Exil Praxisfelder 01.) Holocaust und Literatur

Jura Soyfer: Das Dachaulied

Der Mithäftling Max Hoffenberg erinnert sich an die Umstände der Entstehung des „Dachauliedes“ und seiner positiven Wirkung auf die Kameraden. (vgl. Arlt 1988, 400)

O-Ton Ernst Federn: Der Psychoanalytiker Ernst Federn. ORF-Sendung, Sprecherin Sandra Kreisler. (ORF, Ö1 Menschenbilder vom 24.9.2000), Dauer: 0:36 min.

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Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

O-Ton Ernst Federn: Der Psychoanalytiker Ernst Federn. ORF-Sendung, Sprecherin Sandra Kreisler. (ORF, Ö1, Menschenbilder vom 24.9. 2000). Dauer: 0:24 min

O-Ton Ernst Federn: Der Psychoanalytiker Ernst Federn. ORF-Sendung, Sprecherin Sandra Kreisler. (ORF, Ö1 Menschenbilder vom 24.9.2000), Dauer: 0:36 min.

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Über die Entstehungsbedingungen des „Dachauliedes“ erzählt Max Hoffenberg:

„Die Geschichte von der Entstehung des Dachau-Liedes, das habe ich unmittelbar erlebt. Wir sind ja oft schon um zwei oder drei in der Früh um Kaffee gegangen. Es waren riesige 50-Liter-Kessel, die selbst auch schon ein ganz schönes Gewicht gehabt haben. Das haben wir dann von der Küche in den Block gebracht. Und dann, man hat geschaut, dass man das schnell macht, und dann ist zwischen den Appellzeiten und dem Abmarsch vom Block oft eine Viertelstunde oder auch eine halbe Stunde gelegen. Und das war eine der Zeiten, wo wir zusammengekommen sind. […] Und eines Tages sagt der Jura: Komm mit hinauf zum Garten. Anschließend war ein riesiger Gemüsegarten, der von den Häftlingen betreut worden ist. […] Und unter anderem ist auch noch der Schneckerl dabeigewesen. Und der Kolaritsch. Der hat leider Selbstmord begangen. Aber erst nachher in Wien. Der Hugo war dabei, der Herbert Zipper. Und noch einige Leute, die ich nicht mehr ganz in Erinnerung hab. Und der liest uns das Dachau-Lied vor. Und ich habe nie gewusst, wann er das geschrieben hat. Das muss er im Schlaf geschrieben haben. Ich habe zwar neben ihm geschlafen. Aber auf einmal war es da. Und wir waren alle sehr beeindruckt. Denn es gibt so wirklich wieder, was das Dachau ausgemacht hat. […] Und dann hat es so alles getroffen, was wir gefühlt haben. Ich weiß heute noch nicht, ob jemand, der nicht im KZ war, das auch nur nachfühlen kann. Nachdem so viele es sagen, nehme ich an, dass es stimmt. Aber dass er sich das wirklich vorstellen kann, kann ich mir nicht vorstellen.“ (Arlt 1988, 400 f.)

Arlt 1988, 400 f.

dachaulied
Titel: Soyfer, Jura: Dachaulied 1941 (1. Strophe, gedrucktes Notenblatt)
Quelle: Kristian Sotriffer: Das größere Österreich. Geistiges und soziales Leben von 1880 bis zur Gegenwart. Wien: Tusch 1982, 345. Mit freundlicher Genehmigung des Deuticke Verlages, Wien 2002.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Dimbleby, Richard: Befreiung des KZs Bergen-Belsen

Richard Dimbley berichtet über die Befreiung des KZs Bergen-Belsen. Aus: The British Multimedia Encyclopedia, Global Software Publishing 1996 (wahrscheinlich Bericht der BBC) - Freeware, Dauer: 1:18 min.

Aber vorerst noch etwas Grundsätzliches zur Funktion und Wirkungsweise von Lagerliedern am Beispiel des „Buchenwaldliedes. Die Wirkung von Lagerliedern konnte ziemlich zwiespältig sein, wie die Berichte über das „Buchenwaldlied“ zeigen. Das „Buchenwaldlied“ wurde von Friedrich Löhner-Beda (Text) und Hermann Leopoldi (Melodie) geschrieben.

Aufgabe:

Lesen Sie das „Buchenwaldlied“ und überlegen Sie, welche zwiespältige „Wirkungsrichtung“ Lagerlieder ausüben konnten: Welche Wirkung hatte dieses Lagerlied eventuell auf die Wachmannschaften? Welche Wirkung hatte dieses Lagerlied eventuell auf die Häftlinge?

Das Buchenwaldlied
Wenn der Tag erwacht eh‘ die Sonne lacht, die Kolonnen zieh’n zu des Tages Mühen hinein in den grauenden Morgen. Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot, und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot und im Herzen, im Herzen die Sorgen. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist. Wer dich verließ, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist. Doch Buchenwald wir jammern nicht und klagen, und was auch unsere Zukunft sei, wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.
Und das Blut ist so heiß und das Mädel fern, und der Wind singt leis‘, und ich hab‘ sie so gern, wenn treu sie, wenn treu sie mir bliebe! Und die Steine sind hart, aber fest unser Schritt, und wir tragen die Pickel und Spaten mit und im Herzen, im Herzen die Liebe. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist. Wer dich verließ, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist. Doch Buchenwald wir jammern nicht und klagen, und was auch unsere Zukunft sei, wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.
Und die Nacht ist so kurz und der Tag so lang, doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang. Wir lassen den Mut uns nicht rauben, halte Schritt Kamerad, und verlier nicht den Mut, denn wir tragen den Willen zum Leben im Blut und im Herzen, im Herzen den Glauben. O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist. Wer dich verließ, der kann es erst ermessen, wie wundervoll die Freiheit ist. Doch Buchenwald wir jammern nicht und klagen, und was auch unsere Zukunft sei, wir wollen trotzdem ja zum Leben sagen, denn einmal kommt der Tag, dann sind wir frei.

Aufgabe:

Öffnen Sie nun unser ARBEITSBLATT, um einige Arbeitsaufgaben zu erledigen. Im Arbeitsblatt finden Sie weitere Anleitungen. Wenn Sie Ihre Fragen beantwortet und Ihre Eintragungen gemacht haben, dann speichern Sie Ihr Arbeitsblatt auf Ihrem PC oder auf Diskette, um es für weitere Fragen im Zuge dieses Praxisfeldes neuerlich aufrufen und bearbeiten zu können.

Überlegen Sie, wieso die Wachmannschaften unter Umständen Lagerlieder akzeptierten oder sogar förderten_

„Die jüdische Herkunft der Autoren wurde verschwiegen. Das „Buchenwaldlied“, den Häftlingen bei Schnee und Regen das erste Mal zu Weihnachten 1938 abverlangt, trat einen erstaunlichen Siegeszug an.“

Staar 1999, 64

„Offenbar verfügten sie [die Lieder] über Bedeutungsebenen, die den SS-Führern nicht nur verkraftbar erschienen, sondern von ihnen als gültig akzeptiert und eingefordert wurden. Das übte nun eine gewisse Sogwirkung auf andere SS-Führer aus, wie das Beispiel der Entstehung des Buchenwald-Liedes zeigt. Nach einem Bericht des Buchenwald-Häftlings Stefan Heymann hatte der gewiss nicht einer kulturvollen Bildung verdächtige Lagerführer Rödl erklärt: „Alle anderen Lager haben ein Lied, wir müssen auch ein Buchenwaldlied bekommen. Wer eins macht, bekommt zehn Mark. […]“ Die Wirkung dieses von der SS in Auftrag gegebenen Werkes war ambivalent. Einerseits wurde das Lied von den SS-Leuten zur Drangsalierung der Häftlinge eingesetzt, indem diese z. B. gezwungen wurden, in Winterskälte auf dem Appellplatz vier Stunden lang das Lied zu üben…“

Heydrich 1999, 80

„Zum einen wollte die SS auf verquere Weise ihrem Tun einen ästhetischen Schein geben lassen, wohl auch mit dem Ortsnamen des Konzentrationslagers eine paradoxe Heimatlichkeit verbinden. Die Lieder sollten auch gestische Anweisungen zum disziplinierten Ertragen der letztlich auf Auslöschung kalkulierten Existenzweise vermitteln.“

Heydrich 1999, 82

Aufgabe:

Wieso konnten Lagerlieder für die Häftlinge eine positive Wirkung haben:

„Selbst die überlebenden jüdischen Kinder von Auschwitz und Buchenwald, die nach der Befreiung in ein Erholungsheim in der Schweiz verbracht sind, singen dort mit leuchtenden Augen das ‚Buchenwaldlied‘.“

Staar 1999, 64

Der österreichische Häftling Julius Freund erzählt in seinem Erlebnisbericht ‚O Buchenwald!‘:

„… wurde das Buchenwaldlied aber von verbitterten Männern gesungen, so wirkte es, besonders wenn im Refreain beim letzten Vers: ‚Denn einmal kommt der Tag – dann sind wir frei!‘ das ‚wir‘ als Drohung hinausgeschmettert wurde.“

Heydrich 1999, 80

„Anfangs sangen die Häftlinge, welcher Nationalität und Muttersprache auch immer, dieses Lied nur mit Widerwillen; doch mit der Zeit änderte sich das: Je häufiger sie diese Hymne sangen, desto mehr wurde es ihr eigenes Lied – in dem sie mehr und mehr von den eigenen Gedanken wiederfanden, um sie den Tyrannen beim Appell ins Gesicht zu schreien. Ähnliches ist auch in Sachsenhausen, in Dachau, in Neuengamme, in Lichtenburg und vielen anderen KZ passiert; eine sonderbare Verkehrung der Verhältnisse …“

Kuna 1993, 63. Nach: Heydrich 1999, 83

Aufgabe:

Wechseln Sie nun wieder in unser ARBEITSBLATT, um einige Fragen zu beantworten. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

Das „Dachaulied“ von Jura Soyfer mag wohl auch diese Ambivalenz, wie sie im „Buchenwaldlied“ vorkommt, spiegeln. Doch Jura Soyfer bringt das Kunststück zustande, dass die doppelte Lesart seines Liedes nicht allein durch seine Sänger – also die Lagerinsassen – eine für sie klare Bedeutung bekommt. Vielmehr finden sich im Text selbst Elemente und Anklänge, die die doppelte Lesart gegen die Machthaber kippen lassen.

Dies soll anhand der ersten Strophe von Ihnen untersucht werden.

Soyfer, Jura

Lesen oder hören Sie die erste Strophe:

Aus der ORF-Sendung: Vom einfachen Menschen Jura Soyfer. (ORF, FS 1), Dauer: 0:40.

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Soyfer, Jura: Dachaulied (Chorfassung, 1. Strophe)

„dachaulied1chor_56“.

Soyfer, Jura: Dachaulied (Gitarre + Gesang, 1. Strophe)

„dachaulied1gitarre_56“.

(1) Stacheldraht, mit ???? geladen, (2) Ist um unsre Welt gespannt. (3) Drauf ein Himmel ohne Gnaden (4) Sendet Frost und Sonnenbrand. (5) Fern von uns sind alle Freuden, (6) Fern die Heimat und die Fraun, (7) Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, (8) Tausende im Morgengraun. (9) Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, (10) Und wir wurden stahlhart dabei. (11) Bleib ein Mensch, Kamerad, (12) Sei ein Mann, Kamerad, (13) Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: (14) Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, (15) Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Jura Soyfer: "Das Dachaulied" (1. Strophe)

Aufgabe:

Welches Wort hat Soyfer Ihrer Meinung nach in Zeile 1 verwendet: Strom, Mord, Tod?

Der Ich-Erzähler ist in erster Linie ein Berichterstatter, der seine Schicksalsgenossen zu Wort kommen lässt. Er weist vorrangig auf die Gespräche und Schicksalsschläge, das Verhalten, das Verzweifeln und die Tapferkeit der anderen Leidensgenoss/inn/en hin. Er kann sich dem Leser/der Leserin als authentischer und glaubwürdiger Vermittler vorstellen, der hautnah am Puls des schrecklichen Geschehens war. Auf diese Weise kann er z. B. direkt und unvermittelt von Gesprächen berichten, die er mit angehört hat und die er jetzt weitergibt. Er sagt von sich: „Ich kenne die Geschichten der Toten“. Immer neue Vorfälle steigen in seiner Erinnerung auf, die sein Gedächtnis aufbewahrt hat: „Ich erinnere mich an ein anderes Gespräch“. Aber auch über ihn selbst erfährt der Leser/die Leserin Wichtiges. Über sich selbst kommt er vorwiegend dann zu sprechen, wenn ihm sein Gedächtnis ein ganz spezifisches Erlebnis eingeprägt hat, das unvergleichlich und außergewöhnlich ist. Fred Wander versteht es auf diese Weise geschickt und beeindruckend, auch diesem Ich-Erzähler ein eigenes Profil und eine spezifische Individualität zu verleihen, die ihn nicht bloß zum anonymen und gesichtslosen Berichterstatter anderer Schicksale werden lässt. Dies ist kein Zufall: Fred Wanders Erzählstrategie ist es nämlich, allen KZ-Insassen individuelle Würde und Besonderheit zu verleihen wohl als Protest gegen die auf Anonymisierung und Gleichschaltung angelegte Strategie der SS.

Die Stacheldrahtzäune waren elektrisch geladen und so in das Mordsystem der KZs eingebunden. Soyfer verwendet aber einen umfassenderen Begriff. Es gab Häftlinge, die von Wärtern in den Zaun getrieben wurden, und es gab Häftlinge, die die Quälerei nicht mehr ertragen konnten und den Tod im Zaun suchten.

Soyfer verwendet den umfassenden Begriff des Todes: Es gab Häftlinge, welche die Quälerei nicht mehr ertragen konnten und den Tod im Stacheldrahtzaun suchten, und solche, die von den Wärtern in den Zaun oder in dessen unmittelbare Nähe getrieben wurden; die Wache hatte den Auftrag, auf solche Häftlinge zu schießen.

Metonymie, die: (gr. Umbenennung) In der Antike häufig in die Nähe der Metapher gestellt; während die Metapher aber die Benennung durch ersetzenden (Vergleichs-)Sprung gewinnt, entsteht die „Umbenennung“ durch Vertauschung begrifflich verwandter, aber semantisch nicht voll übereinstimmender Ausdrücke: Traube für Wein, Goethe lesen für die Lektüre des Werks.

Weisen Sie den folgenden Aussagen die entsprechende Zeilennummer zu:

Aufgabe:

Über dem Eingang ins Lager Dachau war eine Inschrift angebracht, die Soyfer in seinem Lied zitiert.

ZEILE 14 und 15: Über dem Eingang ins Lager Dachau war die Inschrift „Arbeit macht frei“ angebracht. Dieser Spruch ist zynisch gemeint und genauso verlogen wie sein Ursprung im Lied des Reichsarbeitsdienstes (RAD) „Die dunkle Nacht ist nun vorbei“. Mit diesem Lied wurde an Motive der Arbeiterdichtung und Arbeiterbewegung angeknüpft, die mit der Arbeit einerseits die Ausbeutung verknüpfte, andererseits die Arbeit als Quelle allen Reichtums ansah, die nach Abschaffung der Ausbeutung die Menschheit in eine lichte Zukunft führen sollte. Die Nationalsozialisten wollten durch Überhöhung des Arbeitsbegriffes die Ausbeutungskomponente der Arbeit überdecken und ihr einen Sinn verleihen. Die Inschrift über dem Lagereingang ist deswegen zynisch, weil die Arbeit in den Konzentrationslagern letzten Endes Gewalt, Terror und Tod bedeutet. Die Nationalsozialisten haben auch auf dem Gebiet der Ikonographie die Symbole der Arbeit pervertiert. So visualisierte der Mann mit dem Hammer im ausgehenden 19. Jahrhundert die Industrie. Der darin steckende Fortschrittsoptimisums wurde von der Arbeiterbewegung aufgenommen und mit klassenkämpferischen Attributen versetzt. Die Nationalsozialisten griffen das Sujet auf, passten den Arbeitsmann in die Ständegesellschaft ein und machten aus dem Klassenkampf den Rassenkampf. Stichworte: Reichsarbeitsdienstes (RAD), Arbeiterdichtung, Arbeiterbewegung

Durch die letzte Strophe des Dachauliedes erhält die Arbeit – und damit auch der zynische Spruch – aber wieder ihre ursprüngliche Bedeutung zurück: „Und die Arbeit, die wir machen. / Diese Arbeit, sie wird gut.“ Einst wird die Sirene künden: Auf zum letzten Zählappell! Draußen dann, wo wir uns finden, Bist du, Kamerad, zur Stell. Hell wird uns die Freiheit lachen, Schaffen heißt’s mit großem Mut. Und die Arbeit, die wir machen. Diese Arbeit, sie wird gut.

mauthausentor
Titel: KZ Mauthausen - Lagertor
Quelle: Wien 1938. 110. Sonderausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien. Wissenschaftliche Realisierung durch das DÖW 1988, S. 238. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
hammersd
Titel: Plakat der Sozialdemokraten zur Nationalratswahl 1920 (von Mihály Biró)
Quelle: Magie der Industrie. Leben und Arbeiten im Fabrikszeitalter. Katalog des NÖ Landesmuseums. Neue Folge Nr. 232. Wien 1989, S. 38
MalerIn/FotografIn: Mihály Biró
hammerns
Titel: NS-Werbeplakate für das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer"
NS-Werbeplakate für das antisemitische Hetzblatt "Der Stürmer" - Quelle: MdZ 16 (1999) 2, 23. Original im Exilarchiv, Deutsche Bibliothek, Frankfurt/M.
MalerIn/FotografIn:

Aufgabe:

Lesen Sie nach, welche Funktion die Arbeit im KZ hatte.

"Mit den geläufigen Vorstellungen von menschlicher Arbeit hat die Häftlingsarbeit wenig gemeinsam. Gewöhnlich soll Arbeit einen Mangel beheben und eine Situation der Knappheit beseitigen. Sie dient einem Zweck, der jenseits ihrer selbst liegt, der Befriedigung von Bedürfnissen, die so lange vertagt ist, bis die Ergebnisse erreicht sind. Zugleich ist Arbeit mit Mühsal und Anstrengung, meist auch mit Unterordnung verbunden. Arbeit ist eine Last, sie belastet Körper, Geist und Seele. Und sie ist eine sich wiederholende Tätigkeit, keine einmalige Tat. Sie fordert Disziplin und Selbstbeschränkung, damit die Pläne eingehalten und die sachlichen Erfordernisse erfüllt werden. Arbeit ist ein gezieltes, geplantes, stetiges Tun, das den Menschen als Last widerfährt. Sie nehmen sie auf sich, freiwillig oder unter Zwang, um ihr Dasein zu fristen, ihr Überleben zu sicher, um sich die Bedingungen für ein besseres Leben zu schaffen. Absolute Macht verändert diese Struktur der Arbeit grundlegend. Sie befreit sich vom Kalkül der Nützlichkeit und Effektivität und unterwirft die Arbeit dem Gesetz des Terrors. Arbeitsverhältnisse sind stets gesellschaftliche Verhältnisse. Sie werden bestimmt von den Beziehungen, die zwischen den Menschen herrschen. Die Machtfiguration in den Lagern war nicht auf Ausbeutung ausgerichtet, sondern auf Terror. Die Arbeit wurde so gestaltet, daß sie diesem politischen Zweck entsprach. Auch wo die Häftlinge an Großprojekten arbeiteten und rasche Erfolge propagiert wurden, war das System der absoluten Macht keineswegs aufgehoben. Es präformierte die Arbeit weiterhin, ihre Organisation und Situation. Weder Ideologie noch Ökonomie, sondern Gewalt, Terror und Tod regierten die soziale Struktur der Arbeit."

Ein Reimwort der 1. Strophe steht nicht nur für eine Tageszeit und für ein Naturphänomen, sondern auch für die zu erwartenden Gräuel.

ZEILE 8: „Morgengraun“ steht auch für das Grauen, das auf die Häftlinge zukommt: Zählappell, Marsch, Arbeit, Hunger, Folter, Willkür, Todesgefahr… So heißt es auch im „Buchenwaldlied“: „die Kolonnen zieh’n / zu des Tages Mühen / hinein in den grauenden Morgen.“

Der deutsche Kabarettist Karl Schnog, 1941 in das Lager Buchenwald eingeliefert, berichtet über Fritz Löhner-Beda, der im Dezember 1938 den Text des „Buchenwaldliedes“ verfasst hat, dass er die Schönheit der Natur nicht mehr genießen konnte:

„Als man Beda eines frühen Morgens auf dem Appellplatz auf einen besonders schönen strahlenden Sonnenaufgang aufmerksam machen wollte, sagte er (nach fünfjähriger Haft): „Mein Lieber, mit Sonnenaufgängen bin ich für die nächsten zehn Jahre völlig eingedeckt!'“

Schnog 1945, 14

So heißt es dann auch im Buchenwaldlied: „Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot“.

Aufgabe:

Auch im „Dachaulied“ kann die Natur keine existentielle Zuflucht mehr bieten. In welcher Zeile wird das ausgedrückt?

ZEILE 3 und 4: „Die Natur wird im Unterschied zu zahlreichen privaten Lagergedichten nicht als unbegreiflich schöner Gegensatz zum Terror, auch nicht als Raum einer Sinnflucht, sondern als Bestandteil der Negation des Menschlichen gesetzt: Realistik ohne Notausgänge.“ (Heydrich 1999, 85f.)

Die Häftlinge mussten unter allen Witterungsbedingungen ihre schwere Arbeit verrichten.

Um seinem „Dachaulied“ eine weitere kämpferische Dimension zu geben, nimmt Soyfer Bezug auf alte Lieder, die von der Arbeiterbewegung gesungen wurden. So klingt zum Beispiel folgendes Lied nach:

„Wenn wir schreiten Seit‘ an Seit‘ und die alten Lieder singen und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muß gelingen. Mit uns zieht die neue Zeit!“

Aufgabe:

In welcher Zeile klingt dieses Lied nach?

ZEILE 7: Selbstverständlich wurden die KZ-Lieder von den Wachmannschaften auch als Marschlieder eingesetzt. Soyfer ersetzt aber das Marschieren durch „schreiten“. So bekommt der Gang der Häftlinge Würde zurück und erinnert an die Arbeiterbewegung. Anklänge gibt es auch an Soyfers eigene Zeilen:

"Die Zeit, die ihre Straße zieht, Sie ist mir dir im Bund - Marschier mit ihr und sing dein Lied, Mein Bruder Vagabund!"

So appelliert Jura Soyfer in seinem Stück „Astoria“ an den arbeitslosen Vagabunden sich einzureihen, mitzumarschieren in der Überzeugung „mit uns zieht die neue Zeit“.

Soyfer beruft sich im „Dachaulied“ auch auf sein „Lied des einfachen Menschen“. In welcher ZEILE?

Lied des einfachen Menschen (1., 5. und 6., letzte Strophe)
„Menschen sind wir einst vielleicht gewesen Oder werden’s eines Tages sein, Wenn wir gründlich von all dem genesen. Aber sind wir heute Menschen? Nein! […]

Soll der Mensch in uns sich einst befreien, Gibt’s dafür ein Mittel nur allein: Stündlich fragen, ob wir Menschen seien, Stündlich uns die Antwort geben: Nein!

Wir sind das schlecht entworfne Skizzenbild Des Menschen, den es erst zu zeichnen gilt. Ein armer Vorklang nur zum großen Lied. Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!“

ZEILE 11: Der Begriff Mensch steht im Dachaulied ganz in der humanistischen Tradition.

Aufgabe:

Hitlers Losung für die deutschen Jungen „Hart wie Kruppstahl“ wird von Soyfer umgemünzt auf ein Widerstehen der Häftlinge gegenüber Unmenschlichkeit. In welcher Zeile?

ZEILE 10: „stahlhart“ steht bei Soyfer nicht für den neuen deutschen Menschen, sondern meint genau den Widerstand gegen das nationalsozialistische Ideal. Folgerichtig fordert Soyfer dann auch in der nächsten Zeile: „Bleib ein Mensch, Kamerad“!

Aufgabe:

Auch die Religion hat ihre Erlösungsfunktion verloren.

ZEILE 3: Die Grundelemente Erde („Welt“ in Zeile 2) und Himmel stehen nicht mehr für einen Gegensatz: „etwa im Sinne der Spannung zwischen mißlichem Irdischem und transzendenter Verheißung“ (Heydrich 1999, 85). Es ist vielmehr ein „Himmel ohne Gnaden“ (Zeile 3) – nicht nur die Witterungsbedingungen betreffend (siehe Zeile 4).

Die Verantwortlichen für den Lagerterror, Lagerkommandanten, SS-Schergen usw. bleiben unerwähnt. In welcher Zeile?

alle ZEILEN:

"In offiziellen oder legalisierten Lagerliedern [...] ist die Darstellung der KZ-Wächter Tabu. Bei Soyfer hat die Aussparung des in der Realität täglich wahrnehmbaren Feindes aber eine andere Bedeutung: Der poetische Aufwand für Zuwendung und Zuspruch, der den Mitgefangenen zuteil wird, ist ein unausgesprochenes, aber deutliches Urteil über die fehlende humane Potenz der Gegenseite, der eben kein Platz im Lagerlied zugebilligt wird."

Besonders eindrücklich zeigt dies die zweite Strophe:

Vor der Mündung der Gewehre Leben wir bei Tag und Nacht. Leben wird uns hier zur Lehre, Schwerer, als wir’s je gedacht. Keiner mehr zählt Tag‘ und Wochen, Mancher schon die Jahre nicht. Und so viele sind zerbrochen Und verloren ihr Gesicht.

Aus der ORF-Sendung: Vom einfachen Menschen Jura Soyfer. (ORF, FS 1), Dauer: 0:39.

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Soyfer, Jura: Dachaulied (Gitarre + Gesang, 2. Strophe)

„dachaulied2gitarre_56“.

Soyfer, Jura: Dachaulied (Chorfassung, 2. Strophe)

„dachaulied2chor_56“.

Lesen und/oder hören Sie die dritte Strophe.

„Heb den Stein und zieh den Wagen, Keine Last sei dir zu schwer. Der du warst in fernen Tagen, Bist du heut schon längst nicht mehr. Stich den Spaten in die Erde, Grab dein Mitleid tief hinein, Und im eignen Schweiße werde Selber du zu Stahl und Stein.“

Die Moorsoldaten. Musik von Rudi Goguel (spätere Bearbeitungen von Hanns Eisler und Ernst Busch), Dauer: 3:18 min.

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Aufgabe:

Nutzen Sie nun wieder das ARBEITSBLATT und beantworten Sie dort die entsprechende Frage. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

Aus der ORF-Sendung: Vom einfachen Menschen Jura Soyfer. (ORF, FS 1), Dauer: 0:39.

Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.

Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

Soyfer, Jura: Dachaulied (Chorfassung, 3. Strophe)

„dachaulied3chor_56“.

Soyfer, Jura: Dachaulied (Gitarre + Gesang, 2. Strophe)

„dachaulied3gitarre_56“.

Lesen/Hören Sie die vierte und letzte Strophe. Der Refrain erhält mit dieser Strophe eine neue Dimension. Die sinnentleerte und todbringende Arbeit hat für die Überlebenden nun doch einen Sinn (siehe oben). Wodurch muss allerdings das bisher den Refrain immer einleitende „Doch“ ersetzt werden?

Aus der ORF-Sendung: Vom einfachen Menschen Jura Soyfer. (ORF, FS 1), Dauer: 0:39.

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Soyfer, Jura: Dachaulied (Gitarre + Gesang, 4. Strophe)

Musik von Herbert Zipper. Dauer: 0:58. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Sessler Verlags, Wien 2002.

Soyfer, Jura: Dachaulied (Chorfassung, 4. Strophe)

Musik von Herbert Zipper, Dauer: 0:48 min. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Sessler Verlags, Wien 2002.

„Einst wird die Sirene künden: Auf zum letzten Zählappell! Draußen dann, wo wir uns finden, Bist du, Kamerad, zur Stell. Hell wird uns die Freiheit lachen, Schaffen heißt’s mit großem Mut. Und die Arbeit, die wir machen. Diese Arbeit, sie wird gut. ???? wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!“

Aufgabe:

„Doch“ muss ersetzt werden durch ???

Nein. Der Refrain ist keine Antithese zur vorhergehenden Strophe mehr, da von der positiven Arbeit nach dem Ende des KZ-Systems die Rede ist.

Nein. „Auch“ ist unpassend, da von keinem anderen Subjekt die Rede ist, das diese Losung gelernt hätte. Die Lagerinsassen erscheinen als kollektives „wir“.

Bisher hatte der Refrain gegenüber der Strophe die Funktion der Antithese, des Widerstands. Die letzte Strophe, die von der Arbeit nach dem Ende des KZ-Systems handelt, führt die Betrachtungen in den Refrain hinein, der hier die Funktion der Begründung einnimmt.

NEIN

Sie können das gesamte Lied nun noch einmal nachlesen:

Jura Soyfer: „Das Dachaulied“
„Stacheldraht, mit Tod geladen, Ist um unsre Welt gespannt. Drauf ein Himmel ohne Gnaden Sendet Frost und Sonnenbrand. Fern von uns sind alle Freuden, Fern die Heimat und die Fraun, Wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, Tausende im Morgengraun.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Vor der Mündung der Gewehre Leben wir bei Tag und Nacht. Leben wird uns hier zur Lehre, Schwerer, als wir’s je gedacht. Keiner mehr zählt Tag‘ und Wochen, Mancher schon die Jahre nicht. Und so viele sind zerbrochen Und verloren ihr Gesicht.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Heb den Stein und zieh den Wagen, Keine Last sei dir zu schwer. Der du warst in fernen Tagen, Bist du heut schon längst nicht mehr. Stich den Spaten in die Erde, Grab dein Mitleid tief hinein, Und im eignen Schweiße werde Selber du zu Stahl und Stein.

Doch wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!

Einst wird die Sirene künden: Auf zum letzten Zählappell! Draußen dann, wo wir uns finden, Bist du, Kamerad, zur Stell. Hell wird uns die Freiheit lachen, Schaffen heißt’s mit großem Mut. Und die Arbeit, die wir machen. Diese Arbeit, sie wird gut.

Denn wir haben die Losung von Dachau gelernt, Und wir wurden stahlhart dabei. Bleib ein Mensch, Kamerad, Sei ein Mann, Kamerad, Mach ganze Arbeit, pack an Kamerad: Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei, Denn Arbeit, denn Arbeit macht frei!“

Soyfer 1984, 243 f.

Theodor Kramer: Der Ofen von Lublin (22.8. 1944)

Es gibt nicht viele konkrete Gedichte, die den Massenmord an den Juden (Holocaust) zum Thema haben. Dies mag damit zu tun haben, dass sich die Probleme der „Ästhetik des Erinnerns“ (Köppen 1993, 8) in der Lyrik am konzentriertesten zeigen. Thematisiert wird dies in Theodor W. Adornos vielzitierter Aussage, „nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ (Adorno 1951) Sieben Jahre vor diesem vor dieser von vielen als Verdikt verstandenen Aussage verfasste Theodor Kramer sein Gedicht „Der Ofen von Lublin“. Er veröffentlichte es im Band „Die grünen Kader“, dem eine Widmung vorangestellt ist: „Dem Andenken meiner Mutter – 26. Jänner 1943 in Theresienstadt“ (Kramer 1946, 58).

Titel: Totentanz. Kabarett hinter Stacheldraht
Beschreibung:

Bevor Sie sich mit Kramers Gedicht „Der Ofen von Lublin“ beschäftigen, haben Sie die Möglichkeit, einige Aspekte von Kramers Lyrikschaffen im Exil kennen zu lernen: So stellt sich einerseits die Frage, inwieweit Kramer sich von seinem Schreiben in Österreich vor 1938 lösen kann und wie er Österreich in seinen Gedichten im Exil in England sieht. Andererseits stellt sich die Frage, inwieweit Kramer die NS-Täter in seinen Gedichten konkret gestalten kann.

Am 30. Jänner 1945 schreibt Theodor Kramer im englischen Exil das Gedicht „Abschied vom Steinbruch“, in dem die Arbeiter mit Wintereinbruch Schluss mit ihrer Arbeit machen:

„Der Rasen ist gefroren, das letzte Loch gesprengt, gezählt sind Schlegel, Loren, der Ranzen umgehängt. Die blanken Meißel blinken; nun zünden wir den Span und wolln ums Feuer trinken, bis kräht vor Tag der Hahn.
Einäugig ist der eine, im Kreuz der andre steif; wie unterhöhlte Steine sind wir zum Rollen reif. Wir ziehn nach den vier Winden, verkrätzt, verschrumpft, vertan; wir sind bestimmt zu schwinden, eh kräht vor Tag der Hahn.

Seht, dass rundum, ihr Männer, der süße Branntwein geht; euch, Brecher, Fäller, Brenner, wo rot die Sprengfahn weht, da grüß euch diese Weise, sie klinge euch voran dereinst zur guten Reise, wann kräht vor Tag der Hahn.“

Ganz der poetischen Welt Theodor Kramers entsprechend, treten die Beteiligten nicht einfach pauschal als Arbeiter oder Steinbrucharbeiter auf, sondern sie werden mit ihrer konkreten Arbeit identifiziert als: „Brecher, Fäller, Brenner“. Ebenso konkret sind ihre Werkzeuge: „Schlegel“, „Loren“, Meißel“ und ihre durch die konkrete Arbeit hervorgerufenen körperlichen Gebrechen: „Einäugig“, „steif“, „verkrätzt“, verschrumpft“. Kramers diesbezügliches poetisches Verfahren wurde als „Ästhetik des Besonderen“ (Gauß 1983, 19) und als „Lyrik des Gebrauchswerts“ (Scheit 2000, 56) benannt.

„Ziegelbrenner, Rübenzupfer, Schnitter, Steinbrecher, Straßensänger, Eisengießer, Werkelmann, Scherenschleifer, Wanzenvertilger, Roßkamm – das sind typische Berufe, die das Personal von Kramers Lyrik ausübt. Wenn diese Menschen trinken, dann ist es nicht einfach ‚Wein‘ oder ‚Schnaps‘, zu dem sie greifen, sondern …“

Gauß 1983, 19

Aufgabe:

Was trinken diese Menschen?

"... dann ist es nicht einfach 'Wein' oder 'Schnaps', zu dem sie greifen, sondern der 'Ruster', der 'Kremser', der 'Poysdorfer' oder der 'bittre Enzian'."

Auffällig ist dabei aber: Kramer besingt im Jänner 1945 den Abschied vom Steinbruch, während im Steinbruch des KZ Mauthausen ganz andere Verhältnisse herrschen.

steinbruchwienergraben
Titel: KZ Mauthausen: Steinbruch Wiener Graben, Sommer 1942 (SS-Foto)
Quelle: Hans Marsalek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Wien: Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen 1980, 90. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Marsalek.
MalerIn/FotografIn: SS-Foto
steinbruchm216
Titel: KZ Mauthausen: Auf dem Wege oberhalb der Steinbruchstiege fanden die Massenerschießungen statt, Sommer 1943 (SS-Foto)
Quelle: Hans Marsalek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Dokumentation. Wien: Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen 1980, 216. Mit freundlicher Genehmigung von Hans Marsalek.
MalerIn/FotografIn: SS-Foto
todesstiege
Titel: KZ Mauthausen: Todesstiege im Steinbruch
Quelle: Wien 1938. 110. Sonderausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien. Wissenschaftliche Realisierung durch das DÖW 1988, S. 237. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Wenn Kramer im obigen Gedicht die Auswirkungen der Arbeit im Steinbruch bespricht, kann man auf die wirtschaftliche Ausbeutung dieser Arbeitskräfte schließen. Im KZ war aber die Ausbeutung anderen Absichten der SS fast untergeordnet.

Aufgabe:

Welchen Zweck verfolge die SS noch?

Die SS-eigenen Deutschen Erd- und Steinwerke (DESt) ließen in Sachsenhausen und Neungamme riesige Ziegeleien errichten; in Buchenwald, Mauthausen, Flossenbürg und Natzweiler schufteten die Gefangenen in den Steinbrüchen der DESt. Strafe und Terror prägten jedoch auch die KZ-Arbeit als bestimmende Elemente.

Der Historiker Bertrand Perz über die Arbeit im Steinbruch:

„Generell muss man sagen, solange die SS genügend Häftlinge zur Verfügung hatte und genügend Nachschub da war, also bis etwa 1942, war der Wert des einzelnen Häftlings in Bezug auf die Arbeit äußerst gering. D.h., die Arbeit im Steinbruch war intentional auch ein Mittel zur Terrorisierung und Tötung von Häftlingen aus politischen und rassistischen Erwägungen. Die Frage, ob der Häftling dadurch verloren geht, spielt keine Rolle. Das hat sich allerdings im Lauf der Zeit sehr geändert, weil Häftlinge in der Rüstungsindustrie gebraucht wurden. Da hat man dann auch differenziert zwischen Facharbeitern und Hilfsarbeitskräften. […] Eine große Rolle spielt auch die Form der Arbeit. Wenn es im Steinbruch ist, und der trägt hier nur Steine, ist er beliebig zu ersetzen. […] Man kann auch sehen, dass die Todesraten in Lagern, wo Häftlinge in Industriebetrieben oder am Fließband arbeiten mussten, wesentlich geringer sind als etwa im Steinbruch […].“

Die SS-eigenen Deutschen Erd- und Steinwerke (DESt) ließen in Sachsenhausen und Neungamme riesige Ziegeleien errichten; in Buchenwald, Mauthausen, Flossenbürg und Natzweiler schufteten die Gefangenen in den Steinbrüchen der DESt. Strafe und Terror prägten jedoch auch die KZ-Arbeit als bestimmende Elemente.

Der Historiker Bertrand Perz über die Arbeit im Steinbruch:

„Generell muss man sagen, solange die SS genügend Häftlinge zur Verfügung hatte und genügend Nachschub da war, also bis etwa 1942, war der Wert des einzelnen Häftlings in Bezug auf die Arbeit äußerst gering. D.h., die Arbeit im Steinbruch war intentional auch ein Mittel zur Terrorisierung und Tötung von Häftlingen aus politischen und rassistischen Erwägungen. Die Frage, ob der Häftling dadurch verloren geht, spielt keine Rolle. Das hat sich allerdings im Lauf der Zeit sehr geändert, weil Häftlinge in der Rüstungsindustrie gebraucht wurden. Da hat man dann auch differenziert zwischen Facharbeitern und Hilfsarbeitskräften. […] Eine große Rolle spielt auch die Form der Arbeit. Wenn es im Steinbruch ist, und der trägt hier nur Steine, ist er beliebig zu ersetzen. […] Man kann auch sehen, dass die Todesraten in Lagern, wo Häftlinge in Industriebetrieben oder am Fließband arbeiten mussten, wesentlich geringer sind als etwa im Steinbruch […].“

Die Demütigung der KZ-Insassen durch das Wach- und Aufsichtspersonal war in den Konzentrationslagern in allen Bereichen an der Tagesordnung. Sie war ein Teil jener Strategie, die den in den Lagern Eingesperrten jegliche Menschlichkeit absprechen wollte.

Zwei Fragen tun sich daher bei der Lektüre von Theodor Kramers Gedicht auf: Was ist Ihre Auffassung? Wollte Kramer im Exil sich und Österreich bewahren, indem er an den alten Themen und seinem poetischen Verfahren festhielt? Oder versagte die „Ästhetik des Besonderen“ vor der durch die Nationalsozialisten inszenierten Ästhetik der Vernichtung? Was ist Ihre Auffassung?

Kramer beginnt im Exil:

"... seine Gedichte gleichsam noch einmal zu schreiben; er fängt von vorn an, er möchte wieder wahr ,machen, was damals war, aus der Ferne lieben, über die schreiben, die er nicht mehr kennt - sie also neu erfinden, um mit den Erfundenen wieder vertraut zu werden, wie in alter Zeit mit den Wirklichen."

"Ich frage mich manchmal: Ist Theodor Kramer nicht in gewisser Weise wahnsinnig geworden und wahnsinnig geblieben? Er schreibt 1943 ununterbrochen Gedichte über den Bub des Burgenländers, den Vater des Burgenländers, die Frau des Burgenländers, von den Wegweisern im Buckelland, von der Kräutlerin, von der Schnapshütte ... - all dies in einem imaginären Burgenland und Buckelland, während in Wirklichkeit Juden und Roma und Sinti zusammengefangen und in Viehwaggons Richtung Auschwitz abtransportiert werden. Aber ist dies nicht der ganz normale Wahnsinn des Exils - den Kramer nur besonders konsequent ausbuchstabiert? [...]"

"Doch im Unterschied zu den kulturpolitischen Konstruktionen des Exils konnte sich Kramer hier auf seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse stützen - er musste sich nur erinnern an seine Jugend und an die Jahre vor 1938. Schrieb er also weiter, als wäre nichts geschehen, "überschrieb" er einfach den Selbstmordversuch und das nationalsozialistische Heimatland, das ihn dazu getrieben hatte? (Und es finden sich unter diesen Gedichten nicht wenige, sehr schöne, die ebensogut vor 1938 geschrieben werden hätten können. Ich kann sie nicht unterscheiden.)"

Vergleichen Sie nunmehr zwei Fassungen des Gedichtes „Fronleichnam“. Analysieren Sie dabei die Zeichnung der verschiedenen Rollen, die Österreicher nach dem „Anschluss“ 1938 einnehmen:

Fronleichnam
Wenige waren es, die Stellung nahmen hinterm Himmel, um zur Stadt zu gehn; als sie singend ihres Weges kamen, bleiben viele auf den Steigen stehn.
Dünn nur quoll der Weihrauch, und die Reiser längs der Straße standen schier entlaubt; klagend sang der kleine Chor sich heiser, und die Leut entblößten still das Haupt.
Viele kannten nur vom Hörensagen noch den Umgang; doch dem baren Haar tat es wohl, dass selbst in diesen Tagen irgend etwas manchen heilig war.

Aufgabe:

Überlegen Sie zuerst die Funktion folgender poetischer Mittel: Inwiefern ist des Begriff „Stellung“ in Zeile 1 mehrdeutig? Welche Stimmung wird speziell durch die verwendeten Adjektive beschworen? Der Ausdrucksstellung kommt im Deutschen besondere Bedeutung zu. Wie steht es damit in diesem Gedicht?

Ausdrucksstellung: Ein Satzglied bzw. Wort wird dann besonders betont und hervorgehoben, wenn es am Satzanfang steht, z. B.: „Niemals wird das geschehen.“

Indem die Menschen bei einem Fronleichnamszug Aufstellung nehmen, nehmen sie auch Stellung für das Christentum und gegen den Nationalsozialismus – dies wird uns zumindest von Theodor Kramer nahe gelegt. In ihrer Aufstellung beziehen die Umzugsteilnehmer Position, zeigen „Haltung“.

„dünn“, „klagend“, „leise“, „still“, „bar“… – diese Adjektive prägen eine defensive, besinnliche, innehaltende Stimmung des Gedichtes.

Indem die Menschen bei einem Fronleichnamszug Aufstellung nehmen, nehmen sie auch Stellung für das Christentum und gegen den Nationalsozialismus – dies wird uns zumindest von Theodor Kramer nahe gelegt. In ihrer Aufstellung beziehen die Umzugsteilnehmer Position, zeigen „Haltung“.

Strophe 1 und Strophe 3 betonen ein Zahlwort in der Ausdrucksstelle
und weisen so besonders auf den Gegensatz der wenigen, die am Umzug
teilnehmen, und der vielen, die abseits stehen, hin.

Aufgabe:

Wie oft ist dieses Stilmittel in diesen drei Strophen angewendet?

NEIN

NEIN

Kramer verwendet mittels Parallelismus die Ausdrucksstellung zu Beginn jeder Strophe.

Lesen Sie nun die vierte und letzte Strophe dieses Gedichts, die es in zwei Fassungen gibt:

Die erste Druckfassung stammt aus dem Band „Verbannt aus Österreich“, der 1943 vom Austrian P.E.N. in London herausgegeben wurde, und trägt den Titel „Wien, Fronleichnam 1939“:

„Und indessen sie dem Zug nachstarrten, salzigen Auges, Mannsvolk, Weib und Kind, schwenkten aus den Fenstern die Standarten alle das verbogne Kreuz im Wind.“

Die zweite Druckfassung stammt aus dem Band „Wien 1938“, laut Kramer „Geschrieben in Wien/März bis August 1938“, erschienen allerdings erst 1946:

„Und indes sie hinterm Zug dreinstarrten, salzigen Auges, Mannsvolk, Weib und Kind, schwenkten auf den Masten die Standarten alle das verbogne Kreuz im Wind.“

Aufgabe:

Welche Unterschiede ergeben die beiden Fassungen im Hinblick auf die Täter- und Opferrolle der Österreicher?

"In der ersten Fassung dieses Gedichts schwenkten die Fahnen mit dem Hakenkreuz noch aus den offenen Fenstern: Hier deutet sich zumindest der Widerspruch an, dass hinter diesen Fenstern Leute leben, denen eben das verbogne Kreuz heilig ist. Indem Kramer die Hakenkreuzfahne auf den Mast transferiert, werden die Nazis zu einer abstrakten ungreifbaren Macht - die mit den konkreten Menschen nichts zu tun hätte."

Lesen Sie einige Gedichte des zweiten Teils von Wien 1938. Welche Benennungen für die nationalsozialistische Macht können Sie feststellen?

Folgende Benennungen der NS-Macht lassen sich feststellen: „der Mordsturm“ (I, 373) „sie“ (374) „der Krieg hat“ (377) „die SA“ (379) „das Kreuz der Lüge“ „man“ (380) „braunen Mob“ (381) „gierigen Fahnen“, „der Burschen Gejohl“ (382) „die Horde“ (383).]

Insgesamt erscheinen die Nationalsozialisten als anonyme Macht, als Annexionsmacht, die Österreich nur von außen und nicht auch von innen in Besitz genommen hat.

Geht es jedoch um einen konkreten Akt der Unterdrückung, wird auch der Unterdrücker charakterisiert. Kramer folgt hier seinem Konzept, das er schon vor der Emigration angewandt hat:

„Bei Kramer tritt der unmittelbare Gegner vor das Visier des Subjekts: der Patron, der Aufseher, der Altgesell, der Polier, der Kapitän etc. Der Büttel ist es, gegen den sich die Wut richtet. Er ist es ja auch, der sich die Hände schmutzig machen muss. Er kann auch so in seiner Rolle aufgehen, dass er diese Aufgabe nur zu gern erfüllt.“

Staud 2000, 51

Zeichnen sie dieses Verfahren in Kramers (einzigem) Gedicht zum Holocaust nach:

Der Ofen von Lublin
Es steht ein Ofen, ein seltsamer Schacht, ins Sandfeld gebaut, bei Lublin; es führten die Züge bei Tag und bei Nacht das Röstgut in Viehwagen hin. Es wurden viel Menschen aus jeglichem Land vergast und auch noch lebendig verbrannt im feurigen Schacht von Lublin.
Die flattern ließen drei Jahre am Mast ihr Hakenkreuz über Lublin, sie trieb beim Verscharren nicht ängstliche Hast, hier galt es noch Nutzen zu ziehn. Es wurde die Asche der Knochen sortiert, in jutene Säcke gefüllt und plombiert als Dünger geführt aus Lublin.
Nun flattert der fünffach gezackte Stern im Sommerwind über Lublin. Der Schacht ist erkaltet; doch nah und fern legt Schwalch auf die Länder sich hin, und fortfrißt, solang nicht vom Henkerbeil fällt des letzten Schinderknechts Haupt, an der Welt die feurige Schmach von Lublin.

„Vergleichbar der Situation in Auschwitz, wo aus dem Konzentrationslager die Vernichtungsstätte hervorging und die beiden Zweckbestimmungen Ausbeutung und Vernichtung parallel verfolgt wurden, war nur noch ein anderes Lager, das im Herbst 1941 errichtete KZ in der Distrikthauptstadt Lublin. Die Vernichtungsstätte ist unter dem Namen Majdanek (ein Stadtteil von Lublin) bekannt geworden. Bis zur Befreiung im Juli 1944 durch sowjetische und polnische Truppen sind in der ganzen Zeit, in der das Lager existierte, etwa 200.000 Menschen zu Tode gekommen, unter ihnen etwa 60.000 Juden. Die Phase der Vernichtungsaktionen dauerte vom Sommer 1942 bis Juli 1944. Gemordet wurde wie in Auschwitz mit Zyklon B, aber auch mit Kohlenmonoxyd, das in Stahlflaschen angeliefert und durch ein Leitungssystem in die Gaskammern eingeführt wurde. Im Herbst 1943 gab es wieder, wie zur Zeit der Einsatzgruppen, Massaker, bei denen die Opfer in Erschießungsaktionen ermordet wurden.“

„‚Am 3. November 1943 fand die lange vorbereitete Aktion statt, die von den Häftlingen „Blut-Mittwoch“, von den Tätern „Aktion Erntefest“ genannt wurde. Ihr fielen an einem Tag alle Juden aus dem KZ zum Opfer, die in den SS-eigenen „Deutschen Autorüstungswerken“ und in den Außenkommandos arbeiteten. Es waren fast 18.000 Tote.'“(Benz 1997, 107)

Das Gedicht erschien in dem Band „Wien 1938. Die grünen Kader“. Der Zyklus“‚Die grünen Kader‘ trägt die Widmung: „Dem Andenken meiner Mutter – 26. Jänner 1943 in Theresienstadt“.

Aufgabe:

Überlegen Sie dazu: Mit welchen grammatischen und formalen Verfahren spricht Theodor Kramer in der ersten Strophe von der NS-Macht? Welche sprachlichen Mittel werden in der zweiten Strophe angewendet? Welche Konnotationen ruft dann die Konkretisation (in Form des Begriffs „Schinderknechts“) in der dritten Strophe hervor? Verfassen Sie abschließend eine Gedichtinterpretation (ca. 300 Wörter)!

Grammatische Verfahren in der ersten Strophe: Verwendung des Scheinsubjekts „es“ Passivkonstruktion bei der Vernichtung der Opfer Stilformen: Personifikation (der Ofen, die Züge werden zu Ausführenden) Parallelismus (Es steht, es führten, es wurden) Anaphorisches „es“

Der Parallelismus wird weitergeführt, allerdings wird das unpersönliche „es“ fassbarer durch das hinweisende „die“ und das persönliche „sie“, ehe die Passivkonstruktion an der gleichen Stelle wie in Strophe 1 von der Verwertung der Opfer spricht.

Kramer versucht in der ersten Strophe die Anonymität des Vorgangs deutlich zu machen: 'Es steht ein Ofen [...], es führten die Züge [...], es wurden viel Menschen [...]'; in der zweiten benennt er die Täter wieder mit dem Symbol der Hakenkreuzfahne, aber die anonyme und abstrakt-symbolische Macht wird - im Unterschied zu dem Fronleichnams-Gedicht - in ihrer Unheimlichkeit kenntlich, und zwar dadurch, dass sie es offenbar auf ganz konkrete Gebrauchswerte abgesehen hat: 'Röstgut', 'Asche', 'Dünger' - dass sie Menschen in Gebrauchswerte verwandelt. Bis zu diesem Punkt erscheint das Gedicht wie eine Selbstaufhebung der Kramer'schen Gebrauchswert-Lyrik. Die letzte Strophe jedoch antwortet mit dem Widerstand:"

"[...] Die Anonymität des Vorgangs ist jedoch nicht undurchdringlich; Kramer gelangt zur persönlichen Schuld vieler kleiner Täter und er gebraucht dafür ein altertümliches Wort: Schinderknecht."

 "Das Gedicht stellt eine Ausnahme dar - nicht nur, weil es die "industrielle Vernichtung" der Juden zum Gegenstand hat, sondern gerade auch in seiner Bewegung vom anonym scheinenden Vorgang bis zum konkreten kleinen Täter. Die Schinderknechte aber werden in Kramers Lyrik äußerst selten thematisiert, sie verschwinden hinter der abstrakten Symbolik der Hakenkreuzfahne; sieht man ab von jenen Gedichten, die Kramer über den nicht-österreichischen, nicht-deutschen Widerstand - über slawische Partisanen geschrieben hat"

Verwenden Sie jetzt wieder das ARBEITSBLATT, und verfassen dort Sie abschließend eine Gedichtinterpretation, indem Sie alle Ihre bisher erworbenen Kenntnisse anzuwenden versuchen. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

kramerwien1938
Titel: Kramer, Theodor: Wien 1938. Die grünen Kader. Wien. Globus Verlag 1946 (Cover)
Quelle: Theodor Kramer: Wien 1938. Die grünen Kader. Gedichte. Wien. Globus Verlag 1946. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
kramertitelverbannt
Titel: Kramer, Theodor: Verbannt aus Österreich. London: Austrian P.E.N. 1943
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
mauthausenfriedhof
Titel: KZ Mauthausen: Häftlingsfriedhof
Quelle: Wien 1938. 110. Sonderausstellung im Historischen Museum der Stadt Wien. Wissenschaftliche Realisierung durch das DÖW 1988, S. 236. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Fred Wander: Der Siebente Brunnen. Erzählung

Fred Wander bezeichnete sein Werk „Der siebente Brunnen“ (1972) als „Erzählung“. Bemerkenswert ist, dass der Autor an den Beginn seiner Erzählung die Thematik des Erzählens selbst rückt. Sofort wird klar, dass das Erinnern an die KZ-Zeit sowie Inhalt und Form des Erzählens darüber von entscheidender Bedeutung sind. Der Erzähler fragt seinen Mithäftling Mendel Teichmann, „wie man eine Geschichte erzählt“. So lautet auch die Überschrift des ersten Kapitels. Gleichzeitig erzählt er selbst über das schreckliche Lebensschicksal des jüdischen Lagergenossen Mendel Teichmann.

Fred Wanders Erzählung „Der siebente Brunnen“ ist nicht nur eine aufrüttelnde Erinnerung an das KZ, sondern markiert mit dem Datum des Erscheinens Anfang der 1970er Jahre auch einen Bruch mit dem Schweigen über „Auschwitz“, auch bei den KZ-Insassen selbst.

I. Wie man eine Geschichte erzählt
„Drei Wochen nach dem Gespräch, von dem ich nun berichten werde, sollte Mendel sterben. Natürlich konnte ich das damals nicht wissen, noch weniger er selbst, obwohl er zu jener Zeit schon sehr geschwächt war. Aber noch immer hatte er seine äußerste Konzentration auf das Betrachten menschlichen Verhaltens gelenkt, überschüttete er uns, auf dem Holzplatz, beim Abladen von Baumstämmen oder auf dem Marsch, mit glühenden Schmähungen, Flüchen, Verherrlichungen der Schönheit, mit seinen zu Versen geschmiedeten düsteren Prophezeiungen, Wortergüssen, mit seinem Stolz. – Einmal, als ihn einer unserer Wächter mit einem Kübel Wasser übergoss, weil er stehend eingenickt war, beim Schichten von Holz, vor Müdigkeit und Schwäche, und die Gestiefelten schallend lachten (es fror an diesem Tag, die Posten waren in Schafpelze gekleidet, hatten von Sattheit und Wärme rote Wangen), da streckte sich Mendel, sein nasses graues Haar klebte in der Stirn, die Augen lugten scharf darunter hervor, nicht hassend oder klagend, sondern gespannt. Was tut dieser Mensch, fragten die Augen.“
„An jedem zweiten Sonntagnachmittag (wir hatten nur zwei Ruhetage im Monat) pflegte Mendel Geschichten zu erzählen. In der Essenbaracke versammelten sie sich. Juden aus Warschau, Sosnowiec und Krakau, fasziniert vom Wort. Das Wort hatte magische Kräfte, es zauberte eine reichgedeckte Sabbattafel herbei, die Lieblichkeit eines jüdischen Mädchens, Duft von süßem Palästinawein und Rosinenkuchen, verlorne schöne Welt. Das Wort, kaum dass es erklang, machte die Männer erbleichen, es verwandelte sie, kehrte ihre Blicke nach innen, ließ sie Tränen vergießen und lachen, geißelte sie, ließ sie ächzen und sogar schwitzen. Der Meister des Wortes jedoch, dieser Zauberer, Mendel Teichmann, vielleicht fünfzig Jahre alt, groß, hager und innerlich brennend, stand vor ihnen auf einer Bank, redete und gestikulierte.“

Wander 1994, 7 f.

Coproduktion ORF, Satel ? für Lehrzwecke auf Video aufgenommen am 20. April 1993

Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.

Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

Coproduktion ORF, Satel – für Lehrzwecke auf Video aufgenommen am 20. 4. 1993, Dauer: 1:01 min.

Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.

Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.

Diese zwei Absätze, die Fred Wanders Erzählung „Der siebente Brunnen“ eröffnen, handeln nicht nur vom Erzählen selbst, sie zeigen auch in paradigmatischer Form ein wichtiges Kennzeichen dieser Erzählung, nämlich Wanders Gebrauch verschiedener Erzähler: den Ich-Erzähler, den Wir-Erzähler, den Er-Erzähler. Gehen Sie diesem Gebrauch der verschiedenen Erzähler nach, indem Sie die Textpassage noch einmal lesen und dabei die folgende Frage überlegen:

Aufgabe:

An welchen Stellen werden diese Erzähler verwendet und welche spezifischen Funktionen haben sie für die Botschaft des Textes?

Der Ich-Erzähler ist in erster Linie ein Berichterstatter, der seine Schicksalsgenossen zu Wort kommen lässt. Er weist vorrangig auf die Gespräche und Schicksalsschläge, das Verhalten, das Verzweifeln und die Tapferkeit der anderen Leidensgenoss/inn/en hin. Er kann sich dem Leser/der Leserin als authentischer und glaubwürdiger Vermittler vorstellen, der hautnah am Puls des schrecklichen Geschehens war. Auf diese Weise kann er z. B. direkt und unvermittelt von Gesprächen berichten, die er mit angehört hat und die er jetzt weitergibt. Er sagt von sich: „Ich kenne die Geschichten der Toten“. Immer neue Vorfälle steigen in seiner Erinnerung auf, die sein Gedächtnis aufbewahrt hat: „Ich erinnere mich an ein anderes Gespräch“. Aber auch über ihn selbst erfährt der Leser/die Leserin Wichtiges. Über sich selbst kommt er vorwiegend dann zu sprechen, wenn ihm sein Gedächtnis ein ganz spezifisches Erlebnis eingeprägt hat, das unvergleichlich und außergewöhnlich ist. Fred Wander versteht es auf diese Weise geschickt und beeindruckend, auch diesem Ich-Erzähler ein eigenes Profil und eine spezifische Individualität zu verleihen, die ihn nicht bloß zum anonymen und gesichtslosen Berichterstatter anderer Schicksale werden lässt. Dies ist kein Zufall: Fred Wanders Erzählstrategie ist es nämlich, allen KZ-Insassen individuelle Würde und Besonderheit zu verleihen wohl als Protest gegen die auf Anonymisierung und Gleichschaltung angelegte Strategie der SS.

Wander weist dem Erzählen also eine wichtige Funktion im Überlebenskampf zu. Unter umgekehrten Vorzeichen tritt dieses Motiv im V. Kapitel des Buches, das ihm seinen Namen gegeben hat, „Der siebente Brunnen“, auf. Einen Ausschnitt – den Kapitelbeginn – können Sie hier studieren:

V. Der siebente Brunnen
„Die Männer reden nicht mehr. Vor fast einer Woche, auf dem Riesengebirge, als wir noch zu essen hatten, jeder einen Brotlaib und eine Fleischkonserve, die wir heißhungrig verschlangen, und Schnee, um die Lippen anzufeuchten, vor einer Woche hörte man noch ihre krächzenden Stimmen. Nun sind die Lippen ausgetrocknet. Jetzt reden sie nur noch mit sich selbst, im Fieber, in der Agonie. Einige sind zu Hause angelangt und reden jetzt mit ihren Lieben. Sie erzählen, fragen, schmeicheln, beschwichtigen. Wenn der Zug fährt, wird das Geraune und Todesröcheln vom Rattern der Räder übertönt. Mehrere Tage schon ist der Zug unterwegs.“

Wander 1994, 36

Aufgabe:

„Die Männer reden nicht mehr.“ So lautet der erste Satz des Kapitels V. Vergegenwärtigen Sie sich jetzt das Einleitungskapitel (Kap. I) von Fred Wanders Erzählung. Welche Zusammenhänge, Parallelen und Unterschiede in Bezug auf das Erzählen, das Reden können Sie feststellen?

Welche Bedeutung erhält demgegenüber das Zuggeräusch? Welche Konnotationen hat das Wort „Zug“ im Zusammenhang mit dem Holocaust erhalten?

Der Ich-Erzähler ist in erster Linie ein Berichterstatter, der seine Schicksalsgenossen zu Wort kommen lässt. Er weist vorrangig auf die Gespräche und Schicksalsschläge, das Verhalten, das Verzweifeln und die Tapferkeit der anderen Leidensgenoss/inn/en hin. Er kann sich dem Leser/der Leserin als authentischer und glaubwürdiger Vermittler vorstellen, der hautnah am Puls des schrecklichen Geschehens war. Auf diese Weise kann er z. B. direkt und unvermittelt von Gesprächen berichten, die er mit angehört hat und die er jetzt weitergibt. Er sagt von sich: „Ich kenne die Geschichten der Toten“. Immer neue Vorfälle steigen in seiner Erinnerung auf, die sein Gedächtnis aufbewahrt hat: „Ich erinnere mich an ein anderes Gespräch“. Aber auch über ihn selbst erfährt der Leser/die Leserin Wichtiges. Über sich selbst kommt er vorwiegend dann zu sprechen, wenn ihm sein Gedächtnis ein ganz spezifisches Erlebnis eingeprägt hat, das unvergleichlich und außergewöhnlich ist. Fred Wander versteht es auf diese Weise geschickt und beeindruckend, auch diesem Ich-Erzähler ein eigenes Profil und eine spezifische Individualität zu verleihen, die ihn nicht bloß zum anonymen und gesichtslosen Berichterstatter anderer Schicksale werden lässt. Dies ist kein Zufall: Fred Wanders Erzählstrategie ist es nämlich, allen KZ-Insassen individuelle Würde und Besonderheit zu verleihen wohl als Protest gegen die auf Anonymisierung und Gleichschaltung angelegte Strategie der SS.

Gegen Ende des Kapitel V heißt es:

„Es starben an diesem Morgen Bertrand Lederer aus Charleroi und Abram Larbaud aus Montpellier, es starb Efraim Bunzel aus Prag und Samuel Wechsberg aus Lódz, wer noch in den Waggons vor und hinter uns starb an diesem Morgen, erfuhren wir nicht.“

Wander 1994, 43

So bekommt der anfängliche Satz „Die Männer reden nicht mehr“ die endgültige metonymische Bedeutung des Todes.

In der Folge gibt der Erzähler verschiedene Erzählungen aus dem Munde des Mithäftlings Meir Bernstein wieder. Wie so oft in Fred Wanders Text tritt dabei der Ich-Erzähler hinter die Geschichtenerzähler, die Wander in seinem Buch zu Wort kommen lässt, in diesem Fall hinter Meir Bernstein, zurück. Der Ich-Erzähler findet sich so in den Erzählungen der Mithäftlinge wie Meir Bernstein und Mendel Teichmann wieder. Lesen Sie dazu eine Geschichte von Meir Bernstein, die Wander wiedergibt:

„Und Meir erzählt mit kunstvollen Ausschmückungen, beinahe so gut wie Mendel Teichmann, und andere, die seit Jahrhunderten verfolgt sind und daher im Worte leben. Hert miach aus, pflegt Meir Bernstein zu beginnen, well iach ach vazehln a Mansze … will ich euch eine Geschichte erzählen: Is gewesen Schabbes, und hobn alle gewusst, as Schabbes im Haus des Meir Bernstein is a Jom-tew, ein heiliges Fest. Zwar is Meir Bernstein nicht gewesen einer von jene Jidden, was habn erfüllt die Gebote des Talmud buchstabengetreu. Gottgläubig ja, aber nicht buchstabengläubig! Weil Gott lebt in mir und in dir und in jedem Strauch, und ist größer als der Buchstabe, und auch ich bin also größer als der Buchstabe. Aber Schabbes is Schabbes. Wird kein Licht angezünd von eigener Hand, Wagen und Pferd bleiben im Stall. Kommt doch Freitag zü Nacht ein Pauer vorbei, ein Christ. Kein schlechter Mensch, aber hat schon getrunken und will mir beweisen – ich soll sein ein Meschumed und gar kein Jid! Sagt er zu mir: Nimm Pferd und Wagen, Meir, sagt er, und komm mit mir. Draußen das Wehr ist geschlossen, hält kaum noch den angeschwollenen Bach, machst du nicht die Schraube locker, überschwemmt es dir den Grund. Ich geh hinaus, den Knecht zu holen. Aber der Knecht liegt im Stroh, voll mit Schnaps. Ich spann das Pferd vor den Wagen und fahr hinaus. Haben Unwürdige dem Knecht Spiritus gegeben und das Wehr zugedreht. Ich öffne es mit meinen Händen, der Goj schaut zu, wundert sich, dass ich ihn nicht bitte, es für mich zu tun. Und als wir durchs Dorf fahren, sagt er, komm herein zu einem Trunk. Nun, hat er doch verdient einen Trunk, weil er hat mich gerufen! Die Kneipe ist voll von Pauern und vom Schnapsgestank. Einige schreien, hauen auf den Tisch und singen unanständige Lieder. Nu, sagt der Pauer, was hab ich euch gesagt? Er weist auf mich, und sie lachen. Bieten mir Pflaumenschnaps und trefegiges Fleisch. Ich trinke, das Fleisch aber rühr ich nicht an. Sagt einer von die Gojim, hast das Pferd angeschirrt, Meir, den Wagen gefahren am Schabbes, kannst du auch trefe essen! Sie lachen und wischen sich die nassen Gesichter ab. Ich bleibe ernst. Schabbes – heunt? Muss sein ein Irrtum, Gevatter. Morgen ist Schabbes. Wer kommt zu Meir Bernstein, ihn zum Narren machen, muss sein vun gestern! – Holen sie den Wirt, ein junger Mensch, fragen ihn, was ist heunt für ein Tag, Schabbes oder nicht? Der Wirt, dem ich bezahlt hab tausend Zloty, man soll nicht kumen und ihm pfänden Tisch und Bänk und die Pferde, er schaut auf die Pauern, dann schaut er mir ins Gesicht. Nein, sagt er, heunt ist nicht Schabbes, morgen, wenn Gott will, wird Schabbes sein. Die Pauern lachen und schreien. Draußen geht der Gallach vorbei, der katholische Pfarrer. Rufen sie ihn, erzählen, was geschehen ist, prüfen auch ihn. Der Gallach schaut in ihre Gesichter, die nass sind und rot, die Augen trüb vom Trinken. Da schüttelt er den Kopf: Wenn Meir Bernstein hat das Kummet angefasst und am Wehr gedreht, kann nicht sein Sabbat, Meir hat recht!“

Wander 1994, 38 f.

Worterklärungen: Schabbes – Sabbat Talmud – hebr.: Belehrung. Umfassendes Literaturwerk, in dem Zivil- und Strafrecht wie auch Kultvorschriften dargelegt sind Meschumed – Abtrünniger; Schimpfwort Goj (Mehrz. Gojim) – Nichtjuden trefegiges Fleisch – trefe, auch trejfe; unreines Fleisch, das nicht unter Beachtung der rituellen Vorschriften beim Schlachten der Tiere behandelt wurde, darf nicht gegessen werden (im Gegensatz zu „koscher“)

Aufgabe:

Wechseln sie jetzt wieder einmal in unser ARBEITSBLATT, um die Frage 3.1. zu beantworten. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

„Der siebente Brunnen“ ist eine Verszeile aus dem Gedicht „Die sieben Brunnenkränze“ des Prager Kabbalisten Rabbi Jehuda Löw aus dem 16. Jahrhundert.

„Der siebente Brunnen – Wasser der Lauterkeit, von allen Verunreinigungen befreit; gegen Verschmutzung und Trübung gefeit; von makelloser Durchsichtigkeit; für künftige Geschlechter bereit, auf dass sie entsteigen der Dunkelheit, die Augen klar, die Herzen befreit.“

Wanders gleichnamiges Kapitel handelt von der Lust, ja dem Zwang der Ostjuden, zu erzählen. Mit dem Gedicht, aus dem er seiner „Erzählung“ oben angeführten Ausschnitt als Motto voranstellt, übernimmt er das Deutungsmuster für seine Erlebnisse im Konzentrationslager: Rabbi Löw habe „das Wasser der Lauterkeit“ des „siebenten Brunnens“ als Symbol für Reinwaschung und Läuterung gedient. Mendel Teichmann, ein Leidensgefährte, vermittelte Wander dieses Motiv als Erklärung für die Lagerhaft. (vgl. Reiter 1995, 73)

Aufgabe:

Die Literaturwissenschaftlerin Andrea Reiter stellt Meir Bernsteins Erzählung in eine wichtige jüdische Erzähltradition.

„Die Erzählform Wanders wurzelt in der Tradition des Chassidismus, einer volkstümlichen Bewegung im Judentum des 18. Jahrhunderts, die sich gegen das rabbinische Judentum und dessen Beschränkung des Zugangs zu Gott auf die Gelehrten und deren Auslegung der Schrift richtete. Der Chassidismus wurde von Israel ben Elieser (1700-1760), genannt Baal Shem tow, was soviel wie ‚Vertrauensmann‘ des Volkes bedeutet, begründet (vgl. BUBER 1984, 31). Die neue Lehre, die ihre Anhänger ermutigte, sich am Alltag und an der Welt, wie sie ist, zu erfreuen, beseitigte damit die Trennung zwischen dem Heiligen und dem Profanen (vgl. BUBER 1984, 18f.). Es ist das tätige Leben, mit und in dem der Chassid mit seinem Gott kommuniziert, und nicht mehr der Talmud. […] Mit seinen ‚Erzählungen der Chassidim‘ verdeutlicht Martin Buber die dreifache Funktion der chassidischen Erzählform: In Legendenform dokumentiert sie das mythische Leben der Zaddikim, der ‚Heiligen‘, und vermittelt damit sowohlhistorisches als auch religiöses Wissen. In Worten erhält sie auch die Ratschläge des Zaddik. Schließlich berichtet die chassidische Erzählung über Verfolgung und Unterdrückung des jüdischen Volkes in der Ukraine im 18. und 19. Jahrhundert und leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur jüdischen Historiographie.“

Reiter 1995, 74 f.

„Wie in den chassidischen Erzählungen geht es Wander nicht um die Vermittlung faktischer Wahrheiten, sondern um die Authentizität des Erzählens als Akt des Überlebens.“

Reiter 1995, 82

An einer Stelle heißt es bei Fred Wander:

„Ich erinnere mich an ein anderes Gespräch, nach einem arbeitsfreien Tag, im Dunkel der Baracke. Meir Bernstein und Mendel Teichmann hatten abwechselnd erzählt, in Worten geschwelgt, hatten den Duft herbeigezaubert, der sich am Jom-tew durch enge Gassen wälzt, vor den Häusern der vornehmen Juden, anlockend die Armen, die an den Türen stehen und warten auf eine Gabe. Duft von gebratenen Kälbern und Fisch, von Zwiebeln und Weinessig, Rosinenkuchen und Pomeranzen. Die leuchtenden Augen der Kinder, Singen und Schalksgelächter, und perlendes Kichern der kleinen Mädchen. Dann war eine Pause im Erzählen, und die Stimme Meir Bernsteins schlug plötzlich um: Sünder, der ich war, verdammter hochmütiger Sünder! Hatte geglaubt, ich sei reich und erhaben über alles Unglück, für alle Zeit. Mein Blut würde in den Kindern und Kindeskindern triumphieren! – Und aus dem Dunkel der Baracke, in der die müden Männer lauschten, kam die Stimme Mendel Teichmanns: Der Fluch auf uns ist wie das Wasser des siebenten Brunnens. Wie sagte der große Rabbi Löw? Der siebente Brunnen aber wird wegspülen, was du angehäuft hast, die goldenen Leuchter, das Haus und die Kinder. Nackt wirst du zurückbleiben wie Hiob, als kämest du eben aus der Mutter Schoß. Und das lautere Wasser des siebenten Brunnens wird dich reinigen, und du wirst durchsichtig werden, selbst der Brunnen, bereit für künftige Geschlechter, auf dass sie entsteigen der Dunkelheit, reinen und klaren Auges, das Herz ganz leicht.“

Wander 1994, 42

Aufgabe:

Wechseln Sie nun wieder in unser ARBEITSBLATT, um die Frage 3. 2. zu beantworten. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

Wander zeigt in seiner Erzählung, welche verschiedenen Aufgaben das Geschichten-Erzählen im Lager haben konnte. Überlegen Sie, welche der im Folgenden genannten Funktionen des Erzählens vor allem im KZ wichtig waren und welche die KZ-Erinnerungs-Literatur hauptsächlich hat. Begründen Sie, bitte, ihre Antworten.

Erzählen in einer Tradition (z. B. Chassidismus) Erzählen als Erinnerung/Überlieferung Erzählen als Dokumentation Erzählen als Versicherung dessen, was man entbehrt Erzählen als Strategie zum Überleben Erzählen als Strategie der Leid-Bewältigung Erzählen als Lust am Erzählen Erzählen als Sinnfindung Erzählen als Warnung Erzählen als Reflexion

Aufgabe:

Verfassen Sie nach der Lektüre verschiedener Texte der „Holocaust-Literatur“ eine kleine Abhandlung darüber, wie sich die genannten Funktion in den diversen Texten widerspiegeln.

Fred Wander: Gesichter (Kap. XI). In: Der siebente Brunnen. Erzählung (1972)

Erst im Alter von 55 Jahren hat Fred Wander seine literarischen Erinnerungen an Auschwitz und Buchenwald veröffentlicht. Christa Wolf, die bekannte kritische literarische Stimme aus der ehemaligen DDR, hat im Jahre 1972 in ihrem Nachwort zur Erstausgabe von Wanders „Erzählung“ geschrieben:

„Fred Wander, seit langem Autor, tritt mit dem ‚Siebenten Brunnen‘ als über Fünfzigjähriger in die Literatur ein. Zu der moralischen Legitimation des Dabeigewesenen kommt die Legitimation des Schriftstellers, der den Stoff seines Lebens aufschreibt. […] der Autor, der seine Zeugenschaft ernst nimmt: Wenigstens einige aus diesem Heer der Anonymität entreißen, in der man sie umkommen lassen wollte. Wenigstens einige Namen aufrufen, einige Stimmen wiedererwecken, einige Gesichter aus der Erinnerung nachzeichnen. Sie zu idealisieren, hat er nicht nötig, und es kommt ihm nicht in den Sinn: Wie käme er dazu, sie als konkrete, einmalige Erscheinungen zu verleugnen? Er schildert sie, unterschiedlich, wie sie sind, Starke und Schwache, sich Auflehnende und Passive, Fromme und Ungläubige, Stolze und Demütige, Junge und Alte, Juden aus ganz Europa und Franzosen, Russen, Ukrainer, Polen. Er beschreibt, wie sie zu leben und zu überleben versuchen, kollektiv erprobte Techniken und die geheimen Methoden der einzelnen. „Wovon der Mensch lebt.“ Er sieht sie sterben, fast alle.“

Auf dem Umschlag der Ausgabe des Luchterhand-Verlages sind die Namen jener Menschen verzeichnet, die Fred Wander der „Anonymität entreißt, in der man sie umkommen lassen wollte“: Mendel Teichmann, Erich Pechmann, Leon Feinberg, Modche Rabinowicz …

Fred Wander hat einmal in einem Interview gesagt: „Nicht die physisch Starken haben Auschwitz überlebt, sondern die scheinbar Schwachen, aber die psychisch Starken kamen mit dem Leben davon.“ „Der siebente Brunnen“ wurde zu recht in eine Reihe gestellt mit so wertvollen Texten wie „Das siebente Kreuz“ von Anna Seghers, „Jakob der Lügner“ von Jurek Becker oder „Die große Reise“ von Jorge Semprun. Eine der beeindruckendsten Passagen, die wir Ihnen hier zur Lektüre anbieten, ist das 11. Kapitel des Buches. Fred Wander nannte es – mit gutem Grund – „Gesichter“.

Aufgabe:

Ihre Aufgabe wird es sein, nach der intensiven Lektüre des Kapitels und mit Hilfe einiger weiterführender Informationen eine eigenständige „Interpretation“ zu verfassen.

Bevor Sie Ihre Arbeit beginnen, bieten wir Ihnen folgende Möglichkeiten an, sich zusätzlich zu informieren und zu orientieren: Studieren Sie unsere Vorlesung (Porträt) über den Schriftsteller Fred Wander. Vergegenwärtigen Sie sich die textanalytische Einheit zum Thema „Erzählen“. Sie haben aber auch die Möglichkeit, sich Ihrer Interpretationsarbeit vorerst dadurch zu nähern, dass Sie nach der Lektüre von „Gesichter“ jene Aufgaben zu lösen versuchen, die wir Ihnen im Anschluss an Ihre Lektüre anbieten.

XI. Gesichter
„Um fünf Uhr früh war der Wald von Reif bedeckt. Aber um acht schon floss der Spuk davon, tropfte, ergoss sich in metallisch klingenden Bächen. Funkelnde Kristalle auf jedem Ast, die Luft geschwängert von Frühling. Aus den Hütten stieg hellblauer Rauch. Es krachte in den Eisdecken, murmelte aus allen Löchern, regte sich in der Borke, ließ die Würmer an die Oberfläche kommen und Humus aufwühlen, nicht mit Panzern, aber mit der sanften Gewalt einer alles umfassenden Bewegung, die, hätte man sie ballen können, die ganze Erde aufgespalten hätte wie einen reifen Kürbis.
Ein Kampf des Wachstums gegen Erstarrung, der Blutströme gegen Schlacken, der weißen Phagozyten gegen Viren, der Hoffnung gegen den Tod. März 1945. Fünftausend Häftlinge marschierten in Richtung Ost. Dieser versteckte, blindwütige und hartnäckige Kampf in jedem von uns und in jeder Zelle unseres Körpers (Durchhalten, Kinder! Mensch reiß dich zusammen. Ne te laisse pas tomber, c’est la fin de la guerre!), dieser unauffällige Kampf hätte einen Goya inspirieren können: Protuberanzen unbeugsamer Lebenskraft! – Aber gleichzeitig hätte man sagen können: Seht sie euch an, welch ein kläglicher Haufen. Sind das noch Menschen?
An den Füßen Holzschuhe, die mancher bald wegwarf auf dem langen Marsch, weil sie Wunden rieben, ein Zementsack am Körper unter der Jacke und fest unter den Arm geklemmt ein Stück Brot. Wir hatten Brot gefasst, jeder ein Kilo Brot, beim Verlassen des Lagers. Natürlich wussten wir, das mochte für die nächsten vier bis sieben Tage alles sein! Und die meisten verschlangen das Brot sofort. Der Körper vergeudete nichts, er hatte das bessere System, jeden Tropfen Wasser und jedes Korn zu verteilen und zu speichern. Die Gesichter der Männer waren fast unkenntlich geworden. Von Bartstoppeln, Flechten, Wunden und Schwellungen entstellt. Was für Gesichter! Sie hatten längst alle Fettpolster des Alltags, der Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit verloren, waren gezeichnet von Entbehrung und Leid. Manche Augen schwammen noch in einem Kranz winziger Fältchen, von Lachen gezogen, noch sah man vereinzeltes Blitzen von Schlauheit und Witz. Aber weggeblasen war die Leere des Wohlergehens, die Glätte ruhiger Tage, die feisten Backen langer Perioden der Sattheit. Ein hartes Gesetz der Auslese hatte die körperlich und seelisch Schwächeren hinweggerafft. Wer jetzt noch auf dem Marsch war, hatte hundert Proben bestanden. Und trotzdem – der achtzig Kilometer lange Weg zurück nach Buchenwald war gesäumt von Toten, die oft noch zuckten, wenn wir sie sahen.“
„Das Gesicht eines ukrainischen Bauern, der sich schleppt, mit wunden Füßen. Ein Gesicht wie ein Rübenacker, braun und gegerbt mit tiefen Furchen und zwei wasserblauen Augen, klar, hell und offen, wie der Himmel über dem Acker. Es hat wohl nie jene Glätte müßiger Tage gekannt, das Gesicht. Arbeit hat es gehärtet. Kein Muskel darin, nur zum Täuschen gemacht, und doch auch die List. (Wie sagte Tolstoi: sie stellen sich dumm, darin liegt ihre Stärke!) Aber jetzt lag nur Angst in dem Gesicht, es brannte von dem Willen zu leben. Weiß Gott, wem er es schuldete, für sich selbst hätte er es nicht vermocht. Ich beobachtete, wie dieses Gesicht erlahmte und ein starker Wille brach. Ruhe breitete sich darin aus, eine befremdende Ruhe. Am Abend des ersten Tages auf diesem Transport, als er längst wusste – weit schaffe ich es nicht mehr (und jeder von uns das Drama oft gesehen hatte: ein Mann gibt auf, geht zur Seite, dann ein Schuss), verloren seine Augen jede Farbe. Sie wurden weiß und blickten aus erschreckender Ferne. Ich wusste nun, was geschehen würde. Seine Schritte wurden schleppender. Über seiner Gestalt, die sich immer mehr beugte, über seinem Gesicht, dessen Spannung sich lockerte, lag die Mattigkeit der Erlösung. Es fällt alles ab von so einem Gesicht. Alles Angelernte, Gewohnte fällt ab, wie eine Schale. Und was bleibt zurück? Ich beobachtete die Verwandlung, ich hatte diesen Prozess der Vergeistigung bisher nur bei Toten gesehen: Ein seltsames Leuchten liegt plötzlich über dem Gesicht, und du erkennst selbst den Freund nicht mehr. So viel Ernst, Sammlung und Würde hast du nie in ihm gesehen. Wie konnte er es verbergen? Aber dann begreifst du: Das Gesicht des Menschen ist Jahrtausende alt. Die wenigen Jahre seines eigenen Lebens sind abgefallen, alles Ungereimte und Schwache. Zurück bleibt das Gesicht der Väter und Mütter. Der Ausdruck einer großen Mühe, Mensch zu sein.“
„In der Dämmerung war es: Die unabsehbar lange Kolonne der Häftlinge schob sich schwerfällig dahin. Der Bauer murmelte ein Gebet. Nicht inbrünstig oder verklärt, nur sehr gefasst. Dann bewegte er sich zum Straßenrand, ließ sich auf die Knie fallen, das Gesicht zum Himmel gewandt, aber die Augen schon geschlossen, und machte mehrmals das Zeichen des Kreuzes. Niemand brauchte hier lange zu warten. Die Langeweile der Gestiefelten auf diesem Marsch trieb sie zu allerlei derben Späßen an. Ich beobachtete einen jungen SS-Mann, ein Milchgesicht und obendrein recht hübsch. Er hatte als erster den Alten entdeckt. Nervös versuchte er den Revolver zu ziehen, denn meist, wenn man nicht flink war, kam einem ein anderer zuvor. Sie rissen sich darum, zu schießen, sie wetteiferten darin. (Und gewiss zählten sie die Treffer wie beim Billard!) Kurz, der Jüngling hatte Schwierigkeiten, das Schießeisen zu ziehen, der Verschluss der Tasche funktionierte nicht. Sein Gesicht war hektisch rot, gierig und verlegen, nicht bösartig. Wäre er nur böse gewesen, wie leicht wäre das zu erklären. Da war nicht Hass oder der Wille zu töten, nur eine Art sportlicher Eifer, Kitzel der Macht. (Ich kann es tun, es ist fast gar nichts dabei, nur so wie beim Taubenschießen!) Und was er befürchtete, trat ein: Ein anderer, gewitzterer Stiefelträger kommt herbei. Er hält die Pistole schussbereit in der Hand. Sorgfältig zielt er, dann grinst er, wirft einen Blick auf den Jüngeren, lächelt gönnerhaft und sagt: Na schieß schon, beeil dich! Der Junge schießt, trifft aber nicht. Der Häftling macht gerade noch einmal das Zeichen des Kreuzes. Er weiß nicht, weiß selbst nicht, ist das nun der Tod? Noch ist er nicht getroffen, aber irgend etwas wirft ihn um, er stürzt schwer auf den Rücken und liegt da wie ein gefällter Baum. Der bessere Schütze ist nun an der Reihe, zielt noch einmal und trifft den Häftling mitten in die Stirn. Er bewegt sich nicht mehr, der Getroffene. Ausgebreitet auf der fremden Erde liegt er da.
Das Gesicht eines Juden, er war plötzlich der Länge nach hingefallen und liegengeblieben. Kameraden drehten ihn um. Er lebte noch und lächelte mit geschlossenem Mund. Blut sickerte über seine Lippen. Sein Kind stand dabei, ein vielleicht zwölfjähriger Bub. Er schaute erschrocken um sich. Der Stiefelträger näherte sich gemächlich und hielt die Waffe schon bereit. Kameraden halfen dem Mann auf die Beine, aber marschieren konnte er nicht. Sie führten ihn zu einem Baumstrumpf am Rande der Straße, dort hockte er sich hin, beugte sich rücksichtsvoll nach hinten und entleerte den Mund. Geh, sagte er dann zu seinem Jungen und stieß ihn liebevoll von sich. Er lächelte dabei. Was für ein seltsames Lächeln, verlegen und schuldbewußt. Der Junge umklammerte seine Füße, der Vater wand sich in Ängsten um den Sohn. Er streichelte seinen Kopf mit der einen Hand, mit der andern stieß er ihn von sich. Häftlinge packten den Jungen und zogen ihn fort. Der Junge fing an zu schreien und mit Händen und Füßen zu stoßen. Der Vater lächelte und sagte gebrochen: Ich bitte dich, geh! Hinter ihm stand der Gestiefelte wie der leibhaftige Tod. Die Häftlinge hielten dem Jungen die Augen zu, verschwanden mit ihm in der Menge. Den Knall, den hörte man kaum.“

Wander 1994, 105-108

Phagozyten – (Fresszellen) Zellen, die kleine Fremdkörper, bes. Bakterien, in sich aufnehmen und vernichten können.

Aufgabe:

Wechseln Sie erneut in das ARBEITSBLATT, um einige Frage (4.1. bis 4.7.) zu beantworten. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.

Wander durchdringt seine Erzählung, die von entsetzlichen Vorgängen berichtet, wiederholt mit philosophischen Überlegungen und Erklärungen, die dem Ganzen ein geistiges Fundament verleihen. Gehen Sie auf die Suche nach solchen Passagen und versuchen Sie die Gedankenräume zu benennen, die dadurch erschlossen werden. Ein Beispiel: An einer Stelle heißt es: „Wäre er nur böse gewesen, wie leicht wäre das zu erklären.“ Dieser Satz spielt auf eine oft zitierte und umstrittene Formulierung an, die die Philosophin und Psychologin Hannah Arendt geprägt hat: „Banalität des Bösen“.

Anhang

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Externe Links

Werkverzeichnis

  • Kramer, Theodor - Der Ofen von Lublin
  • Soyfer, Jura - Das Dachaulied
  • Soyfer, Jura - Das Gesamtwerk
  • Wander, Fred - Der siebente Brunnen

Forschungsliteratur

  • Adorno, Theodor W. - Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft (1951)
  • Amt der NÖ Landesregierung (Hg.) - Magie der Industrie
  • Arlt, Herbert - Jura Soyfer. Eine literaturhistorische Studie
  • Gauß, Karl-Markus - Markus - Natur, Provinz, Ungleichzeitigkeit. Theodor Kramer und einige Stereotypien der Literaturwissenschaft
  • Heydrich, Harald - Jura Soyfers Dachau-Lied und die Tradition der KZ-Lagerlieder
  • Köppen, Manuel (Hg.) - Kunst und Literatur nach Auschwitz
  • ohne Autor - Dokumentationsgespräch mit Max Hoffenberg
  • Olschner, Leonard - 1951. In his essay "Kulturkritik und Gesellschaft", Theodor W. Adorno states that it is barbaric to write poetry after Auschwitz
  • Pädagogisches Institut des Bundes in Oberösterreich (Hg.) - Annäherungen an Mauthausen
  • Reiter, Andrea - "Auf dass sie entsteigen der Dunkelheit". Die literarische Bewältigung von KZ-Erfahrung
  • Scheit, Gerhard - Lyrik des Gebrauchswerts: Über den besonderen Materialismus Theodor Kramers
  • Schnog, Karl - Unbekanntes K.Z
  • Sofsky, Wolfgang - Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager
  • Staar, Sonja - Österreicher im KZ Buchenwald
  • Staud, Herbert - Rollengedichte beim früheren Theodor Kramer
  • Weber, Charlotte - Gegen den Strom der Finsternis
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