Überblick über die Situation der österreichischen Exilforschung
Am Abend des 11. März 1938 fand in Wien ein denkwürdiges Treffen statt. Ein kleiner Kreis von Freunden, darunter Franz Theodor Csokor, Ödön von Horváth, Alexander Lernet-Holenia und Carl Zuckmayer, diskutierte über den Rücktritt des österreichischen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg, die Gerüchte und Drohungen, die durch die Stadt schwirrten, und schließlich vor allem über die Frage, welche Fluchtrouten noch offen standen. (Zuckmayer 1986, 73) Einige verließen Österreich in derselben Nacht; nur einer von ihnen, nämlich Lernet-Holenia, sollte im Land bleiben und später einer der wenigen, einer der wichtigsten Repräsentanten der sogenannten „Inneren Emigration“ werden.
Quelle: Bolbecher, Siglinde/Kaiser, Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien: Deuticke, 2000, S. 145. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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Informieren Sie sich, bitte, zu den Begriffen: Wiederaufbau, Staatsvertrag, Ständestaat.
Quelle: MdZ 11, Nr. 4, Dezember 1994. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
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Da das neu erstandene Österreich wenig von seinen exilierten Dichterinnen und Dichtern wissen wollte, blieben viele im Ausland, da die „Heimat“ keine Hilfe bot und offenbar keinen Wert auf eine Rückkehr legte. Gauß macht für dieses Klima u. a. die Kulturpolitik des ehemaligen Ständestaatsfunktionärs Rudolf Henz (zu Henz vgl. K. Müller 1990, 227-232) in hohem Maße mitverantwortlich, der als Programmverantwortlicher des Österreichischen Rundfunks gezielt förderte oder verhinderte – verhindert wurde von ihm beispielsweise die Ausstrahlung der „Osterlegende“ der böhmischen Dichterin Hermynia Zur Mühlen (1883-1951). (vgl. Gauß 1988, 11 ff., 160-173)
Die Situation war vollkommen unübersichtlich. Die deutschen Exilschriftsteller, welcher Strömung oder Gruppierung auch immer sie angehörten, wussten sich immerhin einig in ihrem Selbstverständnis, das vom Nationalsozialismus verfolgte ‚andere Deutschland‘ zu repräsentieren. Die österreichischen Exilschriftsteller hingegen waren sogar in dieser Frage gespalten und nicht selten mit sich selbst uneins. So antwortete Erich Fried, kurz nach seiner Flucht aus Wien, damals 17jährig, auf die Frage, was er vorhabe, einem Mitarbeiter des jüdischen Flüchtlingskomitees in London: „ein deutscher Dichter“ zu werden (Kaukoreit 1991, 58); sein erster Gedichtband trug denn auch den Titel „Deutschland“, erst seine zweite Sammlung war Österreich“ gewidmet. Auch Richard Beer-Hofmann, einer der Wegbereiter der Wiener Moderne, der im New Yorker Exil völlig zurückgezogen lebte und lediglich zur German-Jewish Community Kontakte unterhielt, mochte gegen die Etikettierung, er sei „eben ein deutscher Dichter“, nichts einwenden, er legte nur Wert auf die Anmerkung, dass er sich zeitlebens in die Tradition seiner jüdischen Vorfahren eingebunden gesehen habe. (vgl. Borchmayer 1996, 5) Andererseits ist kaum zu übersehen, dass Reminiszenzen an Österreich in den Werken der österreichischen Exilschriftsteller eine alle übrigen Motive überstrahlende Konstante bilden. Sogar dort, wo zunächst von einer ganz anderen Welt die Rede ist: „In der Inselhitze von Manhattan“ erinnert sich Ernst Waldinger, in seinem berühmtesten Gedicht, an die kühlen Bauernstuben der Kindheit. In Brasilien, im Subtext seines Brasilien-Buchs, hält Stefan Zweig noch immer die von ihm verklärte Welt der Donaumonarchie präsent. Zweig schrieb zwar über „ein Land der Zukunft“, aber – Raoul Auernheimer hat das schon 1943 in einer Besprechung festgehalten – „he returned again and again to Austria in spirit“. (Holzner 1996, 708) Auch seine „Schachnovelle“ ist ein in dieser Hinsicht eindrucksvolles Zeugnis.
Die einzige markante Trennlinie zwischen dem deutschen und dem österreichischen Exil, die gleichwohl von der einschlägigen Forschung gelegentlich großzügig ignoriert wird, ist von den sehr unterschiedlichen historischen Grundlagen herzuleiten. Schlüsseldaten wie 1866 und 1918, 1933 oder 1934, die Existenz der Habsburgermonarchie und der Ersten Republik, „die keiner wollte“, zahllose für die Mentalitätsgeschichte entscheidende Faktoren sind für die österreichischen Autorinnen und Autoren anders besetzt als für die deutschen. Aus den Konzeptionen, die sie, die Österreicher wie die Deutschen, im Exil für die Zeit gleich nach dem Krieg entwickeln, für ein neues Österreich bzw. Deutschland, werden noch einmal die unterschiedlichen Voraussetzungen klar ersichtlich.
Die Jahre 1933 und 1934
Aus dem Blickwinkel des österreichischen Literaturbetriebs stellte das Jahr 1933 kaum eine Zäsur dar, wenngleich Hitlers Machtergreifung auch in diesem Raum Erschütterungen auslöste. Eine Reihe von Autoren, von Richard Beer-Hofmann und Albert Ehrenstein bis Franz Werfel und Stefan Zweig, fand sich auf den schwarzen Listen der Nationalsozialisten registriert; eine nicht weniger lange Reihe völkisch orientierter Schriftsteller sah dagegen Chancen, auf die frei gewordenen Plätze nachzurücken. Doch einig waren sich diese beiden Reihen nie gewesen, neu war jetzt allenfalls, dass, wie Ernst Fischer in der „Arbeiter-Zeitung“ schrieb, „alles Halbe zu ganzem Bekenntnis oder zu ganzer Erbärmlichkeit gezwungen“ wurde. (Amann 1984, 25) Nur in diesem Sinn konnte man von einer Scheidung der Geister reden, als auf dem Kongress des Internationalen P.E.N.-Clubs in Ragusa ein Teil der österreichischen Delegierten (darunter Franz Theodor Csokor, Oskar Maurus Fontana, Paul Frischauer und Hugo Sonnenschein) die von Hermon Ould angeregte Protest-Resolution gegen den Nationalsozialismus unterstützte, während Grete von Urbanitzky, die Geschäftsführerin des österreichischen Clubs, sich dem demonstrativen Exodus der Deutschen anschloss und wenig später, gemeinsam mit anderen, mehr oder weniger rechtsextremen Kolleginnen und Kollegen ihren formalen Austritt aus dem P.E.N. erklärte. (vgl. Spiel 1980, Amann 1984) Die Fronten zeichneten sich jetzt deutlicher ab, eindeutig abgesteckt waren sie noch keineswegs.
Quelle: Bolbecher, Sieglinde/Kaiser, Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, Wien: Deuticke, 2000, S. 596. Aus: Jürgen Serke: Böhmische Dörfer. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1987
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Aus: MdZ13, Nr. 1, Mai 1996
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Allein so ist es zu verstehen, dass die meisten österreichischen Autoren, die sich gezwungen sahen, vor Hitler zu flüchten, nach Österreich zurückkehrten. Robert Musil zum Beispiel, der schon in seinem Essay-Entwurf „Der deutsche Mensch“ als Symptom „die immer größere Unübersichtlichkeit“ der politischen und geistigen Demokratie als Signum der Zeit herausgestellt hatte (Musil 1967, 43); ferner u. a. Franz Blei, Ferdinand Bruckner, Paul Elbogen, Bruno Frei, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Alfred Polgar, Berthold Viertel und Hermynia Zur Mühlen. Deutsche Autoren folgten ihnen, wie Walter Mehring, Zuckmayer, der seine Berliner Wohnung aufgab und nach Henndorf, in die Nähe der Festspielstadt Salzburg übersiedelte, für eine kürzere Zeit auch Brecht und Tucholsky; Jakob Haringer hatte sich schon 1931 in Ebenau niedergelassen, unweit von Zuckmayers Wiesmühl, die sich zu einem der beliebtesten Treffpunkte der deutschen Emigranten entwickeln sollte. (vgl. Strasser 1996) Politischen Weitblick bewiesen die wenigsten. Vicki Baum, die Starautorin der „Berliner Illustrirten“, die nicht mehr nach Wien zurückging, sondern eine Einladung annahm, zur Verfilmung ihres Bestsellers „Menschen im Hotel“ nach Amerika zu reisen, um bald darauf sich in Hollywood eine neue Existenz aufzubauen, blieb eine rühmliche Ausnahme.
Quelle: Renate Wall: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933-1945. Freiburg Br.: Kore 1995, Band 1, 32.
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Nicht das Jahr 1933, sondern das folgende brachte einen Einschnitt. Der Bürgerkrieg im Februar 1934 endete mit der Zerschlagung aller demokratischen Arbeiterorganisationen, der best-organisierten Arbeiterbewegung Europas. Führende Funktionäre, zahllose Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei, der Kommunistischen Partei, der Freien Gewerkschaften, vor allem Arbeiter mussten aus Österreich flüchten. (vgl. Steiner 1977) Erste Station der Massenflucht war die Tschechoslowakische Republik, das erste Zentrum der Emigration Brünn; später fanden die Flüchtlinge auch Aufnahme in der Sowjetunion, in Jugoslawien, in der Schweiz, in Belgien, in Frankreich, in den skandinavischen Ländern. Aber auch Intellektuelle, die (noch) im Lande warten hätten können, hielt es nicht mehr länger, war doch der Untergang der Demokratie, der Sieg des Austrofaschismus besiegelt. Stefan Zweig, der sich bisher nach Möglichkeit aus allen politischen Konflikten herausgehalten hatte, um sich’s mit keiner Partei zu verderben, floh als erster: aus Salzburg nach London, aus London nach New York, aus New York nach Petropolis, schließlich in den Tod. Robert Neumann, Paul Frischauer, Hilde Spiel und andere emigrierten nach England, Ferdinand Bruckner und Manés Sperber, dieser auf dem Umweg über Jugoslawien, kamen nach Paris, Ernst Fischer fuhr schließlich nach Moskau.
Viele, die in der Heimat blieben, konnten sie nicht mehr als ihr Zuhause betrachten. „In Wahrheit hat mein ‚Exil‘ schon damals, im Februar 1934, begonnen“, notierte später Ludwig Ullmann in seiner (noch immer unveröffentlichten) Autobiographie. (Hausjell 1997, 368) Ähnliches empfanden Horvàth und Csokor; „wir beide“, schrieb letzterer 1935 an Bruckner, der bereits außer Landes war, „sind eigentlich schon Emigranten des Landes, darin wir wohnen“. (Csokor 1993, 115) Während Gottfried Bermann Teile seines S. Fischer-Verlags noch nach Wien übersiedelte, um die inkriminierten ‚Asphaltliteraten‘ dort in Sicherheit zu bringen, warnte Karl Tschuppik eindringlich schon vor der Möglichkeit, auch in Österreich könnte man „wieder durch Ströme von Blut waten“ und einmal „unter Ruinen von neuem beginnen müssen“. (Tschuppik 1982, 267) Es gab wohl noch Nischen, in denen sich der Widerstand sammeln konnte, obwohl die Mai-Verfassung die Zensur wieder eingeführt hatte. Die bekanntesten, oft zu einem Mythos hochstilisiert: die Wiener Kleinkunstbühnen. Sie benötigten keine Konzession, solange sie vor nicht mehr als 49 Zuschauern spielten. Sie nahmen emigrierte deutsche Schauspieler auf. Sie ermöglichten weiterhin die Pflege der in Deutschland zerschlagenen jüdischen Theaterkultur. Aber was sie präsentierten, war in den seltensten Fällen tatsächlich oppositionelles Alternativtheater. (vgl. Mayer 1997) Als Alternative, als Bollwerk gegen den Nationalsozialismus stellte sich der Ständestaat selbst dar.
Quelle: Gottfried Bermann Fischer: Bedroht Bewahrt. Weg eines Verlegers. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1967 (Umschlag). - Archiv Theodor Kramer Gesellschaft
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Der nach eigener Definition ‚zweite deutsche Staat‘ unterstellte, die Österreicher seien die ‚besseren Deutschen‘ (Amann 1992, 13); die kulturpolitischen Maßnahmen orientierten sich indessen weitgehend an den nationalsozialistischen Vorbildern. Trotzdem, viele Autoren sahen auch nach den Ereignissen von 1934 keinen Anlass, das Land zu verlassen oder auch nur sich kritisch zu äußern. Hermann Broch hielt sich ebenso bedeckt wie Robert Musil, der am „Mann ohne Eigenschaften“ arbeitete, Elias Canetti schrieb seinen Roman „Die Blendung“, Egon Friedell seine „Kulturgeschichte des Altertums“. Nicht allein die katholischen, auch jüdische Autoren bekannten sich ausdrücklich zum Austrofaschismus (vgl. Achberger 1994), dessen Literaturpolitik namentlich von Guido Zernatto geprägt wurde: Franz Werfel, Felix Braun, Ernst Lothar, bekanntlich auch Kraus und Roth unterstützten den Dollfuß-Kurs, den Viktor Frankl in der Zeitschrift „Der Christliche Ständestaat“ umständlich verteidigte, indem er die österreichische als eine christliche Politik vorsichtig vom italienischen Faschismus, scharf dagegen vom deutschen Nationalsozialismus abgrenzte. (Der Christliche Ständestaat 2, 1935, Nr. 33, 789 ff.) Wie auch immer – sei es, dass sie nicht sehen konnten, sei es, dass sie nicht sehen wollten, was vorging – die meisten Autoren, auch die unmittelbar betroffenen, reagierten nicht oder bestenfalls sehr zurückhaltend auf die Warnung Ernst Kreneks, die sogenannte „moderne“ Richtung in den verschiedenen Künsten könnte in Österreich nicht anders als in Deutschland mehr und mehr „ziemlich generell, ohne Ansehung von Person und Sache“ übergangen und zuletzt ganz zurückgedrängt werden; vielleicht wirkte der Umstand beruhigend, dass auch Kreneks hellsichtige Analyse, „Zwischen „Blubo“ und „Asphalt““, immerhin noch erscheinen durfte. (Der Christliche Ständestaat 2, 1935, Nr. 22, 520 f.)
Canetti Elias, Kurt Arrer, C.: Isolde Ohlbaum, Ganzporträt (SN, 8. Mai 1990
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Politische Orientierung der Exilanten nach der Massenemigration 1938
So kam es, dass erst in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 eine weitere, die größte Fluchtwelle einsetzte: die Massenemigration nach dem „Anschluss“.
Schon aus den besonderen Voraussetzungen dieser Massenemigration verbietet sich jeder Versuch, die österreichische Literatur im Exil als einen in sich konsistenten Verbund, das ‚andere Österreich‘ als eine Gemeinschaft zu betrachten; diese ‚Gemeinschaft‘ war weder auf ihre Oppositionsstellung gegen den Nationalsozialismus noch auf die Projektion der Wiederherstellung eines freien und unabhängigen demokratischen österreichischen Staates von vornherein eingeschworen. Denn auch führende Repräsentanten des Ständestaates, an ihrer Spitze Zernatto, der Präsident des „Verbandes katholischer deutscher Schriftsteller“, mussten in der Umsturznacht flüchten, gemeinsam mit jenen Autorinnen und Autoren, die sie selbst in der Schuschnigg-Ära an den Rand gedrückt hatten, während umgekehrt die meisten der unterm Austrofaschismus geförderten Schriftsteller im Dritten Reich gleich neue Arbeitsgarantien erhielten. Demnach gingen nicht wenige, die vor dem „Anschluss“ miteinander verbunden waren, jetzt getrennte Wege; und viele, die jetzt vielleicht gemeinsam Wien verließen, waren durch nichts miteinander verbunden. In keiner der diversen Stationen des Exils wurde der lang schon vorher entzündete politische Streit beigelegt.
Die Lagermentalität war nicht über Nacht zu überwinden; mühsam zugeschüttete Gräben wie die zwischen dem österreichisch-katholischen und dem deutsch-nationalen Lager (vgl. Amann 1988), brachen im Gegenteil wieder auf. Was die beiden großen Lager einander nahe gebracht hatte, ihr Antisozialismus und ihr Antisemitismus, auch die Angst vor den Erschütterungen der Moderne, die in der für beide charakteristischen Neigung zu den Stilprinzipien der literarischen Antimoderne ihren Ausdruck fand (vgl. Müller 1990), das alles verhinderte weiterhin jedes Zusammengehen mit den ehemaligen Mitgliedern der „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“, auch wenn deren Kulturverständnis von dem des Katholizismus sich manchmal nur durch das politische Vorzeichen unterschieden hatte; und es schloss auch im Exil eine Solidarisierung mit den jüdischen Autorinnen und Autoren aus. Deren Erfahrungen sammelte authentisch, in einem unnachahmlichen bestimmt-verstimmten Ton das lyrische Ich der Gedichte Theodor Kramers:
Quelle: Erwin Chvojka, CHV S. 3. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft
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Es gibt also gute Gründe dafür, dass die österreichische Literaturwissenschaft den von Elisabeth Freundlich auf dem ersten „Internationalen Symposium zur Erforschung des österreichischen Exils“ (1975) vorgebrachten Vorschlag, die Werke von Broch, Canetti, Horváth, Musil oder Joseph Roth nicht länger als herausragende Einzelerscheinungen, vielmehr im Kontext der ‚Humanistischen Front‘ darzustellen, nie aufgenommen hat. Sie hat sich seither jedoch bemüht, in vielen Einzelstudien das Dickicht dieses Exils zu rekonstruieren, die Konturen der berühmten, aber auch die von oft gänzlich vergessenen Autorinnen und Autoren sichtbar zu machen und darüber hinaus die Literatur des Exils nicht in ein abgeschlossenes Prunkgemach der Literaturgeschichte zu verbannen, sondern im Spannungsfeld der nachfolgenden literarischen Generationen zu beleuchten; hier sei nur auf die Buchreihe „Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte“ verwiesen, außerdem auf die Zeitschrift der Theodor-Kramer-Gesellschaft „Mit der Ziehharmonika“ (seit 2000 „Zwischenwelt“), das bedeutendste österreichische Periodikum für die Literatur des Exils und des Widerstands.
Der eben erwähnte Vortrag von Elisabeth Freundlich, eine Kurzfassung ihrer Erinnerungen an das Exil, verdient indessen noch immer herausgehoben zu werden (Freundlich 1977): Kein anderes Dokument beschreibt derart einprägsam die im Exil unternommenen Anstrengungen, eine neue Gesprächskultur zu befördern, und zugleich das Scheitern dieser „Flüchtlingsgespräche“.
Quelle: MdZ 12, Nr. 3, Oktober 1995
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Während die Mehrzahl der sozialistischen Schriftsteller 1934 in die Tschechoslowakei geflüchtet war, unter ihnen Josef Luitpold Stern, Fritz Brügel und Hugo Sonnenschein (Sonka), fand Elisabeth Freundlich ihr erstes Asyl in Paris, wie viele andere österreichische Emigranten auch; im März 1938 konnte man dort Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten ebenso wiedersehen wie Repräsentanten und Sympathisanten des gestürzten Schuschnigg-Regimes, etwa Franz Werfel. Dieser unterstützte die Idee, eine Dachorganisation der vertriebenen österreichischen Intellektuellen zu schaffen, auch Joseph Roth konnte dafür gewonnen werden, der prominenteste unter allen in Frankreich lebenden Emigranten, nur von Stefan Zweig erhielt Freundlich aus London eine unmissverständliche Absage:
„Für mich ist Österreich 1918 gestorben und ich weiß, dass es nie mehr auferstehen wird.“
Was Zweig befürchtete, war für die „Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten“ die zentrale Zielvorstellung schlechthin: ein neues Deutschland; nicht für die Wiederherstellung eines österreichischen Staates zu kämpfen, sondern für die gesamtdeutsche Revolution, im Sinne Otto Bauers, das sollte das Hauptgeschäft der Sozialisten bleiben. (vgl. Weinzierl 1989, 246) Freundlich sah das ihre dennoch in der Gründung der Ligue de l’Autriche Vivante, diese Vereinigung kam auch zustande. Aber schon ihre erste Großveranstaltung, im März 1939, endete mit einem Eklat. Werfel, dem das Hauptreferat anvertraut war, nutzte das zu einem leidenschaftlichen Plädoyer für den christlichen Ständestaat. Die anwesenden österreichischen Spanienkämpfer, der überwiegende Teil Kommunisten, fühlten sich dupiert, und prompt brach die Ligue, kaum konstituiert, wieder auseinander. Nur einmal trat sie noch ziemlich geschlossen in Erscheinung, im Mai 1939, auf der Beerdigung von Joseph Roth.
Weit mehr als die alten Zerwürfnisse unter den diversen Gruppierungen störten und zerstörten da und dort die neuen Entwicklungen der Weltpolitik, vor allem seit dem Beginn des Weltkriegs, viele Bestrebungen, das ‚andere Österreich‘ zu einem Bündnis zusammenzuführen. Wer nicht, wie Musil, Fritz Hochwälder und Hans Weigel in der Schweiz Zuflucht gefunden hatte, wer auch die Sowjetunion, wo Klara Blum, Hugo Huppert und Ernst Fischer wie auf einem Vulkan lebten, als Asylland nicht ins Kalkül ziehen wollte oder konnte, dem blieb bald nichts anderes übrig, als den europäischen Kontinent zu verlassen. Max Brod, Martin Buber, Paul Engelmann, Walter Grab, Hermann Hakel, Martha Hofmann, Simon Kronberg, Leo Perutz, Heinz Politzer, Alice Schwarz, Willy Verkauf, auch Theatermacher wie Gerhard Bronner und Stella Kadmon lebten in Palästina. Bruno Frei, Leo Katz und Egon Erwin Kisch in Mexiko. Leopold von Andrian-Werburg, Paul Frischauer, Paula Ludwig und Stefan Zweig in Südamerika. Viele Exilanten ließen sich in England nieder, weitaus die meisten in den USA: Jeder Dialog, jeder Versuch, zu einer Verständigung zu kommen, musste zuallererst schon die Barriere der Entfernungen überwinden.
Auch unter diesen Umständen konnten Kooperationen nur in Ansätzen gelingen, mussten also wohl alle Exilanten, die trotzdem derartige Anläufe unternahmen, ähnliche Rückschläge in Kauf nehmen wie Elisabeth Freundlich. Nicht alle ließen sich dadurch entmutigen. Willy Verkauf baute in Jerusalem einen kleinen Verlag auf, unterhielt Kontakte zu Csokor, zu Frei, zu Huppert, zu Theodor Kramer in England, zu Viertel und zu Waldinger in den USA; das Free Austrian Movement in Palästina stand mit der gleichnamigen Bewegung in Großbritannien in enger Verbindung. (vgl. Verkauf-Verlon 1991) Diese wiederum entfaltete von London aus nicht nur eine rege kulturelle Tätigkeit, eifrig bemüht, das Profil spezifisch österreichischer Traditionen zu betonen und zu bewahren, sie schloss auch Hilfsorganisationen für die aus Österreich Vertriebenen und vor allem „Volksfront“-Aktivitäten“ ein. Im Londoner „Austrian Centre“, das sich zum bedeutendsten Versammlungsort des österreichischen Exils entwickeln sollte, wurde nämlich die praktische Arbeit in erster Linie von Kommunisten geleistet, und die Kommunisten hielten, auch wenn sie zwischen Exil-Arbeit und Partei-Arbeit strikt unterschieden, an ihrem Programm fest, eine möglichst breite Plattform aller Gegner Hitler-Deutschlands zu bilden. Das Free Austrian Movement, grundsätzlich überparteilich, bot dazu alle Voraussetzungen. Es stand auch für die katholisch-konservativen Gruppierungen offen, und wiederholt wurden die Sozialisten von den Kommunisten aufgefordert, sich der von Alfred Klahr vorgegebenen Linie anzuschließen und für die Eigenständigkeit der österreichischen Nation einzusetzen. (vgl. Maimann 1977) Das „London-Büro der österreichischen Sozialisten“ verfolgte jedoch seine eigene Linie weiter und träumte zunächst von der ‚gesamtdeutschen‘, später von einer ‚gesamteuropäischen‘ Revolution, bis die Moskauer Deklaration über die Unabhängigkeit Österreichs auch die sozialdemokratische Emigration vor eine vollendete Tatsache stellte. (vgl. Dusek 1977; Stadler 1977)
Quelle: MdZ 11, Nr.1, April 1994
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Gemessen an den hochfliegenden Plänen, die eine organisatorische Zusammenfassung aller in Großbritannien ansässigen österreichischen Intellektuellen vorsahen, konnte also auch das Free Austrian Movement nur Teilerfolge erzielen. Immerhin, diese waren mehr als bemerkenswert, insbesondere angesichts der begrenzten politischen Betätigungsmöglichkeiten, die England den Asylanten einräumte. Herbert Steiner, der Sekretär der Jugendorganisation „Young Austria in Great Britain“, konnte beispielsweise Verbindungen zu Albert Fuchs, Arthur Koestler, Oskar Kokoschka, Theodor Kramer, Eva Priester, Egon Wellesz und anderen bereits renommierten Persönlichkeiten knüpfen, einen Exiljugendverlag gründen, „Jugend Voran“, und somit jungen Talenten, darunter Georg Eisler, Erich Fried, Eric Hobsbawm, Arthur West, zum Durchbruch verhelfen. und dem „Free Austrian P.E.N.“ gehörten rund 90 Mitglieder an, darunter Raoul Auernheimer, Hermann Broch, Felix Braun, Fritz Brügel, Elias Canetti, Franz Theodor Csokor, Hans Flesch-Brunningen, Alma Mahler-Werfel, Robert Musil, Hertha Pauli, Josef Luitpold Stern, Friedrich Torberg, Berthold Viertel, Franz Werfel, Hermynia Zur Mühlen, Stefan Zweig, sowie nahezu der gesamte Fördererkreis der „Young Austria“-Vereinigung. (vgl. Steiner 1991) Ab 1942 arbeitete schließlich auch der österreichische P.E.N.-Klub im Exil, unter der Führung seines Präsidenten Robert Neumann, eng mit dem Free Austrian Movement zusammen. (vgl. Amann 1984, 71 ff.)
Quelle: Zeitspiegel (1941-1945). Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich (AGSÖ)
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Die meisten österreichischen Exilanten landeten, spätestens seit sie auch aus Frankreich hatten flüchten müssen, in den USA; Günther Anders, Auernheimer, Ulrich Becher, Beer-Hoffmann, Richard Berczeller, Friedrich Bergammer, Franz Blei, Fritz Brainin, Broch, Bruckner, Ehrenstein, Alfred Gong, Hermann Grab, Mimi Grossberg, Oskar Jellinek, Lili Körber, Anna Krommer, Anton Kuh, Ernst Lothar, Soma Morgenstern, Frederic Morton, Hertha Pauli, Polgar, Felix Pollak, Peter Preses, Alexander Roda Roda, Josef Luitpold Stern, Torberg, Ullmann, Johannes Urzidil, Viertel, Waldinger, Franz Werfel, Zernatto, Otto Zoff und viele andere, die hier zu nennen wären, darunter Autorinnen und Autoren, die sich in Hollywood vollkommen assimilieren konnten, wie Vicki Baum und Gina Kaus, Frederick Kohner und Billy Wilder. (vgl. Pfanner 1984; Eppel 1991) Diejenigen, die ihre Bindungen an die alte Heimat nicht aufgaben, konnten untereinander über verschiedene Exilzeitschriften in Kontakt bleiben. Als wichtigstes Forum etablierte sich die „Austro-American Tribune“, in manchem eine kleinere Parallelunternehmung zu dem von Manfred George herausgegebenem „Aufbau“, deren erste Nummer 1942 herauskam. Zu ihrem engsten Mitarbeiterstab zählten Hermann Broch, Ferdinand Bruckner, Oskar Maria Graf, Heinz Politzer und Ludwig Ullmann, ihre Literaturbeilage wurde von Elisabeth Freundlich redigiert. (vgl. Freundlich 1977; Pfanner 1991) Von Anfang an stimmte der politische Kurs der „Austro-American Tribune“ mit der Moskauer Erklärung vom Oktober 1943 überein; in der Frage der Planung für die Zeit nach dem Krieg brachen indessen die Risse, die das ‚andere Österreich‘ schon immer charakterisiert hatten, ein letztes Mal auf, und zwar in der Kontroverse zwischen Ernst Lothar und Berthold Viertel.
Quelle: MdZ 9, Nr. 3, Oktober 1992
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Das "andere Österreich" - die Kontroverse zwischen Lothar und Viertel
Lothars Essay Zum Thema Österreich, den die „Austro-American Tribune“ 1944 veröffentlicht, entwirft eine groß angelegte Imagination des künftigen kulturellen Lebens in Mitteleuropa, allerdings entwickelt aus Leitbildern, die ihre Bindungen an den Habsburg-Mythos wie an Richtlinien des Ständestaates nicht verleugnen können. (vgl. Roessler/Kaiser 1989) Denn Lothars Ausgangspunkt ist die alte Frage nach den Unterschieden zwischen der deutschen und der österreichischen Kultur; sie sind für ihn eklatant. Schon in der Sprache, wobei auf der einen Seite Goethe, Fontane und Thomas Mann, auf der anderen Seite Stifter, Grillparzer und Hofmannsthal als Kronzeugen bemüht werden. Geradezu „grundverschieden“ sind Österreich und Deutschland, nach Lothar, in der „Gefühls- und Seelenhaltung“, was er auf den Einfluss der Landschaft, aber auch des Katholizismus zurückführt, sowie in der „Geisteshaltung“; während die deutsche Kultur national orientiert sei, wirke die österreichische Kultur übernational, während der deutsche Kulturbegriff mit dem „Machtbegriff“ zusammenhänge, stehe der österreichische Kulturbegriff dem „Andachtsbegriff“ nahe. – Aus solchen nicht weiter begründeten, nicht weiter begründbaren Setzungen zieht Lothar die Schlussfolgerung, dass Österreich, ein neutrales Österreich, in einer neuen europäischen Ordnung, eine Schlüsselrolle zu übernehmen hätte. Wien sollte, nach Lothars Vorstellungen, statt Genf zur Völkerbundstadt werden und endlich auch Berlin als Kulturhauptstadt des deutschen Sprachraums ablösen.
Viertels Erwiderung, die unter dem Titel „Austria Rediviva“ im Jänner 1945 erscheint, ebenfalls in der „Austro-American Tribune“, zerpflückt diese „Kulturphantasien“ Lothars schonungslos. Sie weist zunächst einmal alle Grenzziehungen innerhalb des Bereichs der deutschsprachigen Kultur zurück, geht im folgenden aber weit darüber hinaus und hält fest, dass sich alle Intellektuellen am demokratischen Neuaufbau in Mitteleuropa solidarisch beteiligen müssten und dass dabei in Österreich nicht anders als in Deutschland harte Arbeit zu leisten wäre. Was Viertel vorschwebt, ist eine radikale Revision der Überlieferung, im kulturellen Raum wie im politischen.
zit. nach Roessler/Kaiser 1989
Quelle: MdZ 10, Nr. 2, Juli 1993. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
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Anders als Lothar tritt Viertel ausdrücklich dafür ein, das gesamte geistige Erbe und gerade auch das bis in die Zeit des Exils hochgeschätzte und kanonisierte kritisch zu durchforsten, um endlich die nötigen Vorbedingungen für eine Humanisierung Mitteleuropas zu schaffen.
„(…) damals für einen jüdischen Flüchtling aus Deutschland eine seltsame, vielleicht abwegige Entscheidung, sein Leben gerade dem Studium der deutschen Literatur zu widmen. Aber man hat wohl meist (nicht notwendigerweise und nicht immer) zur Dichtung in seiner Muttersprache eine besonders innige Beziehung“.
Eichner o. J. [Typoskript, 8]
Um diesen Neubeginn geht es zuletzt auch in einem Aufsatz, den Oskar Kokoschka in der Startphase der Wiederherstellung der Selbständigkeit Österreichs, im Mai 1945 schreibt, allerdings erst 30 Jahre später veröffentlicht. Unter dem Titel „Das Wesen der österreichischen Kultur“ verknüpft Kokoschka einen polemischen Rückblick in die Vergangenheit mit einem phantasievollen Forderungskatalog für die Zukunft. (Kokoschka 1975) Zwei Epochen, meint Kokoschka, gelte es wiederzuentdecken: zum einen die Phase der Vermischung der autochthonen Kultur der Donauländer mit dem Frühchristentum, zum anderen die Barockzeit. Das spezifische Charakteristikum der ersten Epoche ist darin zu sehen, dass die Mutteridee, ausgedrückt in vielen primitiven künstlerischen Darstellungen der weiblichen Figur, etwa in der Venus von Willendorf, dem abstrakten Monotheismus nicht untergeordnet, sondern gleichgestellt wird, sodass im Donauraum die sonst überall ausgeprägte Tendenz zu patriarchalischen Ordnungen sich nicht in der gleichen Weise durchsetzen kann. Das spezifische Charakteristikum der Barockzeit liegt dagegen im Zusammenwirken der verschiedensten Völker mit dem Ziel, im Kultbau mehr als den Altar einer Gottheit, nämlich „den ersten Volkspalast, das Paradies auf Erden zu schaffen“. Es versteht sich, dass Kokoschka diese Epochen zitiert, weil er in beiden wie sonst nirgends in der Kultur- und Sozialgeschichte seiner Heimat Entwicklungen feststellt, die nach seiner Auffassung wiederaufgenommen und weiterverfolgt werden sollten.
Die Kritik der Herrenmoral, ausgedrückt in der Parteinahme für die Frau, seit Grillparzer ein Thema, aber kein Topos der österreichischen Literatur, und die Kritik des Nationalismus, die sich in Kokoschkas Engagement für eine Revitalisierung der Barockkultur artikuliert, diese nach Kokoschkas Einschätzung zukunftsweisenden Traditionsschienen sollten in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Österreich allerdings keine besondere Rolle spielen. Denn auf der Suche nach Überlieferungen, die so etwas wie Kontinuität von der Ersten zur Zweiten Republik verbürgen konnten, fanden die Daheimgebliebenen, die bald wieder den Ton angaben, eine Reihe von Möglichkeiten, die Kulturpolitik des Ständestaates mit leichten Modifikationen fortzuführen.