langjährigen Traum vom Reisen verwirklichen. Sie besucht Frankreich, Italien, Holland, Israel und andere Länder. Eine Fülle von herrlichen Gedichten entsteht auf diesen Reisen. Doch immer noch lebt sie auf gepackten Koffern in einer Pension. Diesen „modus vivendi“ hat sie sich in vielen Jahrzenten des unruhigen Wanderlebens angeeignet („Fliegend / auf einer Luftschaukel / Europa Amerika Europa // ich wohne nicht / ich lebe“, so heißt es in ihrer „Biographische Notiz“: vgl. Ausländer, Rose: Gelassen atmet der Tag. Gedichte 1976. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1992, S. 204).
Bei einem Sturz zieht sie sich einen Oberschenkelbruch zu und ist viele Monate lang ans Bett gefesselt. Sie braucht dauernde Pflege und entscheidet sich für das Altersheim der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, das sogenannte Nelly-Sachs-Haus. Hier beginnt diese nicht mehr ganz junge Frau, die damals eigentlich noch keinen Namen in der Literatur hat, ein neues Leben, das sich durch intensivste schöpferische Arbeit kennzeichnet. Nicht weniger als zwei Dutzend neue Gedichtbände erscheinen während dieser Zeit: „36 Gerechte“ (1967), „Inventar“ (1972), „Ohne Visum“ (1974), „Andere Zeichen“ (1975), „Noch ist Raum“ (1976), „Doppelspiel“ (1977), „Aschensommer“ (1978), „Mutterland“ (1978) oder „Es bleibt noch viel zu sagen“ (1978). In manchen Jahren publiziert sie zwei bis drei Bände im Jahr. Die stärkste Resonanz hatte der 1976 von Helmut Braun in seinem „Literarischen Verlag“ Köln herausgebrachte umfangreiche Band „Gesammelte Gedichte“, der für sie einen entscheidenden Durchbruch bedeutete. Nach seinem Erscheinen geriet Rose Ausländer in den Fokus der Medien und der Literaturkritik, die sie bis dahin nur wenig beachtet hatten. Sie beeilt sich, arbeitet geradezu fieberhaft, um alle poetischen Bilder und Visionen, die sie bedrängen, noch dem Papier anvertrauen zu können. Dabei hält sie sich aber an das lateinische Prinzip „festina lente!“, indem sie zugleich an sich selbst höchste Ansprüche stellt. „Mein Arbeitstempo, sagt sie, „ist sehr schnell und sehr langsam: Die erste Fassung eines Textes – Lyrik oder Kurzprosa – erfolgt meistens in wenigen Minuten. Dann beginnt die tagelange, wochen- und manchmal jahrelange Arbeit, das Be- und Umarbeiten. Von manchen Gedichten mache ich zwanzig Fassungen, bis eine mich befriedigt – oder keine“ (Ausländer, Rose: Die Nacht hat zahllose Augen. Prosa, S. 104.)
Wenn ich verzweifelt bin / schreib ich Gedichte // Bin ich fröhlich / schreiben sich Gedichte / in mich // Wer bin ich / wenn ich nicht / schreibe.
Ausländer, Rose: Gelassen atmet der Tag. Gedichte 1976, S. 154
Erst im hohen Alter, in ihrer letzten Lebensphase, erreicht Rose Ausländer ein breiteres Leserpublikum und die ihr gebührende Popularität. Tausende enthusiastische Leserbriefe stapeln sich in ihrem kleinen Zimmer im Nelly Sachs-Haus. Zahlreiche Literaturpreise werden ihr zugesprochen: Silberner Heine-Taler des Hoffmann & Campe Verlages (1966), Droste-Preis der Stadt Meersburg (1967), Ida Dehmel-Preis der CEDOK und Andreas Gryphius-Preis (1977), Roswitha-Medaille der Stadt Bad Gandersheim (1988), Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste (1984), Literaturpreis des Verbandes der Evangelischen Büchereien für „Mein Atem heißt jetzt“ (1986). Im Jahre 1984 wird sie mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. 1984 erscheinen im S. Fischer Verlag die ersten Bände ihrer „Gesammelten Werke“ (8 Bände), deren Herausgabe erst 1990 abgeschlossen wird.
„Nach dem Tod von Nelly Sachs und Marie Luise Kaschnitz“, meint Jürgen P.Wallmann, „galt sie als die bedeutendste deutschsprachige Lyrikerin der älteren Generation. Sie erwarb sich diesen Ruhm mit Versen, in denen Spätromantik und Moderne eine eigentümliche Verbindung eingegangen sind. In dieser Poesie, der Lautes und Schrilles ebenso fremd sind wie Larmoyanz, verbinden sich Sensibilität und Intellektualität, Phantasie und Ratio. Bei aller Tendenz zu Einfachheit, zu lapidarer Aussage, zu Reduktion, Verknappung und bisweilen epigrammatischer Kürze sind ihre Verse doch getragen von Musikalität. Unter der aufgerauhten Oberfläche freirhythmischer Gedichte mit scharfen Konturen wird bei genauem Hinhören melodiöse Liedhaftigkeit erkennbar.“ (Wallmann, Jürgen P.: Nachwort. In: Rose Ausländer: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte 1927-1947, S. 175)
Poetologische Grundsätze
Man bezeichnet Rose Ausländers Lyrik als eine Dichtung, die „ohne falsche Scham ‚schön‘ zu sein versucht“ (Franz Norbert Mennemeier. Nach: Wallmann, Jürgen P.: Nachwort. In: Rose Ausländer: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte 1927-1947, S. 175). Die Dichterin hatte ein merkwürdig feines Gefühl für die Ästhetisierung ganz gewöhnlicher, zuweilen sogar banaler Dinge oder Vorgänge. In ihren Gedichten erscheint die Wirklichkeit auf eine wundersame Weise verwandelt, sie befindet sich nahezu in einem schwebenden Zustand. „Ich habe, was man Wirklichkeit nennt“, sagt die Dichterin, „auf meine Weise geträumt, das Geträumte in Worte verwandelt und meine geträumte Wortwirklichkeit in die Wirklichkeit der Welt hinausgeschickt. Und die Welt ist zu mir zurückgekommen.“ (Schaumann, Lore: Besuch bei Rose Ausländer. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991, S. 85)
Dabei ist ihre Aufnahme der realen Welt durch ihre jüdische Abstammung, ihre chassidischen Wurzeln sowie ihr unorthodoxes Verständnis der Natur und des Universums bedingt. „Alle Beziehungen, die Rose Ausländer zu ihrer jüdischen Herkunft entfaltet“, bemerkt dazu Gerhart Baumann, „wirken gleichermaßen dicht wie frei, undogmatisch, von einer Gläubigkeit, die zahlreiche Bekenntnisse umspannt: Religion im Ursprungsinn als Bindung verstanden, nie jedoch als Zwang. Sie schreibt keine ‚Hebräischen Balladen‘ wie Else Lasker-Schüler, in denen sich alttestamentarische Vorwürfe mit orientalischen vereinigen; biblische Gestalten dienen ihr nicht zu Masken für eine Selbstaussprache. Sie weiß sich auch nicht mit jener Strenge auf den Spuren der Propheten und Psalmisten wie Nelly Sachs; die Erlösung der Schöpfung bildet nicht ihren wegweisenden Vorwurf. Das Bekenntnis, welches Rose Ausländer zu ihrer jüdischen Herkunft, zu ihrem Wesen ablegt, wahrt jenen innigen Abstand, der eine ferne Nähe ermöglicht – eine Nähe, die an Marc Chagall gemahnt, mit dem sie zahlreiche Entsprechungen verbindet.“ (Baumann, Gerhart: Aufbruch in das „Land Anfang“. In: Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk., S. 142) Diese Entsprechungen sind aber nicht okkasionell, nicht oberflächlich, sie betreffen die Substanz, die Denkensart. In ihren Gedichten schafft Rose Ausländer eine autonome literarische Parallele zu Chagalls Bildern, wie es natürlicher und adäquater kaum vorstellbar ist, wie es z. B. Das Gedicht „Im Chagall-Dorf“ beweist:
Schiefe Giebel / hängen am / Horizont // Der Brunnen schlummert / beleuchtet von / Katzenaugen // Die Bäuerin / melkt die Ziege / im Traumstall // Blau / der Kirschbaum am Dach / wo der bärtige Greis / geigt // Die Braut / schaut ins Blumenaug / schwebt auf dem Schleier / über der Nachtsteppe // Im Chagall-Dorf / weidet die Kuh / auf der Mondwiese / goldne Wölfe / beschützen die Lämmer.
Ausländer, Rose: Wir pflanzen Zedern. Gedichte 1957-1969, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1993, S. 119
Hinter ihren Texten steht die reiche Entwicklungsgeschichte der deutschen Dichtung romantisch-symbolistischer Prägung, die heutzutage schon etwas „archaisch“ und „altmodisch“ klingen mag. Was heute an der Romantik als nicht mehr zeitgemäß erscheinen mag, weil es allzu blumig oder allzu pathetisch wirkt, bekommt bei ihr eine organische und überzeugende Kraft des unmittelbaren Erlebnisses. Die einfachsten Worte erhalten dadurch einen neuen Glanz. Die sparsamsten dichterischen Mittel wie Rhythmus, Wort- und Lautwiederholung, Alliteration und Assonanz, syntaktische Gliederung und Parallelismus bewirken eine Suggestion von unvergleichbarem ästhetischen Reiz:
WEIL // du ein Mensch bist / weil / ein Mensch eine Muschel ist / die manchmal tönt / weil / du in mir tönst / als wär ich eine Muschel / weil / wir uns kennen / ohne Namen und Samen / weil / das Wort Welle ist / weil / du Wort und Welle bist / weil / wir strömen / weil / wir manchmal / zusammenströmen // Wort Welle Muschel Mensch
Ausländer, Rose: Wir pflanzen Zedern. Gedichte 1957-1969, S. 183
Dieses Gedicht, das eine geradezu hypnotische Wirkung auf den Leser ausübt, gehört zu jenen Beispielen der subtilen dichterischen Wortkunst, die man mit dem Begriff „magisch“ bezeichnen könnte. Dieser Eindruck entsteht vor allem infolge eines gewissen „Irrationalismus“ bei der Zusammenfügung einzelner Bilder und Begriffe, ihrer kontextuellen „metaphysischen“ Beziehung, bei der aus einer Bedeutung ganz unerwartet, zuweilen nur aufgrund der klanglichen Ähnlichkeit, eine neue Bedeutung auftaucht. „Ganze Traditionen des modernen Gedichts von Benn bis Brecht“, meint zu dem späten Werk der Dichterin Franz Norbert Mennemeier, „sind von Rose Ausländer übersprungen worden, und es ist keine Frage, dass die unleugbare Faszination ihrer Lyrik sich eben diesem Überspringen verdankt. Nicht nur Klänge aus der entschwundenen Bukowiner Heimat sind es, die hier unwiderstehlich ertönen. Es sind zugleich Klänge aus der verlorenen Heimat des spätromantischen Gedichts, die hier zu Sinn und Geist des modernen Lesers so sprechen, als wären sie von heute.“ (Mennemeier, Franz Norbert: Klänge aus der romantischen Heimat des Gedichts. In: Neues Rheinland, Köln, Juni 1976) Diese Synthese der Spätromantik mit der modernen poetischen Technik der Bilderentfaltung und der freien rhythmischen Struktur verwirklicht R.Ausländer mit außerordentlicher künstlerischer Eleganz und Akribie.
Das letzte Jahrzehnt
Das letzte Jahrzehnt ihres Lebens steht unter dem Zeichen einer fast völligen Isolation und Abgeschnittenheit von der Welt. Lange Zeit leidet die Dichterin an einer Reihe organischer Krankheiten, die aktive Formen der öffentlichen Betätigung einschränken. Der wirkliche Grund für diese Isolierung lag aber wohl darin, dass sie sich jetzt ausnahmslos nur ihrem dichterischen Schaffen widmen wollte. Sie erklärte sich für bettlägerig, um die Zeit zum Schreiben zu gewinnen. Besuche, das Briefeschreiben und Telephongespräche wurden auf ein Minimum reduziert. Nur ganz wenige Leute hatten von nun an Zutritt zu ihr: ihre Pflegeschwester, der Bruder Max, der jährlich aus New York zu Besuch kam, und der Herausgeber ihrer Werke Helmut Braun. Allmählich verwandelte sie sich in den Häftling ihres etwa 16 Quadratmeter großen Zimmers im Nelly-Sachs-Haus. Auch ihr Bett wurde ihr, gleich Heinrich Heine in seiner Pariser Zeit, zu einer „Matratzengruft“, in der sie, vollgestopft mit Tabletten, sich aufrecht hielt und Gedichte schrieb. Dichtung war ihre einzige existenzielle Rettung:
Noch ist Raum / für ein Gedicht // Noch ist das Gedicht / ein Raum // wo man atmen kann.
Ausländer, Rose: Gelassen atmet der Tag. Gedichte 1976, S. 213
Man spricht von „ätherischen Gedichten“ der späten Rose Ausländer, da sie jeder Spur der sogenannten „Aktualität des Tages“ entbehren und sich nur aus den Erinnerungen, aus dem Erlebten und Erlittenen nähren. „Diese Traumpoesie hat eine geradezu metaphysische, oder sagen wir besser diaphysische Dimension“, schreibt Paul Konrad Kurz. „Große Substantive besetzen den Wortraum. Satz und rhythmischer Duktus bleiben ‚demütig‘. Die Brechung in Kurzzeilen und Einwortzeilen darf man öfter als poetisch problematisch empfinden. Unzweifelhaft bleibt: Diese deutschsprachige Frau vom rumänischen Pruth spricht ihre unverwechselbare, in den gegenwärtigen Poetiken nicht gehandelte Stimme.“ (Kurz, Paul Konrad: Letzte Möglichkeit des Hierseins: Rose Ausländers Gedichte aus den Jahren 1985 und 1986. In: Süddeutsche Zeitung, München, vom 30.5.1987)
Die „schwarze Sappho unserer östlichen Landschaft“, hat A.Margul-Sperber die Dichterin einmal genannt, indem er auf den dunklen Teint ihres Gesichts anspielte: „Jüdische Zigeunerin / deutschsprachig / unter schwarzgelber Fahne erzogen“ (Ausländer, Rose: Treffpunkt der Winde, Gedichte 1979, S. 49), so bezeichnete sie sich selbst, ihr zigeunerähnliches Wanderschicksal und ihre Heimatlosigkeit hervorhebend. Ein Gedicht aus dem Band „36 Gerechte“ ist mit „Vermächtnis“ überschrieben und ruft noch einmal die wichtigsten Stationen dieses unruhigen, leidvollen und schöpferischen Lebens ins Gedächtnis, das sich als Leben einer jüdischen Frau und einer großen Dichterin deutscher Sprache so typisch und zugleich ganz einzigartig gestaltete:
Aus der Wiege / fiel mein Augenaufschlag / in den Pruth // Ich zähle / meine Besitztümer / 7 Romhügel / 50 abstrakte Sterne aus Amerika / ein umstrittenes Jerusalem / mein Grab in der Bukowina // Gestern Eisrosen / im Gettofenster / heute sind mir / die Dornen gut // Meine Zukunft / vermach ich / den Zigeunern / den goldäugigen / verachteten Wanderern / die aus der Zukunft leben / aus der Hand in den Mund / aus dem Mund / in die Zukunft.
Ausländer, Rose: Wir pflanzen Zedern. Gedichte 1957-1969, S. 165
Rose Ausländer verstarb am 3. Januar 1988 in Düsseldorf im Alter von fast 87 Jahren. „Die letzte jüdische Psalmistin deutscher Zunge“ (Braun, Helmut: “Ich bin fünftausend Jahre jung”. Zur Biographie von Rose Ausländer. Stuttgart: Radius Verlag 1999, S. 182) hauchte ihre Seele aus. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof innerhalb des Nordfriedhofes der Stadt Düsseldorf beigesetzt, wo später eine schlichte granitne Stele ohne jegliches poetisches Epitaph aufgestellt wurde – nur der Name und ihre Lebensdaten: „Rose Ausländer 11.5.1901–3.1.1988“. „Mit ihrem Tod ist eine große Stimme unserer Zeit verstummt.“ (Braun, Helmut: “Ich bin fünftausend Jahre jung”: Zur Biographie von Rose Ausländer, S. 184)
Besonders ausführliche Überblicke zu Leben und Werk Rose Ausländers bieten folgende Publikationen: 1.) Rose Ausländer. Materialien zu Leben und Werk. Hg. von Helmut Braun. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1991 (=Informationen und Materialien zur Literatur). 2.) Ich fliege auf einer Luftschaukel. Europa-Amerika-Europa. Rose Ausländer in Czernowitz und New York. Üxheim/Eifel: Rose-Ausländer-Dokumentationszentrum (1994) (=Schriftenreihe der Rose-Ausländer-Gesellschaft. Hg. von Helmut Braun, Band 3): Zeittafel, Dokumente, Darstellungen, Gedichte. 3.) „Mutterland Wort“. Rose Ausländer 1901-1988. Köln: Rose Ausländer-Stiftung 1999 (=Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung. Hg. von Helmut Braun, Band 7): Fotos, Gedichte, Zeittafel, Aufsätze.
Die Stimme Rose Ausländers ist auf folgender CD zu hören: Es bleibt noch viel zu sagen. Rose Ausländer liest eigene Gedichte. Eine CD-Ausgabe. Köln: Rose Ausländer-Stiftung (Copyright)