Exil Praxisfelder 10.) Exil und Kanon
Herbert Staud

Anthologie

Lernen Sie einige Anthologien kennen, analysieren Sie Ihre Auswahlkriterien, bewerten Sie eine Anthologie und stellen Sie selber eine Anthologie zusammen.

Aufgabe:

Was ist eine Anthologie?

ein Handbuch
Ein Handbuch nennt man Kompendium.
Eine Anthologie (gr. Blütenlese) ist eine Sammlung von unter bestimmten Gesichtspunkten ausgewählten Texten, z. B. eine charakteristische Auswahl von Texten (Gedichten, Prosastücken u. ä.) eines Schriftstellers, einer Epoche, einer Gattung, einer Region usf.
Eine Anthologie ist keine Literaturgeschichte, es gibt aber Anthologien, die nach literaturgeschichtlichen Gesichtspunkten ausgerichtet sind.

„Was alles gehört in eine Sammlung österreichischer Gegenwartsliteratur?“ fragt der österreichische Gegenwartsautor Erich Hackl in einer in der Zeitung „Die Presse“ veröffentlichten Rezension und schließt die für jede/n Herausgeber/in einer Anthologie die noch viel quälendere Frage an: „Und was muss draußen bleiben?“

Ulrich Weinzierl leitet eine von ihm herausgegebene Lyriksammlung – „Noch ist das Lied nicht aus. Österreichische Poesie aus neun Jahrhunderten“ – mit dem Bekenntnis ein: „Wir haben Probleme – und zwar beträchtlichere als bei vergleichbaren Projekten. Da? jede Auswahl subjektiv und daher anfechtbar ist, versteht sich ja von selbst.“ (Vorwort, 5) „Gewiss fehlt hier vieles, das meiste fehlt jedoch bewußt“, muss er schließlich gestehen, und bevor er auf seine positiven Auswahlkriterien zu sprechen kommt, bespricht er über eine Seite lang jene Kriterien, die Texte für diesen Band aufnahme-unwürdig gemacht haben. Zuerst erfahren wir Leser/innen also, was wir nicht zu lesen bekommen werden.

Diese Einführung von Ulrich Weinzierl dient letztlich auch dazu, mögliche Kritik von vornherein abzuwehren. Schließlich wollen Rezensenten einer Anthologie oft zeigen, an welche Texte sie noch gedacht hätten.

Kehren wir zur Rezension von Erich Hackl zurück: Er benützt seine Rezension anders als manch anderer Rezensent nicht dazu zu zeigen, wie belesen er ist, sondern kontrastiert den Anspruch der Herausgeberin einer Anthologie zur österreichischen Literatur mit den von ihr erkorenen Texten.

Aufgabe:

Lesen sie im Folgenden aufmerksam die Rezension von Erich Hackl und beantworten Sie im Anschluss daran einige Fragen.

Aufgabe:

Was sind die in der Rezension kursiv gedruckten Sätze?

Zitate aus dem Vorwort
Die kursiv geschriebenen (Teil-)Sätze sind Zitate aus dem Vorwort der Herausgeberin, an denen Hackl seine Kritik festmacht.
Nein, Hackl bezieht sich ja auf die Herausgeberin und ihre Leistung.

Durch welche Stilmittel wird die Rezension von Erich Hackl zur Polemik? Lesen Sie zunächst die folgenden Zitate.

„… hat der Residenz Verlag in aller Eile österreichische Pässe besorgt.“

„ich schwör’s“

„Zu wenig streitbar, nichts Aufrührerisches in den morschen Knochen, keine Spur hinterlassen, nichts in der Welt aus der Ordnung gebracht.“

„nicht schräg, sondern quergedacht“

„Lesenswert, die Lücken“

„Als wär’s ein Stück aus Hietzing“

„Dienstherrenprosa“

„Das Schräge bei …“, „Das Schräge und“, „… und das Schräge“, „100 schräge …“, „Ein schräges Wochenende …“

„Mensch Fred, …“

„Interessant“

Aufgabe:

Ordnen Sie den verschiedenen Stilmitteln die richtigen Zitate aus der Rezension zu:

Paradoxa
„Lesenswert, die Lücken“
„nicht schräg, sondern quergedacht“
„Zu wenig streitbar, nichts Aufrührerisches in den morschen Knochen, keine Spur hinterlassen, nichts in der Welt aus der Ordnung gebracht.“
„ich schwör’s“
„… hat der Residenz Verlag in aller Eile österreichische Pässe besorgt.“
„Als wär’s ein Stück aus Hietzing“
„Dienstherrenprosa“
„Das Schräge bei…“, „Das Schräge und“, „…und das Schräge“, „100 schräge …“, „Ein schräges Wochenende …“
„Mensch Fred, …“
„Interessant“

Welches sind für Erich Hackl die wesentlichen Kritikpunkte an der besprochenen Anthologie?

Die Auswahlkriterien
Ärgerlich empfindet Hackl die Ausbeutung des Renommees österreichischer Literatur für eine Mogelpackung, die Neues vorgibt, aber das altbekannte Literaturpaket darstellt. Die (Kapital-) Verwertung altbekannter Autor/inn/en bzw. Texte, deren Rechte der Verlag, in dem die besprochene Sammlung erschien, größtenteils besitzt, ist laut Hackl das eigentliche Ziel des besprochenen Bandes – auf wirklich Neues (und sei dieses auch schon älter) wollte sich der Verlag anscheinend nicht einlassen.
Hackl stößt sich auch an der Sprache des Vorwortes. Denn die Lobpreisungen der Herausgeberin werden eingekleidet in „Newspeak“ der Werbeästhetik und der so genannten fun generation: Die versammelten Texte böten Schräges (echt abgefahren!), versprächen Risiko (no risk – no fun!), lieferten das Neue (jetzt neu!).
Für Hackl scheitert das Konzept der Herausgeberin aus mehreren Gründen, in erster Linie dadurch, dass ein Klischeebild der Literatur, insbesondere der österreichischen Literatur, bedient wird: Literatur sei unbequem, Literatur sei streitbar und kämpferisch, Literatur leide an der Heimat etc. – und die österreichische tue dies alles in noch viel größerem Ausmaß.
Im Gegenteil – für Hackl spiegeln die ausgewählten Texte die Vielfalt österreichischer Literatur viel zu wenig bis gar nicht wider. Ausgeblendet werden für ihn alle Texte, die tatsächlich mit Widerstand, mit brüchiger Liebe zu Österreich, mit ausgegrenzter Literatur zu tun haben.

Wie viele von den 21 in der Rezension genannten Autor/inn/en kennen Sie? Und von wie viel von ihnen haben Sie schon etwas gelesen?

Aufgabe:

Nun bitten wir Sie, zwei größere Arbeitsaufgaben durchzuführen. Wir nennen Sie „Portfolio-Arbeit“ und „Anthologie-Arbeit“. Öffnen Sie zu diesem Zweck in unser ARBEITSBLATT und beantworten Sie dort die Fragen: 1. Portfolio-Arbeit (Fragen 1.1. bis 1.8.) und 2. Anthologie-Arbeit (Fragen 2.1. bis 2.3.). Im Arbeitsblatt finden Sie weitere Anleitungen. Wenn Sie Ihre Fragen beantwortet und Ihre Eintragungen gemacht haben, dann speichern Sie Ihr Arbeitsblatt auf Ihrem PC oder auf Diskette.

Anhang

Werkverzeichnis

    Forschungsliteratur

    • Brandstetter, Alois (Hg.) - Heiteres aus Österreich. Von Artmann bis Zeemann
    • Brandstetter, Alois (Hg.) - Österreichische Erzählungen des 20. Jahrhunderts
    • Eisendle, Helmut (Hg.) - Österreich lesen. Texte von Artmann bis Zeemann
    • Ernst, Gustav; Wagenbach, Klaus (Hg.) - Literatur in Österreich. Rot ich weiß Rot
    • Fliedl, Konstanze (Hg.) - Österreichische Erzählerinnen. Prosa seit 1945
    • Gumpelmayr, Heinz (Hg.) - Reise Textbuch Wien. Ein literarischer Begleiter auf den Wegen durch die Stadt
    • Hackl, Erich (Hg.) - Wien, Wien allein. Literarische Nahaufnahmen
    • Jung, Jochen (Hg.) - Glückliches Österreich. Literarische Besichtigung eines Vaterlandes
    • Jung, Jochen (Hg.) - Reden an Österreich. Schriftsteller ergreifen das Wort
    • Laemmle, Peter; Drews Jörg (Hg.) - Wie die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern. Texte, Porträts, Analysen und Dokumente junger österreichischer Autoren
    • Meiser, Hans Christian (Hg.) - Leselust Österreich
    • Nachbaur, Petra; Scheichl, Sigurd Paul - Literatur über Literatur. Eine österreichische Anthologie
    • Neumann, Petra - Österreichische Erzähler der Gegenwart
    • Neuwirth, Barbara (Hg.) - Schriftstellerinnen sehen ihr Land. Österreich aus dem Blick seiner Autorinnen
    • ohne Autor - Das große Österreich Lesebuch
    • ohne Autor - Die schönsten Erzählungen aus Österreich. Hausbuch unvergänglicher Prosa
    • ohne Autor - Österreich erzählt. 27 Erzählungen
    • ohne Autor - querlandein. Schriftsteller stellen Texte von Schriftstellern vor. Aus Österreich
    • ohne Autor - Wien erzählt. 25 Erzählungen
    • Ohrlinger, Herbert (Hg.) - Die Luft zwischen den Zeilen. Ein österreichisches Lesebuch
    • Reichensperger, Richard (Hg.) - Vorfreude Wien. Literarische Warnungen 1945-1995
    • Scharang, Michael (Hg.) - Geschichten aus der Geschichte Österreichs 1945-1983
    • Schmid, Sigrid - Die bessere Hälfte - Österreichische Literatur von Frauen seit 1848
    • Schmid, Sigrid; Schnedl, Hanna - Totgeschwiegen. Texte zur Situation der Frau von 1880 bis in die Zwischenkriegszeit
    • Schondorff, Joachim (Hg.) - Zeit und Ewigkeit. 1000 Jahre österreichische Lyrik
    • Trilse, Christoph (Hg.) - Österreichische Dramen
    • Vogler, Hannes; Matzka Manfred (Hg.) - Ätzwerk. Patriot-weiß-rote Satire
    • Wallas, Armin A. (Hg.) - Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde
    • Walter, Ilse - Heiteres Österreich. Die schönsten humoristischen Geschichten und Gedichte
    • Weinzierl, Ulrich (Hg.) - Lächelnd über seine Bestatter: Österreich. Österreichisches Lesebuch von 1900 bis heute
    • Weinzierl, Ulrich (Hg.) - Noch ist das Lied nicht aus. Österreichische Poesie aus neun Jahrhunderten
    • Weinzierl, Ulrich (Hg.) - Österreichs Fall. Schriftsteller berichten vom Anschluß
    • Weinzierl, Ulrich (Hg.) - Versuchsstationen des Weltuntergangs. Erzählte Geschichte Österreichs 1918-1938
    • Weiss, Walter; Schmid, Sigrid (Hg.) - Zwischenbilanz. Eine Anthologie österreichischer Gegenwartsliteratur
    • West, Arthur (Hg.) - Linkes Wort für Österreich. Ein literarisches Mosaik
    • Wintersberger, Astrid (Hg.) - Manche Künstler sind Dichter - 88 zündende Beispiele aus Österreich
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