Politisches Kabarett
Spielort: Pan-Spiele (Riemergasse, später: Rondell-Kino).
Sozialdemokratische Studenten, Mittelschüler und Arbeiterjugendliche gründeten 1926 die „Sozialistische Veranstaltungsgruppe“, die ursprünglich einer innerparteilichen linken Opposition gegen die Parteiführung Ausdruck geben sollte. Einer der führenden Mitstreiter war der später berühmt gewordene Sozialwissenschaftler Paul Lazarsfeld. Nach der gelungenen Eröffnungsvorstellung (später als „Urkabarett“ bezeichnet) vom 18.12. 1926 wurde das „Politische Kabarett“ zu einem schlagkräftigen Werbemittel, das in das Programm der sozialdemokratischen „Kunststelle“ aufgenommen wurde. In 13 Programmen wurden die österreichischen Konservativen und ihre Praktiken an den Pranger gestellt.
Autoren: Viktor Grünbaum (Victor Gruen), Robert Ehrenzweig (Lucas) (Neon), Ludwig Wagner, Karl Bittmann, Jura Soyfer, Edmund Reismann. Schauspieler: Walter Harnisch, Fritz Halpern, Lise Halpern, Klara Kaiser, Trude Kaiser, Arnold Meiselmann, Fritz Steiner, Alois Wagner u. a.
Quelle: Friedrich Scheu: Humor als Waffe. Politisches Kabarett in der Ersten Republik. Mit einem Vorwort von Hertha Firnberg. Wien, München, Zürich: Europaverlag 1977 (Bildteil) .
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Aufgabe:
Der Arbeiter lebt wie im Paradiese, Die sie verprassen in Nachtlokalen. Spazieren gingen nackt und bloß Stecken in Arbeit über die Ohren, indes die Arbeiter sich ins Fäustchen lachen Denn so ist Gottes Wille. Amen. Besitzsteuern und soziale Lasten! Antimarxistische Fastenpredigt Das kommt, wie alles Mißgeschick Man räume weg drum kurz und gut Und keine Unterstützung bekamen Die ganze Arbeitslosigkeit ist Die Unternehmer und Direktoren Sie legen sich auf die faule Haut Den revolutionären Schutt, Und lassen sich die Unterstützung zahlen, Die Arbeiter, die sind gehaut: Daß ein Generaldirektor arbeitslos gewesen? Und alle Tag‘ blauen Montag machen. Dann klingt das Gold in unserm Kasten. Von der gottverfluchten Sozialpolitik. Ein purer Schwindel, daß ihr’s wißt! Behoben ist die Wirtschaftskrise, Wo Adam und Eva arbeitslos Hat man etwa je gelesen,
Aus der Rubrik "Das politische Couplet" in der Monatsschrift der sozialdemokratischen Parteiorganisation Wien, "Der Sozialdemokrat", April 1930
1. Das Gedicht, das wir wiederherstellen wollen, ist eine „Parodie“. Es ist in der Fastenzeit entstanden, in der die Kirche Enthaltsamkeit predigt. Es ist weiters zu einer Zeit (1930) entstanden, in der die Kirche massiven Einfluss auf die Politik nahm – durch Parteifunktionen und durch Staatsämter. Dies nennt man „politischer Katholizismus“. 1933 waren fünf Angehörige des Klerus im Nationalrat vertreten, drei im Bundesrat und mehr als ein Dutzend in den Landtagen und den Gemeinderäten. Ein Prälat war von 1908 bis 1927 Landeshauptmann von Oberösterreich. Der Prälat Ignaz Seipel war ab 1921 Obmann der christlichsozialen Partei und von 1922-1924 und 1926-1929 österreichischer Bundeskanzler.
Ich tu' nur "Prosit Neujahr" wünschen; den Rauchfang kehren tut ein anderer." Aus der Zeitschrift "Götz von Berlichingen" am 17. 12. 1929. Aus: Malina, Peter: Die gezeichnete Republik. Österreich 1918-1938 in Karikaturen. Wien: Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Sport, 1988, S. 111
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Mit einem Wortspiel wird auf die Unterstützung der Heimwehren durch die Industrie hingewiesen. Als Geldeintreiber fungiert Prälat Seipel.
Auch wir wollen eine Parodie verfassen. Und zuerst suchen wir den Beginn unseres Gedichts, nämlich den Titel, der angibt, welche Textsorte hier parodiert werden soll. Gleichzeitig wird mit dem Titel kundgetan, dass die Kirche nicht nur körperliche Enthaltsamkeit, sondern auch Enthaltsamkeit der Arbeiter in Sachen Politik fordert – Enthaltsamkeit gegenüber ökonomischen Forderungen sowie gegenüber ideologischen Einflüssen.
2. Das eigentliche Gedicht beginnen wir damit, dass wir eine Aussage des politischen Gegners in Form eines Aussagesatzes wiedergeben. Wir vereinfachen dabei vielleicht etwas, aber Zuspitzung ist nun einmal ein Mittel der (politischen) Satire, noch dazu, wenn diese Aussage in den verschiedensten Formen ständig wiederholt wird. Um das Ganze zu verstärken und es den Zuhörern noch einmal einzubläuen, wollen wir die Zuhörer direkt ansprechen. Das ist in einer Predigt üblich, sicher aber auch ein Verfahren des Agitprop-Theaters, das von einem politischen Kabarett der Arbeiterbewegung verwendet wird. Der Vortragende der Zeilen hat damit einen Rollenwechsel vom sozialdemokratischen Agitator zum eifernden Prediger vollzogen.
3. Mit den ersten zwei Zeilen merken wir auch schon, dass unsere „Antimarxistische Fastenpredigt“ einen Paarreim aufweist. Das hilft bei der weiteren Zusammensetzung des Puzzles natürlich ungemein.
4. Die allgemeine Aussage, die in den ersten zwei Zeilen des Gedichtes getroffen wird, stellen wir uns jetzt in den Zeilen 3 bis 6 bildhaft vor: Dabei beginnen wir sanft. Dass Arbeitslose faul herumkugeln, entspricht der ironischen Grundhaltung dieser Verse, aber in den Zeilen 5 und 6 wollen wir ein ganz wichtiges Mittel der Satire einsetzen: die Übertreibung. Wir tun also so, als hätten Arbeitslose nicht nur den Vorteil des Nichtstuns auf ihrer Seite, sondern als würden sie dafür auch noch bezahlt, und zwar so fürstlich, dass sie ein luxuriöses Nachtleben führen können. Gleichzeitig aktivieren wir bei unserem Arbeiterpublikum ihr Bewusstsein über die tatsächlichen Gegebenheiten; nämlich darüber, dass die Arbeitslosenunterstützung Zug um Zug gekürzt wurde und die Zahl der Ausgesteuerten (Langzeitarbeitslose, Jugendliche, Frauen ohne Unterstützung) beständig anwuchs.
5. Mit Beginn der zweiten Strophe (7. und 8. Zeile) sprechen wir unser Publikum wieder an, diesmal in Form einer rhetorischen Frage. Als Antwort setzen wir ein weiteres beliebtes Mittel der Satire ein: die Vorführung der verkehrten Welt. Besonders beliebt ist dabei die Umkehrung des Herr-Knecht-Verhältnisses. Das wollen auch wir durchführen, und zwar in den Zeilen 9 bis 12. Im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit betrieb man damit die Ständesatire und in der Reformationszeit wurde der Papst von den Protestanten gerne als Antichrist (Teufel) dargestellt. Die Demonstration der verkehrten Welt ist ein beliebtes Mittel gerade des politischen Kabaretts.
6. Zu Beginn der dritten Stophe (Zeilen 13 und 14) gebrauchen wir das satirische Mittel der Ironie: Wir wollen die sündhafte Ursache benennen, warum die Welt auf dem Kopf steht: Nach Meinung der Christlichsozialen bestand die Sünde in der Reformpolitik der Sozialdemokraten zu Beginn der Ersten Republik. Die angesprochene Zuhörerschaft weiß jedoch genau, dass die Kabarett-Vortragenden nicht dieser Meinung sind.
7. In den folgenden Zeilen 15 bis 17 wollen wir nun ein Rezept geben, wie die Sünde aus der Welt zu schaffen ist. Dazu verwenden wir ein Zitat des Prälaten Seipel. Dieser hatte die sozialen Errungenschaften – obwohl nicht Ergebnis einer Revolution, sondern parlamentarischer Beschlüsse – als revolutionären Schutt bezeichnet, den es zu beseitigen galt.
„Die Konzepte, mit denen maßgebliche Kreise der Industrie und der Banken die Krise bewältigen wollten, waren sehr einfach: Sie forderten nichts weniger als die Rückkehr zur Zeit vor 1918 – Senkung der Löhne, Abbau der Sozialabgaben und Steuern, Einschränkung der Arbeiterrechte in der Betriebserfassung und eine willfährige Zoll- und Handelspolitik. Auf politischem Gebiet verlangten sie die Fernhaltung der Sozialdemokratie von der Regierung, obgleich sie die stärkste Partei des Landes war;“
Maimann, Mattl 1984, 11
8. Wir schließen die Strophe wird mit einem historischen Vergleich ab: Dazu gebrauchen wir in Zeile 18 eine Anspielung auf den Ablasshandel der katholischen Kirche. Zu Beginn der Neuzeit konnte man sich von zeitlichen Sündenstrafen mittels eines Geldbetrags loskaufen. Dieser kirchliche Missstand war Mitauslöser der Reformation. Damals entstanden die Spottverse:
„Die Seele aus dem Fegefeuer springt, Wenn das Geld im Kasten klingt.“
Damit haben wir die damalige Geldgier der katholischen Kirche mit der Geldgier des Kapitals gleichgesetzt. Die Einheit von Kirche und Kapital ist so auch mittels Spottvers wiederhergestellt. Weitere „Assoziationen“ können angestellt werden: Durch die Reformation verlor die Kirche ihre dominante Stellung in Europa …
Der Papst verkauft Ablässe. Flugschrift aus der Reformationszeit. Quelle: Menschen und Völker im Wandel der Zeiten: Vom Interregnum bis zum Wiener Kongreß, hg. v. Alexander Novotny. Wien: Rötzer o.J., S. 97 MalerIn/FotografIn: unbekannt
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9. Mit der letzten Strophe wollen wir in die Zeit vor dem Sündenfall zurückkehren. Mit dem Mittel der Verfremdung wird die Zeit der Ausbeutung in den Garten Eden verlegt. Es herrschen für das Kapital paradiesische Zustände, indem den Paradies-Bewohnern in der 22. Zeile das letzte Hemd ausgezogen wird. Die verkehrte Welt schlägt somit bis ins Paradies durch:
„Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“
So fragten in den vorangegangenen Jahrhunderten nämlich Verse, die sich gegen die Unterdrückung durch den Adel richteten. Diese Verse erblickten im Paradies gerade ein Leben ohne Ausbeutung.
10. Selbstverständlich schließen wir unsere Predigt mit der textsortengemäßen Formel ab.
Gratulation! Sie haben jetzt den Text zusammengesetzt. Wenn Sie Gelegenheit finden, tragen Sie ihn laut vor, damit er seine volle Wirkung entfalten kann. Resümieren Sie: Wie viele Mittel der Satire können Sie jetzt aus dem Gedächtnis nennen?
Friedrich Scheu: Humor als Waffe. Politisches Kabarett in der Ersten Republik. Mit einem Vorwort von Hertha Firnberg. Wien, München, Zürich: Europaverlag 1977 (Bildteil)
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Blaue Blusen/Rote Spieler
Mit satirischen Liedern und Rezitationen warben auch „Blaue Blusen“-Gruppen (blaue Blusen waren die Uniform der Sozialistischen Arbeiterjugend) für die Sozialdemokratische Partei. 1932 wurden verschiedene Arbeiter- und Bauerntheatergruppen zu den „Roten Spielern“ zusammengeschlossen (Leitung Edmund Reismann). Die „Blauen Blusen“ wurden ebenfalls zu ständigen Spielgruppen unter diesem Namen ausgebaut. Die Zeitschrift „Die politische Bühne“ (herausgegeben von der Sozialistischen Veranstaltungsgruppe Wien, Redaktion: Robert Ehrenzweig) galt von da an als offizielles Organ der „Roten Spieler“. Acht Gruppen spielten in vierzig Orten in der Umgebung von Wien. Zum Einsatz kamen auch Werke von Mühsam, Brecht, Kästner, Soyfer, Toller u. a. Laienschauspieler: Hans Magschok, Alois Wagner u. a.
In einer Art Gespensterrevue treten nacheinander Gestalten der Vergangenheit auf und wenden sich an das Publikum. Ihr Kostüm entspricht im Wesentlichen ihrer Darstellung in der Karikatur.
Revue, die: (frz. Überschau, Musterung) Bühnenvorführung aus zahlreichen, einzeln aneinander gereihten, thematisch nur locker zusammenhängenden bildhaften Szenen, oft satirischen oder karikierenden Inhalts. Die eigentliche Ausbildung erfolgt Ende des 19 Jh. in Paris, wo im „Chat noir“, „Moulin rouge“ und anderen Cabarets gegen Jahresende Possen und Ausstattungsstücke mit Anspielungen auf Zeitereignisse, Personen und unliebsame Zustände in aneinander gereihter Folge aufgeführt wurden. Diese Form wird Anfang des 20. Jh. in ganz Europa beliebt. Das Berliner Metropoltheater verbindet sie zu großen Ausstattungsstücken, die mit riesigem Aufwand an Kostümen und Dekorationen, Lichteffekten und Bühnenmaschinerie in lockerer Bildfolge Musik, Schlagergesang, Tanz, Parodien auf Zeitereignisse und possenhafte Sprechszenen aneinander reihen, eine Form, die in anderen Großstadttheatern bes. Englands und Amerikas übernommen und zu oft geistlosen Schaukünsten als Selbstzweck umgeformt wird. In dieser Tradition steht auch der Ausstattungs- bzw. Revuefilm. Auf dem Gebiet des Dramas floss die „politische Revue“ ins Theater eines Piscator oder auch Brecht ein.
Aufgabe:
Bevor Sie gebeten werden, einige Fragen zu beantworten, lesen Sie, bitte, nun die folgenden Texte der einzelnen Figuren.
Kohn hieß Starhembergs Finanzmann.
Aufgabe:
Schauen Sie sich die Karikaturen „Hausherr“, „Börsenspekulant“, „Heimwehrmann“, „Bigotte“, „Adeliger“ und „Arbeiter“ an.
Kommentar
Der Hausherr ist eine Urwiener Figur, die ja auch im Wienerlied behandelt wird. Der Hausherr ist ein Synonym für den Ausbeuter, er ist mitschuldig an der Wohnmisere und ist hier auch das Gegenbild für den sozialen Wohnbau im Roten Wien.
?Wählt Sozialdemokratisch?, Plakat für die gleichzeitig für den Nationalrat, Gemeinderat und Landtag durchgeführte Wahl am 23.10.1923. Quelle: Tagebuch der Straße. Geschichte in Plakaten, hg. v. der Wiener Stadt- und Landesbibliothek. Wien: ÖBV 1981, S. 157. Sign. P 310. Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Stadt- und Landesbibliothek, Wien 2002
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Kommentar
Der Börsenspekulant ist das Sinnbild für den Kapitalismus schlechthin.
Kommentar
Heimwehrmann, aufgrund des typischen Hutes mit Hahnenschwanz auch Hahnenschwänzler genannt.
Kommentar
Die Gläubigkeit vieler Menschen, insbesondere auf dem Land, wurde vom politischen Katholizismus als Mittel gegen die Arbeiterbewegung eingesetzt.
Kommentar
Der Adel stand als Sinnbild für die menschenverachtende Reaktion, der auch die größte Schuld am (Ersten) Weltkrieg zu tragen hatte. Er hatte zu einem großen Teil auch in der Republik seinen Grundbesitz behalten und spielte nach wie vor eine große Rolle in Politik, Wirtschaft, Militär, Kirche. Vor allem in der Heimwehr dominierte er. Was im Ständestaat als grüner Faschismus bezeichnet wird, geht zum Großteil auf den Adel zurück.
Allegorisierung des Arbeiterstandes in barockisierender Emblematik. Die Zeichnung zierte das Titelbild der sozialdemokratischen Tageszeitung "Das Kleine Blatt", 1929Quelle: "Das Kleine Blatt", 1929. In: Alexander Potyka: Das Kleine Blatt. Die Tageszeitung des Roten Wien. Mit einem Vorwort von Bruno Kreisky. Wien: Picus 1989, S. 43
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Kommentar
Während die anderen Figuren von der (Welt-)Bühne weichen müssen, bildet der Arbeiter die Zukunft. So heißt es auch in einem der damals bekanntesten Arbeiterlieder: „Wir sind das Bauvolk der kommenden Welt“. Und vorangestellt war dem Lied der Hinweis: „Markig“ oder „Energisch“. Die „Blauen Blusen“ hatten dieses Lied (Text: Fritz Brügel) in ihrem Repertoire.
Wir stellen Ihnen nun eine Szene mit dem Titel „Der Tag wird kommen“ und eine Zeichnung aus der „Arbeiterzeitung“ zur Verabschiedung des Linzer Programms der Sozialdemokraten (SDAPÖ) 1926 vor.
Alle: Wir harren all‘ auf einen Tag, Und der Tag, der Tag wird scheinen, Mädel: Für die Großen ein flammender Wetterschlag. Burschen: Und ein Rachetag für die Kleinen. Einzelstimme: Wo die Sonn‘ aufgeht, wie Blut so rot, Und der Mond so bleich, als wie der Tod – Alle: Der Tag wird kommen! Einzelstimme: Ja, kommen wird er, wie’s Morgenrot, Das heraufsteigt jeden Morgen; Alle: Und kommen wird er, als wie der Tod, Dem bleibt kein Haupt verborgen. Mädel: Oh, glühender Novembertag! Burschen: Oh, mächtiger, prächtiger Wetterschlag! – Alle: Der Tag wird kommen!
Magschok 1983, 138 f.
Aufgabe:
Öffnen Sie nun unser ARBEITSBLATT, um einige Fragen zu beantworten. Im Arbeitsblatt finden Sie weitere Anleitungen. Wenn Sie Ihre Fragen beantwortet und Ihre Eintragungen gemacht haben, dann speichern Sie Ihr Arbeitsblatt auf Ihrem PC oder auf Diskette, um es für weitere Fragen im Zuge dieses Praxisfeldes neuerlich aufrufen und bearbeiten zu können.
Jüdisch-Politisches Cabaret
Spielorte: Porrhaus
1927 wurde von Oscar Teller, Victor Schlesinger und Fritz Stöckler das „Jüdisch-Politische Cabaret“ im Saal des Porrhauses in der Treitlstraße gegründet. Unter dem Pseudonym „Victor Berossi“ verfassten die Gründer neben Benno Weiser auch die meisten Texte, die sich fast ausschließlich an jüdisches Publikum wendeten. Programme bis 1938 waren: „Juden hinaus!“, „Rassisches und Klassisches“, „Ho-Ruck nach Palästina!“, „Sorgen von morgen“. Nach der Annexion Österreichs gründete Teller in New York das „Jüdisch-Politische Cabaret Die Arche“. Schauspieler: Leopold Dickstein, Otto Presser, Kurt Riegelhaupt, Rosi Safier u. a.
Lesen Sie den Liedtext „Wer ist dran schuld?“ von Adolf Reimann, der in der 1. Revue „Juden hinaus1“ vorgetragen wurde. Die Melodie stammt von Nischni Nowgorod.
Dieses Lied tut kund, dass die Antisemiten des 20. Jahrhunderts für alles ihrer Meinung nach Negative „den Juden“ die Schuld gaben.
Aufgabe:
Ist das wirklich so, dass die Antisemiten, allen voran die Nationalsozialisten, „die Juden“ sowohl für den Kapitalismus als auch für den Kommunismus verantwortlich machten. Woran waren insbesondere laut Nationalsozialismus „die Juden schuld“?
Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg
Der ehemalige Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall von Hindenburg, formulierte vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der die Ursachen der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg klären sollte, diese folgendermaßen:
„Die deutsche Armee ist weit von hinten erdolcht worden.“
Diese Aussage bezeichnet man seit damals als „Dolchstoßlegende“, weil sie für die Niederlage all jene verantwortlich macht, die sich für einen Friedensvertrag und die Weimarer Republik einsetzten. Schließlich wurden alle, die Verantwortung für die Weimarer Republik übernahmen, von der nationalistischen Rechten als „Novemberverbrecher“ bezeichnet (Ausrufung der Republik im Nov. 1918). Hitler am 18. 9. 1922:
„1. Abrechnung mit den Novemberverbrechern von 1918. (Minutenlanger Beifall.) Es kann nicht sein, daß zwei Millionen Deutsche umsonst gefallen sind und man sich mit Verrätern an einem Tisch freundschaftlich zusammensetzt. Nein, wir verzeihen nicht, sondern fordern – Vergeltung! 2. Die nationale Entehrung hat ein Ende zu nehmen. Vaterlandesverräter und Denunzianten gehören an den Galgen. Unsere Straßen und Plätze sollen wieder die Namen unserer Helden tragen und nicht nach Juden benannt werden…“
(zitiert nach: H. Heumann: Problemorientierter Geschichtsunterricht. Ziele, Methoden, Modelle. Band 3: Zwischen den beiden Weltkriegen (1914-1945). Frankfurt am Main: Hirschgraben 1982, S. 136)
freizügige Sexualität
Es gehört zum antisemitischen Inventar, Juden mit sexueller Libertinage, Pornographie, Geschlechtskrankheiten, Perversionen etc. in Verbindung zu bringen. Neben der alltäglichen Hetze gab es einige herausragende Ereignisse in der Ersten Republik, die dies in besonderem Maße zeigen.
Ein Ereignis war die Aufführung des „Reigen“ von Arthur Schnitzler. Die antisemitische Zeitschrift „Der Volkssturm. Wochenzeitung des deutschen Christenvolkes für christlich-nationale Kultur, gegen Judaismus, Materialismus, Kapitalismus“ bejubelte die von völkischer Seite inszenierten Krawalle und schrieb u.a.:
„Aber Schande und Strafe über uns, wenn wir sogar auch noch die Scham über unsere Schwäche verlieren und unser Elend zur öffentlichen Begeilung zur Schau stellen! Dann erst sind wir reif und wert unterzugehen. Das wissen die Juden und gerade das ist es, was die Juden wollen, um auf unseren Untergang ihre Herrschaft aufzubauen.“
(Aus: Volkssturm, 20. Februar 1921. Zitiert nach: Alfred Pfoser, Kristina Pfoser-Schewig, Gerhard Renner: Schnitzlers >Reigen<. Band 1: Der Skandal. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1993, S. 351) Auch der christliche Abgeordnete und spätere Bundeskanzler Ignaz Seipel stellte einen Zusammenhang zwischen sittlicher Verderbtheit und Judentum her: „Das sittliche Empfinden unseres bodenständigen christlichen Volkes wird fortgesetzt aufs schwerste verletzt durch die Aufführung eines Schmutzstückes aus der Feder eines jüdischen Autors.“ (Aus: Die Reichspost, 14. Februar 1921. Zitiert nach: Alfred Pfoser, Kristina Pfoser-Schewig, Gerhard Renner: Schnitzlers >Reigen<. Band 1: Der Skandal. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1993, S. 337)
Ein anderes Ereignis war der „Fall Bettauer“. Der Schriftsteller Hugo Bettauer (u.a. Autor des Beststellers „Die freudlose Gasse“, später von G. W. Pabst mit Greta Garbo verfilmt) gab n der Ersten Republik zwei Zeitschriften für Sexualerklärung heraus. Die offiziell nicht vorhandene Zensur wurde tätig und es kam zum Prozess gegen Bettauer. Dabei ging es aber weniger um vermeintliche Unsittlichkeit, sondern um Antisemitismus. Im Wiener Gemeinderat hetzt der christlichsoziale Abgeordnete Orel (1925 wegen Radikalismus von der eigenen Partei ausgeschlossen) gegen den „Juden Bettauer“, „der unsere Kinder versauen will mit jüdischem Gift und jüdischer Schweinerei!“ (AZ, 22.3.1924)
„Der Jude Bettauer hat eine jüdische, schweinische Zeitschrift herausgebracht […] Diese Zeitschrift spekuliert darauf, das Triebleben der Menschen zu benützen, um sie zugrunde zu richten und dabei in echt jüdischer Weise ein Geschäft zu machen.“ (Stenographischer Bericht über die Sitzung des Gemeinderates vom 21. März 1924, S. 1058)
(Beides zitiert nach: Murray G. Hall: Der Fall Bettauer. Wien: Löcker 1978, S. 57)
Bettauer wurde vom Gericht freigesprochen, die darauffolgende Medienhetze führte dazu, dass sich ein NSDAP-Mitglied dazu auserwählt sah, Hugo Bettauer zu erschießen. Noch 1976 rechtfertigte er seine Tat:
„Ich war damals wie auch heute kein ausgesprochener Antisemit, ich lehnte mich nur dagegen auf, daß ein Jude die Jugend erotisieren wollte und damit ein Geschäft begann.“ (Murray G. Hall: Der Fall Bettauer. Wien: Löcker 1978, S. 182)
Kapitalismus
Tatsächlich gehörte es zum Bestandteil des Antisemitismus den Kommunismus als eine Variante der „jüdischen Weltverschwörung“ zu sehen, andererseits aber die reinste Form des Kapitalismus – die Anhäufung von Kapital – als Merkmal einer „jüdischen Raffgier“ anzuprangern. Die Nationalsozialisten steigerten auch diese antisemitischen Topoi ins Extreme.
„2.1.5. Wortfeld Handel – Geld – Reichtum. Die Juden als die Ausverkäufer der deutschen Seele Die Anwendung bestimmter Wortfelder zur Umschreibung und Darstellung der Juden dient Goebbels dazu, diese auf verschiedenste Weise in eine dem Deutschen entgegengesetzte Dimension zu rücken. So konstruiert er beispielsweise anhand des Wortfelds Handel – Geld – Reichtum die Juden als Emanation des Kapitalismus schlechthin und stellt sie als solche dem redlich schaffenden deutschen Arbeiter als existentielle Bedrohung gegenüber:
„Betrug und Korruption und eine kapitalistische Ausbeutung legen sich wie ein Alpdruck auf dieses Heldenvolk, und bald ist alles vertan, was die Väter einst erarbeiteten im Schweiß der Stirne. Tausende und Hunderttausende von ostjüdischen Schiebern schleichen wie eine Landplage über die Grenze (…) und nach zwei Jahren sind sie (…) avanciert zu Börsenmagnaten und sie besitzen nunmehr Haus und Hof derer, die sie von Haus und Hof vertrieben (…).“ (63)
In der „internationale[n] Welthochfinanz“ (64) und der „Weltbörse“ (65), die beide synonym verwendet werden zum „internationalen Finanzjudentum“ (66), erkennt Goebbels den „Judas (…), der unser Volk für dreißig Silberlinge verkauft und verhandelt“ (67), den „jüdischen Geldmann“ (68), der „zum Siegesmarsch des Goldes gegen das Blut“ (69) antritt, um eine „imperialistische Diktatur des roten Goldes“ (70) zu errichten. Gold beziehungsweise Geld werden hier in begrifflichen Kontrast gesetzt zum Blut, die „Fürsten des Geldes“ bedrohen das Blut und die Existenz der „deutsche[n] Arbeit“ (71). Diese Bedrohung ist ultimativ, insofern „das Geld“ bereits „zum letzten Vernichtungsschlag“ „rüstet“ (72) und „zielsicher und unbeirrt auf seinem Eroberungsfeldzug gegen die deutsche Arbeit vorwärts“ „marschiert“ (73), so daß Goebbels die dringende Parole „Blut gegen Gold! Arbeit gegen Geld!“ (74) ausgibt, die die von ihm konstruierte Antipodalität Geld/Gold <-> Blut/Arbeit explizit und griffig macht. Deutschland vom „Wahn des Goldes“ freizumachen, wird zur schicksalhaften Bestimmung des deutschen Arbeiters, der Erfolg dieser Aufgabe zur „größte[n] Tat der Weltgeschichte“ stilisiert. (75)
Inwieweit Goebbels selbst als der glühende Antikapitalist angesehen werden kann, als der er sich in diesen Texten gebiert, ist sicherlich nicht eindeutig zu beantworten, da es zu groben Fehlinterpretationen verleitet, vom Inhalt persuasiver beziehungsweise propagandistischer Texte auf die Person ihres Autors schließen zu wollen. Gerade die Thematisierung des Kapitalismus als Bedrohung weist daraufhin, daß hier versucht wird, die deutsche Arbeiterschaft zu mobilisieren, zumal Goebbels zur Zeit der Abfassung der meisten der in diesem Abschnitt zitierten Texte Gauleiter in Berlin war, in dem die Arbeiter ursprünglich traditionell die Kommunisten und somit antikapitalistisch wählten. Berücksichtigt man andererseits jedoch Goebbels? persönliche Biographie innerhalb der NSDAP, deren linkem, eher sozialistisch orientierten Strasser-Flügel er ursprünglich angehörte, sowie die Tatsache, daß er sich in seinen „Erinnerungsblättern“ für das Jahr 1923 einmal selbst als „deutschen Kommunist[en]“ (76) bezeichnete und Sympathien für den Sowjetkommunismus hegte, so darf man – wenn auch mit Vorsicht – vermuten, daß beim Thema Kapitalismus auch eine Grundüberzeugung des Autors zutage tritt.
In der neueren historischen Forschung wird der Antikapitalismus als eine der Haupttriebfedern für Goebbels‘ Antisemitismus angesehen, insofern bereits für den jungen Goebbels das „Geld“ eine Bedrohung für die (deutsche) Gesellschaft darstellte, die er im Judentum personifiziert sah. (77) Komposita wie „Finanzjudentum“ oder Periphrasen wie „[Juden =] Fürsten des Geldes“ (78) lassen erkennen, wie sehr sein Bestreben, die Juden mit dem Kapitalismus in Verbindung zu bringen, auch ein persönliches Anliegen gewesen sein muß.
Quelle: http://www.gs.uni-heidelberg.de/~beisswen/goebbels/kap2b.htm
Kommunismus
Der Kommunismus wurde als Bestandteil einer ?jüdischen Weltverschwörung? angesehen.
„Lange bevor die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, hatten Rassefanatiker bereits Thesen propagiert, die auf den Völkermord abzielten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierte sich der moderne Antisemitismus, der die Gleichsetzung des Jüdischen mit dem Liberalismus oder der Sozialdemokratie, mit dem Marxismus oder Kapitalismus, der Freimaurerei oder dem Pazifismus vornahm. Je nach Standort konnten die Konflikte der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft mit dem Attribut ‚jüdisch‘ versehen werden. […] Diesem Erbe entstammten die nationalsozialistischen Feindbilder. Sie kulminierten im Mythos vom jüdisch-bolschewistischen Weltfeind, der seit 1918 zum Kampf gegen die arische, sprich deutsche ‚Herrenrasse‘ angetreten war.“ (Kwiet 1997, 50ff.)
Missstände in der Politik
Arbeitslosigkeit
„500.000 Arbeitslose 400.000 Juden Ausweg sehr einfach! Wählt Nationalsozialisten“ verkündet das Transparent auf dem Propagandawagen der Nationalsozialisten.
Multimedialinks:
Wahlkampfauto der Wiener Nationalsozialisten
„Unter der künstlerischen Leitung von Oscar Teller gelangte die politische Satire ‚Juden hinaus‘ von Victor Berossi zur Aufführung. Es war eine abendfüllende Revue in vier Bildern, voll Humor, Heiterkeit und Freude. Die Revue ‚Juden hinaus‘ stellt politisches Kabarett in origineller, einzigartiger Form dar, übersprudelnd von Witz, Geist und beißender Satire. In musikalisch untermalten Versen von stärkster Komik und Durchschlagskraft wurde auf Zeitereignisse angespielt, mit der Assimilation, mit politischer Überheblichkeit und Dummheit Abrechnung gehalten. Das Publikum kam aus dem Lachen nicht heraus und dankte den Darstellern mit stürmischem Beifall für ihre vorzüglichen Leistungen. Von den Mitwirkenden seien besonders Oscar Teller und Victor Schlesinger hervorgehoben.“
4.3. 1927; zitiert nach: Teller 1982, 293
Im Text kommt das Wort „Broches“ vor. Es ist jiddisch und bedeutet: Segenssprüche.
Aufgabe:
War die „deutsche Frau“ wirklich gezwungen, Kinder zu bekommen?
Ja
Es gab keine gesetzliche Verpflichtung, Kinder zu gebären. Die Nationalsozialisten taten aber alles dazu, die Frauen zur „Mutterschaft“ zu drängen:
„Das Dritte Reich war eine Männergesellschaft. Das Bild der Frau wurde geprägt durch die Idealisierung ihrer Rolle als Mutter und Hüterin des Heims, als Erzieherin der Kinder, als dem Mann untertane Ehegefährtin, die sich durch ‚Fortpflanzungsverweigerung‘ oder Unfruchtbarkeit schuldig machen konnte. Die Erziehung der Mädchen war am Ideal der künftigen Mutterschaft ausgerichtet, höhere Schulbildung für Mädchen wurde behindert, Koedukation vollständig abgelehnt. Bis zum Krieg, in dem Frauen als Arbeitskraftreserven im Widerstreit zur Ideologie in großem Umfang herangezogen wurden, unternahm das Regime alle Anstrengungen, Frauen vom Arbeitsleben fernzuhalten.“ (Wolfgang Benz: Geschichte des Dritten Reiches. München: Beck 2000, S. 75)
„Man sagt mir oft: Sie wollen die Frau aus den Berufen drücken. Nein, ich will ihr nur in weitestem Ausmaß die Möglichkeit verschaffen, eine eigene Familie mitgründen und Kinder bekommen zu können, weil sie dann unserem Volke am allermeisten nutzt! Wenn heute eine weibliche Juristin noch soviel leistet und nebenan eine Mutter wohnt mit fünf, sechs, sieben Kindern, die alle gesund und gut erzogen sind, dann möchte ich sagen: Vom Standpunkt des ewigen Wertes unseres Volkes hat die Frau, die Kinder bekommen und erzogen hat und die unserem Volke damit das Leben in die Zukunft wiedergeschenkt hat, mehr geleistet, mehr getan!“
(Adolf Hitler: Die Aufgaben der Frau. Auszüge aus einer Rede an die NS-Frauenschaft, in: Völkischer Beobachter, 13. 9. 1936; zitiert nach: George L. Mosse: Der nationalsozialistische Alltag. So lebte man unter Hitler. Königstein: Athenäum 1979, S. 65)
Ab dem Muttertag 1939 gab es ein bronzenes Mutterkreuz für vier, ein silbernes für sechs, ein goldenes für acht Kinder.
Multimedialinks:
Bereits im BdM wurden die Mädchen auf ihre künftige Frauen- und Mutterrolle vorbereitet. Aus: Elisabeth Klamper: Vom "wesensgemäßen" Einsatz der deutschen Frau. Wien 1938. Ausstellungskatalog Historisches Museum der Stadt Wien 110. Sonderausstellung. Wien 1988, S. 343-357, S. 355
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Nein
Es gab keine gesetzliche Verpflichtung, Kinder zu gebären. Die Nationalsozialisten taten aber alles dazu, die Frauen zur „Mutterschaft“ zu drängen:
„Das Dritte Reich war eine Männergesellschaft. Das Bild der Frau wurde geprägt durch die Idealisierung ihrer Rolle als Mutter und Hüterin des Heims, als Erzieherin der Kinder, als dem Mann untertane Ehegefährtin, die sich durch ‚Fortpflanzungsverweigerung‘ oder Unfruchtbarkeit schuldig machen konnte. Die Erziehung der Mädchen war am Ideal der künftigen Mutterschaft ausgerichtet, höhere Schulbildung für Mädchen wurde behindert, Koedukation vollständig abgelehnt. Bis zum Krieg, in dem Frauen als Arbeitskraftreserven im Widerstreit zur Ideologie in großem Umfang herangezogen wurden, unternahm das Regime alle Anstrengungen, Frauen vom Arbeitsleben fernzuhalten.“ (Wolfgang Benz: Geschichte des Dritten Reiches. München: Beck 2000, S. 75)
„Man sagt mir oft: Sie wollen die Frau aus den Berufen drücken. Nein, ich will ihr nur in weitestem Ausmaß die Möglichkeit verschaffen, eine eigene Familie mitgründen und Kinder bekommen zu können, weil sie dann unserem Volke am allermeisten nutzt! Wenn heute eine weibliche Juristin noch soviel leistet und nebenan eine Mutter wohnt mit fünf, sechs, sieben Kindern, die alle gesund und gut erzogen sind, dann möchte ich sagen: Vom Standpunkt des ewigen Wertes unseres Volkes hat die Frau, die Kinder bekommen und erzogen hat und die unserem Volke damit das Leben in die Zukunft wiedergeschenkt hat, mehr geleistet, mehr getan!“
(Adolf Hitler: Die Aufgaben der Frau. Auszüge aus einer Rede an die NS-Frauenschaft, in: Völkischer Beobachter, 13. 9. 1936; zitiert nach: George L. Mosse: Der nationalsozialistische Alltag. So lebte man unter Hitler. Königstein: Athenäum 1979, S. 65)
Ab dem Muttertag 1939 gab es ein bronzenes Mutterkreuz für vier, ein silbernes für sechs, ein goldenes für acht Kinder.
Multimedialinks:
Bereits im BdM wurden die Mädchen auf ihre künftige Frauen- und Mutterrolle vorbereitet. Aus: Elisabeth Klamper: Vom "wesensgemäßen" Einsatz der deutschen Frau. Wien 1938. Ausstellungskatalog Historisches Museum der Stadt Wien 110. Sonderausstellung. Wien 1988, S. 343-357, S. 355
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Aufgabe:
Gab es wirklich einen „Zuchtwart“?
Ja
So unglaublich es klingt, tatsächlich wurde der Begriff (von R. W. Darré) als Eindeutschung für den „Eugeniker“ vorgeschlagen. Im „Berliner Tageblatt“ vom 11. 10. 1934 wird der Vorschlag eines Bauern wiedergegeben, der vorschlägt, Dorfärzte als Zuchtwarte zuzulassen:
„Der Dorfarzt könne und müsse nämlich auch Zuchtwart sein. Nur der Dorfarzt werde mit größerer Sicherheit sagen können, ob bei einer Ehewahl in seinem Bereich Gefahren aus erblicher Belastung bestehen. Besonders wertvollen Ehegatten werde er klarmachen, daß sie verpflichtet sind, eine möglichst große Zahl von Kindern zu haben.“ (Zitiert nach: Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: de Gruyter 2000, S. 709)
Der Begriff und wurde zwar nicht eingeführt, tatsächlich agierten aber die Ausführenden der „Rassenhygiene“ quasi als „Zuchtwarte“.
Nein
Als Amt gab es den „Zuchtwart“ tatsächlich nicht, die Ausführenden der „Rassenhygiene“ agierten aber quasi als solche. Der Begriff wurde (von R. W. Darré) als Eindeutschung für den „Eugeniker“ vorgeschlagen. Im „Berliner Tageblatt“ vom 11. 10. 1934 wird der Vorschlag eines Bauern wiedergegeben, der vorschlägt, Dorfärzte als Zuchtwarte zuzulassen:
"Der Dorfarzt könne und müsse nämlich auch Zuchtwart sein. Nur der Dorfarzt werde mit größerer Sicherheit sagen können, ob bei einer Ehewahl in seinem Bereich Gefahren aus erblicher Belastung bestehen. Besonders wertvollen Ehegatten werde er klarmachen, daß sie verpflichtet sind, eine möglichst große Zahl von Kindern zu haben."
Zitiert nach: Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: de Gruyter 2000, S. 709
Heißt das Wort „Hetz“ tatsächlich Spaß?
Ja
Das Wort kommt von „Hetze“ und „hetzen“ und hat damit ursprünglich nichts mit Spaß zu tun, sondern bedeutet verfolgen. Der Habsburger Karl VI. führte aus Spanien die Tierhetzerei ein, die zum Volksfest wurde. In Wien stand bis zu seinem Brand ein eigenes (Tier-) Hetztheater – die Hetzgasse erinnert daran. Die Volksbelustigung führte dazu, dass im österreichischen Sprachraum, v.a. im Wienerischen der Spaß zur „Hetz“ wurde. Zu tragischer Realität wurde in Wien die Gleichsetzung von Verfolgung (Hetze) mit Spaß (Hetz) bei der Demütigung und Verfolgung jüdischer Mitbürger.
Nein
Das Wort kommt von „Hetze“ und „hetzen“ und hat damit ursprünglich nichts mit Spaß zu tun, sondern bedeutet verfolgen. Der Habsburger Karl VI. führte aus Spanien die Tierhetzerei ein, die zum Volksfest wurde. In Wien stand bis zu seinem Brand ein eigenes (Tier-) Hetztheater – die Hetzgasse erinnert daran. Die Volksbelustigung führte dazu, dass im österreichischen Sprachraum, v.a. im Wienerischen der Spaß zur „Hetz“ wurde. Zu tragischer Realität wurde in Wien die Gleichsetzung von Verfolgung (Hetze) mit Spaß (Hetz) bei der Demütigung und Verfolgung jüdischer Mitbürger.
Lesen Sie nun eine Szene aus Jüdische Weltherrschaft, das Victor Berossi 1927 nach einer Idee von Egon Friedell verfasst hat.
Festsaal der Universität Wien. Im Hintergrund ein die ganze Fläche einnehmendes Plakat „Ein Vierteljahrhundert Jüdischer Weltherrschaft (1950-1975) und weiterhin alle Ewigkeit, Amen!“
Auf der Empore: Benjamin Goldberger, Generalsekretär der Freisinnigen Mosaischen Partei. Zu seiner Linken Universitätsrektor Prof. Jubal Pollak, zu seiner Rechten Sarah Rappaport, Vorsitzende der „Weltvereinigung Jüdischer Mammes“. Das Publikum sitzt im Zuschauerraum; von dort scheinen auch Applaus, Sprechchöre und Zwischenrufe zu kommen.
[…] Pollak: (erhebt sich) Herr Staatspräsident, Herr Staatskanzler, Exzellenzen, meine Damen und Herren! Heute jährt sich zum 25. Male der glorreiche Tag, der das Gesicht der Welt entscheidend gewandelt hat, der Tag, an dem die zähe Arbeit von Generationen endlich ihre Früchte trug. […] Wir Juden haben uns human und tolerant verhalten, als unsere Stunde schlug, und wir sind stolz darauf, daß wir unsere Prinzipien nicht mit Gewalt, sondern mit den Mitteln der Überredung und der Diskussion durchgesetzt haben.
1. Zwischenrufer: (von der Galerie): Überflüssiges Gedeigez!
2. Zwischenrufer: Hast e Stolz!
Goldberger: Bitte um Ruhe – Fahren Sie fort, Magnifizenz!
Pollak: Heute dürfen wir sagen, daß auch die letzten Härten der Übergangszeit überwunden sind. Das Zwangsabonnement auf die „Neue Freie Presse“ ist seit Jahren aufgehoben, der grüne Fleck für Christen abgeschafft, ihre Ghettos – bis auf das in Liebhartstal – verschwunden, und das Märchen, daß sie das Blut minderjähriger Talmudschüler zur Herstellung ihrer Guglhupfe verwenden, glaubt kein Vernünftiger mehr. Andererseits ist nicht zu leugnen, daß unsere Welthauptstadt Wien (Applaus) durch die verstärkte Zuwanderung von Westchristen vor schwere Probleme gestellt wurde. Das gutturale Alpengejodel, die Lederhosen und die bezeichnenderweise so genannten Goiserer entstellten unsere kosmopolitische Wienerstadt in einer Weise, die uns zum Gelächter der internationalen Touristik machte. Doch hat es sich dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit des Ministeriums für Folklore und Ursprungskunde auch diese Situation in Wohlgefallen aufgelöst, ohne daß es zu Übergriffen gegen unsere aus dem Gebirge stammenden, scherzhaft als „Kropferte“ bezeichneten Mitbürger gekommen wäre. Heute dürfen wir mit ruhigem Gewissen ausrufen: Die Zeit des Christenhasses, dieser Schande des Jahrhunderts ist endgültig vorbei! […]
zit. nach Teller 1982, 319-321
Aufgabe:
Schreiben Sie eine Interpretation dieser Szene! Informieren Sie sich, so weit nötig, über die Punkte „Das Gespenst der jüdischen Weltherrschaft“, „minderjährige Christenknaben“, „Juden in Wien“, „West- und Ostjuden“, so dass sie die entsprechenden Anspielungen entschlüsseln können.
Das Gespenst der jüdischen Weltherrschaft
„Die Antisemiten machten die russische Revolution des Jahres 1905 zum Schreckgespenst. Sie beschuldigten die Juden, Drahtzieher dieser Revolution zu sein, anschließend auch in Westeuropa den Umsturz zu provozieren und eine »jüdische Weltherrschaft« zu errichten, unterstützt durch die Sozialdemokraten. Nahrung erhielten die Theorien in der Donaumonarchie durch ein zufälliges Zusammentreffen: Die Nachricht vom Manifest des Zaren im Oktober 1905 platzte in Österreich gerade in den sozial- demokratischen Parteitag. Dr. Wilhelm Ellenbogen stand gerade am Rednerpult, als die Genossen in Jubel ausbrachen und riefen: »Hoch die russische Revolution! Hoch das allgemeine Wahlrecht!« Ellenbogen unterbrach seine Rede und las feierlich das Manifest des Zaren mit der Gewährung von Presse- und Versammlungsfreiheit und der Einberufung der Duma vor und verband diese Ereignisse mit Forderungen an die k.k. Regierung: »In Rußland ist der knieschlotternde Zar schon so weit gelangt, das allgemeine Wahlrecht zu geben, und unsere so wenig behaglich gebettete Dynastie soll hinter Rußland zurückbleiben? …Wir wollen nicht länger das typische Pfaffenland, das Land der Bevormundung, das Land der Rückwärtserei, der Kamarilla bleiben. Das Wahlrecht ist eine Lebensfrage für uns.« Er erinnerte an die Waffe des Proletariats, »die Lahmlegung aller Produktion, an den Massenstreik«, und: »wenn es darauf an- kommt, wird das gemütliche und besonnene Proletariat Österreichs auch russisch reden können«. [Helga Riesinger: Leben und Werk des österreichischen Politikers Wilzelm Ellenbogen, masch. Diss. Wien 1969, 32f.] Damit löste er laut Protokoll einen »tosenden Beifallssturm« aus. Als die Sozialdemokraten Ende November 1905 eine Massenkundgebung für das allgemeine gleiche Wahlrecht in Wien organisierten, hielten die Christlichsozialen unter Lueger in der Volkshalle des Rathauses eine Gegendemonstration ab mit dem Tenor: »Nieder mit dem Terrorismus des Judentums!« Das DEUTSCHE VOLKSBLATT: »Wer führt die Sozialdemokratie? Die Juden Adler und Ellenbogen! Wer assistiert diesen in der Öffentlichkeit? Die ganze jüdische Presse! Und wer gibt das Geld her? Die jüdische Hochfinanz! – Genau so wie in Rußland die Juden die Hetzer und Treiber sind, so sind sie es auch bei uns.« [Das deutsche Volksblatt, 6. 12. 1905] […] Als der junge H. [Hitler] nach Wien kam, war das Thema der russischen Juden nach wie vor heiß diskutiert, vor allem nach dem Erscheinen eines scharf antisemitischen Buches, das von den Christlichsozialen heftig beworben und zitiert wurde: Rudolf Vrba, DIE REVOLUTION IN RUSSLAND. Hier hieß es, die Pogrome und Massaker an den russischen Juden seien nichts als ein christlicher Verteidigungskampf gegen die jüdische Bedrohung: >,Krampfhaft wehrt sich der stark nationalfühlende Russe gegen die Umstrickung durch die jüdischen Polypenarme« [Rudolf Vrba: Die Revolution in Rußland, Prga 1906, 216] »Die >Mandelstamm und Silberfarb< haben die Fackel des Aufruhrs in das Riesenreich des Zaren geworfen: das Blut, das die Revolution vergossen hat, kommt also zu allererst auf das Haupt der Juden.« [Vrba, 238] Das Buch, das mit vielen Statistiken und Zitaten den Eindruck einer präzisen Dokumentation erweckt, setzte Juden und Sozialdemokraten gleich und beschwor die Gefahren einer jüdischen Weltverschwörung. Wenn die russischen Juden auch noch die bürgerliche Gleichberechtigung bekämen, würden – »wie in Verfassungsstaaten, die wir nicht zu nennen brauchen« – die »Völker, hohe und niedere Volksschichten ausgebeutet, ausgesogen und verfassungsmäßige Regierungen in ihre totale moralische und hochfinanzielle Abhängigkeit gebracht« [Vrba, 210] »Die so in Freiheit gesetzten Juden würden in wenigen Dezennien… die bisherigen Landwirte und Bauern zu Bettlern, dann als Mietlinge und direkt zu Besitzsklaven machen.« [Vrba, 211] »Denn die Juden wollen keine >Gleichheit<, sondern die volle Herrschaft.« [Vrba, 222] […] Da Adler, Ellenbogen und Trotzki jüdischer Abstammung waren, hatten die Antisemiten einen neuerlichen »Beweis« für ihre These der angestrebten »jüdischen Weltherrschaft« mit Hilfe der internationalen Sozialdemokratie und der »Judenpresse«.“
(Quelle: Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München: Piper 1996, S. 489-493)
Minderjährige Christenknaben
Seit dem Mittelalter wurden Juden immer wieder beschuldigt, Ritualmorde an minderjährigen Christenknaben zu vollziehen.
Multimedialinks:
Juden in Wien
„Erst die beginnende politische und ökonomische Liberalisierung ab 1859 brachte eine zunehmende Gleichstellung der Juden in staatsbürgerlichen und wirtschaftlichen Belangen. Nach der Verfassung von 1867 gab es praktische keine rechtlichen Beschränkungen mehr. Infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs der Residenzstadt strömten Menschen aus allen Teilen der Monarchie nach Wien und hofften, hier von dieser Konjunktur ebenfalls zu profitieren. Gemeinsam mit anderen Völkerschaften des Reiches belebten die Juden die Stadt und bereicherten die geistige Atmosphäre. Juden spielten in der Folge in der Wissenschaft und Kultur des Wien der Jahrhundertwende eine hervorragende Rolle. Dieses Hereinströmen barg aber auch die Keime für spätere Auseinandersetzungen in sich. Im ausgehenden 19. Jahrhundert flammte der Antisemitismus erneut auf, an Stelle des seit Jahrhunderten bekannten religiösen und wirtschaftlichen Antisemitismus trat nun eine neue, bedrohlich Art, die sich auf Rassentheorien stützte. Noch wurden die Gefahren nicht gesehen oder nur von wenigen beachtet; die Monarchie, insbesondere die Person des Kaisers, schien Garant zu sein, dass den Juden nichts geschehen würde. […] Mit dem aufkeimenden Nationalismus stellte sich auch für Juden die Frage nach einer Nation. […] In Österreich fand die Idee des Zionismus, der Schaffung eines eigenen jüdischen Staates, zunächst nur wenig Anhänger, auch wenn der Begründer dieser Bewegung, Theodor Herzl (1860-1904) in Wien lebte und wirkte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Organisationen, politische Gruppierungen und Sportvereine gegründet, die den Zionismus als ihre Grundlage ansahen, zum Teil trugen sie auch hebräische Namen – Hakoah, Poale Zion, Misrachi – die Mitglieder sammelten Geld für die Besiedlung Palästinas, sie befassten sich mit dem Erlernen der hebräischen Sprache und sangen entsprechende Lieder. Manche führten Reisen in dieses weit entfernt liegende Land durch, die wenigsten dachten aber tatsächlich daran, diese Ideen in die Praxis umzusetzen oder eine Emigration als Zukunftsperspektive in Betracht zu ziehen. […] Im Jahre 1900 lebten in den habsburgischen Ländern inklusive Ungarn 2 065 165 Juden – das bedeutete einen Anteil von 4,5% der Gesamtbevölkerung der Monarchie. Ihre soziale und wirtschaftliche Situation war je nach Herkunftsgebiet, Wohnort, Grad der Assimilierung durchaus unterschiedlich. […] In den westlichen Gebieten […] lebten vorwiegend Familien, die sich bereits assimiliert hatten, wohl die Feiertage in traditioneller Weise hielten, sich von ihrer Umgebung aber rein äußerlich nicht unterschieden. Für Wien gilt, dass sich in Teilen des 2. und 20. Bezirks – Leopoldstadt und Brigittenau – ein neues, ‚freiwilliges‘ Ghetto gebildet hatte; Juden, die aus ihrem ‚Schtetl‘ nach dem Westen gekommen waren, fristeten hier ihr ärmliches Leben mit den mitgebrachten Traditionen weiter. Der 1. Weltkrieg verstärkte den Zuzug von Ostjuden: Bald nach Ausbruch des Krieges setzte eine enorme Flüchtlingswelle ein. Juden, die infolge der ersten Niederlagen der kaiserlichen Armee vor den russischenSoldaten Angst hatten – die Progrome waren noch in lebhafter Erinnerung -, packten ihre Sachen und versuchten, Wien zu erreichen. […] Mit dem Zerfall der Donaumonarchie hatte ein Prozess begonnen, der schließlich im März 1938 in der Katastrophe gipfelte. Bis 1938 wirkte ein Teil der aus der Monarchie herübergeretteten Atmosphäre weiter, das geistige, kulturelle Leben wurde nach wie vor von der Vielfalt des aus Alt-Österreich stammenden Potentials gespeist. […] Ob und wie sehr man das Ansteigen des Antisemitismus spürbar fühlte, hing mit der individuell unterschiedlichen Lebenssituation zusammen. Bereits Assimilierte hatten mit der Gleichsetzung von Judentum mit Religion, aber auch mit ihrer jüdischen Identität Probleme. […] Juden in Österreich bildeten weder in sozialer, noch in politischer oder religiöser Beziehung eine homogene Gruppe. Glich das Straßenbild in einigen Gassen der Leopoldstadt zum Teil dem des ostjüdischen Schtetls, beispielsweise in der Umgebung des Karmelitermarktes, so war in anderen Straßenzügen eine völlig andere Atmosphäre. […] Wohlhabende, zumeist assimilierte Familien waren entweder in den Großbürgerhäusern der Prater- oder Taborstraße zu finden, sofern sie nicht bereits den zweiten Bezirk verlassen hatten. Auch in anderen Bezirken Wiens ist ein Nebeneinander unterschiedlichster religiöser und sozialer Bedingungen selbstverständlich. […] Jüdische Familien waren von den allgemeinen Schwierigkeiten der Jahre 1918-1938 in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht ebenso betroffen wie alle anderen Bevölkerungsgruppen. Den politisch Interessierten bot vor allem die Sozialdemokratische Arbeiterpartei mit ihren zahlreichen Organisationen Gelegenheit zur Mitarbeit, ebenso die Kommunistische Partei. Beide Parteien verzeichneten einen hohen jüdischen Anteil an Mitgliedern, da beide Gruppierungen zumindest in ihrer Programmatik für die volle rechtliche und soziale Gleichstellung aller Menschen unabhängig von konfessionellen und ‚rassischen‘ Unterscheidungen eintraten. Die Christlichsozialen hingegen waren stark konfessionell geprägt und setzten den Antisemitismus als Mittel ihrer Politik ein. Daher fiel es Juden schwer, sich mit den Konservativen zu identifizieren. […] Seit der Machtübernahme Adolf Hitlers in Deutschland kamen immer wieder jüdische Flüchtlinge nach Österreich. Diese wurden von österreichischen Juden aufgenommen und nach Möglichkeit unterstützt. Obwohl ihre Schilderungen alles andere als optimistisch klangen, fühlten sich Juden in Österreich nur wenig bedroht. Wenige erkannten die Gefahr und trafen Vorbereitungen zur Emigration. Das Vertrauen in das Land, in dem sie seit Generationen gelebt hatten, für das sie im 1. Weltkrieg gekämpft hatten, das Vertrauen in ihre Mitbürger war aufrecht. Antisemitische Übergriffe, wie sie auf Universitätsboden zum Alltag gehörten, oder Probleme bei der Postenvergabe wurden zumeist als Einzelfälle bewertet.“
(Brigitte Ungar-Klein: Zwischen Tradition und Assimilation – Jüdisches Leben vor 1938. In: Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten, hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien: ÖBV 1992, S. 1-7, 2-7)
West- und Ostjuden
„Angesichts des verheerend um sich greifenden Antisemitismus, der immer deutlicher zum Rassenantisemitismus wurde, fühlten sich die eingesessenen, assimilierten Wiener Juden verunsichert. Sie hatten alles getan, um nicht als Juden aufzufallen, um sich anzupassen und ganz dazuzugehören. Viele waren längst getauft und dachten, ihre jüdische Abstammung vergessen zu können. Nun, da sie plötzlich auf eine Stufe gestellt wurden mit den zerlumpten Glaubensbrüdern aus dem Osten, sahen sie sich in ihrer schwer erkämpften Existenz bedroht. Die Ostjuden fielen im Straßenbild auf. Denn sie trugen Schläfenlocken – Peikeles – und die alte Tracht: Kaftan, Zylinder und Stiefel als Zeichen ihres orthodoxen Glaubens. Ihre Umgangssprache war Jiddisch, Russisch oder Polnisch. Sie kauten Knoblauch und gaben sich keine Mühe, sich der Umwelt anzupassen und ihr Judentum zu verstecken – im Gegenteil: ihre Fremdartigkeit ließ sie als eine verschworene Gruppe erscheinen. Die jüdische Gemeinde bemühte sich nach Kräften, die Einwanderer so rasch wie möglich zu assimilieren. Die »Kaftanjuden« erhielten unauffällige Kleidung. Ihre Kinder sollten in eigenen Schulen rasch Deutsch lernen. Die Gemeinde versorgte nach Möglichkeit die Einwanderer selbst und überließ sie nicht der öffentlichen Fürsorge. Großzügiger denn je spendeten die reichen Juden für Wärmestuben, Freitische und Spitäler. Konferenzen über das »Übel« des »Wanderbettels« und die »Handelehs« wurden abgehalten und Strategien beraten, um die Assimilierung zu fördern. Aber je großzügiger die Wiener Juden waren, desto mehr Bedürftige kamen. Und je mehr Ostjuden ankamen, desto größer wurde die Angst vor einem weiteren Anwachsen des Antisemitismus. Außerdem zeigte sich, daß viele arme Ostjuden die Wohltaten der reichen Brüder im Westen gar nicht schätzten. Sie beharrten auf ihren alten Sitten und Gebräuchen, ihrer traditionellen Kleidung und Sprache. Sie waren voll Stolz und Selbstbewußtsein, ja zeigten ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den westlichen Juden. Denn sie lebten im Bewußtsein des »wahren Judentums«. Sie hatten treu ihren alten Glauben und Ritus bewahrt, hielten die Sitten der Väter ein – und wurden so zum leibhaftigen Vorwurf für die im Glauben lau gewordenen, angepaßten oder gar getauften Westjuden. […] Die Sprachendiskussion entzweite West- und Ostjuden zusätzlich. Die Assimilanten argumentierten erbittert, daß die Zionisten mit ihren Zielen genau die Wünsche der Antisemiten erfüllten: Indem sie sich nicht mehr als Deutsche, Tschechen oder Ungarn jüdischer Religion sahen, sondern als Angehörige einer eigenen jüdischen Nation und die Auswanderung anstrebten, grenzten sie sich selbst aus und erstrebten genau das gleich wie die Antisemiten: ein »judenfreies« Europa. […] …die assimilierten Juden der Donaumonarchie fühlten sich nicht als Angehörige einer fremden Nation. Sollten sie nun die Nationalsprache Jiddisch lernen, jene Sprache, die in »guten Häusern« als primitiver Mischmasch aus altertümlichem Deutsch und Polnisch abgelehnt wurde und mit der kein sozialer Aufstieg in Wien möglich war? Sollten sie ihre mühsam erarbeitete deutsche Identität und Existenz aufgeben und als jüdische Bauern nach Palästina ziehen? Sollten sie nicht nur von den Antisemiten, sondern nun auch von den Zionisten ihrer Heimat beraubt werden? Konnten sie nicht selbst entscheiden, was sie sein wollten, jüdisch oder protestantisch oder konfessionslos – oder Jude, Deutscher, Pole oder Ungar – oder eben das, wofür sie in ihrem übernationalen Denken die besten Voraussetzungen hatten: Österreicher?“
(Quelle: Brigitte Hamann: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München: Piper 1996)
Der liebe Augustin
Spielort: Café Prückl
Die „älteste Kleinkunstbühne Wiens“ (spätere Eigenwerbung) wurde von der Schauspielerin Stella Kadmon zusammen mit dem Autor Peter Hammerschlag, dem Zeichner Alex Szekely und dem Musiker Fritz Spielmann (ab 1932 Franz Eugen Klein) im Keller des Café Prückl eröffnet. Die Anfänge waren durch Werner Fincks Berliner „Katakombe“ inspiriert, ab Herbst 1934 setzte man sich deutlicher mit den politischen Umständen auseinander, die Improvisation wurde zugunsten szenischer Formen zurückgedrängt. Als Regisseure wirkten in insgesamt 35 Programmen u. a.: Leo Askenasy, Herbert Berghof, Fritz Eckhardt, Peter Ihle, Hermann Kner, Tom Kraa, Lilli Lohrer, Martin Magner, Aurel Nowotny, Ernst Pröckl, Ernst Rohner. Bis 1934 prägte der „Hausdichter“ Peter Hammerschlag, der auch als „Blitzparodist“, Conférencier und Schauspieler auftrat, das Bild. Mit den Autoren Gerhart Hermann Mostar (ab 1935) und Hugo F. Koenigsgarten (ab 1934) und unter dem Einfluss des Kabaretts „Literatur am Naschmarkt“ rückte der „Liebe Augustin“ in größere Theaternähe, brachte Einakter und Mittelstücke beider Autoren.
Kadmon, Stella erzählt über Peter Hammerschlag
Stella Kadmon erzählt, warum Peter Hammerschlag 1935 seine letzten Beiträge für den „Lieben Augustin“ leistete. Aus der Sendung: Kleinkunst in der Ersten Republik (ORF), Dauer: 0:31 min.
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Hammerschlag, Peter: Lüneburger Heide und Simmeringer Haad
Aus: Ott, Elfriede/Bronner, Gerhard: Der Hammerschlag des lieben Augustin. Höhepunkte aus dem Kabarett mit Texten von Peter Hammerschlag und Musik von Gerhard Bronner. Lienz: wakuword 1999, Dauer: 2:28 min.
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Im Laufe der Zeit waren im „Lieben Augustin“ 84 Schauspieler tätig, u. a.: Leo Askenasy, Edith Berger, Herbert Berghof, Franz Böheim, Rosl Dorena, Kurt Eilers, Senta Foltin, Helmut Forrest, Maria Halm, Wilhelm Hufnagl, Manfred Inger, Willi Kennedy, Hermann Kner, Tom Kraa, Fritz Muliar, Peter Preses, Trude Reinisch, Kurt Retzer, Fritz Schiller, Fritz Schrecker, Gertie Sitte, Hans Sklenka, Eva Urban, Walter von Varndal, Traute Witt, Fritz Wolf, Gusti Wolf u. a.
Der „Liebe Augustin“ sah sich als „erste Kleinkunstbühne“ Wiens. Er ging weg vom nur unterhaltenden Cabaret und machte den Schritt zum politischen Kabarett. Ein Anstoß dazu war für Stella Kadmon, die Gründerin, ihr Auftritt in der Berliner „Katakombe“ von Werner Finck.
Aufgabe:
Hören Sie Stella Kadmons Schilderung, inwiefern die „Katakombe“ den Charakter des „Lieben Augustin“ beeinflusst hat.
Titel: Kadmon, Stella über die "Katakombe"
Stella Kadmon schildert, inwiefern die „Katakombe“ den Charakter des „Lieben Augustin“ beeinflusst hat. Aus der Sendung: Kleinkunst in der Ersten Republik (ORF). Dauer: 0:45 min.
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Das sind die Leute Vom lieben Augustin Er tut sein Bestes, Drum liebet auch ihn, Gutes Benehmen War niemals unser Brauch, Doch wenn ihr erfreut seid, Dann freuen wir uns auch.
Die erste Vorstellung fand am 7. November 1931 statt. Nach einer Woche begann der Zuschauerstrom zu versiegen und das Ensemble kam auf die Idee Flugzettel zu verteilen.
Peter Hammerschlag: Herzbrüderlein Popo. Aus: Ders.: Die Wüste ist aus gelben Mehl. Groteskgedichte. Hrsg. von Friedrich Achleitner und Monika Kiegler Griensteidl. Wien: Paul Zsolnay Verlag 1997. Mit freundlicher Genehmigung des Paul Zsolnay Verlags (www.zsolnay.at), Wien 2002.
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Hammerschlag, Peter: Herzbrüderlein Popo
Erwin Steinhauer liest Peter Hammerschlags Gedicht vom Herzbrüderlein Popo. Aus: Erwin Steinhauer liest Peter Hammerschlag. Live-Mitschnitt der Lesung vom 29. Oktober 1997 im Funkhaus Wien. Edition Radio Literatur. ORF-CD 541. Wien 1997, Dauer: 1:45 min.
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Quelle: Henriette Mandl: Cabaret und Courage. Stella Kadmon - eine Biographie. Wien: Universitätsverlag 1993, S. 48. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
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Werbung für die Kleinkunstbühne "Der Liebe Augustin". Quelle: Henriette Mandl: Cabaret und Courage. Stella Kadmon - ein Biographie. Wien: Universitätsverlag 1993, S. 60. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
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Den Text entwarf Peter Hammerschlag. Stella Kadmon übernahm die Verteilung an der Sirk-Ecke neben der Oper. Dazu trug sie einen ausgeliehenen Pelzmantel und eine schwarze Maske, da ihr die ganze Aktion nicht geheuer war. Was bei der Verteilung der Flugzettel passierte, können Sie hier nachlesen:
„Da erscheint das Auge des Gesetzes und mischt sich ein: ‚Auseinandergehen, auseinandergehen! Was ist denn da los? Sie, was machen S‘ denn da?‘ sagt er zu mir. ‚Das sehen Sie ja, ich verteil‘ Zetteln.‘ ‚Haben S‘ a Erlaubnis?‘ fragt er und glaubt, daß er mich schon ertappt hat. Aber ich greif‘ seelenruhig in die Tasche und halt ihm die Bewilligung von der Gewista hin. ‚Ja bitte schön, da ist sie!‘ Jetzt ist er siegessicher: ‚Die ist von der Gewista. Von der Polizei müssen Sie eine haben!‘ ‚Bitte schön. Von der Polizei hab‘ ich auch eine‘, sag‘ ich und zeig‘ sie ihm. Er ist etwas gedämpft, aber dann sagt er: ‚Ja, aber da steht nichts von einem Kostüm!‘ ‚Ich hab‘ doch kein Kostüm an‘, wehr‘ ich mich entrüstet. ‚Dann geben S‘ die Maske herunter, sonst gibt’s kein Zettelverteilen!‘ Ich hab‘ die Maske zwar nicht heruntergegeben, bin aber schnell zum Auto gegangen und mit meinem Bruder weggefahren.“
Mandl 1993, 62
Im Jänner 1933 verfasst Hans Weigel ein Gedicht mit dem Titel Hochschulkantate:
Allegro, Allegro … Alle Grobheiten sind heute üblich An den Stätten, wo man einst studiert, Und es wird jetzt statt des Verstandes Dort der Bizeps nur trainiert.
Hier lehrt man die Universitätlichkeit, Dort die Technik des Prügelns nur, Dort den Raufhandel statt des Welthandels, Dort die bodenständige Unkultur. […]
O daß die akademischen Kapazitäten Doch endlich was gegen die Nazi täten! Bedenket stets: Aus dem Gelichter Wird morgen dein Beamter und dein Richter.
Und nun betrachten Sie die Bilder „Anatomie“ und „Tandler“.
Während eines Überfalls nationalsozialistischer Studenten auf das Anatomische Institut werden jüdische Hörer in Sicherheit gebracht. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 181. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002
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Teil des anatomischen Instituts der Universität Wien nach dem Überfall nationalsozialistischer Studenten. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 181. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002
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Aufgabe:
1919
1919: Bereits in diesem Jahr wurde seitens des Akademischen Senats die Einführung eines Numerus clausus für jüdische Studenten gefordert, da „schon jetzt Wien überschwemmt ist von Ärzten und Advokaten, […] die einer fremden Nationalität angehören oder doch sicher nicht Deutsche sind.“ (Schreiben des Akademischen Senats an das deutschösterreichische Staatsamt für Unterricht, 2.1.1919, AVA, Unterrichtsministerium. zit. nach: Klamper 1988, 182) Völkische, deutschnationale und katholische Studentenorganisationen waren innerhalb der „Deutschen Studentenschaft“ zusammengeschlossen, die von den Akademischen Behörden als einzige Studentenvertretung anerkannt wurde. Mitglieder konnten nur „deutsch-arische“ Studenten werden. Antisemitische Kundgebungen, Proteste gegen die Berufung jüdischer Professoren und tätliche Angriffe auf jüdische Studenten zählten zu den Hauptaktivitäten der „Deutschen Studentenschaft“. Eine dieser Attacken zeigen die abgebildeten Fotos. Diese Aktion hat allerdings erst später stattgefunden.
1920
1920: Wieder einmal wurde die Forderung nach einem Numerus clausus für jüdische Studenten erhoben. Diesmal vom christlich-sozialen Abgeordneten und späteren Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel: „…die während des Krieges und nach dem Umsturz in Scharen aus dem Osten zugewanderten Juden […] sind für die deutsche Studentenschaft eine so starke Konkurrenz, […] daß wir […] die Einführung eines Numerus clausus […] werden durchführen müssen.“ (Reichspost, 23.9.1920. zit. nach: Klamper 1988, 182) Die abgebildete Aktion fand nicht in diesem Jahr statt.
1922
1922: „Heute nachmittag gegen 1 Uhr sammelten sich auf der Rampe der Universität […] 250 Studenten an. Zwei Studenten hielten Ansprachen an die Versammelten, in welchen der Anschluß an Deutschland propagiert wurde. Hierauf entfernten sich die Anwesenden nach Absingen einer Strophe des Liedes ‚Deutschland, Deutschland über alles‘.“ (Bericht der Polizeidirektion Wien vom 17.6.1922 an das Bundesministerium für Unterricht, AVA, Unterrichtsministerium. zit. nach: Klamper 1988, 180)
Antisemitische und deutschnationale Aktionen von Hochschülern hatten eine lange Tradition, die abgebildete Aktion ist eine Frucht dieser Agitation und fand später statt.
1923
1923: Schon lange vor dem „Anschluss“ kam es gerade auf universitärem Boden immer wieder zu antisemitischen Ausschreitungen: So erfolgte am 13. März 1923 eine antisemitische Demonstration, in deren Verlauf der immer wieder geforderte Numerus clausus für jüdische Studenten illegalerweise in die Tat umgesetzt wurde.Den jüdischen Hörern wurde der Eintritt in die Universität verwehrt, indem die, laut Polizeibericht, „arischen“ Studenten die Eingänge besetzten. (Bericht der Polizeidirektion Wien vom 13. 3. 1923 an das Bundesministerium für Unterricht, AVA, Unterrichtsministerium). (vgl. Klamper 1988, 179-195) Die Abbildungen stammen allerdings aus späterer Zeit.
1926
1926 wurde in Wien der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund“ (NSDStB) gegründet, der sich bei antisemitischen Aktionen besonders hervortat. Die abgebildeten Fotos stammen aus späterer Zeit.
1929
1929: Wie die jüdischen waren auch die sozialistischen und kommunistischen Studenten den Ausschreitungen und Angriffen seitens der „Deutschen Studentenschaft“ ausgesetzt. 1929 forderte der „Verband der Sozialistischen Studenten“ in einer Eingabe an den Senat und die Rektorenkonferenz die Einführung eines allgemeinen, demokratischen Studentenrechts. Als Reaktion provozierten Anhänger der „Deutschen Studentenschaft“ vor allem an der Technischen Hochschule Wien wüste tätliche Auseinandersetzungen mit sozialistischen und jüdischen Hörern. Die fotografierten Aktionen fanden allerdings nicht in diesem Jahr statt.
1930
1930: In diesem Jahr beschloss der Akademische Senat eine auf einen Vorschlag von Prof. Wenzel Gleispach basierende Studienordnung. Diese sah die Gliederung der Hörer nach „Abstammung“ und Muttersprache in „Studentennationen“ vor, deren gewählte Vertreter von Studenten und Akademischen Behörden als solche anerkannt werden sollten. Studenten „gemischter Abstammung“ – damit waren die jüdischen Hörer gemeint – stellten keine „Studentennation“ dar und hatten daher auch kein studentisches Wahlrecht.“ Dies war der erste Versuch, das NS-Rassenprinzip in Österreich einzuführen. Die abgebildeten antisemitischen Tätlichkeiten fanden allerdings später statt.
1931
1931 wurde der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund“ (NSDStB) bei den Wahlen in die „Deutsche Studentenschaft“ an allen Wiener Hochschulen zur stärksten Fraktion; an der Tierärztlichen Hochschule sowie an den Hochschulen für Welthandel und Bodenkultur erhielt er die absolute Mehrheit. Unter dem Einfluss des NSDStB eskalierten die Ausschreitungen gegen jüdische und „marxistische“ Studenten. In diesem Jahr erreichten die antisemitischen Hochschulkrawalle auch deswegen einen Höhepunkt, weil der Verfassungsgerichtshof die „Gleispachsche Studentenordnung“ (siehe 1930) aus formaljuridischen Gründen aufhob. Die auf den Fotos abgebildeten antisemitischen Krawalle spielten sich allerdings später ab.
1932
1932 vergrößerten sich innerhalb der „Deutschen Studentenschaft“ (siehe 1919) die Spannungen zwischen deutschnationalen und katholischen Studenten; Grund war der zunehmende Einfluss des NSDStB (siehe 1926). Auch der 15. Deutsche Studententag im Juli 1932 in Königsberg war gänzlich von den Nationalsozialisten dominiert. (Vgl. Klamper 1988, 183) Einen Prototypen des NS-Studenten hat übrigens Ödön von Horváth in „Geschichten aus dem Wiener Wald“ mit der Figur des Erich geschaffen. Die katholisch-deutsche Hochschülerschaft verließ die „Deutsche Studentenschaft“, nachdem am 3.12.1932 Mitglieder des NSDStB katholische Studenten überfallen und misshandelt hatten. Die abgebildeten antisemitischen Ausschreitungen beziehen sich allerdings nicht auf diese Vorfälle, sondern fanden später statt.
1933
1933: Der abgebildete Überfall nationalsozialistischer Studenten auf das Anatomische Institut fand in diesem Jahr statt. Nach schweren Prügeleien zwischen nationalsozialistischen und katholischen (!) Studenten wurde die „Deutsche Studentenschaft Österreichs“ am 26. Juli 1933 mit Erlass des Unterrichtsministeriums aufgelöst. Mit 1. Oktober wurden staatlich ernannte „Sachwalter“ als studentische Vertretungsorgane eingesetzt: Für die Universität Wien war dies Josef Klaus, für Gesamtösterreich Heinrich Drimmel.
1934
1934: Während des Ständestaates waren der NSDStB und ebenso alle oppositionellen Studentengruppen verboten. Während den sozialistischen und kommunistischen Studenten Agitation nur im Untergrund möglich war, „hatten sich die nationalen Korporationen bald daran gewöhnt, sich legal in studentischen Farben zu geben und gleichzeitig illegal den ‚Anschluss‘ vorzubereiten. Sie hielten nationalsozialistische Schulungen ab, besuchten Schießkurse und veranstalteten Wehrübungen.“ (Massiczek o.J., 218) Die abgebildeten antisemitischen Ausschreitungen fanden schon früher statt.
1936
1936 wurde für die Studenten eine Pflichtvorlesung „zur weltanschaulichen und staatsbürgerlichen Erziehung“ über die „ideellen und geschichtlichen Grundlagen des österreichischen Staates“ eingeführt. Sie änderte aber nichts an der pronazistischen Einstellung vieler Studenten. Noch dazu wurden diese Vorlesungen von Heinrich Kretschmayr, einem illegalen Nationalsozialisten, abgehalten. Die abgebildeten antisemitischen Ausschreitungen fanden schon früher statt.
1938
1938: Nach dem Treffen Schuschnigg-Hitler in Berchtesgaden am 12. Februar 1938 kam es – trotz einer Kundmachung des Rektorats, dass „ausländische Abzeichen und Farben“ nicht getragen werden dürfen – an der Universität und den Hochschulen zu offen nationalsozialistischen Kundgebungen.
Nach dem „Anschluss“ wurden die Hochschulen innerhalb weniger Tage zu loyalen Institutionen des NS-Staates.
22. März 1938: Die Professoren der Wiener Universität legen ihren Diensteid auf den „Führer“ des Deutschen Reiches und Volkes ab: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflichten gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“ (Gesetzblatt für das Land Österreich (GFl. f. Ö.), Nr. 3/1938, § 2). Juden und die bekanntesten politischen Gegner waren von der Vereidigung ausgeschlossen. Sie fielen auch der nachfolgenden „Säuberung“ zum Opfer: Insgesamt wurden an der Universität Wien 54% der Professoren beurlaubt, pensioniert oder amtsenthoben.
Mit Erlass vom 29. März 1938 verfügte das Unterrichtsministerium, dass inländische Juden für das laufende Sommersemester 1938 nicht mehr inskribieren und zu keinen Prüfungen zugelassen werden durften. Am 23. April 1938 verfügte das Unterrichtsministerium einen Numerus clausus für inländische Juden von 2%, sofern „arische“ Studenten nicht verdrängt würden. Studenten mussten bei der Inskription eine Erklärung folgenden Wortlautes abgeben: „Nach bestem Wissen und Gewissen versichere ich, daß ich nicht Jude bin und nicht als Jude zu gelten habe.“ (zit. nach: Klamper 1988, 179)
Am 11. November 1938 – nach der „Reichskristallnacht“ – wurden die Rektoren ermächtigt, inländischen jüdischen Studierenden das Betreten der Universität zu verbieten. Die abgebildeten antisemitischen Studenten-Ausschreitungen fanden bereits vor 1938 statt.
1939
1939: Im Juni 1939 befahl Reichsstudentenführer SS-Oberführer Gustav A. Scheel „aus dem Ernst der Stunde und aus der Verantwortung vor unserem Volk“ die Erntehilfepflicht für alle Mitglieder der Deutschen Studentenschaft. Jüdische Studenten hatten zu diesem Zeitpunkt zu den Hochschulen keinen Zugang mehr (siehe 1938). Die abgebildeten antisemitischen Studenten-Ausschreitungen fanden bereits vor 1939 statt.
1940
1940: In diesem Jahr wurden auch die so genannten „Mischlinge“ von den Hochschulen gewiesen. Die abgebildeten antisemitischen Studenten-Ausschreitungen fanden bereits vor 1940 statt.
Kundgebung nationalsozialistischer Studenten auf der Rampe der Universität Wien nach dem Berchtesgadener Abkommen, Februar 1938. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 184. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Neubeginn des Sommersemesters, 25. April 1938. Vorlesung Pernkopf von der medizinischen Fakultät. Die nationalsozialistischen Maßnahmen wirkten sich an der medizinischen Fakultät besonders drastisch aus: Von den 179 aktiven Hochschullehrern verloren 132, in der Mehrzahl Privatdozenten, ihre Lehrbefugnis. Österreichische Gesellschaft für Zeitgeschichte - Wien, Bildarchiv. Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte - Wien, Bildarchiv; Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Elfriede Hartmann, geboren 1921, inskribierte im Herbst 1939 an der Universität Wien. Nach dem obligatorischen Arbeitsdienst und Fabrikseinsatz erhielt sie als "Mischling" keine Erlaubnis zur Fortsetzung ihres Studiums. Elfriede Hartmann wurde am 2. November 1943 wegen ihrer Widerstandstätigkeit innerhalb des illegalen kommunistischen Judenverbands im Landesgericht Wien hingerichtet. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 192. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Schauen Sie sich nun das Bild „Kadmon, Ensemble“, das einige Schauspieler des „Lieben Augustin“ zeigt, und das Bild „Regiebesprechung“ an.
Regiebesprechung im Lieben Augustin: Wagner, Klein, Varndal, Kadmon Kraa, Hammerschlag. Quelle: Henriette Mandl: Cabaret und Courage. Stella Kadmon - ein Biographie. Wien: Universitätsverlag 1993, S. 49. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Aufgabe:
Und wie wurden eigentlich die Schauspieler bezahlt? Hören Sie dazu Gusti Wolf!
Werbepostkarte 1934 mit Zeichnung von unbekannter Hand, rechts unten Peter Hammerschlag. Quelle: Teilnachlass Stella Kadmon, Institut für Theaterwissenschaft der Universität Wien; Kringel, Schlingel, Borgia. Materialien zu Peter Hammerschlag, hg. Im Auftrag des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, des Bezirksmuseums Alsergrund und des Jüdischen Museums der Stadt Wien von Monika Kiegler-Griensteidl und Volker Kaukoreit. Wien: Turia und Kant 1997, S. 114. Mit freundlicher Genehmigung des Mit freundlicher Genehmigung des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Wien, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Am 18.12. 1935 hatte das 23. Programm „Kleine Herbstmusik“ im „Lieben Augustin“ Premiere. In diesem Programm leistet Peter Hammerschlag zum letzten Mal für den „Lieben Augustin“ Beiträge. Immer mehr scheint dagegen der Autor Gerhart Herrmann Mostar in den Programm auf. Über die Gründe erzählt Stella Kadmon:
Zeitungsausschnitt aus dem ?Neuen Wiener Tagblatt?, 11.10.1935. Quelle: Kringel, Schlingel, Borgia. Materialien zu Peter Hammerschlag, hg. Im Auftrag des Österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek, des Bezirksmuseums Alsergrund und des Jüdischen Museums der Stadt Wien von Monika Kiegler-Griensteidl und Volker Kaukoreit. Wien: Turia und Kant 1997, S. 54. Mit freundlicher Genehmigung des Mit freundlicher Genehmigung des Instituts für Theaterwissenschaft der Universität Wien, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Kadmon, Stella erzählt über Peter Hammerschlag
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Lesen Sie nun den Text des Liedes „Die Legende vom namenlosen Soldaten“ von Gerhart Herrmann Mostar (Musik: Franz Eugen Klein; Vortrag: Herbert Berghof), hören Sie das Lied vorgetragen von Werner Schneyder.
Aufgabe:
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Mostar, Gerhart Hermann: Die Legende vom namenlosen Soldaten (Bsp 1)
Gerhart Hermann Mostar: Die Legende vom namenlosen Soldaten. Vorgetragen von Werner Schneyder. Aus der Sendung: Kleinkunst in der Ersten Republik (ORF), Dauer: 0:50 min.
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Mostar, Gerhart Hermann: Die Legende vom namenlosen Soldaten (Bsp 2)
Gerhart Hermann Mostar: Die Legende vom namenlosen Soldaten. Vorgetragen von Werner Schneyder. Aus der Sendung: Kleinkunst in der Ersten Republik (ORF), Dauer: 4:22 min.
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Aufgabe:
Lesen Sie nochmals genau: Auf welche Maßnahme des nationalsozialistischen Deutschland bezieht sich diese Legende?
Ausmerzung jüdischer Namen auf Kriegsdenkmälern
Richtig. Dieses Lied war die Reaktion auf die Meldung, dass man auf Kriegerdenkmälern in Deutschland die Namen der gefallenen Juden ausgemerzt hatte.
„Trotz unzähliger Vorurteile, mit denen Juden im Militärdienst zu kämpfen hatten, war es im Laufe des 19. Jahrhunderts selbstverständlich geworden, Juden in der Armee zu sehen. Die Zahl der jüdischen Soldaten im 1. Weltkrieg ist nach Erwin Schmidl nicht genau belegt, doch ergeben Schätzungen mindestens 275 000 Mann, die [auf österreichischer Seite] im Einsatz waren. Antisemiten verweisen stets auf Juden, die angeblich in sicheren Positionen fern der Front ihren Dienst absolvierten; in Deutschland sollte eine 1916 durchgeführte ‚Judenzählung‘ beweisen, ?dass Juden besonders zahlreich Drückeberger in Heimat und Etappe seien.? Die Veröffentlichung dieser Zählung unterblieb allerdings, da das Ergebnis das genaue Gegenteil bewiesen hatte und somit für die Betreiber nutzlos war. Militärchroniken vermerken zahlreiche tapfere Frontkämpfer, die höhere Offiziersgrade erreichen konnten und wegen ihres Einsatzes ausgezeichnet worden sind.“
(Brigitte Ungar-Klein: Zwischen Tradition und Assimilation – Jüdisches Leben vor 1938. In: Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten, hg. v. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Wien: ÖBV 1992, S. 1-7, 4) Mit der Auslöschung jüdischer Namen von den Kriegerdenkmälern wollten die Nationalsozialisten diese Tatsachen, die ihren Geschichtslügen entgegenstanden, vergessen machen.
Schonung jüdischer Weltkriegsteilnehmer vor antisemitischen Ausschreitungen
Nein. Auch die deutsch-jüdischen Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges wurden schließlich aus dem Staatsdienst entlassen, den Rassegesetzen und dann der Vernichtungspolitik unterworfen. U. a. hatte die NSDAP ab dem 1. April 1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte, Unternehmen, Arztpraxen und Anwaltskanzleien aufgerufen. Wenn die Verfolgung der Juden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten allerdings nicht immer gleich erfolgreich war, dann deswegen, weil es zu Solidaritätsbezeugungen der Bevölkerung mit den Verfolgten kam.
„Dafür steht beispielhaft der Verlauf des Boykotts in Wesel am Niederrhein, wo der Besitzer des jüdischen Kaufhauses Erich Leyens, mit seinen Auszeichnungen aus dem Weltkrieg geschmückt, ein Flugblatt an die Vorübergehenden verteilte, in dem er fragte, ob dies der Dank des Vaterlandes sei für 12.000 gefallene deutsch-jüdische Frontsoldaten. Damit fand er Sympathisanten unter den Bürgern und zwang die SA zum Rückzug.“ (Wolfgang Benz: Geschichte des Dritten Reiches. München: Beck 2000, S. 30)
Mostar verfasste auch das erste „Mittelstück“ der Wiener Kleinkunstbühnen: „Lysistrate“.
Zum Abschluss dieses Kapitels zum „Lieben Augustin“ können Sie noch den Text eines Liedes von Curt Bry „Das Nummernfräulein“ (1937) lesen und ein Bild von Stella Kadmon als das Nummernfräulein betrachten.
Die Stachelbeere
Spielorte: Café Döblingerhof, Café Colonnaden
Im Sommer 1933 startete Rudolf Spitz im Café Döblingerhof das Kabarett „Die Stachelbeere“. Für die Texte sorgten neben Spitz Hans Weigel, Fritz Brainin, der arbeitslose Buchdrucker Josef Pechacek, der seine Songs und Arbeiterlieder selbst vortrug, sowie das parodistische Talent Hans Horwitz.
Nach neun Programmen, die stark improvisatorischen Charakter trugen und aus Kurzszenen bestanden, übersiedelte man in den Theatersaal des Café Colonnaden, wo man jetzt auch Mittelstücke und Einakter (u. a. von Spitz und Weigel) brachte. Vom elften Programm an half die von einer anderen Gruppe des „Bundes junger Autoren“ inzwischen gegründete „Literatur am Naschmarkt“ finanziell, personell und organisatorisch aus, nach der Einstellung des Spielbetriebes im November 1935 übernahm sie einige Schauspieler.
„Die Stachelbeere“ war politisch forscher als die „Literatur am Naschmarkt“, mit ihren zeitkritischen Persiflagen ging sie oft an die Grenze des von der Zensur Erlaubten, ihre Titel spiegeln die Arbeitslosenproblematik wider.
Schauspieler: Hugo Brück, Theo Frisch-Gerlach (auch Regie), Hans Horwitz, Willy Kennedy, Elisabeth Ligeti, Herrmann Leopoldi, Elisabeth Neumann, Axel Schanda, Gertie Sitte, Grete Spohn, Traute Witt, Susi Witt, Otto Wegrostek, Walter von Varndal u. a.
Interview mit Elisabeth Neumann, Dauer: 0:22 min. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
Die Vorstellungen der Stachelbeere begannen und schlossen mit einem Ensemblegesang von Rudolf Spitz:
Weigel 1981, 22
Gespräch im Jahre 1983
Zwei uralte Leute
ER: Der Wievielte ist heute? SIE: Der 15. Juli (Hier ist das jeweils entsprechende Datum zu sagen!) ER: Ja, ja, der 15. Juli 1983. Jetzt feiern wir bald unsere goldene Hochzeit. Erinnerst du dich noch an den Juli 1933? SIE: O ja, da haben wir doch diesen netten Abend im Café Döblingerhof verbracht, in dem Kabarett, wie hat das geheißen? ER: Die „Stachelbeere“. SIE: Ja, richtig. Die werden auch dieser Tage ein fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Ist der Rudi Spitz noch Conférencier? ER: Ja. Und die … spielt noch immer die jungen Mädchen. SIE: War das nicht das Jahr der Hitlerdiktatur in Deutschland? ER: Wart mal. (Denkt nach.) Natürlich: 30. Jänner 33 bis 1. April 34. Übrigens soll der Hindenburg schwer krank sein. Ich hab‘ neulich sein Bild in der Wochenschau gesehen, so rüstig hat er ausgesehen! Da war übrigens nachher ein wunderbarer plastischer Geruchs-Farben-Tonfilm „Gulyas“. SIE: Du warst im Kino? ER: Aber ja, ich hab‘ dir’s doch erzählt, im Pallas-Athene-Kino, wo früher das Parlament war. […]
Weigel 1981, 23 f.
Weigel, Hans über die "Stachelbeere"
Interview mit Hans Weigel (ORF), Dauer: 0:27 min.
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Aufgabe:
Ordnen sie die Anspielungen des Kabaretttextes korrekt den jeweiligen Dokumenten zu:
Dokument 1: Lesen Sie dazu folgende Artikel aus der Arbeiter-Zeitung:
„Das Wiener Hakenkreuzlerblatt meldet: ‚Adolf Hitler wurde in der Wiege seiner engeren Heimat – seine Ahnen stammen von der Weitraer Gegend -, von der Gemeinde Groß-Poppen, Bezirk Zwettl, in der am 14. d. M. stattgefundenen Gemeinderatssitzung einstimmig zum Ehrenbürger der Gemeinde Groß-Poppen ernannt.‘ Offenbar hat sich da ein Druckfehler eingeschlichen: Wir nehmen an, daß Hitler Ehrenbürger von Groß-Pappen geworden ist.“
Arbeiter-Zeitung, 18.8. 1932
„Der berühmte Filmkomiker Charlie Chaplin hat Adolf Hitler einen Brief geschrieben, in dem es heißt: ‚Daß Sie mir meinen Schnurrbart gestohlen haben, verzeihe ich Ihnen, daß Sie öfter im Film auftreten als ich, verzeihe ich Ihnen ebenfalls, aber daß man über Sie mehr lacht als über mich, kann ich Ihnen nicht verzeihen.'“
Arbeiter-Zeitung, 19.10. 1933
Dokument 2: Sehen Sie sich das Bild „Hindenburg“ an.
Dokument 3: Sehen Sie sich das Bild „Ausschaltung“ an.
Dokument 6: Sehen Sie sich das Bild „Bücherverbrennung“ an.
Salzburger Bücherverbrennung, 30. April 1938 (Residenzplatz). Aus: Ernst Hanisch: Nationalsozialistische Herrschaft in der Provinz. Salzburg im Dritten Reich. Landespressebüro Salzburg 1983, 90 (= Salzburg Dokumentationen, Nr. 71)
MalerIn/FotografIn: Franz Krieger
Aufgabe:
1
NEIN
2
NEIN
3
NEIN
4
5
NEIN
6
NEIN
SIE: War das nicht das Jahr der Hitlerdiktatur in Deutschland? ER: Wart mal. (Denkt nach.)
1
Die Texte in der Arbeiter-Zeitung spiegeln wie der Kabarett-Text eine Unterschätzung Hitlers wider. Der Kabarett-Text geht davon aus, dass Hitlers Kanzlerschaft gerade einmal ein Jahr dauert und sich insgesamt als Aprilscherz („bis 1. April 34“!) erweisen wird.
Insgesamt hat aber vor allem die Arbeiterbewegung Hitlers Wirken sehr ernst genommen und schon früh klar zu machen versucht, dass Hitler für Vernichtungspolitik und Krieg steht.
2
NEIN
3
NEIN
4
NEIN
5
NEIN
6
NEIN
Natürlich: 30. Jänner 33 bis 1. April 34.
1
NEIN
2
NEIN
3
NEIN
4
NEIN
5
NEIN
6
Übrigens soll der Hindenburg schwer krank sein. Ich hab‘ neulich sein Bild in der Wochenschau gesehen, so rüstig hat er ausgesehen!
1
NEIN
2
Hindenburg. Begrüßung Hitlers durch Reichspräsident von Hindenburg am 21. 3. 1933 (Fotopostkarte). Der „Tag von Potsdam“ zelebrierte mit einer Feier in der Garnisonskirche, durch Hitler und Hindenburg personifiziert, die Verbindung von „Preußen“ und „Nationalsozialismus“. Als Hindenburg kaum eineinhalb Jahre später am 2. 8. 1934 stirbt, erlässt die Regierung noch am selben Tag ein Gesetz, das die Funktionen des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten in Hitlers Person vereint.
3
NEIN
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NEIN
5
NEIN
6
NEIN
Pallas-Athene-Kino, wo früher das Parlament war.
1
NEIN
2
NEIN
3
Ausschaltung des Parlaments: Eine gescheiterte Sitzung des Nationalrats am 4. März 1933 benutzt Dollfuß zur Ausschaltung des Parlaments: Als am 15. März sozialdemokratische und großdeutsche Abgeordneten zu einer vom dritten Nationalratspräsidenten einberufenen Sitzung zusammentreten wollen, wird das Parlament von 200 Kriminalbeamten geräumt. Auf der Ringstraße vor dem Parlament ist Polizei aufmarschiert.
4
NEIN
5
NEIN
6
NEIN
Ich hab‘ nur einen großen Sockel gesehen; was oben war, hab‘ ich gar nicht bemerkt.
1
NEIN
2
NEIN
3
NEIN
4
NEIN
5
Der Kabarettsketch spielt auf den kleinen Wuchs des Bundeskanzlers Dollfuß an. So kursierte auch der Spottname „Millimet(t)ernich“ über ihn. Die Karikatur stammt aus der satirischen Zeitschrift „Kikeriki“ aus dem Jahr 1932. (vgl. Hanisch 1994, 293)
6
NEIN
"Gangsteroper", Parodie auf einen amerikanischen Gangsterfilm. V.l.n.r.: Hilde Wittmann, Hilde Sykora, Gertie Sitte, Hugo Brück, Willy Kennedy, Josef Pechacek, Rudolf Spitz. Aus: Gehen ma halt a bisserl unter. Kabarett in Wien von den Anfängen bis heute, hg. und mit einleitenden Texten von Walter Rösler. Berlin: Henschel 1991, Bildtafel 7. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Franz Schubert singt; Musik: Erlkönig
Was tönt früh und spät, Ob schön, ob Wind, Die Schubertlieder kennt jedes Kind. Ich fror, hatte Hunger, War bettelarm, Ihr habt den Profit, Ich mach‘ es euch warm. Ich seh’s und berge entsetzt mein Gesicht, Wer Schubert war, versteht ihr ja nicht. […]
Musik: Heidenröslein
Nur ein Umstand tröstet mich dabei, Nicht nur ich muss leiden, Auch an andre Große kommt die Reih‘, Selbst an Goethe ging man nicht vorbei. Morgen ist es Mozart oder Haydn. Wehrn uns nicht, wir sind ja tot, Müssen’s eben leiden.
Musik: Ständchen
Leise flehen meine Lieder Aus dem Jenseits hinab, Stört meinen Frieden nicht immer wieder, Lasst mich ruhen im Grab. Schändet meinen Geist nicht länger, Ihr seid für Werte blind, Macht mich nicht zum Schlagersänger, Das hab‘ ich nicht verdient. […]
Weigel 1981, 27
Das verzerrte biedermeierliche Schubert-Bild wurde besonders durch entsprechende Filme geprägt:
„Leise flehen meine Lieder“, Österreich 1933, R: Willi Forst; D: Hans Jaray, Martha Eggert, Luise Ullrich, Hans Moser, Hans Olden. Die christlichsoziale „Reichspost“ war begeistert:
„Dein ist mein Herz“, England 1934, R: Paul Ludwig Stein; D: Richard Tauber
„Drei Mädel um Schubert“, Deutschland 1936, R: E. W. Emo; D: Maria Andergast, Paul Hörbiger
Die nationalsozialistische Filmindustrie griff diese Musiklegenden gerne auf, wie das Bild „Musikfilm“ zeigt:
Karl Hartls Verfilmung von Mozarts Leben "Wen die Götterlieben" aus dem Jahr1942: Hans Holt als Mozart und René Deltgen in der Rolle des Ludwig van Beethoven. Quelle: Fritz, Walter: Im Kino erlebe ich die Welt. 100 Jahre Kino und Film in Österreich. Wien: Brandstätter 1997, S.181
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Aufgabe:
Leise flehen meine Lieder
NEIN
Dein ist mein Herz
Drei Mädel um Schubert
NEIN
Aufgabe:
14%
NEIN
20%
NEIN
26%
38%
NEIN
Als Symbole für diese Rückwärtsbewegung ins Mittelalter werden u. a. aufgezählt:
Die Wiedereinführung des Systems von „Herr und Knecht“ – dazu können Sie sich das Bild „Diener“ ansehen und eine Erklärung lesen:
Quelle: Greussing, Kurt: Die Roten am Land. Arbeitsleben und Arbeiterbewegung im westlichen Österreich. Steyr 1989, 105. Foto: Kolping-Chronik Kufstein/Archiv der Arbeiterkammer für Tirol
MalerIn/FotografIn: Kolping-Chronik Kufstein, Archiv der Arbeiterkammer für Tirol
Der Arbeiter als Diener
Der Dollfußkult bekam blasphemische Züge schon zu Lebzeiten des Bundeskanzlers, der dieses "Vater unser" ausdrücklich am 17. November 1933 genehmigt hatte. Quelle: Steininger, Rolf/Gehler Michael: Österreich im 20. Jahrhundert. Band 1: Von der Monarchie bis zum zweiten Weltkrieg. Wien: Böhlau 1997, Abb. 9. Foto: Archiv Dieter A Binder. Mit freundlicher Genehmigung von Dieter A. Binder
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Quelle: Weihsmann Helmut: Das Rote Wien. Sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919-1934. Wien: promedia 1985, S. 37. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Beginn der Ständestaatverfassung
Ausführungen des Kardinals
"Anläßlich des zwölften Krönungstages veröffentlicht Kardinal Innitzer einen Aufsatz, in dem es heißt: Gerade das letzte Regierungsjahr hat uns mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen, wie die göttliche Vorsehung der Umgestaltung der Welt aus demokratischen Formen zu autoritärer Führung rechtzeitig in Papst Pius XI. mit seinem stahlharten Willen und seinem diamantenen Verstand den religiösen Meister gegeben. Das Führerprinzip bricht sich in der Alten und in der Neuen Welt Bahn. In der Kirche herrscht es seit jeher."
Das Kleine Blatt, 12. 2. 1934
Der Wiener Domkapitular Rudolf Blüml predigt eine Art "Kreuzzug"
"Der Gläubige sieht aber auch, wie dieses Gottesreich in beständigem und unerbittlichem Kampfe in einem bis ans Ende der Zeiten dauernden Weltkrieg gegen das Teufelsreich steht, und er reiht sich freudig ein in die acies ordinata der militia Christi, folgt begeistert, ob nun als Offizier (als Priester) oder als 'Mann der Doppelreihe' (als Laie), den Kommandorufen des Generalissimus der göttlichen Armee: 'Hinein in die himmlisch-vaterländische Front, die den Einbruch der satanischen Armee ins Reich Gottes abwehren will! Hinaus aus der Defensive, in die Offensive! Heraus aus der katholischen Reaktion in die Katholische Aktion.'"
Blüml 1935, zit. nach Binder 1997, 208
Missionierung der Kinder
"Eltern, die aus einer Kirche oder einer Religionsgemeinschaft austreten und konfessionslos bleiben, können nicht mehr wie bisher verfügen, daß auch ihre Kinder bis zum 7. Lebensjahr konfessionslos werden..."
Das Kleine Blatt, 7. 8. 1935
"Vater unser"
Eine Kreuzzugkarikatur aus dem Jahr 1925
Die Abschaffung von „Gutenbergs Untat“ – dazu können Sie sich das Hörbeispiel „Weigel“ anhören:
Die Wiedereinführung der Zünfte – dazu können Sie sich das Bild „Zunftaufmarsch“ ansehen und eine Erklärung lesen.
Aufmarsch der Zünfte
Weigel, Hans über "Mein System"
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Aufgabe:
Weigel, Hans: Mein System
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Die Seeschlange
Aufgabe:
Der junge Hans Weigel. Aus: Sendung: Kleinkunst in der 1. Republik, ORF
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Literatur am Naschmarkt
Spielort: Café Dobner; in den Sommern 1934, 1936, 1937 ging das Ensemble auf Tournee durch österreichische Ferienorte.
„Weitgehend liberal, jedoch nicht mit zu großer Schlagseite nach links, pro-österreichisch, jedoch nicht für einen Diktaturkurs“, so lautete die politische Programmatik. Die Initiatoren erstrebten ein Mittelding zwischen Theater und Brettl.
Der „Bund junger Autoren“ war Rechtsträger, administrativer Direktor war der Journalist F. W. Stein (wahrscheinlich Winterstein) aus Budapest.
Autoren: Eröffnet wurde mit Texten von Rudolf Weys und Harald Peter Gutherz. Für das fünfte Programm schrieb Weys das erste eigenständige Mittelstück („A.E.I.O.U. oder Wenn Österreich den Krieg gewonnen hätte“), weitere Mittelstücke verfassten Hans Weigel („Marie oder Der Traum ein Film“), Lothar Metzl („Pimperloper“) und Jura Soyfer („Der Lechner Edi schaut ins Paradies“); weitere Autoren waren Peter Hammerschlag, Rudolf Spitz, Franz Paul, Kurt Nachmann.
Regie führten u. a. Walter Engel (vom achten Programm an auch künstlerischer Leiter), Martin Magner, Hermann Kner.
Bis zur letzten Vorstellung am 12. März 1938 wurden 22 Programme mit einer Laufzeit von zwei bis drei Monaten herausgebracht. Nach dem „Anschluss“ gründeten einige Mitglieder das „Wiener Werkel“.
Schauspieler: Edith Berger, Herbert Berghof, Franz Böheim, Walter Engel, Leon Epp, Benno Feldmann, Hugo Gottschlich, Heidemarie Hatheyer, Grete Heger, Peter Ihle, Manfred Inger, Lisl Kinast, Robert Klein-Lörk, Hila Krahl, Paul Lindenberg, Carl Merz, Martin Miller, Adolf Müller-Reitzner, Kurt Nachmann, Elisabeth Neumann, Peter Preses, Trude Reinisch, Gertie Sitte, Rudolf Steinboeck, Lisl Valetti, Walter von Varndal, Gerda Waschinsky, Oskar Wegrostek, Traute Witt, Hans Wlasak u. a.
Kadmon, Stella: Über ihre Kolleginnen
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Schauen Sie sich zur Einstimmung auf das Thema die drei Bilder zu „Literatur am Naschmarkt“ an und lesen sie die Texte „Zehn Gebote für Kleinkunstbesucher“ (in der Pause zu lesen) und „Die Mission des Kinos“ (4. Programm: Premiere 2. April 1934) von Hans Weigel.
Im Text Die Mission des Kinos kommt der Begriff „Ufafilm“ vor. Er wurde auf Protest der Ufa in „Lustspielfilm“ geändert. (vgl. Weigel 1981, 42)
Aufgabe:
Bevor Sie in unser ARBEITSBLATT wechseln, um wieder einige Fragen zu beantworten, bereiten Sie Ihre Antworten vor, indem Sie die folgenden Passagen studieren.
Aufgabe:
Aufgabe:
Die nationalsozialistischen Bestimmungen im Deutschen Reich hatten erhebliche Auswirkungen auf das österreichische Filmschaffen ab 1933 – Bedenken Sie, dass der deutsche Markt für österreichische Produktions- und Verleihfirmen eine große ökonomische Bedeutung hatte! Als Hilfestellung geben wir Ihnen ein Beispiel:
Fritz 1997, 176
Aufgabe:
Wechseln Sie nun in das ARBEITSBLATT und beantworten Sie dort einige Fragen zu den soeben aufbereiteten Themen. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Welche dieser Filmschaffenden, Regisseure und Schauspieler/innen waren damit praktisch mit Berufsverbot belegt?
Hedy Lamarr
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Salka Viertel
Zu Salka Viertel gibt es einen Lexikonartikel, den Sie sich ansehen können.
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Max Steiner
Erich Wolfgang Korngold
Frederick Loewe
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Walter Reisch
Walter Reisch: „Vor vielen Jahren habe ich Wien verlassen, damals war es zwangsweise, nach einer großen Anzahl von sehr erfolgreichen, durchaus österreichischen Filmen ist es uns gelungen, Österreich als Filmland zu entdecken. Aber dann wurden wir aus politischen oder rassischen Gründen verpflichtet, das Land zu verlassen. Ich habe viele Jahre nun drüben in Amerika gelebt, in Kalifornien. Ich habe die Emigration gesehen, wie die drüben ankamen, und ich kann ihnen sagen, die grausame Wahrheit, die unbarmherzige Wirklichkeit ist, daß die Emigration kein Exportartikel ist. Emigration ist kein Exportartikel, sie hat niemals dem Land genützt, aus dem sie weggehen mußten, und sie hat aber dem Land nicht geholfen, wohin sie gingen. Sie haben sie unterstützt, sie haben ihnen geholfen, aber sie haben sie künstlerisch in keiner Weise weiterbefördern können. Nur das Talent hat sich durchgesetzt, ohne jedes Mitleid in einem Lande wie Amerika, das unerhört fair zu den Emigranten war.“ (zitiert nach: Fritz 1997, 174f.)
Richard Oswald
Leon Askin
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Paul Henreid
Oskar Homolka
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Der Film „Maskerade“ repräsentiert in idealtypischer Weise den österreichischen Film:
Im Februar 1934, als die österreichische Sozialdemokratie nach versuchter Gegenwehr endgültig niedergeschlagen und verboten wurde und damit der Weg zum Ständestaat endgültig frei war, begannen im Atelier Rosenhügel in Wien die Dreharbeiten.
Während der Nationalsozialismus auch für Österreich eine immer größere Bedrohung wurde, brachte der Film ein verklärtes Wien-Milieu der Jahrhundertwende und eine Mischung aus Operettenseligkeit, Opernmusik und Schlagern. Genau die musikalische Kultur, die in etlichen Kleinkunstbühnen als Unkultur angegriffen wurde.
Grete Heger und Rudolf Steinböck in "Marie oder Der Traum ein Film" von Hans Weigel, Aufführung in der Literatur am Naschmarkt 1935.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Lesen Sie nun die Nummer „Schale Nussgold oder die Kellnerprüfung“ von Rudolf Weys aus dem Jahr 1934.
Aufgabe:
Ja
Nein
Aufgabe:
Der Vor-Gesetzte. Zeichnung von Mirko Szewczuk in "Die Zeit". Quelle: "Die Zeit", Nr. 21/1987. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Szewczuk, Mirko
Aus dem Reich der Beamten: Das Monument des Abu Stempel. Zeichnung von Dieter Zehentmayr. Quelle: ?Die Zeit?, Nr. 21/1987. Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Zehentmayr, Dieter
Aufgabe:
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Die Rechtschreibprüfung von „Word“ akzeptiert zwar das Wort „Autodroschke“, etliche Wörter des österreichischen Amtsdeutsch kennt die Rechtschreibprüfung jedoch nicht. Können Sie sich denken, welche Begriffe das sind?
Gepäckszuschlag
Einlaufstelle
Finanzlandesdirektion
ärarisch
Salinendirektion
Kochsalzmonopol
Amtsehrenbeleidigung
Die Reise zu den Trotteln
Nestroys und Lessings Denkmal, links und rechts, verbunden durch eine groteske Ansicht Wiener Häuser, Dächer, Türme. Es schlägt Mitternacht.
NESTROY: Ah, der Herr von Lessingdenkmal! Ich mach‘ mein Kompliment. LESSING: Ich erwidere es von Herzen. […] Eben fällt mir etwas bei, was ich bei dieser Gelegenheit Euch doch fragen muss. Ich kenne Eure Gesinnungen darüber noch gar nicht. NESTROY: Die Gesinnung ist ein teurer Besitz, den man oft mit seinem Leben bezahlen muss. Unser merkantilistisches Zeitalter hat daher nicht nur den Scheck, sondern auch den Gesinnungswechsel eingeführt, ein kaufmännisches Papier, welches das Gute an sich hat, dass man dafür sogar noch ‚zahlt kriegt. Worüber soll ich mich also äußern? LESSING: Über die bürgerliche Gesellschaft der Menschen überhaupt. NESTROY: Wenn’s weiter nix is‘ – LESSING: Wofür hält Ihr sie? NESTROY: Für eine feine G’sellschaft. LESSING: Unstreitig. Aber hält Ihr sie für Zweck oder für Mittel? NESTROY: Für mittel, für sehr mittel, für miserabel. LESSING: Glaubt Ihr, dass die Menschen für die Staaten erschaffen werden? Oder dass die Staaten für die Menschen sind? NESTROY: Vergleichen wir den Staat mit dem Theater und vergleichen wir die Menschen mit dem Publikum, so kommt bei diesem Vergleich das Treffende heraus, dass das Theater nicht ohne Publikum, das Publikum aber glänzend ohne Staatstheater auskommt. Daraus folgt, dass der Staat für die Menschen geschaffen ist. LESSING: So denke ich auch. Das Totale der einzelnen Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staates. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staates, bei welcher auch noch sowenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung für Tyrannei. Anderes nichts. Geschrieben 1778. NESTROY: Oh, Sie heimlicher Achtundvierziger, Sie, es ist ein wahres Glück, dass Sie unter Denkmalschutz stehn. […]
Weigel 1981, 60-62
Aufgabe:
Ja
Richtig. Am 10. November 1933 wurde die Todesstrafe in Österreich von der christlichsozialen Regierung wieder eingeführt (das Parlament war ja bereits ausgeschaltet).
In den Februarkämpfen wurden neun Todesurteile an Mitgliedern des „Republikanischen Schutzbundes“ vollstreckt.
Am 24. Juli 1934 wurde der Sozialdemokrat Josef Gerl hingerichtet. Er war bei einem Sprengstoffattentat auf eine Stromleitung im Juni 1934 von der Polizei verhaftet worden.
Politische Arbeit für die Arbeiterbewegung war illegal und führte zu hohen Kerkerstrafen wie im Sozialistenprozess 1936. Hunderte Sozialisten und Kommunisten waren ohne gerichtliche Urteile monatelang in Wöllersdorf und anderen Inhaftierungslagern der Regierung festgesetzt.
Nein
Doch. Am 10. November 1933 wurde die Todesstrafe in Österreich von der christlichsozialen Regierung wieder eingeführt (das Parlament war ja bereits ausgeschaltet).
In den Februarkämpfen wurden neun Todesurteile an Mitgliedern des „Republikanischen Schutzbundes“ vollstreckt.
Am 24. Juli 1934 wurde der Sozialdemokrat Josef Gerl hingerichtet. Er war bei einem Sprengstoffattentat auf eine Stromleitung im Juni 1934 von der Polizei verhaftet worden.
Politische Arbeit für die Arbeiterbewegung war illegal und führte zu hohen Kerkerstrafen wie im Sozialistenprozess 1936. Hunderte Sozialisten und Kommunisten waren ohne gerichtliche Urteile monatelang in Wöllersdorf und anderen Inhaftierungslagern der Regierung festgesetzt.
Josef Gerl war bei einem Sprengstoffanttentat auf eine Stromleitung im Juni 1934 von der Polizei verhaftet worden. Einzelne Stimmen meinten, dass er zum Tatzeitpunkt auch Kontakte zu Nationalsozialisten gehabt hat. Sozialistisches Flugblatt, Sommer 1934. Quelle: Helene Maimann, Siegfried Mattl: Die Kälte des Februar. Österreich 1933-1938. Wien: Junius 1984, S. 158. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Ernst und Falk. Gespräche für Freimaurer
FALK: Über die bürgerliche Gesellschaft des Menschen überhaupt. – Wofür hältst du sie? ERNST: Für etwas sehr Gutes. FALK: Ohnestreitig. – Aber hältst du sie für Zweck oder Mittel? ERNST: Ich verstehe dich nicht. FALK: Glaubst du, dass die Menschen für die Staaten erschaffen werden ? Oder dass die Staaten für die Menschen sind? ERNST: Jenes scheinen einige behaupten zu wollen. Dieses aber mag wohl das Wahrere sein. FALK: So denke ich auch. – Die Staaten vereinigen die Menschen, damit durch diese und in dieser Vereinigung jeder einzelne Mensch seinen Teil von Glückseligkeit desto besser und sichrer genießen könne. – Das Totale der einzeln Glückseligkeiten aller Glieder ist die Glückseligkeit des Staats. Außer dieser gibt es gar keine. Jede andere Glückseligkeit des Staats, bei welcher auch noch so wenig einzelne Glieder leiden und leiden müssen, ist Bemäntelung der Tyrannei. Anders nichts!
Aufgabe:
Lessings Drama "Der junge Gelehrte" (1748)
Die liberalen Forderungen der Revoluation 1848
Eine Dichtervereinigung
Tatsächlich sollte das Denkmal Lessings nach der Okkupation Österreichs durch Hitlerdeutschland keineswegs unter „Denkmalschutz“ stehen. Wissen Sie, was mit dem Lessing-Denkmal nach 1938 geschah?
Er wurde verhüllt
Er wurde eingeschmolzen
Er wurde zerstört
Das Denkmal der Republik neben dem Parlament wurde 1934 nach dem Sieg des Dollfuß-Regimes mit Kruckenkreuzfahnen verhüllt. Aus: Helene Maimann, Siegfried Mattl: Die Kälte des Februar. Österreich 1933-1938. Wien: Junius 1984, S. 128
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Diese Kabarettnummer belässt es nicht mehr einfach bei der Belächlung der Sprachvarianten, sondern will darauf hinaus, dass die „unterschiedliche Sprache“ Ausdruck einer unterschiedlichen Mentalität ist. Nazi-Zackigkeit sei in Wien (Österreich) nicht gefragt. Über das Thema Österreicher-Deutsche informieren Sie sich auch im Praxisfeld „Das Ostmark-Kabarett ‚Wiener Werkel‘!“
Wollen Sie ihr österreichisches Deutsch testen? Nutzen Sie dazu den Link „Österreichisches Deutsch“.
Aufgabe:
Aufgabe:
Lesen Sie nun einen Auszug aus „Trubel im Parnass“ aus dem Jahr 1934 von Hans Weigel.
Weigel, Hans: Trubel im Parnass
Aus rechtlichen Gründen ist es derzeit noch nicht möglich, dieses multimediale Material als zusätzliche Information anzubieten.
Wenn die Genehmigungen vorliegen, wird die Information so schnell wie möglich zur Verfügung gestellt.
„Wir haben erlebt, um nur ein Beispiel zu nennen, daß einer der größten schaffenden Künstler, die wir heute haben, kulturpolitisch versagt hat, beziehungsweise versagen mußte in dem Augenblick, wo es darum ging, für die selbstverständlichen rassemäßigen Voraussetzungen auf einem speziellen Gebiet entscheidend einzutreten.“
zit. nach: Wulf 1983, 197
Dies minderte jedoch nicht die Bedeutung von Richard Strauss für das gleichgeschaltete nationalsozialistische Kulturleben.
ABC
Spielorte: Café City; Café Arkaden (heute Café Votiv)
Rudolf Beer, Ernst Hagen, Paul Retzer, Hans Sklenka, Erich Pohlmann, Franz Böheim, Oskar Wegrostek gründeten auf Vorschlag des Besitzers des Café City die Kleinkunstbühne „Brettl am Alsergrund“ und brachten Texte von Kurt Breuer und Hugo Wiener zur Aufführung. Im November übernahm der Gerichtsberichterstatter der Zeitung „Tag“, Hans Margulies, die künstlerische Leitung. Das Kabarett hieß nun „ABC“ (Alsergrund, Brettl, City) und gilt als das politisch schärfste in den 30er-Jahren. Juni 1935 übersiedelte es in die Räume des Kabaretts „Regenbogen“ im Café Arkaden und hieß nun eine Zeit lang „ABC im Regenbogen“.
Regisseure waren Leo Askenasy, Fritz Eckhardt, Herbert Berghof und Rudolf Steinbock, der als künstlerischer Leiter im Mai 1936 das Mittelstück „Weltuntergang“ von Jura Soyfer herausbrachte. Es folgten Soyfers Stücke „Astoria“, „Vineta“ und „Kolumbus“. Als Autoren arbeiteten: Fritz Eckhardt, Peter Hammerschlag, Gerhart Hermann Mostar, Hugo F. Koenigsgarten, Jura Soyfer, Hans Weigel.
Weigel, Hans: Hans Weigel erinnert sich an Jura Soyfer ("Vineta")
Interview mit Hans Weigel (ORF), Dauer: 0:34 min.
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Als Schauspieler arbeiteten: Leo Askenasy, Herbert Berghof, Franz Böheim, Theo Frisch-Gerlach, Rudolf Klein-Lörk, Cissy Kraner, Robert Lindner, Eduard Linkers, Kitty Mattern, Maria Norden, Josef Meinrad, Lilli Palmer, Peter Preses, Illa Rautnitz, Hans Sklenka, Willi Trebitsch u. a.
Aufgabe:
in Deutschland
In Deutschland und in Österreich: In Deutschland setzten sofort nach dem Machtantritt Hitlers 1933 die staatliche Repression und gesetzliche Schikane jüdischer Bürger/innen ein. Am 15. 9. 1935 wurden die so genannten „Nürnberger Gesetze“ verabschiedet, die bestimmten, wer als Jude zu gelten hat. Das „Reichsbürgergesetz“ stellte die Reichsbürgerschaft über die Staatsbürgerschaft. Juden waren von da an als Staatsbürger Bürger zweiter Klasse. Insofern meint „Irgendwo“ das Dritte Reich. Allerdings hatte diese Politik Auswirkungen auf Österreich. Gepaart mit dem heimischen Antisemitismus konnte das „Irgendwo“ also durchaus auch auf Österreich zutreffen.
Für die Kleinkunst der dreißiger Jahre war es ja typisch, die NS-Untaten in Deutschland anzuprangern, gleichzeitig aber die faschistischen Zeichen der Zeit in Österreich mitzudenken. Die Strophen 2 und 3 zeigen dies deutlich.
in Österreich
In Deutschland und in Österreich: In Deutschland setzten sofort nach dem Machtantritt Hitlers 1933 die staatliche Repression und gesetzliche Schikane jüdischer Bürger/innen ein. Am 15. 9. 1935 wurden die so genannten „Nürnberger Gesetze“ verabschiedet, die bestimmten, wer als Jude zu gelten hat. Das „Reichsbürgergesetz“ stellte die Reichsbürgerschaft über die Staatsbürgerschaft. Juden waren von da an als Staatsbürger Bürger zweiter Klasse. Insofern meint „Irgendwo“ das Dritte Reich. Allerdings hatte diese Politik Auswirkungen auf Österreich. Gepaart mit dem heimischen Antisemitismus konnte das „Irgendwo“ also durchaus auch auf Österreich zutreffen.
Für die Kleinkunst der dreißiger Jahre war es ja typisch, die NS-Untaten in Deutschland anzuprangern, gleichzeitig aber die faschistischen Zeichen der Zeit in Österreich mitzudenken. Die Strophen 2 und 3 zeigen dies deutlich.
Aufgabe:
Wissen Sie, wie viel Prozent die Arbeitslosigkeit im Jahr 1933 – dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise – betrug?
Ja
Ja und nein. Einen ausgesprochenen Arierparagraphen gab es nicht. Aber die Abhängigkeit vom deutschen Markt (österreichische Filme spielten bestenfalls 15% ihrer Herstellungskosten am heimischen Markt ein) und die zunehmende Verbindung mit der deutschen Filmwirtschaft (die „Cautio-Treuhandgesellschaft“ des „Reichsbeauftragten für die Filmwirtschaft“, Max Winkler, erwarb 1937 einen erheblichen Aktienanteil der österreichischen Filmfirma Tobis-Sascha) führte dazu, dass eine Reihe von Künstlern im österreichischen Filmwesen nicht mehr engagiert wurde:
„Zur Überwachung der Produktion österreichischer Filme wurde im September 1935 eine Stelle errichtet – die Firma ‚Otzoup und Gaik‘ -, um alle nach Deutschland eingeführten österreichischen Filme auf ihre Anpassung an die nationalsozialistischen Zensur- und Kontingentbestimmungen hin zu überprüfen und gegebenenfalls die Herstellungsgesellschaft dahingehend rechtzeitig zu ‚beraten‘. […] Die Firma – Otzoup war Inhaber einer Filmgesellschaft und Gaik Angestellter der Reichsfachschaft Film – war von Anfang an als Übergangslösung gedacht. Sie arbeitete zur Prüfung der Produktionsvorhaben eng mit ?zuverlässigen‘ österreichischen Nationalsozialisten zusammen, die die Personalverhältnisse – sprich: Abstammungsgeschichte – der Filmschaffenden Österreichs genauestens kannten, sowie mit dem Dramaturgen der Reichsfachschaft Film.“ (Spiker 1973, zit. nach Erber-Groiss 1988, 154f.)
Nein
Ja und nein. Einen ausgesprochenen Arierparagraphen gab es nicht. Aber die Abhängigkeit vom deutschen Markt (österreichische Filme spielten bestenfalls 15% ihrer Herstellungskosten am heimischen Markt ein) und die zunehmende Verbindung mit der deutschen Filmwirtschaft (die „Cautio-Treuhandgesellschaft“ des „Reichsbeauftragten für die Filmwirtschaft“, Max Winkler, erwarb 1937 einen erheblichen Aktienanteil der österreichischen Filmfirma Tobis-Sascha) führte dazu, dass eine Reihe von Künstlern im österreichischen Filmwesen nicht mehr engagiert wurde:
„Zur Überwachung der Produktion österreichischer Filme wurde im September 1935 eine Stelle errichtet – die Firma ‚Otzoup und Gaik‘ -, um alle nach Deutschland eingeführten österreichischen Filme auf ihre Anpassung an die nationalsozialistischen Zensur- und Kontingentbestimmungen hin zu überprüfen und gegebenenfalls die Herstellungsgesellschaft dahingehend rechtzeitig zu ‚beraten‘. […] Die Firma – Otzoup war Inhaber einer Filmgesellschaft und Gaik Angestellter der Reichsfachschaft Film – war von Anfang an als Übergangslösung gedacht. Sie arbeitete zur Prüfung der Produktionsvorhaben eng mit ?zuverlässigen‘ österreichischen Nationalsozialisten zusammen, die die Personalverhältnisse – sprich: Abstammungsgeschichte – der Filmschaffenden Österreichs genauestens kannten, sowie mit dem Dramaturgen der Reichsfachschaft Film.“ (Spiker 1973, zit. nach Erber-Groiss 1988, 154f.)
Kundgebung nationalsozialistischer Studenten auf der Rampe der Universität Wien nach dem Berchtesgadener Abkommen, Februar 1938. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 184. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Quelle: Zeitgeist wider den Zeitgeist. Eine Sequenz aus Österreichs Verirrung. Wien 1988, S. 263. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Während eines Überfalls nationalsozialistischer Studenten auf das Anatomische Institut werden jüdische Hörer in Sicherheit gebracht. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 181. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Teil des anatomischen Instituts der Universität Wien nach dem Überfall nationalsozialistischer Studenten. Quelle: Historisches Museum der Stadt Wien: Wien 1938, 110. Sonderausstellung Historisches Museum der Stadt Wien. Wien: ÖBV 1988, S. 181. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Strophe 4: Im März 1938 waren das deutsche Irgendwo und das österreichische Irgendwo vereint.
Jüdische Bewohner der Leopoldstadt werden mit Farbtopf und Pinsel ausgerüstet durch die Heinestraße getrieben, 1938. Aus: Ruth Beckermann (Hg.): Die Mazzesinsel. Juden in der Wiener Leopoldstadt 1918-1938. Wien 1984, S. 127
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Die Revuen, die Operettenseligkeit, die sich oft mit dem Film verbündete, die Ausschlachtung und Trivialisierung der ernsten Muse, das alles waren Themen, derer sich die Kleinkunst gerne annahm. Einen zusätzlichen Reiz bot die Nummer für die gebildeten Besucher natürlich dadurch, dass der Wiedererkennungseffekt mit Goethe-Zitaten (in erster Linie aus dem „Faust“) ihnen große Identifikation mit ihrer klassischen Bildung ermöglichte.
Aufgabe:
7
14
Stimmt. Vergleichen Sie:
Jura Soyfer / Hans Weigel:
Plagiat! Plagiat! Lehár kontra Goethe Nicht der Dieb, der Bestohlene ist schuldig
(Vorhang halb offen. Man sieht den Vorsitzenden des Bezirksgerichts.) VORSITZENDER: Ich eröffne die Hauptverhandlung. Angeklagter, Ihnen wurde vorgeworfen, die Herren Fritz Löhner-Beda, Librettist von Lehár-Operetten, und Franz Lehár, Komponist von Beda- Texten, durch die Behauptung, Teile eines Meisterwerkes jener beiden Autoren stammen von Ihnen, moralisch und materiell aufs schwerste geschädigt zu haben. Die bisherigen Zeugenaussagen haben Sie erheblich belastet. Angeklagter, treten Sie hervor und wiederholen Sie Ihre Personalien. Sie heißen? (Vorhang ganz auf. Goethe auf der Anklagebank erhebt sich. Neben dem Vorsitzenden die Schriftführerin.)
GOETHE: Johann Wolfgang von Goethe. VORSITZENDER: Geboren? GOETHE: 28. August 1749. VORSITZENDER: Wo? GOETHE: Frankfurt am Main. VORSITZENDER: Gestorben? GOETHE: 22. März 1832. VORSITZENDER: Politischer Bezirk? GOETHE: Weimar. VORSITZENDER: Bitte keine politischen Anspielungen. Beruf der Eltern? Vater? GOETHE: -Lebens ernstes Führen. VORSITZENDER: Mutter? GOETHE: -Lust zum Fabulieren. VORSITZENDER: Religion? GOETHE: Ich habe keinen Namen dafür – nenn’s Glück, Herz, Liebe, Gott – Nenn es, wie du willst. VORSITZENDER (zur Schriftführerin): Also mosaisch. Beruf? GOETHE: Klassiker. VORSITZENDER: Gegenwärtige Beschäftigung? GOETHE: Olympier. SCHRIFTFÜHRERIN (schreibt): Sportler. VORSITZENDER: Welches Kampfgebiet? GOETHE: Faustisches Ringen. VORSITZENDER: Also Boxkämpfer. Derzeitiger Aufenthaltsort in Wien? GOETHE: Burgring, vis-a-vis vom Schillerdenkmal. VORSITZENDER: Vorbestraft? GOETHE: Schwer. VORSITZENDER: Wo haben Sie die Strafen abgebüßt? GOETHE: Im Salzburger Festspielhaus und im Wiener Burgtheater. VORSITZENDER: Bildungsgang? GOETHE: Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie. VORSITZENDER: Genug, danke. (Goethe setzt sich.} Sie behaupten also, daß Teile aus dem Lehárschen Meisterwerk „Friederike“ von Ihnen stammen. So namentlich der Schlager „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ und das bekannte Tauberlied „O Mädchen, mein Mädchen“. GOETHE: Jawohl. Und ich stelle nochmals den Antrag, meine gesammelten Werke zu meiner Entlastung heranzuziehen. SCHRIFTFÜHRERIN: Dieser Beweisantrag wurde bereits als unerheblich abgelehnt. VORSITZENDER (ernst}: Angeklagter, Sie stellen sich das zu einfach vor. So leicht kann ein unbekannter Klassiker nicht einen Rufmord an unserem Altmeister Beda begehen. GOETHE (ausbrechend): Es möchte kein Hund so länger leben! VORSITZENDER: Das können Sie alles in Ihrem Schlußwort sagen. SCHRIFTFOHRERIN: Soll ich jetzt Meister Beda herbitten? VORSITZENDER: Er möge die Liebenswürdigkeit haben. BEDA (auftretend): Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern… GOETHE: Schon wieder ein Plagiat? VORSITZENDER: Ich bitte um Ruhe. (Zu Beda.) Würden Sie, bitte, Platz nehmen, Meister. BEDA (setzt sich -Blick auf die Uhr): Grundgütiger Antonius! Schon elf Uhr! Um zwölf Uhr treff ich Brammer und Grünwald, und da muß ich mich mit Goethe abgeben! VORSITZENDER: Ich bitte um Ihre Personalien. Beruf? BEDA: Librettist, Journalist, Zionist, Kapitalist. VORSITZENDER: Danke, das genügt. BEDA: Mit einem Wort: Vier Seelen wohnen ach in meiner Brust. (Goethe springt auf. Vorsitzender beruhigt ihn mit einer Handbewegung.} VORSITZENDER: Zuständigkeit? BEDA: Land des Lächelns. VORSITZENDER: Politischer Bezirk? BEDA: Neues Wiener Journal- VORSITZENDER: Haben Sie bei einer Wehrformation gedient? BEDA: Hakoa, Wien. GOETHE: Der Worte sind genug gewechselt. Laßt mich nun endlich Taten sehn. VORSITZENDER: Meine Herren, ich tu ja nur meine Pflicht. Meister, wie ist Ihnen die Idee zur „Friederike“ gekommen?
[…]
SCHRIFTFÜHRERIN: Herr Vorsitzender – ein Brief von Meister Lehár. Er schreibt: Die Liebe ist wie ein Schaukelbrett, wo das Herz einmal rauf, einmal runter geht. VORSITZENDER (etwas verwirrt}: Das ist allerdings eine hochbedeutsame Aussage. SCHRIFTFÜHRERIN: Pardon, ich habe mich geirrt, da ist irrtümlich ein Blatt aus „Giuditta“ ins Kuvert geraten. Hier ist der richtige Brief: „…sehe ich mich genötigt, Sanktionen anzuwenden und werde ich, falls die leidige Angelegenheit nicht umgehend bereinigt wird, weder eine eigene noch sonstige Melodie komponieren.“ BEDA (zu Goethe): Da haben Sie’s. Der Lehár komponiert nicht mehr. Der Untergang des Abendlandes. GOETHE: Hab ich doch meine Freude dran. VORSITZENDER (setzt das Barett auf. Alles steht auf): Ich verkünde das Urteil. Der Angeklagte Johann Wolfgang Goethe, Klassiker, wird ehrenrühriger Äußerungen gegen die größten Meister der modernen Kultur für schuldig erkannt. Der Wahrheitsbeweis, daß die fraglichen Textstellen aus „Friederike“ von ihm seien, wird als mißlungen erachtet. Der Angeklagte wird verurteilt: 1. eine alljährliche Verfilmung unter der Regie Max Reinhardts zu erleiden, verschärft durch harte Schlager, 2. lebenslänglich dem deutschen Dichter Gerhart Hauptmann ähnlich zu sehen. Sohin ist die Causa Goethe erledigt. GOETHE: Der Casus macht mich lachen. VORSITZENDER: Haben sie noch etwas zu bemerken? GOETHE: Sagt eurem Hauptmann: Vor eines Greises Majestät hab ich sonst immer schuldigen Respekt, er aber kann mich… BEDA (auffahrend}: Im Namen der deutschen Literatur… GOETHE: Ihr gleicht dem Geist, den ihr begreift – nicht mir.
(Aus: Hans Weigel: Gerichtstag vor 49 Leuten. Rückblick auf das Wiener Kabarett der dreißiger Jahre. Graz: Styria 1981. S. 208-212)
21
„Die von den Nationalsozialisten als Musterbetrieb und ‚Neu-Babelsberg‘ apostrophierte Wien-Film, zumal man in die Errichtung moderner Atelieranlagen auf dem Rosenhügel einiges investiert hatte, sollte tatsächlich von 1939 bis 1945 einen maßgeblichen Beitrag zum Unterhaltungsfilm im Dritten Reich leisten. Mit Filmen wie ‚Unsterblicher Walzer‘, ‚Mutterliebe‘, ‚Operette‘ oder ‚Der Postmeister‘ profilierte sich diese Produktionsstätte als wichtiger Lieferant von Unterhaltungsware, die scheinbar unpolitisch, durch ihre planmäßige Ablenkungsfunktion die Menschen bei Laune halten sollte, um ihnen jedoch zugleich unweigerlich die einschlägigen Moral- und Wertvorstellungen zu vermitteln.“
Erber-Groiss 1988, 161
„Soyfers erstes Mittelstück ‚Der Weltuntergang oder die Welt steht auf kein‘ Fall mehr lang‘ wurde im Frühsommer 1936 aufgeführt. Der apokalyptische Titel war nur allzu berechtigt: im Vorjahr hatte Hitler die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, im März 1936 hatte er sich über die Verträge von Versailles und Locarno hinweggesetzt und war ins Rheinland einmarschiert. Im Mai desselben Jahres brach Mussolini den letzten Widerstand der Abessinier; die Achse Berlin-Rom, Grundlage für Hitlers Eroberungskrieg, konsolidierte sich, während die Westmächte tatenlos zusahen. Soyfers Warnung vor dem drohenden Krieg wurde von den Ereignissen mit unheimlicher Exaktheit bestätigt: das Stück wurde zum letzten Mal am 11. Juli 1936 aufgeführt, an dem Tag, an dem Schuschnigg mit Hitler das Abkommen schloß, das den Untergang Österreichs besiegelte. Ein paar Tage später, am 18. Juli, brach der Spanische Bürgerkrieg aus. Die Generalprobe für den Zweiten Weltkrieg hatte begonnen. Die Menschheit vor der Katastrophe – das ist die Testsituation des Stückes. Die Diagnose, die mit Krausscher Konsequenz von Szene zu Szene erhärtet wird, lautet, daß diese Menschheit in Verblendung und Dummheit ihren letzten Tagen rettungslos entgegentaumelt, da das Verhängnis als umsatzfördernde Sensation begrüßt. Revoltierende Massen werden im Interesse von Law and Order niedergeknüppelt. Die Gegenstimme des Wissenschaftlers verhallt in einer Wüste von Klischees – noch vor dem Ende der Welt hat ihr Untergang in der Sprache stattgefunden.“
Jarka 1984, 10 f.
"Weltuntergang" von Jura Soyfer, Aufführung im ABC 1936; v.l.n.r.: Maria Gmeiner, Josef Meinrad, Rudolf Klein-Lörk als Guck
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Jura Soyfer: Der Weltuntergang (Uraufführung im ABC 1936). Aus der Sendung: Kleinkunst in der 1. Republik (ORF) - Ausschnitt, Dauer: 2:34 min. Mit freundlicher Genehmigung des Thomas Sessler Verlags, Wien 2002.
Führer
„Die Abdankung des Kaisers, das Trauma der Niederlage, der Revolution und des als nationale Demütigung empfundenen Versailler ‚Diktatfriedens‘ beflügelten auf seiten der neokonservativen Rechten und in völkischen Kreisen neue Hoffnungen auf einen künftigen Erlöser der Nation. Die tiefen politischen und sozialen Spaltungen einer ?führerlosen Demokratie‘ (wie die Rechte sie verstand) machten die Sehnsucht nach der Autorität eines starken Führers – eines Mannes aus dem Volk, der die Werte der gesamten Volksgemeinschaft repräsentieren und durch Einigkeit eine nationale Wiedergeburt vollbringen würde – zu einer wirkungsvollen und zunehmend attraktiven alternativen Vision gegenüber dem Bild der zersplitterten Parteienlandschaft von Weimar. Nach einer dieser Visionen würde der kommende große Führer die Tugenden eines Kriegers, Staatsmanns und Hohepriesters in sich vereinigen – eine Reflexion der quasi religiösen Symbolik, die dem Führerbild innewohnte. Als die Weimarer Republik in den Jahren der wirtschaftlichen Depression in ihre tödliche Krise versank, trat ein Mann auf den Plan, der für sich die Rolle des nationalen Erlösers beanspruchte und hierfür die Unterstützung von mehr als einem Drittel der Bevölkerung fand.“ (Kershaw 1997, 24f.)
In der NSDAP und im NS-Staat galt das „Führerprinzip“, das von Hitler in Mein Kampf beschrieben wurde: „Autorität jedes Führers nach unten und Verantwortung nach oben“, losgelöst vom „parlamentarischen Prinzip der Majoritäts- und Massenbestimmung“. (zit. nach Benz 1997, 475) Daraus ergaben sich etliche Funktionsbezeichnungen: Führer, Reichsführer SS, Standortführer, Reichsjugendführer, Scharführer usw.
Seinsgehalt
„Wir haben uns losgesagt von der Vergötzung eines boden- und machtlosen Denkens. Wir sehen das Ende der ihm dienstbaren Philosophie. Wir sind dessen gewiß, daß die klare Härte und die werkgerechte Sicherheit des unnachgiebigen einfachen Fragens nach dem Wesen des Seins wiederkehren. Der ursprüngliche Mut, in der Auseinandersetzung mit dem Seienden an diesem entweder zu wachsen oder zu zerbrechen, ist der innerste Beweggrund des Fragens einer völkischen Wissenschaft.“ (Martin Heidegger in seiner Rede am Vorabend der Reichstagswahl vom 12. Nov. 1933; zit. nach: Christoph Helferich: Geschichte der Philosophie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart und Östliches Denken. München: dtv 1998, S. 414)
Rechte
Wortspiel, assoziierend einerseits rechte Politik. Verbunden mit „knorrig“, also „bodenständig“, „verwurzelt“, „volksstämmig“, „erdverbunden“, „Blut und Boden“ etc. wird diese Politik nationalsozialistisch; andererseits wird auf das Recht angespielt: „Reichen Sie mir Ihre Rechte“ heißt, wie im Folgenden ja auch zu sehen, wer mit den NS-Führern in Berührung kommt, kann zwar schnell aufsteigen, schnell aber auch seine Rechte verlieren.
„Grundlage des nationalsozialistischen Rechtsverständnisses war nicht mehr der Schutz der Einzelperson und die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz, sondern die Vorrangigkeit der vermeintlichen Interessen der Volksgemeinschaft und die Pflicht, dieser zu dienen (‚Recht ist, was dem Volke nützt‘). Oberste Rechtsgüter, die es zu bewahren galt, waren Rasse und Erbgut, Ehre und Treue, Wehrhaftigkeit und Arbeitskraft, Zucht und Ordnung. Die Aufgabe der Justiz, so Hitler 1932, bestand darin, ‚das im nationalsozialistischen Staat sich vollziehende Gemeinschaftsleben unseres Volkes vor destruktiven und damit diese Gemeinschaft schädigenden und bedrohenden Erscheinungen zu schützen‘.“ (Ritter 1997, 94)
Völkisch
„Der Völkischen Bewegung liegen drei Hauptkomponenten zugrunde, die schon im Laufe des 19. Jh. entwickelt und in den Jahren vor 1914 sowie nach dem Ersten Weltkrieg ins Extreme getrieben wurden: 1. die sozialdarwinistische Vorstellung vom ‚Kampf ums Dasein‘, in dem sich der Starke, Wertvolle durchsetzt; 2. damit verbunden die Notwendigkeit eines Kampfes um Lebensraum für das germanische dt. Volk, v.a. im Osten Europas; 3. ein ‚rassisch‘ begründeter Antisemitismus […]“ (Benz u.a. 1997, 784)
„1875 schlägt der österreichische Germanist H.V. Pfister den Ausdruck als Verdeutschung für national vor. In dieser Verwendung verbreitet er sich schnell, nimmt aber seit etwa der Jahrhundertwende [1900] dadurch, daß deutschnationale, antisemitische, oft einer Germanenschwärmerei huldigende Gruppierungen sich oder ihre Gesinnung völkisch nennen, einen Nebensinn von abseitiger Deutschtümelei an.“ (Schmitz-Berning 2000, 645f.)
Aber ist ein marxistischer Ausdruck
Dem Nationalsozialismus war dialektisches Denken fremd, die nationalsozialistische Weltanschauung duldete keinen Einspruch und keine Relativierung, „… weil sie keineswegs bloß propagandistischen Zwecken diente, sondern den Charakter eines festgefügten Programms hatte, das ohne Abstriche verwirklicht werden sollte und auch weitgehend verwirklicht wurde. Kernstück dieses Programms und Basis der nationalsozialistischen Ideologie insgesamt war der Rassismus.“ (Wolfgang Wippermann: Ideologie. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. Stuttgart: Klett 1997, S. 11-21, 20f.)
Reichsphysikführer
Der von Soyfer erfundene Titel zitiert den Führerkult und den Hang, vielen Institutionen und Titeln das „Reich“ voranzustellen.
Reichswärmeleiter
Anspielung auf den so genannten „Röhm-Putsch“: Ernst Röhm (1887-1934), der schon 1923 die Hitlerputschisten mit Waffen versorgt hatte, war ab 1931 Stabschef der SA, die 1934 4,5 Mio Mitglieder aufwies. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung sprach Röhm von der Notwendigkeit einer „zweiten Revolution“ und der Schaffung eines „Wehrstaates“ auf der Grundlage eines Milizheeres. Um sich der Reichswehr zu versichern, löste Hitler den Konflikt mit der SA-Führung gewaltsam. Unter dem Vorwand, den Umsturz zu betreiben („Röhm-Putsch“), wurden mindestens 85 Regimegegner und SA-Führer, an der Spitze Röhm, vom 30. 6. – 2. 7. 1934 von der SS ermordet. Neben dem Putsch-Vorwurf diente auch die Homosexualität Röhms – obgleich schon Jahre wohlbekannt – dem Fememord zur Rechtfertigung.
ich glaube
Der religiöse Glaube sollte dem Glauben an die Mission des deutschen Volkes, des Führers usw. weichen. Hitler selbst spricht immer wieder vom unerschütterlichen Glauben an seinen Auftrag, an seine von der Vorsehung ihm übertragene Mission. Veranstaltungen, Feiern, Reden wurden geradezu kultisch inszeniert, der Führerkult nahm religiöse Züge an. Oft zeigte sich dies in plumpen messianischen Ritualen:
„Führer, mein Führer, von Gott mir gegeben, beschütz‘ und erhalte noch lange mein Leben! Hast Deutschland gerettet aus tiefster Not, Dir danke ich heute mein täglich Brot. Bleib lang noch bei mir, verlaß mich nicht, Führer, mein Führer, mein Glaube, mein Licht! Heil, mein Führer!“
Dieser „Anruf“ wurde den Kindern in Köln, Ortsgruppe Reinau, für die Speisung in der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) beigebracht. (zit. nach Mosse 1979, 268)
Menschheit
Für die NS-Ideologie war die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Rassen. Die Menschheit im Sinne eines humanistischen Weltbildes wurde nicht akzeptiert.
Weltjudentum, Zion, Bolschewismus, liberalistisches Gequassel
„Als die deklassierten jüdischen Gemeinschaften dann aus West- und Mitteleuropa vertrieben wurden, tauchte die alte Legende von Ahasverus auf, jenem Schuster, der Christus auf dem Kreuzweg verhöhnt haben soll und zur Strafe zu ruhelosem Umherirren verurteilt worden war. Der Mythos vom wandernden Juden schlug tiefe Wurzeln. Verfluchung und Verteufelung erreichten im ausgehenden Mittelalter ihren Höhepunkt. Sie ließen im Bewußtsein einer unaufgeklärten und abergläubischen Bevölkerung die Juden als fremde, geheimnisvolle und unheimliche Kreaturen erscheinen, deren Berührung Unheil und Tod brachte. Die Juden wurden zu Teufeln und Hexern, Magiern und Giftmischern erklärt, zu Antichristen, die in der Zerstörung der christlichen Gesellschaft ihr letztes Ziel erblickten. Auch diese Verschwörungstheorie wurde tradiert und erwies sich noch im 20. Jahrhundert als wirksame Propagandawaffe. Sie findet sich in den Fälschungen der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ wieder. […] Lange bevor die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, hatten Rassenfanatiker bereits Thesen propagiert, die auf den Völkermord abzielten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierte sich der moderne Antisemitismus, der die Gleichsetzung des Jüdischen mit dem Liberalismus oder der Sozialdemokratie, mit dem Marxismus oder Kapitalismus, der Freimaurerei oder dem Pazifismus vornahm. Je nach Standort konnten die Konflikte der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft mit dem Attribut ‚jüdisch‘ versehen werden. […] Diesem Erbe entstammten die nationalsozialistischen Feindbilder. Sie kulminierten im Mythos vom jüdisch-bolschewistischen Weltfeind, der seit 1918 zum Kampf gegen die arische, sprich deutsche ‚Herrenrasse‘ angetreten war.“ (Kwiet 1997, 50ff.)
Freimaurerei
„Die in Logen und Großlogen organisierten Freimaurer treten für Toleranz, Freiheit, Brüderlichkeit und Menschenwürde ein. Die Nat.soz. warfen den F. vor, im 19.Jh. die Emanzipation der Juden gefördert und damit „artfremde“ Einflüsse ins dt. Geistesleben lanciert zu haben. Sie erklärten sich zu schärfsten Gegnern der F. Der Geheimbundcharakter der F. begünstigte zudem nat.soz. Verschwörungstheorien. Zwischen 1933 und 1935 führte staatlicher Druck zur schrittweisen Selbstauflösung der dt. Großlogen und Logen. alle Logenvermögen, Archive und Bibliotheken wurden eingezogen, zahlreiche F. verhaftet.“ (Benz u.a. 1997, 469f.)
zersetzen
a) „Spezifisch für die Nationalsozialisten ist, daß bei ihnen Zersetzung im Kontext der Verschwörungstheorie der ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ steht. Die für zersetzend erklärten Einflüsse – des Parlamentarismus, des Marxismus, der kritischen Presse, der modernen Kunst, des Asphaltliteratentums, des Intellektualismus, der Verstädterung, der nach dem Rassendogma unausweichlich vergiftenden rassischen Vermischung – werden letztlich auf die Machtinitationen des internationalen Judentums zurückgeführt, zu dessen Waffen im Kampf um die Weltherrschaft an erster Stelle die Zersetzung gehört.“ (Schmitz-Berning 2000, 702f.)
b) Juristischer Terminus für die mit Todesstrafe bedrohte Schwächung des „Wehrwillens“.
jüdische Physik
"Zu den absurden Blüten nationalistischen und rassistischen Denkens gehörte die Proklamation einer 'deutschen Mathematik', einer 'deutschen' oder 'arische' Physik, zu der sich vor und nach der Machtergreifung namhafte Gelehrte wie Philipp Lenard und Johannes Stark herbeiließen - und sei es auch nur, um in ihren Fehden mit Einstein und anderen jüdischen Kollegen eine mächtige Plattform zu gewinnen."
Bracher 1972, 292, zit. nach Soyfer 1984, 249
gebogen
tausend Jahre
"Der Begriff Tausendjähriges Reich war eine Umschreibung des nat.soz. Regimes, mit der auf die seit dem Mittelalter gebräuchliche Reichsmetaphorik angespielt wurde. Wie andere Begriffe (Drittes Reich, Germanisches Reich) diente die Metapher zunächst als Zukunftsprojektion, dann als Propagandainstrument und schließlich als Legitimation der Eroberung neuen Lebensraums. Die Idee des Tausendjährigen Reiches sollte Kontinuität mit der Geschichte des Alten Reiches vorspiegeln und bildete eine Folie für eine rassistische Neuordnung, mit der die europäischen Völker in ein Reich unter dt. Führung gezwungen werden sollten. Wegen seines christlichen Gehalts stand Hitler dem Begriff aber trotz gelegentlicher Verwendung reserviert gegenüber."
Benz u.a. 1997, 757
Bewegung
Selbstbezeichnung für die NSDAP und ihre Gliederungen und Sonderformationen. Die Stadt München, in der 1920 das Programm der NSDAP verkündet wurde, erhielt 1935 den Titel „Hauptstadt der Bewegung“.
Reichsbürger, Staatsangehöriger
Im Rahmen der „Nürnberger Gesetze“ vom 15. 9. 1935 wurde das „Reichsbürgergesetz“ beschlossen: „das „Reichsbürgergesetz“ stellte die Reichsbürgerschaft über die Staatsbürgerschaft, „Arier“ genossen nun besondere politische Recht, die Juden als bloßen „Staatsbürgern“ nicht gewährt wurden. (vgl. Benz u.a. 1997, 620)
Am Ende verliebt sich der Komet Konrad, der das von den Planeten beschlossene Zerstörungswerk vollziehen sollte, in die Erde und verschont sie. Er singt den Kometen-Song.
1937 kommt es gleich zu drei Aufführungen von Stücken Jura Soyfers, die alle den Rahmen des Mittelstücks sprengen: „Astoria“ (anspielend auf Austria/Österreich) zeigt die Hoffnung der politisch und ökonomisch Entrechteten auf ihren Traumstaat, tatsächlich dienen die Utopien aber nur dem Wohl skrupelloser Geschäftemacher und Diktatoren. Mehrere Male erzwingt der Zensor Kürzungen des Stückes, bis es letztendlich verboten wird. „Vineta“ (anspielend auf Wien) zeigt eine versunkene Stadt, in der ein Einzelner verzweifelt versucht in einer Welt von Toten lebendig zu bleiben und ist eine Parabel über den Kampf zwischen Gewissen und Nicht-Wissen-Wollen.
Jura Soyfers letztes Stück, das Revue und Gesellschaftskritik verbindet, ist eine Bearbeitung des Stückes "Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas" von Kurt Tucholsky und Walter Hasenclever. Quelle: Veigl, Hans: Lachen im Keller. Von den Budapestern zum Wiener Werkel. Kabarett und Kleinkunst in Wien. Wien: Löcker 1986, S. 195. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Aufgabe:
Und wie geht’s aus? In der dritten Szene lernt Theophil als junger Bursche zwei Mädchen kennen, die Gelbe und die Blaue. Die beiden raufen um Theophil. Dies wächst sich zum Krieg aus. In der vierten Szene muss Theophil daher einrücken. Als Blautonier muss er auf den Gelbanier losgehen und umgekehrt. Diese Schizophrenie führt schließlich zu Theophils Zusammenbruch.
Am Schluss wird von einem Kommentator die alte pazifistische Weisheit verkündet, die schon Stefan Zweig in seinem Drama „Jeremias“ 1917 ausgesprochen hat, nämlich dass hüben wie drüben der gleiche Mensch steht:
„Wie soll er hinüberknallen, wenn er selber drüben steht? Wie kann er herüberknallen, wenn er selber hüben steht? wenn die Würfel fallen, bleibt es für ihn ganz egal, Er muß die Rechnung zahlen, er auf jeden Fall. Du bleibst ein unbrauchbarer Stein im Spiel, Du bist ein schwerer Grenzfall, Theophil. Denn diesseits der Grenze und jenseits der Grenze Steht derselbe Soldat, Der zwei verschiedene Vaterländer Und nur ein Leben hat. (Vorhang.)
Aufgabe: