Kurzinformation zum "Wiener Werkel" (1939 -1944)
Spielort: Schiefe Laterne (später: Moulin Rouge)
Nach dem „Anschluss“ Österreichs mussten die kritischen Kleinkunstbühnen ihren Spielbetrieb beenden. Das illegale NSDAP-Mitglied Adolf Müller-Reitzner verstand es, dem Gaupropagandaamt die Idee eines „Ostmark-Kabaretts“ schmackhaft zu machen. Unter seiner Direktion konnten rassisch nicht verfolgte Mitglieder der „Literatur am Naschmarkt“ weiter auftreten. Inhaltlich wurde versucht, die Österreicher gegenüber den deutschen Okkupanten aufzuwerten. Dies geschah in Form der Gegenüberstellung von Wiener und preußischer Mentalität. Wobei das österreichische Gemüt in Gestalt des typischen Wiener Raunzers als Ventil einer zumeist eher harmlosen kritischen Meinungsäußerung diente. Trotzdem wurden einige Szenen mit Verbot belegt. Nach dem Tod von Müller-Reitzner führte seine Frau Christl Räntz das Kabarett bis zur allgemeinen Theatersperre 1944 weiter.
Zu den Mitarbeitern zählten u. a. Rudolf Weys, Franz Paul (sie zeichneten auch für die „nichtarischen“ Autoren Fritz Eckhardt und Kurt Nachmann). Schauspieler: Hugo Gottschlich, Robert Horky, Wilhelm Hufnagl, Josef Meinrad, Ralf Ohlsen, Christl Räntz, Oskar Wegrostek u. a.
Das Spiel um den Chinesen, der net untergeht
In diesem „Spiel“ geht es darum, dass Sie Schritt für Schritt eine kurze Kabarett-Szene erstellen, die – unter Bedachtnahme auf die Bedingungen der NS-Zensur und Verfolgung – Ereignisse rund um den Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich satirisch aufs Korn nimmt. Der Spielvorbereitung dient das Vorspiel:
Am 18. September 1931 besetzt Japan Mukden und andere Gebiete in der Mandschurei in China. Damit beginnt der langjährige Kriegszustand zwischen Japan und China. Fünf Monate später wird die besetzte Mandschurei von Japan zu einem selbstständigen, tatsächlich aber unter japanischem Protektorat stehenden Staat mit dem Namen Mandschuko erklärt. Im März 1933 tritt Japan aus dem Völkerbund aus und setzt seine imperialistische Politik mit der Besetzung des an die Mandschurei grenzenden Jehol-Gebietes fort.
Diese Vorgänge nahm Jura Soyfer zum Anlass, in der satirischen Zeitschrift „Der Kuckuck“ am 5. März 1933 folgendes Gedicht zu veröffentlichen:
Die Absicht des Gedichtes ist offensichtlich: Es wendet sich gegen die kriegsverherrlichende, massenbegeisternde Propagandaveranstaltung der japanischen Kriegshetzer, deren Politik einfachen japanischen Soldaten auf grausame Weise das Leben kostet. Gleichzeitig zieht das Gedicht aber Parallelen zur Situation in Deutschland, wo Hitler die Wiederaufrüstung propagiert und die Massen dafür gewonnen werden sollen.
Aufgabe:
Entschlüsseln Sie einige Hinweise auf die Situation in Deutschland 1933, indem Sie versuchen das „Original“ herzustellen: „Für Buddha, Mikado und Vaterland“ ist eine Paraphrase auf eine Parole aus dem Ersten Weltkrieg. Sie lässt sich leicht „übersetzen“.
Für Kaiser Wilhelm und Deutschland
Für Gott, Kaiser und Vaterland
Für Liebe, Arbeit und Wissen
Ebenso leicht zu übertragen ist „Japan erwache!“
Partei wach auf!
Vaterland erwache!
Deutschland erwache!
Aufgabe:
Und auf welchen Begriff des Ersten Weltkriegs spielt Soyfer mit dem Hinweis auf die „ostischen Nibelungen“ (also Nibelungen im Osten = Japaner) an?
Deutsche Ariosophen
Heldisches Deutschtum
Nibelungentreue
Japan war ab dem 25. Nov. 1936 mit Deutschland durch den so genannten „Antikominternpakt“ verbunden bzw. verbündet.
Die Parallelen zwischen Japan und Deutschland lagen also auf der Hand. Es bot sich daher an, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich im März 1938 Österreich mit China zu assoziieren. Genau das taten das „Wiener Werkel“ bzw. seine Autoren Fritz Eckhardt und Franz Paul im 2. Programm mit der Nummer „Das chinesische Wunder“. Offiziell firmierte Franz Paul als Autor, weil Fritz Eckhardt aufgrund der NS-Rassegesetze keine Möglichkeit hatte, als Autor zu arbeiten.
Aufgabe:
Gestalten Sie jetzt Schritt für Schritt eine eigene Kabarett-Szene aus den Tagen des Einmarsches von Japan in China (= Deutschland in Österreich) unter dem Titel „Das Spiel um den Chinesen, der net untergeht“. Öffnen Sie dazu unser ARBEITSBLATT und folgen Sie den Anleitungen dort. Wenn Sie Ihre Fragen beantwortet und Ihre Eintragungen gemacht haben, dann speichern Sie Ihr Arbeitsblatt auf Ihrem PC oder auf Diskette, um es für weitere Fragen im Zuge dieses Praxisfeldes neuerlich aufrufen und bearbeiten zu können.
Aufgabe:
Betrachten Sie das Schema „Preuße und Österreicher“ von Hugo von Hofmannsthal aus dem Jahr 1917. (In: Hofmannsthal 1979, 459-461)
Lesen Sie dazu folgende Texte der Wiener Kleinkunstbühnen: „Langenscheidt für Schriftdeutschland“, „Schale Nussgold“, „Die kompetente Behörde“.
Lesen Sie „Der Österreicher (Ein Nachruf)“ von Alfred Polgar.
Lesen Sie die Geschichte von Roda Roda: „Das Goldne Wienerherz“.
Lesen Sie von Peter Hammerschlag: „Lüneburger Heide und Simmeringer Haad“.
Von der Lüneburger Heide und der Simmeringer Had
BEIDE: Kennt ihr schon die Liebesgeschichte? Die sich zugetragen hat, Zwischen Lüneburger Heide Und der Simmeringer Had?
I. ER: Mitzi war im Arbeitsdienste Hoch im Norden angestellt, SIE: Ihren Fritz, den lernt sie kennen, Zwischen groß- und kleinem Belt. BEIDE: Beide konnten sich gut leiden, Sie erzählten sich privat: Von der Lüneburger Heiden Und der Simmeringer Had.
Quelle: Rudolf Weys: Literatur am Naschmarkt. Kulturgeschichte der Wiener Kleinkunst in Kostproben. Wien Cudek 1947, S. 146. - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: Hugo Gottschlich
Verspüren Sie Lust, weitere Anregungen zu diesem Thema zu bekommen, so informieren Sie sich im Buchhandel zum Thema „Österreichischer Humor“.
Einige Tipps: Lesen Sie die Sammlung von Franz Danimann: Flüsterwitze und Spottgedichte unterm Hakenkreuz. Wien: Böhlau 1983. Lesen Sie ein Buch, das bewusst mit den Vorurteilen spielt: James, Louis: Die Österreicher pauschal. Frankfurt am Main: Fischer, 1997.
Aufgabe:
Falls notwendig, legen Sie nun fest, an welchem typischen Schauplatz in oder um Wien das Geschehen ablaufen soll. Gehen Sie dazu wieder zu dem ARBEITSBLATT, und zwar zum Punkt 1.3 : Die Orte der Handlung. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Die Redeweise der Figuren
Die Redeweise der Figuren hängt natürlich eng mit „Spielabschnitt 2: Die Eigenschaften der Figuren“ zusammen. Die Erfahrungen aus diesem Spielabschnitt können Sie hier genauso anwenden. Als erstes können Sie einmal überlegen, mit welchem Gruß die beiden Teile einander begegnen. Für den japanischen Gruß bietet sich Banzai an, wobei der Arm in irgendeiner Weise zum „Deutschen Gruß“ erhoben werden kann. Wenn Sie die Ausführungen zum Deutschen Gruß gelesen haben, insbesondere das letzte Zitat, wird Ihnen die Auswahl des chinesischen Grußes (= Österreicher) nicht schwer fallen.
Deutscher Gruß: Nationalsozialistischer Gruß durch Heben des rechten gestreckten Arms in Augenhöhe und die Worte „Heil Hitler!“ Im Dritten Reich wurde das in den zwanziger Jahren bei der NSDAP aufgekommene Grußritual als offizieller „Deutscher Gruß“ eingeführt und reglementiert. So sollte beim Singen des Deutschlandliedes und während der 1. Strophe des Horst-Wessel-Lieds der Hitlergruß ausgeführt werden, „ohne Rücksicht darauf, ob der Grüßende Mitglied der NSDAP ist oder nicht. Wer nicht in den Verdacht kommen will, sich bewußt ablehnend zu verhalten, wird daher den Hitlergruß erweisen. Nach Niederkämpfung des Parteienstaates ist der Hitler-Gruß zum Deutschen Gruß geworden.“ (Völkischer Beobachter, 17.7. 1933. Zitiert nach: Schmitz-Berning 2000, 142) Im Rundfunk und auf Plakaten in Büros und Geschäften wurde darauf hingewiesen: „Trittst als Deutscher du herein, soll dein Gruß ‚Heil Hitler‘ sein“. „Der deutsche Gruß muß dir selbstverständlich werden. Lege ab das ‚Grüß Gott‘, ‚Auf Wiedersehen‘, ‚Guten Tag‘, ‚Servus‘ usw.“ (Gesetze des Deutschen Studententums. Richtlinien für die Kameradschaftserziehung d. NSD-Studentenbundes, (1937). Zitiert nach: Schmitz-Berning 2000, 142)
Der doch etwas seltsame Gebrauch des „Deutschen Grußes“ hat immer wieder Anlass zu Spott und Witz gegeben. Wollen Sie Charlie Chaplin als „Der große Diktator“ sehen?
Wollen Sie Flüsterwitze zum „Deutschen Gruß“ kennen lernen? Dann lesen Sie die folgenden Zitate:
„Was bedeutet der deutsche Gruß? – Aufgehobene Rechte.“
„Jemand tritt auf der Straße in einen Hundehaufen, reißt seine Rechte hoch und ruft: ‚Heil Hitler!‘ Ein Passant stellt ihn zur Rede. Der Erste rechtfertigt sich: ‚So gehört es doch. Wissen Sie denn nicht, dass es heißt: Trittst du in ein Geschäft hinein, soll dein Gruß – Heil Hitler! – sein!'“
„Ein Erwerbsloser will bei der Fürsorgebehörde Kohlen beantragen. Mit lautem ‚Guten Morgen‘ betritt er die Amtsstube, doch die Angestellten antworten ihm nicht. Der Mann sagt erneut ‚Guten Tag, und ich hätte gern Kohlen beantragt.‘ Da antwortet einer der Schreiber: ‚Hier gibt es nur den Deutschen Gruß!‘ ‚Her mit der Scheiße‘, sagt der Erwerbslose, ‚Hauptsache, der Mist brennt!'“
„Hitler kommt nach Wien und ein Mann begrüßt ihn mit einem freundlichen ‚Guten Morgen‘ – ‚Was fällt Ihnen ein?!‘ schreit ihn der Führer an, ’solange ich regiere, grüßt man mit – Heil Hitler! – Da gibt es keinen guten Morgen, keinen guten Tag und keinen guten Abend mehr! Verstanden?'“
Aufgabe:
Überlegen Sie weiters, welche Redewendungen, Zitate, Phrasen etc. für die Japaner (= Deutsche/Preußen) und die Chinesen (= Österreicher) typisch sind.
Anregungen gibt es neben den schon verwendeten Texten noch in einem Buch: Zitatenschatz für Österreicher. Zusammengestellt v. Ernst G. Tange. Eichborn 1999. Sie können dieses Buch über unsere Online-Buchbestellroutine kostenpflichtig anfordern.
Aufgabe:
Das Buch „Zitatenschatz für Österreicher“ beinhaltet Zitate von Johann Nepomuk Nestroy bis André Heller und von Maria Theresia bis Falco, die laut Verlagstext zeigen, „was den Österreicher – und speziell den Wiener – vor anderen Menschen auszeichnet.“ Gehen Sie erneut zu unserem ARBEITSBLATT, und zwar zum Punkt 1.4 : Die Redeweise der Figuren. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Gesprächsthemen/Handlung
„Auswahlmöglichkeiten des Themas“: ein Japaner (= Deutscher/Preuße) versucht die Vorzüge des „Anschlusses“ anzupreisen, ein japanischer Redakteur versucht die „Jubelstimmung im chinesischen Volk einzufangen, ein Japaner kracht mit einer chinesischen Marktstandlerin zusammen, Beschwerde, Schlampigkeit, Parodie eines Wienerliedes, Versorgungsschwierigkeiten, Theaterskandal, schlampige Bedienung im Gasthaus, Sprachprobleme, Vergnügungen, Liebesszene, andere.
Wollen Sie vorher eine kleine Anregung? Vielleicht zwei kurze Beispiel-Szenen? Sie wurden vom „Wiener Werkel“ in seinem 2. Programm ab Mai 1939 im Rahmen der Nummer „Das chinesische Wunder oder der wandernde Zopf, ein Spiel um den Chinesen, der net untergeht“ aufgeführt. (Weys o. J., 216 f.) Vom ursprünglich geplanten Titel „Die Tokioten“ wurde abgesehen, weil er doch – wie ja auch intendiert – zu sehr an „Idioten“ erinnerte.
Aufgabe:
Ist Ihnen eine Anspielung im Text von Eckhardt/Paul unklar? Dann wählen Sie die entsprechende Stelle aus:
mein Muattal keene echte Chineserin
BGM
Wollen Sie jetzt Ihre Szene verfassen? Jetzt heißt es aber endgültig, die Aufgabe anzugehen. Gehen Sie zu diesem Zweck erneut zum ARBEITSBLATT. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Pressestimmen zum "Spiel um den Chinesen, der net untergeht"
„[…] Nun erfüllt das Wiener Werkel tatsächlich alle diese Forderungen: es ist ebensogut Kabarett wie kleine Kunst, packt die aktuelle, die politische Satire von der richtigen und damit zugleich dankbarsten Seite an, bringt genug Humor auf, um etwaigen Kühnheiten die Spitze der Bosheit abzubrechen, und hängt jedem Sarkasmus das happy end einer tieferen Einsicht an. Das Publikum, das ein wenig in Selbsterkenntnis erzogen, zumindest aber reich mit Erkenntnissen über irgend einen lieben Nächsten versorgt wird, findet an der Wiener Werkel-Kunst hellstes Vergnügen. Mehrfach bekannte Sentenzen des täglichen Lebens ziehen in bunten Reigen über die Szene, die sich etwa in Altchina verwandelt und einem japanisch-chinesischem Anschluß in wienerischem Idiom märchenhaften aktuellen Ausdruck verleiht. […] Der Witz der Autoren – Rudolf Weys, Hertha Schulder-Müller, Herbert Mühlbauer, Franz Paul, unter geschickter kompositorischer Assistenz von J.C. Knaflitsch – findet seine Ergänzung in der charakteristischen Darstellung durch das Werkel-Ensemble. […]“
Neues Wiener Tagblatt, 4. Mai 1939:
Aufgabe:
Was meinen Sie? Treffen diese Besprechungen auch auf die von Ihnen verfasste Szene zu? Welche Besprechung trifft Ihrer Meinung nach eher den Kern des „Spiels vom Chinesen, der net untergeht“?
Wiener Neueste Nachrichten
Neues Wiener Tagblatt
Wie hat Ihrer Meinung nach das „Wiener Werkel“ das Problem mit der Zensur gelöst?
NS-Parteikontakte nutzen
Laut Rudolf Weys spielten alle diese Komponenten zusammen. Er schildert dies einmal so:
„Präziser war die Situation Hitler abgeneigter Österreicher anno 1939 kaum zu markieren. Das merkte wohl auch die GESTAPO. Schon am Morgen nach der Uraufführung wurde Müller-Reitzner angerufen, das Stück sei verboten. Glücklicherweie ging der Direktor nicht in die Knie, er erreichte vielmehr, daß Gauleiter Bürckel die von ihm zugelassene zweite Vorstellung besuchte. Samt Gefolge schwer unter Alkohol gesetzt, vermochten die Herren das am Ende des Programms angesetzte „Chinesische Wunder“ wohl kaum noch in allen Details aufzunehmen, zumal die Schauspieler die gefährlichen Pointen vernuschelt unterspielten. Bürckel gab das Stück frei. (Weys 1970, 67)
Die für die Zensur zuständigen Beamten haben jedenfalls nach 1945 keine Aussagen darüber gemacht (vgl. Lang o.J., 26-48) Zum letzten Mal wurde Das chinesische Wunder am 31. August 1939 gespielt. Am Tag des Kriegsbeginns, am 1. September 1939, wurde die Nummer vom Direktor Müller-Reitzner zurückgezogen.
Alkohol für Gauleiter während der Vorstellung
Laut Rudolf Weys spielten alle diese Komponenten zusammen. Er schildert dies einmal so:
„Präziser war die Situation Hitler abgeneigter Österreicher anno 1939 kaum zu markieren. Das merkte wohl auch die GESTAPO. Schon am Morgen nach der Uraufführung wurde Müller-Reitzner angerufen, das Stück sei verboten. Glücklicherweie ging der Direktor nicht in die Knie, er erreichte vielmehr, daß Gauleiter Bürckel die von ihm zugelassene zweite Vorstellung besuchte. Samt Gefolge schwer unter Alkohol gesetzt, vermochten die Herren das am Ende des Programms angesetzte „Chinesische Wunder“ wohl kaum noch in allen Details aufzunehmen, zumal die Schauspieler die gefährlichen Pointen vernuschelt unterspielten. Bürckel gab das Stück frei. (Weys 1970, 67)
Die für die Zensur zuständigen Beamten haben jedenfalls nach 1945 keine Aussagen darüber gemacht (vgl. Lang o.J., 26-48) Zum letzten Mal wurde Das chinesische Wunder am 31. August 1939 gespielt. Am Tag des Kriegsbeginns, am 1. September 1939, wurde die Nummer vom Direktor Müller-Reitzner zurückgezogen.
Die Vorstellung für den Gauleiters wurde verstümmelt
Laut Rudolf Weys spielten alle diese Komponenten zusammen. Er schildert dies einmal so:
„Präziser war die Situation Hitler abgeneigter Österreicher anno 1939 kaum zu markieren. Das merkte wohl auch die GESTAPO. Schon am Morgen nach der Uraufführung wurde Müller-Reitzner angerufen, das Stück sei verboten. Glücklicherweie ging der Direktor nicht in die Knie, er erreichte vielmehr, daß Gauleiter Bürckel die von ihm zugelassene zweite Vorstellung besuchte. Samt Gefolge schwer unter Alkohol gesetzt, vermochten die Herren das am Ende des Programms angesetzte „Chinesische Wunder“ wohl kaum noch in allen Details aufzunehmen, zumal die Schauspieler die gefährlichen Pointen vernuschelt unterspielten. Bürckel gab das Stück frei. (Weys 1970, 67)
Die für die Zensur zuständigen Beamten haben jedenfalls nach 1945 keine Aussagen darüber gemacht (vgl. Lang o.J., 26-48) Zum letzten Mal wurde Das chinesische Wunder am 31. August 1939 gespielt. Am Tag des Kriegsbeginns, am 1. September 1939, wurde die Nummer vom Direktor Müller-Reitzner zurückgezogen.
Der Wiener Dialekt wurde dazu benutzt, gewisse Pointen unverständlich zu machen
Laut Rudolf Weys spielten alle diese Komponenten zusammen. Er schildert dies einmal so:
„Präziser war die Situation Hitler abgeneigter Österreicher anno 1939 kaum zu markieren. Das merkte wohl auch die GESTAPO. Schon am Morgen nach der Uraufführung wurde Müller-Reitzner angerufen, das Stück sei verboten. Glücklicherweie ging der Direktor nicht in die Knie, er erreichte vielmehr, daß Gauleiter Bürckel die von ihm zugelassene zweite Vorstellung besuchte. Samt Gefolge schwer unter Alkohol gesetzt, vermochten die Herren das am Ende des Programms angesetzte „Chinesische Wunder“ wohl kaum noch in allen Details aufzunehmen, zumal die Schauspieler die gefährlichen Pointen vernuschelt unterspielten. Bürckel gab das Stück frei. (Weys 1970, 67)
Die für die Zensur zuständigen Beamten haben jedenfalls nach 1945 keine Aussagen darüber gemacht (vgl. Lang o.J., 26-48) Zum letzten Mal wurde Das chinesische Wunder am 31. August 1939 gespielt. Am Tag des Kriegsbeginns, am 1. September 1939, wurde die Nummer vom Direktor Müller-Reitzner zurückgezogen.
Sind Sie mit Ihrer Szene zufrieden? Gratulation! Wenn Sie Lust haben, können Sie noch die nachlesen, wie der Preuße Wil-Li versucht seine spätere Verlobte Re-Si „aufzureißen“ – oder „anzumachen“.
Herrn Sebastian Kampels Höllenfahrt
Sebastian Kampel ist ein raunzender Wiener Kleinbürger, der allein aus nörgelndem Prinzip die neumodischen Sachen, die die „Preußen“ bringen, nicht „verkiefeln“ kann. Und statt zum Luftschutzappell zu erscheinen, liest er lieber in seinem Büchel. Zur Strafe für seine Widerborstigkeit wird er in die Hölle geführt. Die Strafe erweist sich zum Glück als Traum, Kampel ist gerettet und kann Besserung geloben. Der Mitautor Rudolf Weys meinte nach dem Krieg dazu:
„Mit dem Hinweis, in diesem Stück werde ein Miesmacher durch Höllenstrafen geläutert und in der Hölle befänden sich ausschließlich Volksschädlinge, hatte der Direktor dem Wiener Gaupropaganda-Amt das Manuskript auf den Tisch gelegt. Mit gleicher Begründung wurde die Aufführung auch genehmigt. Aber das Publikum im Cabaret achtete keineswegs auf die angebliche Läuterung, es goutierte ausschließlich die Raunzerei. […] Das Pathos des Dritten Reiches veralbert, mehr konnte keiner von einer Bühne verlangen. Ein rettender Finalesatz: „Nur a bisserl Geduld, a Bekehrung braucht halt sei Zeit …“, durfte mit dreingehen.“
Weys o. J., 202
Aufgabe:
Testen Sie nunmehr, ob die Nörgelkraft, die Sie Sebastian Kampel mitgeben, für die Höllenverschickung ausreicht. Wählen Sie im Folgenden eine der jeweiligen drei Antworten aus und zählen Sie Ihre Punkte zusammen:
Fritz Eckhardt/Franz Paul/Rudolf Weys: Herrn Sebastian Kampels Höllenfahrt. Ein wienerisches Traumspiel. Musik von J. C. Knaflitsch
Figuren: Sebastian Kampel, Wilhelm Hufnagl, Wetti, seine Frau, Rosl Dorena, Karl, sein Sohn, Karl Kalwoda jun., Charon, ein Chauffeur, Oskar Wegrostek
Erstes Bild (Wiener Bürgerstube mit Dantebüste)
Frau Kampel (deckt den Tisch, singt gedankenlos): „Nur am Rhein, da möcht ich leben, nur am Rhein geboren sein…“ Herr Kampel (rasch eintretend, verbittert): Was is? Bist narrisch wor’n? Was willst denn auf einmal am Rhein geboren sein? Frau Kampel: Aber geh, das hab i doch nur von Soldaten singen g’hört. Herr Kampel: In dein Alter hört ma keine Soldaten singen. Am Rhein …! Die Donau is auch a ganz a schöner Geburtsstrom. Und was is mit’n Nachtmahl? Und wo bleibt der Bua? Frau Kampel: Der Bub is beim Heimabend der H-Jot. Herr Kampel: Phhhh! Ha-Jot! ………………………….. Zu meiner Zeit hat ma zum Jot Je g’sagt!
Was des wieder für preußische Sachen sein!
Was soll des?
Jot, Jot, Jot!
Frau Kampel: Dir is aber wirklich gar nix recht. Jeder is freudig gestimmt, das Glück leuchtet aus aller Augen … Herr Kampel: Erzähl mir keine Leitartikel, ich hab an Hunger. Und was den Buam betrifft: ………………………….. Ohne Bildung ist der Mensch kein Mensch.
Der geht mir in letzter Zeit zuvül fort!
Heimabende finden bei mir daheim statt!
Statt die Heimabende soll er lieber was lernen!
Frau Kampel: Aber geh, Bastian, du schaust doch selber ka Büachel an! Herr Kampel: Des is‘ vorbei. Von jetzt ab bekenn ich mich stolz als Intellektueller. Da schau her, was ich mir für a Büachel kauft hab: die Divina Commedia von Dante. Weißt‘ wer der Dante is? Frau Kampel: Na. I muaß ja net ein‘ jeden kennen. Herr Kampel: Ungebildetes Weib, der da ist! (Zeigt auf die Dantebüste.) Jeden Tag staubt’s eahm ab und hat ka Ahnung, wer des is. …………………………..
Ein Parteigenosse is es jedenfalls net.
Aber den Blockwart kennst und die Obmännin von der Frauenschaft, gelt?
Der Dante is des, des siecht ein jeder.
Frau Kampel: Was haben denn die damit z’tuan? Du bist ein ewiger Meckerer! Herr Kampel: Was hast g’sagt? Meckerer? Das verbitt‘ ich mir! Ich bin ein eben so guter Nationalsozialist wie irgendein anderer, wie der Wewerka zum Beispiel. Ich hab schon im zweiundzwanzger Jahr mit ihnen sympathisiert, aber das Recht der freien Meinungsäußerung laß i ma so wenig beschneiden wie was anderes. Was gibt’s denn zum Essen? Frau Kampel: Fischfilet mit Kartoffelsalat. Herr Kampel: Aha! Eßt Nordseefisch! …………………………..
Des hob i schon g'fressen!
Aber den Blockwart kennst und die Obmännin von der Frauenschaft, gelt?
Der Dante is des, des siecht ein jeder.
Karli (eintretend): Heil Hitler, Mutti! Gu’n Abend Papa! Frau Kampel: Heil Hitler, Karli! Herr Kampel: Was is‘? Zu dir sagt der Bua Heil Hitler und zu mir sagt er Gu’n Abend? Ich komm‘ ma ja direkt ausg’stoßn vor. Schaut’s Ihr mich vielleicht als Staatsfeind Nr. 1 an? (Frau Kampel ab in die Küche.) Wo warst denn so lang? Karli: Dienst g’habt. Papa, kaufst mir ein Fahrtenmesser? Herr Kampel: A Fahrtenmesser? Zu was denn? Hast doch eh das Federmesserl vom Edi Onkel! Karli: Aber ein Fahrtenmesser … Herr Kampel: Du brauchst keins! Wann’s d’willst, kannst mit mein‘ Taschenfeitl fahren. (Frau Kampel tritt ein.) Frau Kampel: Mahlzeit! (Stellt das Essen auf den Tisch.) Herr Kampel: Mahlzeit! A Fahrtenmesser! Hunderte Generationen Kinder san ohne Fahrtenmesser auskommen, ………………………….. (Ißt) Fixlaudon, a Gräten! Wo kommt denn die her?
nur mein Herr Sohn is was Besseres!!
aber des soll wohl die neue Generation sein!!
aber der Kampel-Karli braucht a Fahrtenmesser!!
Frau Kampel: Wahrscheinlich vom Fisch. Herr Kampel: Minderwertig, alles minderwertig. Na, das kann ja noch guat wer’n. Werd’s sehg’n, im Fruahjahr wird’s keine Ananas [= damalige Bezeichnung für Erdbeeren] geb’n. Frau Kampel: Warum soll’s denn keine Ananas geben? Herr Kampel: Erstens weil’s rot san, …………………………..
und zweitens weil man des Braune wegschneid't.
und wahrscheinlich machen's auch aus die Ananas Zellwolle, die Preußen.
und außerdem und überhaupt.
Frau Kampel: Was hast denn allerweil gegen die Preußen? Herr Kampel: Gar nix! Aber natürlich, für dich is a jeder Preuß a Lohengrin mit an Fahrtenmesser! Frau Kampel: Wieso Lohengrin? Für mich is a Preuß a Deutscher wie jeder andere. Herr Kampel: Keine Spur von Individualität! Dir genügt a Fahrtenmesser und a Schwan und deiner Mutter der Blockwart! (Wild.) Aber i will Ananas!! Das is‘ eben der Zusammenprall zweier Weltanschauungen: Hie Schwan -, hie Ananas! (Spuckt.) Und der Fisch is‘ auch noch voller Gräten! […]
Weys o.J., 191f.
Auswertung
11 bis 19 Punkte
20 bis 34 Punkte
34 bis 60 Punkte
Und dies ist das Ende für Kampel:
[…] Stimmen: Die Hölle wird dich auf gleich bringen! Kampel: Na! Net auf gleich bringen! I will mi ja bessern, i will … (Es wird hell. Zimmer wie zu Beginn. Kampel fällt vom Sofa.) Frau Kampel (steht bei ihm): Aber Bastian, was hast denn? Kampel: Weiche von mir, Satanas! Gebt’s des Messer weg! Frau Kampel: Bist narrisch? Was für ein Messer? Kampel: Das Fahrtenmesser! I will net aufg’schnitten wer’n! Frau Kampel: Was redst denn für ein‘ Blödsinn? Kampel: Du verstehst das net. Ich war ja in der Höll‘! Ich bin Dante der Zweite! I derf net mehr miesmachen, net mehr besser wissen … Frau Kampel: Net mehr auf den Wewerka schimpfen! Kampel: Ah, des schon! Der bleibt auch weiterhin ein Niemand … (Donner) Verzeihung, war nur a kleiner Rückfall, Verzeihung! Der Bua kriegt sei Fahrtenmesser und die Frauenschaft zwanzig Mark. Oder na, sag ma zehne … (Donner) Also guat, zwanzig! Nur a bisserl Geduld, a Bekehrung braucht halt sei Zeit! (Vorhang)
Weys o. J., 201
An zwei ganz unterschiedliche Dramen erinnert die Kampel’sche Szenerie:
Erstens an das Stück „Der Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses. Darin herrscht eine ganz ähnliche Familienkonstellation: Der Sohn schließt sich der NSDAP an, die Frau ist für den Nazi-Schnickschnack empfänglich und der Hausherr schimpft auf die Preußen. Allerdings haben Becher/Preses ihren „Bockerer“ differenzierter gestaltet, ihn mit Witz, mit Prinzipien, teilweise sogar mit Reflexion ausgestattet. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass der „Bockerer“ im englischen Exil entstand und aufgeführt wurde und somit nicht durch Zensur eingeengt war.
Aufgabe:
Lesen Sie hier einen Ausschnitt nach.
Zweitens erinnert die Familienkonstellation an die Szene „Der Spitzel“ in Bertolt Brechts Szenenfolge „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ (entstanden 1935 bis 1938 im dänischen Exil). Darin äußert sich ein Studienrat abfällig über die neuen Machthaber. Als er und seine Frau bemerken, dass ihr Sohn, ein Schuljunge, ihr Gespräch mitbekommen hat, haben sie solche Angst vor seiner Denunziation, dass der Vater überzeugt ist, tatsächlich in die Hölle zu kommen: Er packt seinen Koffer für die Abholung ins Konzentrationslager. Er hat aber Glück, sein Sohn zeigt ihn nicht an, und der Studienrat ist vor der KZ-Hölle gerettet.
Parallelen zu Kampels Höllenfahrt sind insofern festzustellen, als der Studienrat die Nationalsozialisten – ebenso wie Kampel – nicht aus einer antifaschistischen Haltung heraus ablehnt, sondern aus kleinbürgerlicher Politikverdrossenheit. Seine Frau dagegen scheint für viele Maßnahmen der Nationalsozialisten gegenüber empfänglich.
Aufgabe:
Lesen Sie hier einen Ausschnitt nach.
Der Wiener Januskopf
„Die aber, die das „Raunzen“ noch nicht verlernt haben, zählen nicht.“
Westfälische Landeszeitung, 30. Jänner 1939, über negatives Verhalten von Wienern
Im Mai 1939 fiel der Gestapo ein Flugblatt in die Hände, das für eine „unabhängige österreichische Republik“ warb und die Frage stellte:
„Von einer Weltstadt zur preußischen Provinz? Wiener! Seid ihr mit dieser Entwürdigung Eurer Stadt einverstanden?“
Im Mai 1939 fiel der Gestapo ein Flugblatt der damals illegalen Komunistischen Partei Österreichs (KPÖ) in die Hände, das für eine "Unabhängige Österreichische Republik" warb. Quelle: Lauber, Wolfgang: Wien. Ein Stadtführer durch den Widerstand 1943-1945. Wien: Böhlau 1987, S. 98.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Der Streuzettel stammte von der damals natürlich illegalen Kommunistische Partei Österreichs (KPÖ). Manche mag heute verwundern, dass die KPÖ mit dieser Parole gegen die Nationalsozialisten agitierte. Es war jedoch ein Kommunist, der schon vor dem „Anschluss“ die eigenständige nationale Entwicklung Österreichs gegenüber Deutschland untersuchte. Alfred Klahr (1904-1944) versuchte mit seiner vorwiegend historischen Untersuchung „Zur nationalen Frage in Österreich“ die „eigene staatliche, ökonomische Entwicklung der deutschen Österreicher“ aufzuzeigen. (vgl. Klahr 1937, 173-181)
Im 5. Programm des Wiener Werkel waren „die Preußen“ zwar noch immer in Wien, aber von der Kabarett-Bühne verschwunden. Der Widerpart des Wieners musste nicht mehr eigens benannt werden. Es sollte vielmehr das Raunzertum des Wieners, seine ewige Unzufriedenheit mit allem und jedem aktiviert werden gegen diesen Widerpart. Damit dies gelinge, musste das Raunzer- und Nörglertum die Jasager-Seite des Wieners, seine Untertanenmentalität, seine Obrigkeitsgläubigkeit und Staatshörigkeit überwuchern. Lesen Sie dazu von Rudolf Weys „Der Wiener Januskopf“.
Der Text enthält verschiedene Anspielungen. Zum Beispiel ist der Satz „Da halten s‘ ma d‘ Gmüatlichkeit vor“ eine Anspielung auf Hermann Görings Ausspruch in einer in Wien gehaltenen Rede: „Gemütlichkeit bei der Arbeit ist Faulheit.“
Die Phrase „mit null zu neu“ spielt auf den Fußballklub Admira an, der gegen Schalke 0:9 verlor.
Aufgabe:
Stadt der Bewegung
Stadt des Aufbruchs
Stadt der Volkserhebung
Richtig. Hitler gab Graz den Titel „Stadt der Volkserhebung“. Denn schon am 19. Februar 1938, also drei Wochen vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, waren 15.000 Grazer vor das Rathaus gezogen und hatten den Bürgermeister veranlasst, Hakenkreuzfahnen zu hissen.
Hitler sprach am 29. 05. 1942 von der ungeheuren Aufgabe, „Graz so auszubauen, daß seiner von jeher nicht so sehr für Wien begeisterten Bevölkerung in kultureller Hinsicht der Rücken gestärkt werde.“ (vgl. Picker 1965, 377; zit. nach Stadler 1978, 17)
Aufgabe:
Hitler erklärte am 13. März 1938 unter dem Eindruck seines Empfanges in Linz die Stadt zu seiner Patenstadt. Linz sollte Kulturmetropole und Industriezentrum werden. Er erhob Linz wie Hamburg, Berlin, Nürnberg und München zur …
Führerstadt
Linz wurde zur „Führerstadt“ erhoben. Neben Wohnungen sollten am Donauufer ein Kulturzentrum mit Theater, eine Konzerthalle, ein Opern- und Operettenhaus und die größte Gemälde- und Kunstgalerie der Welt mit Museum und Bibliothek entstehen, weiters mehrere Brücken über die Donau und ein Bismarckdemkmal. Auch sein Grabmal wollte Hitler hier errichten. Nur wenige dieser Pläne, wie die „Nibelungenbrücke“, wurden umgesetzt. Mit der Gründung der Hermann-Göring-Werke wurde Linz aber zu einem der größten Industriestandorte. (vgl. Benz 1997, 570)
Diese Unternehmungen Hitlers waren auch gegen Wien gerichtet. Am 29. Mai 1942 spricht Hitler von der ungeheuren Aufgabe „Wiens Vormachtstellung auf kulturellem Gebiet in den Alpen- und Donaugauen zu brechen und ihm einmal in Linz eine Konkurrenz erstehen zu lassen und zum anderen Graz so auszubauen, daß seiner von jeher nicht so sehr für Wien begeisterten Bevölkerung in kultureller Hinsicht der Rücken gestärkt werde.“ (vgl. Picker 1965, 377; zit. nach Stadler 1978, 17)
Stadt der Bewegung
Stadt der Neuen Zeit
Laut Aussage des Gauleiters und Reichsstatthalters von Wien Baldur von Schirach hat Hitler „…Wien niemals geliebt. Er hat die Wiener Bevölkerung gehaßt.“ (Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof Nurnberg (IMT), Nürnberg 1947-79, Bd. 14, 473; zit. nach: Stadler 1978, 16)
Aufgabe:
Worauf ist diese Abneigung Hitlers gegen Wien zurückzuführen?
Hitler wollte sich damit von seinen "Wiener Jahren" freimachen
Er sah in Wien ein "Rassenkonglomerat"
Er sah in Wien vor 1938 das Zentrum des Widerstands gegen seine Okkupationspläne
Er wollte mit der Erniedrigung Wiens eine Erhöhung Berlins befördern
Und inwieweit stimmt das Selbstbildnis, das das „Wiener Werkel“ vom Wiener gezeichnet hat, mit dem Bild, das sich die Nationalsozialisten über „die Wiener“ gemacht haben, überein?
Der Führer
Hitler sieht die Wiener als Murkser.
„Nach Wien habe damals, um die Auflösung Österreichs in seine Reichländer […] und deren Rückgliederung ins Reich durchzuführen, ein Mann wie Bürckel gemußt, der selbst auf die Gefahr, sich unbeliebt zu machen, mit radikaler Konsequenz und nicht mit Wiener Gemurksel ans Werk gegangen sei.“ (20. 5. 1942) (Picker 1956, 377; zit. nach Stadler 1978, 19)
Der Minister für Propaganda und Volksaufklärung
Wie weit die Nazis selbst geglaubt haben, auch an diesem Wiener Querulantentum zerbrochen zu sein, zeigt die Tagebucheintragung von Joseph Goebbels vom 9. April 1945 zu Wien:
„Die Wiener Vorstädte haben zum großen Teil die Waffen zugunsten der Roten Armee erhoben, wodurch natürlich in Wien ziemlich desolate Zustände entstanden sind. Das haben wir von dem sogenannten Wiener Humor, der bei uns in Presse und Rundfunk sehr gegen meinen Willen immer verniedlicht und verherrlicht worden ist.“ (Goebbels 1977, 526)
Die Zeitung
Die NS-Presse sieht noch immer Raunzer: „Die aber, die das „Raunzen“ noch nicht verlernt haben, zählen nicht in der großen Front der Schaffenden in der Ostmark. Daß zwischen Lohn-Stopp und Preis-Stopp trotz aller angestrengten Bemühungen hie und da noch unerfreuliche Differenzen bestehen, daß die Angleichung der Gehälter nicht bis ins kleinste und letzte bereits durchgeführt werden konnte, daß es eine Reihe wirtschaftlicher Schwierigkeiten noch zu beseitigen gibt, – das hat den Aufstieg des gesamten politischen und wirtschaftlichen Lebens in der Ostmark nicht gehemmt. …“ (Westfälische Landeszeitung, 30. Jänner 1939; zit. nach Stadler 1978, 21)
Und wieso hat Goebbels nach all diesen Vorwürfen diese Nummer nicht verbieten lassen? Oder ließ er sie doch verbieten?
Ja, er ließ sie verbieten
Richtig. Goebbels ließ diese Nummer verbieten. Während eines Aufenthaltes in Wien untersagte Goebbels neben der Szenenfolge „Ein Mann kehrt heim nach Ithaka“ von Christl Räntz ausdrücklich den „Januskopf“.
Der „Januskopf“ wurde dann durch die harmlose Nummer „Die Kellnerprüfung oder Eine Schale Nußgold“ ersetzt.
Nein, er ließ sie nicht verbieten
Falsch. Goebbels ließ diese Nummer verbieten. Während eines Aufenthaltes in Wien untersagte er neben der Szenenfolge „Ein Mann kehrt heim nach Ithaka“ von Christl Räntz ausdrücklich den „Januskopf“.
Der „Januskopf“ wurde dann durch die harmlose Nummer „Die Kellnerprüfung oder Eine Schale Nußgold“ ersetzt.
Aufgabe:
Der Optimist und der Nörgler sind zwei Figuren in Karl Kraus‘ Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Sie treten wie der Optimist und der Raunzer immer zu zweit auf und resümieren über die Geschehnisse. Lesen Sie einige der Auftritte nach.
Wechseln Sie wieder ins ARBEITSBLATT und beantworten Sie dort die entsprechenden Fragen zu Karl Kraus (Frage 2.). Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Wie sich die „Wiener Werkel“-Macher den Wiener ohne die raunzerische Seite vorgestellt haben, zeigt dann das 8. Programm: Der Optimist wird vom Ja-Sager (als der er zu Beginn im „Januskopf“ auftritt) zum übereifrigen Erfüllungsgehilfen des Nationalsozialismus – er wird zum losgelassenen Spießer. Die Botschaft bleibt dieselbe. Preußische Zackigkeit passt nicht zur Wiener Gemütlichkeit. Der Wiener macht sich dabei nur lächerlich.
Aufgabe:
Lesen Sie die Szene „Der losgelassene Spießer“:
Gefährlich konnte es allerdings werden, wenn sich (NS-)Brutalität und österreichische Gemütlichkeit mischten, wie etliche österreichische NS-Karrieren im Rahmen der Vernichtungsmaschinerie zeigen. Der österreichische Schriftsteller und Feuilletonist Alfred Polgar hat darauf schon 1944 in seinem Aufsatz „Der Unterschied (zum Thema Österreich)“ verwiesen:
„Der Österreicher, wenn er betrunken war, wollte die ganze Welt umarmen; der germanische Bruder, im gleichen Fall, sie kurz und klein schlagen. Im März 1938 allerdings und in den Jahren der Vorbereitung zu diesem tragischen Wendepunkt ihres Schicksals haben Österreicher eindruckvollst bewiesen, daß sie Bestien sein können. Zu ihren Schändlichkeiten, an den Juden verübt, mußten die österreichischen Nazi nicht erst kommandiert werden; sie begingen sie aus blankem Spaß an der Sache, mit einer Art von sportlichem Ehrgeiz, in ihr Originelles zu leisten, und zeigten schöpferische Phantasie in der Verschmelzung von Brutalität und Gemütlichkeit. Sie waren keine finsteren Quäler, mißhandelten ihre Opfer nicht mit dem vorerwähnten tierischen Ernst, sondern mit jener Spielart einheimischen Humors, die ‚Hamur‘ ausgesprochen wird und so grausig ist wie ihr Name.“
Polgar 1982, 205-209
Planwirtschaft: Um die Wirtschaft „in vier Jahren kriegsfähig“ zu machen, wurde 1936 der (zweite) Vierjahresplan eingerichtet. Er war eine aufwendige bürokratische Institution im Rang einer Obersten Reichsbehörde. Beauftragter für den Jahresplan wurde Hermann Göring.
U. v. D.: Militärsprache: Unteroffizier vom Dienst
K. d. F.: „Die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘, eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, war die massenwirksamste und wohl auch populärste Organisation des NS-Regimes. Im Rahmen ihrer Aktivitäten bot sie ein umfangreiches kulturelles und touristisches Freizeitprogramm, das von Theateraufführungen und Konzerten über Kunstausstellungen und Vorträge bis zu Tages-, Wochenend- und Ferienreisen in Deutschland und in verschiedene Länder des europäischen Auslands reichte.“ (Benz, Graml, Weiß 1997, 550)
Spieß: Militärsprache: Feldwebel
Aufgabe:
Haben Sie „Der losgelassene Spießer“ gelesen? Wechseln Sie nun wieder in das ARBEITSBLATT und versuchen Sie, eine weitere Strophe, die die Militarisierung und NS-Gleichschaltung der Familie(nmitglieder) zeigt, zu verfassen. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Apropos Wien: Manchmal schien der NS-Bürokratie der Name „Wien“ immerhin besser als der Name „Österreich“.
Aufgabe:
Daher sollte der Name der Hauptstadt in folgendem Namen zum Einsatz kommen: