Das Trauma des Exils und die Orte des Traumas
Durch ihre langjährige Arbeit mit Exilant/inn/en und Immigrant/inn/en haben die Psychoanalytiker León und Rebeca Grinberg festgestellt, dass Migration und Exil potentiell traumatische Auswirkungen haben können. In ihrem Buch „Psychoanalyse der Migration und des Exils“ stellen sie fest:
„Die Migration ist eben keine isolierte traumatische Erfahrung, die sich im Moment der Trennung, der Abreise vom Herkunftsort oder im Moment der Ankunft im neuen, unbekannten Ort, wo sich das Individuum niederlassen wird, ereignet.“
Grinberg 1989, 11
Die Grinbergs ordnen die traumatischen Erlebnisse des Exils und der Migration „in die so genannten Kategorien der ‚akkumulativen‘ und ‚Spannungs‘-Traumatismen“ ein, „was zwar nicht immer von lärmenden oder sichtbaren Reaktionen, aber doch von tiefen und dauerhaften Auswirkungen begleitet wird“ (Grinberg 1989, 11). Als Folge des Exils könne „die Integrität des Subjekts“ bedroht werden (Grinberg 1989, 10). Sie argumentieren:
„Die Migration stellt eine Veränderung von solchem Ausmaß dar, daß die Identität dabei nicht nur hervorgehoben, sondern auch gefährdet wird. Der massive Verlust erfaßt die bedeutsamsten und wertvollsten Objekte: Menschen, Dinge, Orte, Sprache, Kultur, Gebräuche, Klima, manchmal den Beruf, gesellschaftliche beziehungsweise ökonomische Stellung usw. An jedem dieser Objekte haften Erinnerungen und intensive Gefühle. Mit dem Verlust dieser Objekte sind die Beziehungen zu ihnen und manche Anteile des Selbst ebenfalls vom Verlust bedroht.“
Grinberg 1989, 28
Aufgabe:
Öffnen Sie nun unser ARBEITSBLATT, um einige Fragen zu beantworten. Im Arbeitsblatt finden Sie weitere Anleitungen. Wenn Sie Ihre Fragen beantwortet und Ihre Eintragungen gemacht haben, dann speichern Sie Ihr Arbeitsblatt auf Ihrem PC oder auf Diskette, um es für weitere Fragen im Zuge dieses Praxisfeldes neuerlich aufrufen und bearbeiten zu können.
Wiederbegegnungen mit der ehemaligen "Heimat"
Nur ganz wenige der um rund 130.000 geschätzten jüdisch-österreichischen Exilant/inn/en kehrten nach 1945 nach Österreich zurück. Die Schätzungen liegen zwischen 4.500 und 15.000. Auf jeden Fall war die Rückkehr in die Heimat nicht leicht, auch wenn die Zurückkehrenden auf die Wiedergewinnung ihrer Heimat und ihres Selbst hofften. Einige verfassten ihre Lebensgeschichten, u. a.: der Schriftsteller Ernst Lothar („Das Wunder des Überlebens“, 1960), der Diplomat Hans J. Thalberg („Von der Kunst, Österreicher zu sein“, 1984), die Sozialdemokratin Stella Klein-Löw („Erinnerungen: Erlebtes und Gedachtes“, 1980), die Mutter und Hausfrau Franziska Tausig („Shanghai Passage“, 1987), die Schriftstellerin Hilde Spiel („Die hellen und die finsteren Zeiten, 1989 und „Welche Welt ist meine Welt?“, 1990), die Schriftstellerin Elisabeth Freundlich („Die fahrenden Jahre“, 1992), und die Pädagogin Minna Lachs („Warum schaust du zurück?“, 1986, „Zwischen zwei Welten“, 1992).
Die genannten Autor/inn/en kehrten alle zwischen 1945 und 1950 nach Österreich zurück, auch wenn sich Hilde Spiel erst um 1963 endgültig in Österreich niederließ.
Aufgabe:
Lesen Sie nun folgende Ausschnitte aus einer Auswahl der Memoiren, bevor Sie gebeten werden, in unserem ARBEITSBLATT einige Fragen zu beantworten.
Ernst Lothar
In „Das Wunder des Überlebens“ schildert Ernst Lothar (1890-1974) die überwältigenden Gefühle seiner Wiederbegegnung mit seinem geliebten Salzburg:
Quelle: Jacqueline Vansant: Reclaiming Heimat. Trauma and Mourning in Memoirs by Jewish Austrian Reémigrés. Detroit: Wayne State University Press 2001, S. 19 (Foto vom Paul Zsolnay Verlag zur Verfügung gestellt). Mit freundlicher Genehmigung des Paul Zsolnay-Verlages, Wien, www.zsolnay.at
MalerIn/FotografIn: unbekannt
„Beim Einfahren standen der Gaisberg, der Untersberg, die Hohensalzburg, die Türme und Kuppeln der Kirchen klar und herrlich gegen den Himmel. Jäh verschwand der Zwiespalt der Empfindungen, es zählte nicht, was sich der Wiedersehenslust entgegenwarf – die Wunder des Zurückgekehrtseins und des Überlebens geschahen wunderbarer, als man an sie geglaubt hatte. Im sacht ergrauten Licht zeichnete er sich ab, der stolz bescheidene Untersberg […]; der waldige Gaisberg, lächerlich unscheinbar, gemessen an den Waldbergen von Maine, doch zauberischer als die geheimnislosen; ohne Drohung zackte die Hohensalzburg, die lieblichste der Festungen, sich empor; Kirchenuhren schlugen die neunte Stunde und Glocken läuteten mit einer Harmonie, die es sonst nirgends gab, weil sie Mozart hieß. Dass auf unserer Fluchtfahrt auch hier Spruchbänder des Hasses hingen, läuteten sie hinweg.“
Ernst Lothar: Das Wunder des Überlebens 1960, 288
In seinen Memoiren „Von der Kunst, Österreicher zu sein“ beschreibt Hans J. Thalberg (* 1916) seine Beziehung zu seiner Heimatstadt Wien nach seiner Rückkehr aus dem Exil:
„Was ist eine Stadt? Eine von Menschenhand geschaffene Landschaft von Steinbauten, Verkehrswegen und einigen Grünflächen. Städte gewinnen erst Leben, wenn man sie mit Menschen verknüpfen kann. Sonst werden sie zu toten Steinhaufen, die einen Grabgeruch an sich tragen. So erschien mir Wien im Jahre 1945. Alle die Menschen, die ich gekannt und geliebt hatte, mit denen ich verwandtschaflich oder freundschaftlich verbunden gewesen war, waren verschwunden: emigriert oder vergast. Jede Straßenecke, jede Parkbank in jener Gegend Wiens, in der ich gelebt hatte und die ich nun wieder aufsuchte, sprachen mir von dem Grauen der Vergangenheit. […] Meine Geburtsstadt, ja. Meine Heimatstadt? Zu tief war der Graben, der mich von den Menschen trennte.“
Hans J. Thalberg: Von der Kunst, Österreicher zu sein, 152 f.
Stella Klein-Löw
Die Sozialdemokratin Stella Klein-Löw (1904-1986) reagiert auf das Nachkriegswien folgendermaßen:
Quelle: Jacqueline Vansant: Reclaiming Heimat. Trauma and Mourning in Memoirs by Jewish Austrian Reémigrés. Detroit: Wayne State University Press 2001, S. 21 (Foto Robert Hutterer). Foto vom Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung zur Verfügung gestellt. Mit freundlicher Genehmigung von Robert Hutterer.
MalerIn/FotografIn: Robert Hutterer
„Der Westbahnhof in Wien: Lärm und Bewegung, Baracken, Unordnung, Chaos. Die Straßen: alle bekannt – alle fremd. Schwarze, augenlose Ruinen, verdorrte Bäume, tiefe Löcher, über die man holperte und stolperte. Langsam wich die Starre einem Gefühl der Empörung, des Zähneknirschens, des Zornes. ‚Das haben sie dir angetan, geliebtes, rotes Wien!‘ Aber ’sie‘, das waren nicht die Flugzeuge und Panzer der Alliierten, sondern die für den Kriege Verantwortlichen. Das war das erste Zueinanderfinden: dieses Empören über das Leid einer Stadt, die Vergewaltigung einer geliebten Heimat. Die Menschen waren schlecht gekleidet, sahen grau aus, eilten wie blind irgendwohin. Die Kinder still, die Alten hoch aufgerichtet, steif, in sich gekehrt; wie Marionetten. […] Es war unheimlich, wie unbewegt alles erschien. Woher kam das? Doch wohl vom Fehlen des Lachens, des Lustbetonten. Die ersten Tage waren erfüllt vom Suchen und Nichtfinden, von Versuchen, sich einzuleben, von der Erkenntnis, dass man allein, fremd war.“
Stella Klein-Löw: Erinnerungen 1980, 167
Hilde Spiel
Ein geliebter Ort aus der Kindheit erinnert Hilde Spiel (1911-1990) daran, was sie als Folge des Exils verloren hat. Bei ihrer Rückkehr in ihre Heimatstadt im Winter 1946 beschreibt sie in einem Brief an ihren Mann eine außergewöhnliche Begegnung mit dem Pfarrplatz im 19. Wiener Gemeindebezirk. In ihrer Autobiographie „Die hellen und die finsteren Zeiten“ zitiert sie aus dem Brief:
Quelle: Jacqueline Vansant: Reclaiming Heimat. Trauma and Mourning in Memoirs by Jewish Austrian Reémigrés. Detroit: Wayne State University Press 2001, S. 26. Foto von Isolde Ohlbaum zur Verfügung gestellt.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
„Samstag nachmittag ging ich in Heiligenstadt herum, im schmelzenden Schnee gegen halb fünf, in der Dämmerung, und es war hundertmal herzzerreißender, als ich je erwartet hatte. Ich ging in die kleine Pfarrkapelle und heulte einfach.“
Hilde Spiel. Die hellen und die finsteren Zeiten 1989, 231f.
Quelle: Renate Wall: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933-1945. Freiburg. Br.: Kore 1995, Band 2, 131.
MalerIn/FotografIn:
Elisabeth Freundlich
Elisabeth Freundlich (1906-2001) schildert ihre Eindrücke nach der Rückkehr im Mai 1950 in „Die fahrenden Jahre“ folgendermaßen:
Quelle: Jacqueline Vansant: Reclaiming Heimat. Trauma and Mourning in Memoirs by Jewish Austrian Reémigrés. Detroit: Wayne State University Press 2001, S. 28. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer
MalerIn/FotografIn: unbekannt
„Zunächst ließen wir uns durch die Stadt treiben, sie war mir völlig fremd geworden. Die Häuser schienen zusammengeschrumpft, ich hatte eben lange zwischen Wolkenkratzern gelebt; so schäbig waren sie, verwahrlost, rauchgeschwärzt, mit hässlichen Narben von Einschüssen, abgeblättert der Verputz. Dazwischen Ruinen, wenn auch nicht jene Trümmerfelder, die wir zuvor in München und Frankfurt gesehen hatten. Schäbig waren die Menschen gekleidet, scheel und misstrauisch ihr Blick, wenn man mit ihnen ins Gespräch zu kommen suchte. […] Tatsächlich hat sich die Kluft zwischen den Hiergebliebenen – und damit sind auch solche gemeint, die ein reines Gewissen haben dürfen – und denen, die man davongejagt hat, nie wieder ganz geschlossen. Und dennoch: Wie in einem Lied besungen, schäumte auf dem Heldenplatz der Flieder wie eh und je und wusste nicht, was sich hier zugetragen hatte; in der Prater-Hauptalle reckten die Kastanien die weißen und roten Kerzen in ihrer ganzen Pracht in die Luft, und das alles, wonach ich mich die ganzen Jahre gesehnt hatte, machte mich wehrlos gegen vieles andere.“
Elisabeth Freundlich: Die fahrenden Jahre 1992, 133 f.
Quelle: MdZ 12, Nr. 3, Oktober 1995
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Minna Lachs
Minna Lachs (1907-1993) fährt im Sommer 1947 mit ihrem kleinen Sohn Tommy, mit dem sie Wien verlassen hatte, als er noch ein Baby war, zurück nach Österreich. Nur sehr wenig schreibt sie in ihren Memoiren darüber. In „Zwischen zwei Welten“ schildert sie ganz kurz ihre Einreise in Österreich. Ihr Mann war ihr schon vorausgefahren, sie und Tommy reisten ihm nach:
Quelle: Jacqueline Vansant: Reclaiming Heimat. Trauma and Mourning in Memoirs by Jewish Austrian Reémigrés. Detroit: Wayne State University Press 2001, S. 23. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
MalerIn/FotografIn: unbekannt
„Vor Buchs überfällt mich die Erinnerung an die panische Angst, an die demütigenden Kontrollen, an die tödliche Bedrohung bei unserer Ausreise im Jahre 1938. […] Wir haben Fensterplätze und ich komme kaum nach, Tommys viele Fragen zu beantworten. Alles interessiert ihn: die schneebedeckten Berge, die sich verfärbenden Wälder, die vielen Schlösser und Burgruinen, die Soldaten, die verschiedene Uniformen tragen und in verschiedenen Sprachen sprechen. […] Endlich rollte der Zug in den noch halbzerstörten Westbahnhof ein. Und da wartet Ernst [ihr Mann]. Tommy winkt dem Vater jubelnd zu, er stürzt über die Waggonstufen hinab in seine Arme, kann nicht aufhören, ihn zu küssen.“
Minna Lachs: Zwischen zwei Welten 1992,180 f.
Franziska Tausig, die das Exil mit ihrem Mann in Shanghai verbracht hat, kehrt nach Wien zurück – nicht zuletzt zu ihrem Sohn, den sie das letzte Mal 1938 gesehen hat, als sie ihn mit einem Kindertransport nach England geschickt hat. Aus Shanghai über Italien mit dem Zug zurückgekommen, musste Tausig lange am Westbahnhof auf ihren Sohn warten:
„[…] aber ich war bereits vollkommen hoffnungslos, als ein junger Mann an mich herantrat. […] ‚Entschuldigung, gnädige Frau‘, sage er sichtlich verlegen, ’sind Sie vielleicht meine Mama?‘ Diese Frage meines Sohnes setzte den Schlusspunkt unter die Geschichte meiner Emigration und den Beginn zu einem neuen Lebensabschnitt in der Heimat.“
Franziska Tausig: Shanghai Passage1987, 154
Aufgabe:
Wechseln Sie nun in unser ARBEITSBLATT, um einige Fragen zu den eben gelesenen Texten zu beantworten. Rufen Sie, bitte, dazu wieder Ihr schon gespeichertes Arbeitsblatt von dem von Ihnen gewählten Speicherplatz auf. Vergessen Sie nicht, Ihre Arbeitsergebnisse im Anschluss wieder unter demselben Filenamen auf Ihrem PC oder Ihrer Diskette zu speichern.
Die geteilte Topographie des Erinnerns
In seinem Buch beschreibt James E. Young die Beziehung zwischen kollektivem Gedächtnis und der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gedächtniskulturen mit all den politischen und sozialen Folgen, die wir kennen:
„To the extent that all societies depend on the assumption of shared experience and memory for the very basis of their common relations, a society’s institutions are automatically geared toward creating a shared memory – or at least the illusion of it. By creating the sense of a shared past, such institutions as national memorial days, for example, foster the sense of a common present and future, even a sense of shared national destiny. In this way, memorials provide the sites where groups of people gather to create a common past for themselves, places where they tell the constitutive narratives, their ’shared‘ stories of the past. They become communities precisely by having shared (if only vicariously) the experiences of their neighbors. At some point, it may even be the activity of remembering together that becomes the shared memory, once ritualized, remembering together becomes an event itself that is to be shared and remembered.“
Writing and Rewriting the Holocaust 1996, 6 f.
Da die jüdische Bevölkerung in Österreich den „Anschluss“ und die Folgen ganz anders erlebte als die Mehrheit der Österreicher/inn/en, entstand eine bis heute nicht überbrückte Spannung zwischen den verschiedenen Gedächtniskulturen. Wie sollte man denn z. B. verstehen, dass bis heute auf dem Salzburger Kommunalfriedhof Angehörige der ehemaligen SS immer zu Allerheiligen Kränze für ihre Kameraden niederlegen und Reden halten und es bis vor einem Jahr alljährlich zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den SS-Leuten und Demonstranten gekommen ist? Gedächtniskulturen.