Vorbemerkung
Bereits seit 1933 und verstärkt nach dem Februar 1934 kommen im Zuge der politischen Verfolgungen im österreichischen Ständestaat die ersten österreichischen Flüchtlinge nach Großbritannien. Die Mehrzahl der österreichischen Flüchtlinge geht zunächst jedoch in die Tschechoslowakei und in die Sowjetunion.
Um einen Eindruck von der Dimension des österreichischen Exils in Großbritannien zu vermitteln, sei zu Beginn dieser Chronik festgehalten, dass insgesamt 27.293 österreichische Flüchtlinge als nach den Nürnberger Gesetzen verfolgte Juden in Großbritannien Aufnahme fanden. Dazu kamen noch die nicht-jüdischen, aus rein politischen Gründen Verfolgten und jene Personen, die in dem von Nazi-Deutschland besetzten Österreich nicht mehr bleiben wollten. Ein Teil der jüdischen Flüchtlinge und der überwiegende Teil der politisch verfolgten Österreicher riefen in Großbritannien mit dem „Austrian Centre“ und dem „Free Austrian Movement“ die größte österreichische Exilbewegung überhaupt ins Leben.
1938
12. März 1938: Der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich beginnt. Der damit erfolgte „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland löst eine neuerliche Flüchtlingswelle aus. Zu den wichtigsten Zufluchtsländern gehört Großbritannien, welches vielfach auch bloß als Durchgangsziel – inbesonders in die USA – dient. Dieser Status als Transitland für österreichische Flüchtlinge ist vor allem bis 1941 von großer Bedeutung.
14. März 1938: Der britische Premierminister Sir Neville Chamberlain gibt im House of Commons eine erste Stellungnahme zu den Ereignissen in Österreich ab.
16. März 1938: Der Staatssekretär des britischen Außenministeriums Lord Edward Halifax gibt im Zuge der Diskussion der Ereignisse in Österreich im House of Lords eine Stellungnahme ab.
März 1938: Nach Großbritannien geflüchtete österreichische Kommunisten beginnen zum Monatsende mit dem Aufbau einer ersten politischen Organisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien, der im April gegründeten Parteigruppe der Kommunistischen Partei Österreichs in Großbritannien. Diese Organisation blieb von Anfang an in der Illegalität, schuf sich aber bald eine Vereinigung für ihre so genannten Außenbeziehungen, die Group of Austrian Communists in Great Britain. Mit dieser von den britischen Behörden zugelassenen offiziellen Organisation konnte die illegale Parteigruppe der Kommunistischen Partei Österreichs in Großbritannien auch nach außen hin auftreten. In ihrer illegalen wie offiziellen Organisation übten die Kommunisten einen enormen Einfluss auf die österreichische Emigration in Großbritannien aus, waren sie doch die ersten, die hier von Beginn an kompromisslos die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs forderten.
April 1938: Die britische Regierung führt den 1928 abgeschafften Visumzwang für Österreicher wieder ein.
April 1938: Auf Initiative der illegalen Parteigruppe der Kommunistischen Partei Österreichs in Großbritannien wird die erste offizielle Exilorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien gegründet, die Austrian Self-Aid. Dieses Hilfs- und Unterstützungskomitee für österreichische Emigranten wird von großteils bereits länger in Großbritannien lebenden, zum Teil bereits mit britischer Staatsbürgerschaft versehenen Österreichern getragen. Obwohl die Organisation über keinen speziellen Fonds verfügt, gelingt es ihr, noch vor Kriegsausbruch 162 Kinder aus dem besetzten Österreich nach Großbritannien zu bringen. Im selben Zeitraum können 520 Frauen und Mädchen als Hausgehilfinnen und 61 Ehepaare als Dienstpersonal in Großbritannien vermittelt sowie eine staatlich genehmigte Arbeitsvermittlungsstelle in London errichtet werden.
Mai 1938: Der Antrag britischer Labour-Abgeordneter, die Grenzen für Verfolgte aus Österreich generell zu öffnen, wird abgelehnt.
Mai 1938: Mit „The Sack of Vienna. A Few Facts“ der Austrian Self-Aid erscheint die erste Broschüre österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien.
September 1938: Die zweite offizielle Exilorganisation österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien wird gegründet, der Council of Austrians in Great Britain (Ausschuss der Österreicher in Großbritannien). Diese überparteiliche Vertretung der Österreicher in Großbritannien umfasst Vertreter der Kommunisten, Sozialisten, Liberalen, Christlichsozialen und Legitimisten. Neben sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Anliegen beschäftigt sie sich zunächst vor allem mit der Klärung und Verbesserung der Lage der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien. Diese Organisation war bis zur Gründung des Austrian Centre die unumstritten führende Körperschaft der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien, welche dann allerdings zunehmend mit diesem verquickt wurde.
Oktober 1938: Der Council of Austrians in Great Britain führt erste Gespräche mit dem britischen Home Office über die weitere Anerkennung österreichischer Reisepässe. In der Folge brauchen die österreichischen Flüchtlinge keine deutschen Ausweispapiere, weil auch die abgelaufenen österreichischen Dokumente anerkannt werden.
November 1938: Die Pogrome der sogenannten „Reichskristallnacht“ am 9. November ändern die bis dahin indifferente bis abwartende, teils auch ablehnende Haltung der britischen Bevölkerung gegenüber den Flüchtlingen aus Österreich und Deutschland. Sie lösen eine wahre Welle von Sympathie gerade für österreichische Flüchtlinge aus. Andererseits bringt die seither verstärkte Flüchtlingswelle die Austrian Self-Aid an die Grenze ihrer finanziellen Leistungsfähigkeit. Der Council of Austrians in Great Britain gibt sein erstes Memorandum heraus, in welchem angesichts der Pogrome Erleichterungen bei der Einreise nach Großbritannien gefordert werden. Zu diesem Zweck wird der Vorschlag gemacht, Flüchtlingslager zu errichten, um so tausende Österreicher vor den Qualen der Konzentrationslager zu retten. Einige Monate später wurde diese Anregung durch die Errichtung des Kitchener Camp in Richborough realisiert, in welchem bis Kriegsausbruch über 3.000 Österreicher Zuflucht fanden.
November 1938: Die rasch steigende Zahl österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien veranlasst den Council of Austrians in Great Britain, die Errichtung eines politischen wie kommunikativen Treffpunkts zu beschließen, das spätere Austrian Centre.
November 1938: Der Council of Austrians in Great Britain gibt das erste Periodikum der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien heraus, die zunächst vierzehntägig erscheinende Zeitschrift „Austrian News“ (1938-1940), welche im Juli 1940 bereits eine Auflage von 3.500 Stück aufwies.
Dezember 1938: Der Council of Austrians in Great Britain verhilft 120 österreichischen Flüchtlingen dazu, dass sie in britischen Familien Weihnachten feiern können.
1938/39: Zur Jahreswende wird eine Interessensvertretung der Hausgehilfinnen gegründet, die Association of Austrian Domestic Workers, welche die Monatsschrift „Die Oesterreicherin im Haushalt“ herausgibt. Dies war notwendig geworden, weil die meisten österreichischen Flüchtlinge weiblichen Geschlechts als Hausgehilfinnen Arbeit fanden. Da die meisten Flüchtlinge in diesem Tätigkeitsbereich und in den kulturellen Eigenheiten britischer Haushalte unerfahren waren, organisierte die Association of Austrian Domestic Workers einschlägige Ausbildungskurse.
1939
Jänner 1939: Der Austrian P.E.N. (seit 1942 auch Free Austrian P.E.N. genannt) nimmt seine Tätigkeit in Großbritannien auf. 1942 tritt er dem Free Austrian Movement bei. Er zählt etwa 90 Mitglieder in mehreren Exilländern.
Jänner 1939: Der Council of Austrians in Great Britain beginnt seine „Sunday afternoons“, gesellige Treffen in zwei Häusern in Hampstead und Westminster. Diese Veranstaltungen können als unmittelbare Vorläufer des Austrian Centre angesehen werden.
Februar 1939: Die erste große Versammlung österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien findet im Friends House in London statt. Nach einem ersten Tätigkeitsbericht der Austrian Self-Aid und des Council of Austrians in Great Britain beschließt die Versammlung, ein für 500 Personen berechnetes Austrian Centre als Mittelpunkt aller österreichischen Flüchtlingsaktivitäten zu errichten.
Februar 1939: Eine Gruppe österreichischer Flüchtlinge startet mit 15 Pfund die Renovierung des von der Stadtverwaltung in Paddington auf drei Jahre überlassenen Abbruchhauses Westbourne Terrace 124, London, welches dann zum Stammhaus des Austrian Centre wurde.
11. März 1939: Anlässlich des ersten Jahrestags der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland findet die erste große Veranstaltung der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien statt, das sogenannte „Commemoration Meeting“ in Queen’s Hall, London.
14. und 15. März 1939: Einmarsch deutscher Truppen in die sogenannte Rest-Tschechoslowakei. Über das im September 1938 gegründete British Committee for Refugees from Czechoslovakia (seit Juli 1940 Czech Refugee Trust Fund) konnten 475 Österreicher aus der besetzten Tschechoslowakei nach Großbritannien flüchten.
15. März 1939: Aus zwei Zirkeln junger österreichischer Flüchtlinge in Golders Green und Hampstead entsteht in London eine Jugendorganisation, die sich seit August 1939 „Young Austria“ nennen wird. Wöchentlich treffen sich 50 bis 60 Leute einmal abends und gestalten kulturelle Programme, die jeweils unter einem thematischen Schwerpunkt stehen.
15. und 16. März 1939: Am 15. März findet die tatsächliche Eröffnung des Austrian Centre, Westbourne Terrace 124, statt, am nächsten Tag die offizielle und feierliche Eröffnung, an der auch etwa 150 britische Freunde Österreichs teilnehmen. Damit stand allen Österreichern in Großbritannien eine Zentrale mit zahlreichen Serviceleistungen zur Verfügung: eine Informations- und Beratungsstelle der Austrian Self-Aid, eine Beratungsstelle für Hausgehilfinnen, eine Arbeitsvermittlungsstelle und seit Dezember 1939 eine Herberge (Hostel). Das Leistungsangebot wurde im Juni 1939 für die Mitglieder des Club „Austrian Centre“ wesentlich erweitert: um eine Bibliothek mit Leseraum, Bildungs- und Fortbildungskurse, Vorlesungen und Vorträge, Unterhaltungsveranstaltungen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich die Kantine, welche zunächst über drei Speiseräume und eine Küche verfügte. Der Personalstand dieser Kantine umfasste im März 1940 vier Köche, sieben Kellner, zwei Abwäscher, einen Kassier, zwei Geschäftsführer bzw. Rechnungsprüfer, zwei Verkäuferinnen im Buffet, einen Einkäufer und einen Konditor. Dazu kamen noch die im August 1939 eröffneten Werkstätten des Austrian Centre. Im Juli 1939 hatte das Austrian Centre bereits 1.500 Mitglieder, im März 1944 über 3.500. Insgesamt gehörten im Laufe der Zeit bis Kriegsende etwa 7.500 Flüchtlinge dem Austrian Centre als eingeschriebene Mitglieder an.
März 1939: Auch in Liverpool wird eine österreichische Jugendgruppe gegründet, welche sich im GATE Club (Germany, Austria, Tschechoslovakia and England) trifft.
28. März 1939: Einmarsch der faschistischen Truppen unter General Francisco Franco Bahamonde in Madrid. In der Folge kommen weitere Österreicher nach Großbritannien. Dieser etwas kleineren Flüchtlingsgruppe gehörten vor allem Interbrigadisten und andere Personen, die für das republikanische Spanien gekämpft hatten, an.
April 1939: Im Austrian Centre beginnen die von den österreichischen Flüchtlingen intensiv in Anspruch genommenen Englischkurse, die einen Einführungs- und einen Fortgeschrittenenkurs sowie einen Schnellkurs umfassen. Sie werden von österreichischen Fachkräften durchgeführt, zunächst kostenlos, später gegen eine geringe Kursgebühr.
Mai 1939: Die Bibliothek des Austrian Centre wird feierlich eröffnet. Nach einem Jahr verfügte sie unter anderem über 1.530 deutschsprachige, 1.020 englische und 220 französische Bücher.
Mai 1939: In Bristol entsteht eine Gruppe des Austrian Centre. Das Young Austria startet sein Hauptorgan, die „Österreichische Jugend“ (seit Juli 1941 „Young Austria“, seit Oktober 1944 „Jung-Österreich“).
3. Juni 1939: Auf der britischen Veranstaltung „Dances of All Nations“ im Hyde Park, London, tritt eine österreichische Volkstanzgruppe auf, welche aus Mitgliedern jenes Jugendkreises stammt, der sich später Young Austria nennen wird.
Juni 1939: Auf Initiative des Council of Austrians in Great Britain wird der Club „Austrian Centre“ gegründet, der die Aktivitäten des Austrian Centre unterstützen soll und der bereits zu Beginn über 6.000 Mitglieder zählt. Die Mitgliedschaft bietet seinen Mitgliedern eine wesentliche Erweiterung des Serviceangebots des Austrian Centre.
21. Juni 1939: Die Wiener Kleinkunstbühne „Das Laterndl“ (The Lantern) wird als österreichische Exilbühne des Austrian Centre gegründet, wo es seit Juli 1939 einen eigenen Theatersaal innehatte. Später übernahm der britische Pen-Club das Patronat über diese bekannteste Theatergruppe österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien. Ihre am 27. Juni 1939 uraufgeführte erste Produktion von selbst verfassten Szenen und Sketches, Pantomimen, Liedern und Parodien wurde etwa 60 Mal vor ungefähr 3.000 Personen aufgeführt. Die Kleinkunstbühne brachte zunächst selbst verfasste Stücke und Programme zur Aufführung, seit 1940 auch Stücke anderer Autoren, und zwar 1940 „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“, „Vineta, die versunkene Stadt“ und „Der treueste Bürger Bagdads“ von Jura Soyfer, „Der unsterbliche Schwejk“ frei bearbeitet nach Jaroslav Hasek von Hugo Friedrich Koenigsgarten, Rudolf Spitz, Franz Bönsch und Albert Fuchs, „Die Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill, „Der Talisman“ von Johann Nestroy (Reprise 1942), 1941 „Der Hauptmann von Köpenick“ von Carl Zuckmayer, „Volpone“ von Stefan Zweig, „Wiener Miniaturen“ von Arthur Schnitzler, 1942 „Spiel im Schloss“ (Játék a kastélyban) von Ferenc Molnár und „Sturm im Wasserglas“ von Bruno Frank, 1943 „Mandragola“ (La mandragola) von Niccolò Machiavelli nach der englischen Bearbeitung von Ashley Dukes (deutsch von Rudolf Spitz), „Die tote Tante und andere Begebenheiten“ von Curt Goetz, „Die Bekehrung des Ferda Pistora“ (Obrácení Ferdy?e Pi?tory) von Frantisek Langer (deutsch von Rudolph Popper), „Im Goldregengässchen“ (Laburnum Grove) von John Boynton Priestley (deutsch von Richard Duschinsky), „Sendung Samaels“ von Arnold Zweig, „Thunder Rock“ von Robert Ardrey (deutsch von Rudolf Spitz), „Die Galgentoni. 3 Bilder aus dem Prager Nachtleben“ von Egon Erwin Kisch, „Rufen Sie Herrn Plim“ von Kurt Robitschek mit Musik von Misch(k)a Spoliansky, „Häuptling Abendwind“ von Johann Nestroy mit Musik von Jacques Offenbach und Zeitstrophen von Rudolf Spitz, „Die Schule der Steuerzahler“ von Louis Verneuil (deutsch von Rudolph Popper), „Die Vorlesung bei der Hausmeisterin“ von Alexander Bergen, 1944 „Professor Polezhayew“ von Leonid Nikolaevic Rahmanov (deutsch von Rudolf Spitz), „Der Puppenspieler“ von Arthur Schnitzler, „In Ewigkeit, Amen“ von Anton Wildgans, „Die Lügenbrücke“ von Raoul Auernheimer, „Doktor Stieglitz“ (Reprise 1945) von Armin Friedmann und Ludwig Nerz, „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler, „Der G’wissenswurm“ von Ludwig Anzengruber, 1945 „Das Konzert“ von Hermann Bahr, „Die Bildschnitzer“ von Karl Schönherr, „Der Kammersänger“ von Frank Wedekind, „Der Heiratsantrag“ (Predlozenie) von Anton Pavlovic Cehov und „Der Weibsteufel“ von Karl Schönherr.
Juli 1939: Auch in Glasgow entsteht eine Gruppe des Austrian Centre.
14. Juli-31. August 1939: Die erste „Exhibition of Austrian Painters, Sculptors, Architects and Photographers“ des Austrian Circle of Arts and Science wird abgehalten. Der Erfolg dieser Ausstellung österreichischer Künstler, die in Großbritannien Zuflucht gefunden haben, führt dazu, dass in der Folge jährlich eine gleichartige Ausstellung gemacht wird.
Juli 1939: Das Library Committee des Austrian Centre begründet die Zeitschrift „Zeitspiegel“. Zunächst nur in Form einer wöchentlichen Presseübersicht veröffentlicht, wurde die Zeitschrift noch im selben Jahr zu einem echten Informationsblatt umgewandelt und damit zum Hauptorgan des Austrian Centre.
Juli 1939: In Westbourne Terrace 126, London, wird ein zweites Haus des Austrian Centre eröffnet, wo nun die Bibliothek und der Leseraum mit Tageszeitungsangebot eingerichtet werden. Ein Durchbruch, der die beiden Häuser Westbourne Terrace 124 und 126 verbindet, wird zur Theatre Hall mit Platz für 120 Personen umfunktioniert.
Juli 1939: Der Council of Austrians in Great Britain beginnt mit der Erfassung österreichischer Flüchtlinge in Großbritannien und stellt zunächst Unterlagen über etwa 3.000 Flüchtlinge für die diversen britischen Flüchtlingsorganisationen und die Behörden zusammen.
5.-13. August 1939: Die im März gegründete Jugendorganisation veranstaltet ein Sommerlager nahe einem See in Tring für 60 österreichische Jugendliche. Das Geld stammt von einem „Dirndl-Dance“, den die Gruppe einige Wochen vorher veranstaltet hatte. Solche Sommerlager wurden auch später jährlich abgehalten, sowohl vom Young Austria als auch vom Austrian Centre.
August 1939: Die im März gegründete Jugendorganisation teilt sich nach dem Erfolg des Sommerlagers in eine Gruppe in Golders Green sowie eine Gruppe im Austrian Centre und nimmt anlässlich der ersten Konferenz nun offiziell den Namen Young Austria (in Great Britain) an. Die Mitglieder dürfen nicht älter als 25 Jahre sein. Anfang 1942 umfasste Young Austria etwa 750 Mitglieder in 21 Gruppen in Großbritannien und in den Internierungslagern in Übersee. Neben der Gesangs- und Volkstanzgruppe wurde auch die Young Players Group gegründet, die mit dem selbstverfassten Stück „Nazivagabundus“ ihren Einstand gab. Seit Dezember 1941 trat die Gruppe unter der endgültigen Bezeichnung Austrian Youth Players auf. Ihre Programme waren fast ausschließlich Eigenproduktionen: „Return Ticket Vienna-London. A Revue“, „Charlie Chaplin in Austria. A Comedy playlet“, „Einen Jux will er sich machen“ von Johann Nestroy, „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund, „From the Danube to the Thames. A Revue“, „Humour is a Weapon Too. A Revue“, „Vineta“ von Jura Soyfer (englisch von John Lehmmann) und „The Proposal“ (Predlozenie) von Anton Pavlovic Cehov. Bekannt wurde auch der im Mai 1942 gegründete Chor des Young Austria.
18. August 1939: Nach der Genehmigung durch das britische Home Office werden im nunmehr dritten Haus des Austrian Centre, Westbourne Terrace 132, die Werkstätten zur gegenseitigen Hilfe mit zwei Räumen und einem Werkstättensaal eröffnet. Hier werden Arbeitslose von Facharbeitern umgeschult und angelernt. Daraus entwickelte sich bald auch eine Kooperative der Schneider, Näherinnen und Schuster, die zwanzig Prozent ihres Gewinns an das Austrian Centre ablieferte.
August 1939: Auch in Liverpool entsteht eine Gruppe des Austrian Centre.
1. September 1939: Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg.
3. September 1939: Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg. Damit gelten die österreichischen Flüchtlinge als „feindliche Ausländer“ und unterliegen Reise- und Ausgeh-Beschränkungen sowie dem Verbot des Besitzes von Fotoapparaten, Radios usw.
September 1939: Die ersten österreichischen Flüchtlinge finden unmittelbar nach Kriegsbeginn den Weg in die britische Armee. Sie kamen durchwegs aus dem Kitchener Camp und dienten zunächst im Pioneer Corps (Arbeitsbataillon). Einige hundert von ihnen machten später den britischen Feldzug in Frankreich mit.
September 1939: Auch in York entsteht eine Gruppe des Austrian Centre.
September 1939: Seit Ende des Monats muss jeder österreichische Flüchtling seine Verlässlichkeit als Nazi-Gegner einzeln vor entsprechenden Tribunalen beweisen. Vor diesen insgesamt 106 Tribunalen wird der jeweilige Flüchtlingsstatus neu festgelegt: Kategorie A (sofortige Internierung), B (Aufrechterhaltung der polizeilichen Überwachung und der Beschränkungen) und C (Aufhebung aller Beschränkungen). Die Angehörigen der Kategorie C erhalten außerdem die Bezeichnung „Refugee from Nazi Oppression“ in das polizeiliche Registrierbuch eingestempelt.
12. Oktober 1939: Für den in der Emigration in London verstorbenen Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, Ehrenpräsident des Austrian Centre, wird eine große Gedenkfeier abgehalten.
18. Oktober 1939: Der Council of Austrians in Great Britain veröffentlicht ein Memorandum, in welchem es sich mit dem Problem der österreichischen Flüchtlinge und deren Status als „Refugee from Nazi Oppression“ auseinandersetzt.
Oktober 1939: Auch in Birmingham und Reigate entstehen Gruppen des Austrian Centre.
1. November 1939: Der Council of Austrians in Great Britain nimmt in einer Versammlung des British Council zur Lage der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien Stellung.
November 1939: Die britische Regierung beschließt die Aufhebung des Arbeitsverbots für alle als Flüchtlinge anerkannten Personen in Großbritannien.
November 1939: Das Austrian Republican Committee wird mit Sitz in London gegründet. Die für die Wiedererrichtung einer demokratischen Republik kämpfende, bürgerlich ausgerichtete Organisation gibt eine Nummer der Zeitschrift „Austrian Bulletin“ heraus, hält sich jedoch nur kurz.
November 1939: Im Austrian Centre wird ein überaus erfolgreicher Diskussionszirkel (Debating Circle) gegründet, in welchem politische und kulturelle Probleme mit Österreichbezug erörtert werden.
November 1939: Auch in Belfast entsteht eine Gruppe des Austrian Centre.
15. November-24. Dezember 1939: Die erste „Exhibition and Sale of Austrian Arts and Crafts“ wird im Rahmen des Austrian Centre eröffnet. Die überaus erfolgreiche Verkaufsausstellung wurde in der Folge jährlich abgehalten. Außerdem wurde im Anschluss an diese Ausstellung ein vom britischen Home Office genehmigtes „Austrian Studio for Arts and Crafts“ (später ASTU Studio) in der Tradition der „Wiener Werkstätten“ und des „Werkbunds“ eingerichtet.
Dezember 1939: Das Austria Office wird als offizielle österreichische Exilvertretung mit Sitz in London gegründet. Eine Anerkennung durch die britischen Behörden blieb jedoch versagt. Vom Jänner 1942 bis Juli 1943 gehörte die Organisation dem Free Austrian Movement an, trat dann aber wegen des kommunistischen Übergewichts aus.
20. Dezember 1939: Die Herberge des Austrian Centre (Hostel), Westbourne Terrace 132, wird eröffnet. Zunächst verfügt sie über zwei Räume mit zehn Betten, im März 1940 bereits über sechs Räume mit 30 Betten. Diesem Unternehmen war die erste große, alle österreichischen Flüchtlingsorganisationen übergreifende Spendenaktion vorangegangen.
1940
Jänner 1940: Der Austrian Labour Club wird in London gegründet, der vor allem durch Kultur- und Klubaktivitäten hervortrat. Es ist dies die erste eigenständige Organisation österreichischer Sozialdemokraten und Sozialisten in Großbritannien. Die in der Tradition der ehemaligen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs stehenden Flüchtlinge unterstellten sich nämlich der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten, welche 1934 (als Auslandsbüro österreichischer Sozialdemokraten) in Brünn gegründet und deren Sitz 1938 nach Paris verlegt worden war. Da die österreichischen Sozialdemokraten und Teile der Sozialisten in Großbritannien – zumindest zunächst einmal – den Beschlüssen der Brüsseler Tagung österreichischer Exil-Sozialisten vom April 1938 folgten, propagierten sie eine gesamtdeutsche Revolution. Damit richteten sie sich gegen die vor allem von Kommunisten und Legitimisten geforderte Wiederherstellung eines freien und unabhängigen Österreich. Der Austrian Club of Labour hatte etwa 120 Mitglieder.
Februar 1940: Die Association of Austrian Social Democrats in Great Britain, meist „Gruppe Allina“ genannt, wird gegründet. Sie wurde nach heftigen Auseinandersetzungen mit der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten geschaffen und setzte sich im Gegensatz dazu für eine Zusammenarbeit mit Konservativen und Legitimisten ein. Organ der Association of Austrian Social Democrats in Great Britain, welche von Jänner 1942 bis Juli 1943 dem Free Austrian Movement angehörte, war die Zeitschrift „Der Freiheitskampf“.
März 1940: In den Frühjahrsmonaten wird – vor dem Hintergrund der sich rasch verschlechternden wirtschaftlichen Situation in Großbritannien – die Fremdenfeindlichkeit unter Teilen der britischen Bevölkerung durch eine entsprechende Pressekampagne aufgepeitscht.
April 1940: Die Austrian League wird als Kernorganisation der österreichischen Legitimisten in Großbritannien gegründet. Auch sie gehörte vom Dezember 1941 bis August 1943 dem Free Austrian Movement an, trat dann aber wegen des kommunistischen Übergewichts aus. Eine zweite wichtige Organisation der Legitimisten war die Austrian Youth Association, die sich später von der Austrian League trennte. Auch sie gehörte vom Dezember 1941 bis August 1943 dem Free Austrian Movement an.
2. Mai 1940: Die Austrian Academy in Great Britain mit Sitz in London wird gegründet. Die englisch- und deutschsprachigen Veranstaltungen sollten der britischen Bevölkerung vor allem die Leistungen der österreichischen Wissenschaft näher bringen.
10. Mai 1940: Überfall Deutschlands auf die Niederlande, Belgien und Luxemburg. Großbritannien errichtete danach einen mehrere Kilometer tiefen Schutzgürtel entlang der britischen Küste, den alle „feindlichen Ausländer“ innerhalb von 48 Stunden verlassen mussten. In der Folge strömten etwa 3.000 obdachlose und arbeitslose Flüchtlinge nach London, wo sich die wirtschaftliche Lage gerade für Flüchtlinge weiter zuspitzte.
12. Mai 1940: Die allgemeine Internierungswelle für Österreicher und Deutsche in Großbritannien als „enemy aliens“ (feindliche Ausländer) beginnt. Betroffen sind zunächst alle Männer in Schutzbezirken entlang der britischen Küste, dann die Männer der Kategorie B zwischen dem 16. und 60., später auch zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr, danach die Frauen der Kategorie B und schließlich zwischen den Monaten Juni und Juli die restlichen deutschen und österreichischen Männer.
22. Mai 1940: Als erste Reaktion auf die Internierungswelle schafft das Austrian Centre einen Fonds für österreichische Internierte, für den bis Ende 1940 der Betrag von 354 Pfund aufgebracht werden konnte.
Mitte Juni 1940: Etwa 11.000 Österreicher und Deutsche sind in den Lagern Seaton, Kempton-Park, Huyton bei Liverpool, Wharf Mills und Mooragh interniert. Die durch die Internierungen ausgelöste Panik unter den österreichischen Flüchtlingen führte dazu, dass auch ihre Organisationen, allen voran der Council of Austrians in Great Britain und das Austrian Centre, zunächst in Untätigkeit gegenüber der Internierungswelle verharrten. Schließlich waren sie durch die Internierung mehrerer Funktionäre selbst hart betroffen. Das Ausmaß der Auswirkungen lässt sich an den monatlichen Mitgliedsbeiträgen des Austrian Centre ermessen: Sie fielen von 110 Pfund im Jänner 1940 auf 50 Pfund im Mai und – ein absoluter Tiefstand – auf 37 Pfund im September 1940.
22. Juni 1940: Waffenstillstand in Compiègne zwischen Deutschland und Frankreich, welches nun in einen besetzten und einen freien Teil zerfällt. Damit steigt die Möglichkeit einer deutschen Invasion in Großbritannien weiter, und Großbritannien geht daran, deutsche Kriegsgefangene, Nazi-Sympathisanten und internierte Flüchtlinge in Großbritannien gemeinsam nach Kanada und Australien zu verschicken.
30. Juni 1940: Der Council of Austrians in Great Britain veröffentlicht anlässlich der Versenkung des zweiten Evakuierungsschiffes (Arandorra Star) mit Kriegsgefangenen und Internierten durch ein deutsches U-Boot ein Memorandum, in welchem es die britische Regierung auffordert, die Flüchtlinge vor Nazi-Deutschland nicht länger als Feinde zu behandeln.
10. Juli 1940: Die Vorgänge um die Versenkung des Evakuierungsschiffes Arandorra Star, bei der Kriegsgefangene Internierte niedergetrampelt und ins Wasser geworfen haben sollen, führen zu einem Meinungsumschwung in der britischen Öffentlichkeit, dem nun auch in einer Parlamentsdebatte Rechnung getragen wird. Die britische Regierung kündigt die Einstellung aller weiteren Internierungen an. Außerdem wird mit Vorbereitungen für die Entlassung bereits Internierter begonnen.
8. August 1940: Die deutsche Luftwaffe beginnt mit verstärkten Luftangriffen auf Großbritannien.
7. September 1940: In der Nacht zum 7. September beginnt die deutsche Luftwaffe ihre sogenannten „Vergeltungsangriffe“ auf London, das heißt die gezielte Bombardierung der Zivilbevölkerung. Die österreichischen Exilorganisationen reagierten schnell auf die neue Lage. So schafften sie es, den Betrieb in den Häusern des Austrian Centre weitestgehend ungehindert aufrechtzuerhalten, auch wenn Bombentreffer die Energieversorgung wiederholt unterbrachen. Vor diesem Hintergrund kehrten die ersten österreichischen Flüchtlinge aus den Internierungslagern zurück.
Beschreibung: Bomben werden London abgeworfen. Aus: The British Multimedia Encyclopedia, Global Software Publishing 1996 (Bericht der BBC)- Freeware, Dauer: 0:21 min.
Kinder werden aus dem bombardierten London evakuiert. Aus: The Britisch Multimedia Encyclopedia, Global Software Publisching 1996, (Bericht der BBC), Freeware, Dauer: 0:12 min.
September 1940: Die österreichischen Flüchtlingsorganisationen, allen voran der Council of Austrians in Great Britain und das Austrian Centre, beginnen mit einer breit angelegten Informationskampagne über die Lage in den Internierungslagern und über die Stimmung unter den Angehörigen der Internierten. Außerdem werden in den Internierungslagern Selbsthilfegruppen mit dem Ziel der Selbstverwaltung der Lager initiiert.
September 1940: Die BBC beginnt mit der Ausstrahlung der Sendereihe „Briefe des Gefreiten Hirnschal“, mit der die in Österreich legendär gewordene Figur des Adolf Hirnschal geboren wurde. Diese Sendung österreichischer Emigranten wurde von Deutsch Sprechenden in ganz Europa gehört, nach britischen Schätzungen im letzten Kriegsjahr von etwa zehn Millionen Zuhörern.
Oktober 1940: Eine zweite, ungleich größere Rekrutierungswelle für die britische Armee beginnt unter den österreichischen Flüchtlingen. Bis zum Frühjahr 1941 waren etwa 1.500 österreichische Flüchtlinge in das Pioneer Corps eingetreten.
Dezember 1940: In Zusammenarbeit mit deutschen und sudetendeutschen Flüchtlingsorganisationen führt das Austrian Centre eine Weihnachtsaktion für die noch Internierten durch, bei der in sechs Wochen 800 Pfund aufgebracht und 1.600 Geschenkspakete verschickt werden.
1941
Jänner 1941: Zum Jahresbeginn ist die Entlassung der Internierten voll im Gange. Damit beginnen neue Probleme und ein neuer Tätigkeitsbereich für das Austrian Centre. Die Entlassenen müssen mit Unterkünften und Arbeitsplätzen versorgt werden. Besondere Hilfe erhalten sie durch das britische Arbeitsministerium, welches eine eigene internationale Abteilung schafft, um Flüchtlinge verstärkt in der Industrie, insbesondere in der Kriegsindustrie unterzubringen. In eigenen Umschulungswerkstätten werden unqualifizierte Arbeiter, berufslose Frauen, Intellektuelle, Rechtsanwälte und Lehrer für diesen Arbeitseinsatz eingeschult.
Jänner 1941: Es wird die Group of Austrian Trade Unionists in Great Britain gegründet, bis 1943 die einzige größere Exilorganisation in Großbritannien, die unter dem Einfluss der Sozialisten und Sozialdemokraten des Austrian Labour Club und des London Bureau of the Austrian Socialists in Great Britain stand.
Jänner 1941: Das Refugee Musicians‘ Committee mit Sitz in London wird gegründet.
Februar 1941: Das Austrian Centre richtet einen neuen Fonds ein, den „War Emergency Fund for Austrian Refugees“ (Kriegsnotfond für österreichische Flüchtlinge), welcher der Fürsorge für Internierte und für entlassene Internierte dient. Besondere Hilfe erhalten dabei hunderte Österreicher, die sich aus der Internierung heraus direkt zum britischen Pioneer Corps gemeldet hatten.
Februar 1941: Der Council for Civil Liberties beschäftigt sich in einem Memorandum mit dem Status der im Pioneer Corps tätigen Flüchtlinge, welche ja noch keine britischen Staatsbürger sind. Gemeinsam mit englischen Organisationen erreichte das Austrian Centre, dass Angehörige des Pioneer Corps nur in Großbritannien eingesetzt wurden, außer sie meldeten sich freiwillig zu einem Kampfeinsatz außerhalb Großbritanniens.
März 1941: Nach dem Protest österreichischer Sozialisten in Großbritannien wird über Antrag von Abgeordneten der britischen Labour Party die Anordnung rückgängig gemacht, innerhalb des britischen Pioneer Corps eine österreichische Einheit aufzustellen. Das Thema einer eigenen österreichischen militärischen Einheit sollte in Großbritannien noch bis April 1943 aktuell bleiben. Nach dem 1941 am Widerstand des britischen Foreign Office gescheiterten Versuch der Legitimisten, ein repräsentatives Austrian Advisory Committee als ersten Schritt zur Schaffung einer österreichischen Exilregierung zu bilden, versuchten sie im selben Jahr, eine österreichische Legion innerhalb der alliierten Armeen mit österreichischen Flüchtlingen aus den westlichen Emigrationsländern zu gründen. Dieses Ansinnen wurde aber von den zuständigen Behörden ebenfalls zurückgewiesen. Da die österreichischen Flüchtlinge nur als Arbeitssoldaten eingesetzt wurden, verlangte das Free Austrian Movement 1942 erneut die Gründung einer eigenen österreichischen Kampfformation, was aber von den Alliierten abgelehnt wurde. Lediglich in Jugoslawien konnten eigene österreichische Kampfverbände aufgestellt werden.
12. März 1941: Die vom britischen Ministry of Information finanzierte Wochenzeitung „Die Zeitung“ beginnt in London zu erscheinen. Sie besaß 1944 bis 1945 auch eine eigene Rubik „Österreichische Beilage“.
April 1941: Mit dem London Bureau of the Austrian Socialists in Great Britain gründen die Sozialdemokraten und Sozialisten in der Tradition der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs ihre zweite Organisation in Großbritannien. Zunächst nur als Londoner Geschäftsstelle der inzwischen in den USA angesiedelten und im März 1941 stillgelegten (und im Dezember 1941 aufgelösten) Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten gegründet, wurde diese Vereinigung zur zentralen sozialistischen Organisation in Großbritannien. Sein zunächst unbedingtes Festhalten an der Perspektive einer gesamtdeutschen Revolution brachte das London Bureau in krassen Gegensatz zu den meisten anderen politischen Flüchtlingsorganisationen der Österreicher in Großbritannien, welche durchwegs die Wiedererrichtung eines freien und unabhängigen Österreich forderten. Die durch die Erfahrung mit dem österreichischen Ständestaat geprägte ablehnende Haltung des London Bureau gegenüber der Herstellung des Status quo vor der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland wurde später aufgeweicht, indem man die Errichtung eines sozialistischen Österreich in einem sozialistischen Europa propagierte. Untersagten die Richtlinien der Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten von 1938 jede aktive Flüchtlingspolitik, so wich man – wie bereits in Schweden – auch in Großbritannien bald von einer strengen Auslegung dieser Vorgabe ab, und spätestens seit dem November 1943 griff man mit der Initiierung des Austrian Representative Committee in die österreichische Flüchtlingspolitik in Großbritannien prägend ein. Hauptorgan des London Bureau of the Austrian Socialists in Great Britain wurde die zwischen 1941 und 1946 erscheinende „London-Information of the Austrian Socialists in Great Britain/London-Information der österreichischen Sozialisten in England“.
Mai 1941: Im Frühjahr beginnt in Teilen der britischen Presse eine neue Kampagne gegen Flüchtlinge, welche diesmal als Unruhestifter und Kommunisten denunziert werden. Weitestgehend wirkungslos geblieben, verlief sie sich rasch.
18. Mai 1941: In der Wigmore Hall, London, findet ein von österreichischen Emigranten veranstaltetes großes Gustav Mahler-Konzert statt.
Juni 1941: Die britischen Behörden eröffnen ein eigenes Arbeitsamt für Österreicher und Deutsche. Zu diesem Zweck wird unter den Flüchtlingen die Registrierung aller Frauen und Männer zwischen dem 16. und 65. Lebensjahr angeordnet. Das Ergebnis zeigt, dass etwa 81 Prozent der arbeitsfähigen Österreicher bereits Arbeit haben, davon 25 bis 30 Prozent in der kriegswichtigen Wirtschaft.
Juni 1941: Das Exilkabarett „Blue Danube Club“ wird von österreichischen Flüchtlingen in London gegründet. Es brachte – stets mit englischen Titeln – ausschließlich deutschsprachige Kabarettprogramme.
22. Juni 1941: Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion. Durch dieses Ereignis stellte sich ein neuerlicher Meinungsumschwung in der britischen Öffentlichkeit ein, und die vor kurzem noch von Teilen der britischen Presse als Kommunisten denunzierten Flüchtlinge wurden nun anerkannte Verbündete im Kampf gegen Nazi-Deutschland.
September 1941: Das bisher nur hektographierte Hauptorgan des Austrian Centre, „Zeitspiegel“, erscheint erstmals in gedruckter Form und wird mit zuletzt 3.000 Stück zur auflagenstärksten Zeitschrift der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien. Diese Veröffentlichung diente später auch dem Free Austrian Movement als Organ.
September 1941: Die Association of Austrian Christian Socialists in Great Britain wird als größte österreichische Organisation ehemaliger Christlichsozialer in Großbritannien mit Sitz in London gegründet.
September 1941: Als besondere Dank- und Ehrbezeugung gegenüber dem britischen Premierminister Sir Winston Churchill wird anlässlich dessen 67. Geburtstags das Austrian Thank-Offering to Churchill Committee (A.T.O.C.C.) gegründet.
September 1941: Die Austrian Democratic Union wird mit Sitz in London gegründet. Diese Organisation Liberaler und demokratischer Bürgerlicher gehörte vom Jänner 1942 bis Juli 1943 dem Free Austrian Movement an, trat dann aber wegen des kommunistischen Übergewichts aus.
Oktober 1941: Der große Zustrom zum Austrian Centre macht es notwendig, ein neues Klubhaus zu eröffnen, die ehemalige Villa eine Malers, Swiss Cottage genannt. Auch hier wird ein Restaurant eröffnet, und die Kleinkunstbühne „Das Laterndl“ übersiedelt hierher, wo sie einen größeren Raum als in der Westbourne Terrace zur Verfügung hat.
Oktober 1941: Das Austrian Centre beginnt eine Kampagne zur besseren Integration österreichischer Flüchtlinge in die zivile Verteidigung. In der Folge wurden einschränkende Polizeivorschriften aufgegeben, Misstrauen und Vorurteile der zuständigen Behörden ausgeräumt, sodass österreichische Flüchtlinge ungehindert an Luftschutz- und anderen zivilen Verteidigungsorganisationen mitwirken konnten.
7.-16. November 1941: Anlässlich des Jahrestags der russischen Revolution startet das Austrian Centre seine erste Russlandhilfsaktion, welche unter dem Patronat des Dean of Canterbury, William Temple, steht. In sechs Wochen werden 890 Pfund gesammelt und zahlreiche Strickzirkel zur Anfertigung von Winterkleidung für die Rote Armee gegründet.
9. November 1941: In der Holborn Hall, London, findet der sogenannte „Zeitspiegelball“ unter dem Motto „Vienna Calling“ statt.
November 1941: Ein Co-ordinating Committee of Austrian Women wird gegründet, welches sich noch im selben Monat mit elf weiteren Organisationen zur „Arbeitsgemeinschaft österreichischer Organisationen – Freie österreichische Bewegung in Großbritannien“ zusammenschließt. Diese wurde zur Keimzelle des Free Austrian Movement.
3. Dezember 1941: Als erste repräsentative politische Vertretung der Österreicher in Großbritannien wird das Free Austrian Movement (Freie Österreichische Bewegung) gegründet. Dieser Dachorganisation schlossen sich zunächst elf, später noch weitere 26 Organisationen an. Die wichtigsten Mitglied-Organisationen sind 1) Association of Austrian Social Democrats, 2) Austrian Centre, 3) Group of Austrian Communists in Great Britain, 4) Austrian Democratic Union, 5) Austrian League, 6) Austria Office, 7) Austrian Women’s Voluntary Workers, 8) Austrian Youth Association, 9) Council of Austrians in Great Britain, 10) Austria To-morrow, 11) Association of Austrian Doctors, 12) Association of Austrian Interbrigaders, 13) League of Austrian Socialists, 14) Co-ordinating Committee of Austrian Women, 15) Young Austria in Great Britain, 16) Association of Austrian Engineers, Technicians and Scientific Workers, 17) Association of Austrians in Cambridge, 18) Association of Austrians in Berkhamstead and West Hertshire, 19) Association of Austrians in Manchester, 20) Free Austrian Movement in Scotland, 21) Austrian Group Leeds and Yorkshire Area und 22) Austrian Club Birmingham and Midlands Area. Diese von Kommunisten dominierte Dachorganisation trug vor allem dem Wunsch vieler österreichischer Flüchtlinge nach einem stärkeren politischen Auftreten Rechnung. Das Free Austrian Movement, das zumindest bis Sommer 1943 die uneingeschränkte Rückendeckung aller politischen Gruppierungen – ausgenommen der Sozialdemokraten – hatte, wirkte bis Kriegsende als wichtige politische Gesamtvertretung der Österreicher. Seit November 1943 erhielt sie aber durch das neugegründete Austrian Representative Committee eine gewisse Konkurrenz. Die wichtigsten Aufgaben des Free Austrian Movement waren die Organisierung des militärischen und zivilen Einsatzes der österreichischen Flüchtlinge im Krieg gegen Nazi-Deutschland, die Mitarbeit an der Propaganda nach Österreich (besonders durch BBC-Sendungen) sowie die Herstellung und Haltung der Verbindung mit allen Anti-Nazikräften außerhalb Großbritanniens. Diese Ziele wurden in einer gemeinsamen Deklaration der österreichischen Exil-Vereinigungen in Großbritannien bestätigt. Seit März 1944 führte die Organisation den Namen Free Austrian Movement in Great Britain, um sich von dem damals gegründeten Free Austrian World Movement klar zu unterscheiden. Sitz des Free Austrian Movement, nunmehr die größte österreichische Flüchtlingsorganisation, war das Austrian Centre. Ende 1943 hatte es bereits über 7.000 Mitglieder. Im Rahmen dieser Organisation erschien auch die für die Propaganda Österreichs als Kulturnation wichtigste Zeitschrift beziehungsweise Schriftenreihe, nämlich von Jänner bis April 1944 die „Kulturblätter des Free Austrian Movement“ beziehungsweise von 1944 bis 1946 die „Kulturelle Schriftenreihe des Free Austrian Movement“.
Dezember 1941: Zum Jahresende sind fast alle in Großbritannien internierten Österreicher wieder entlassen, während die Entlassung der in Übersee Internierten noch bis zum Herbst 1942 dauerte.
1942
24. Januar 1942: In der Porchester Hall, London, findet als erste Großveranstaltung des Free Austrian Movement eine Versammlung mit über 1.500 österreichischen Teilnehmern statt, welche ihre Bereitschaft bekunden, den Krieg der Briten gegen Nazi-Deutschland zu unterstützten.
31. Jänner-2. Februar 1942: Die erste War Effort Conference des Free Austrian Movement über den verstärkten Einsatz österreichischer Flüchtlinge in der britischen Kriegsproduktion findet im Austrian Centre in Paddington statt. 60 Delegierte österreichischer Flüchtlingsorganisationen beschließen, verstärkt Werbung für die Arbeit in der kriegswichtigen Wirtschaft zu machen. Zu diesem Zeitpunkt waren einige hundert Österreicher als Facharbeiter in der Kriegsindustrie (Flugzeuge, Panzer und Waffen) tätig. Dazu kamen noch über 300 österreichische Techniker, Chemiker und Forscher, die ebenfalls in der kriegswichtigen Wirtschaft arbeiteten. 50 österreichische Ärzte erhielten den britischen Doktortitel und unterstützten ihre britischen Kollegen. Weitere 150 österreichische Ärzte und Zahnärzte besaßen eine Arbeitserlaubnis für Spitäler, und 400 österreichische Krankenschwestern versahen Dienst in britischen Spitälern. Einige hundert Österreicherinnen hatten Kurse in den staatlichen Umschulungswerkstätten abgeschlossen und arbeiteten nun als gelernte und halbgelernte Arbeiterinnen.
14. Februar 1942: In London wird das österreichische Exiltheater „Österreichische Bühne“ gegründet, welche sich im Mai 1942 mit dem „Freien Deutschen Theater“ zu der den gesamten deutschen Sprachraum im Exil repräsentierenden „Lessingbühne“ vereinigte. Aufgeführt wurden „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing, „Professor Mamlock“ von Friedrich Wolf sowie „Unentschuldigte Stunde“ von János Békessy (seit 1941: Hans Habe) und Stella.
18. Februar 1942: Eine österreichische Delegation des Austria Office übergibt dem britischen Premierminister Sir Winston Churchill eine von österreichischen Flüchtlingen gespendete Rotkreuz-Ambulanz. Bei dieser Gelegenheit anerkennt Churchill erstmals offiziell Österreich als „erstes Opfer der Nazi-Aggression“ und spricht sich erstmals öffentlich für die Wiedererrichtung eines freien und unabhängigen Österreich aus.
4. April 1942: Als feierliche Festakademie (mit Szenen aus Johann Nestroys Lumpazivagabundus) wird der dritte Geburtstag des Austrian Centre begangen.
11. Juni 1942: In der Wigmore Hall, London, wird das große Festkonzert des (nach Großbritannien geflüchteten) Rosé-Quartetts „Hundert Jahre Wiener Philharmoniker“ gegeben.
28. Juni 1942: Die wieder unter dem Patronat des Dean of Canterbury, William Temple, stehende Aktion „Sammlung zum Ankauf von fahrbaren Röntgenwagen für die Rote Armee“ wird erfolgreich abgeschlossen. Von den von österreichischen Flüchtlingen gesammelten 4.000 Pfund kommen 1.500 Pfund vom Austrian Centre.
Juni 1942: Im Austrian Centre bildet sich der „Freundeskreis österreichischer Soldaten“ (später Friends of Austrians in H. M. Forces). Dieser richtete in Westbourne Terrace 132 eine Urlauberunterkunft für österreichische Soldaten in London ein und organisierte von nun ab die jährliche Weihnachts-Paketaktion für die österreichischen Soldaten in der britischen Armee.
Sommer 1942: Das War Workers Hostel (Heim für jugendliche Kriegsarbeiter) wird in London eröffnet. Das Heim bietet 25 Jugendlichen, die in Kriegsarbeit stehen, aber keine Angehörigen besitzen, Verpflegung und Unterkunft.
August 1942: Das Young Austria veranstaltet in London eine große Kulturkonferenz mit etwa 100 Teilnehmern.
20. August-26. September 1942: In einer großangelegten Kampagne „Österreicher für Großbritannien“ des Austrian Centre sollen während der Erntezeit 5.000 Stunden freiwillige Sonntagsarbeit am Land geleistet und 300 neue österreichische Halbtagsarbeiter für die Landwirtschaft gewonnen werden. Außerdem werden eine Strick- und eine Blutspendeaktion für die britische Armee durchgeführt.
29. und 30. August 1942: Der Austrian P.E.N. veranstaltet in London die I. Österreichische Kulturkonferenz, an der etwa 250 österreichische Schriftstellerinnen und Schriftsteller im Exil teilnehmen.
26. September 1942: Die zweite War Effort Conference des Free Austrian Movement kann gegenüber der ersten Konferenz vom Jänner 1942 große Fortschritte verzeichnen. Nunmehr arbeiteten 79 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen in der kriegswichtigen Wirtschaft, außerdem 45 Prozent in der zivilen Verteidigung. Weiters waren etwa 360 österreichische Ärzte sowie etwa 50 Ärzte, die erst in Großbritannien ihr Doktorat erworben hatten, in Privatpraxen und Spitälern tätig, 40 österreichische Zahnärzte in Schul- und anderen Zahnkliniken, 300 Techniker, Chemiker und andere Wissenschaftler in kriegswichtiger Arbeit. Dazu kamen 4.000 bis 5.000 junge Arbeiter, die meist durch Umschulungswerkstätten gegangen waren und nun als Mechaniker, Monteure, Dreher, Schlosser, Schweißer und andere Metallarbeiter in der kriegswichtigen Industrie tätig waren. 2.000 bis 3.000 Österreicher arbeiteten in der Kriegslandwirtschaft. Etwa 100 ausgebildete Lehrer und Kindergärtnerinnen konnten wieder ihren erlernten Beruf ausüben. Im Juli 1942 arbeiteten von den rund 16.000 arbeitsfähigen österreichischen Flüchtlingen in Großbritannien über 2.000 in qualifizierten Berufen, der Rest in halbqualifizierten Berufen, vor allem in Lebensmittelfabriken sowie ein erheblicher Teil der Frauen in den Uniform- und Kriegsausrüstungsbetrieben. Etwa 1.500 Österreicher waren im Pioneer Corps der britischen Armee tätig, etwa 300 bis 400 Österreicherinnen im weiblichen Hilfsdienst des Auxiliary Territorial Service. Ein besonderes Problem waren nach wie vor die Hausfrauen. Um diese Frauen in das Berufsleben zu integrieren, schuf das Co-ordinating Committee of Austrian Women Genossenschaften, deren erste, die Austrian Needle Women (Genossenschaft der österreichischen Näherinnen), im Juli 1942 gegründet wurde.
16. Oktober 1942: Der mit Hilfe österreichischer und britischer Spender errichtete Austrian Day Nursery (Österreichischer Kindergarten) wird eröffnet. Diese überaus erfolgreiche Einrichtung, die auch nach Kriegsende weiterbestand, betreute bei der Eröffnung 16 Kinder, ein Jahr später bereits 72 Kinder aus zehn Nationen im Alter von zwei bis fünf Jahren.
Oktober 1942: Zu diesem Zeitpunkt gibt es folgende Klubhäuser des Austrian Centre in London: 1) Austrian Centre Paddington, Westbourne Terrace 126, W. 2, 2) Austrian Centre Swiss Cottage, Eaton Avenue 69, N. W. 3, 3) Austrian Centre Finsbury Park, Lecture Hall, Wilberforce Road, N. 4, 4) Austrian Centre Cricklewood, St. Andrew’s School, St. Andrews Road, N. W. 10, und 5) Austrian Centre Richmond, 57 Church Road, Richmond.
November 1942: Britische Radio-Meldungen berichten erstmals von der am 22. und 23. Oktober 1942 in den österreichischen Alpen gegründeten „Österreichischen Freiheitsfront“, jener von Kommunisten initiierten ersten parteiübergreifenden Widerstandsorganisation im besetzten Österreich, in der sich Kommunisten, Sozialdemokraten, Bürgerliche, Parteilose und Katholiken vereinigten. Dies gab dem Kampf des Free Austrian Movement um Nichtanerkennung der Annexion und um die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs neuen Auftrieb und eine wichtige Argumentationsunterstützung. Das alte Ziel wurde nun durch die Forderung nach Unterstützung der „Österreichischen Freiheitsfront“ ergänzt, mit dem Ziel, im besetzten Österreich selbst einen nationalen Volkskrieg gegen die deutschen Besatzer zu entfesseln.
November 1942: Nach der Invasion in Nordafrika stoßen neue österreichische Flüchtlingssoldaten, welche im Dienste der britischen Armee stehen, zum Austrian Centre. Es sind dies die Überlebenden der Vichy-Konzentrationslager in Marokko und Algerien, welche von den britischen Truppen befreit wurden. Während die Kranken in Spitäler gebracht wurden, konnten die Gesunden die Lager nur verlassen, wenn sie sich zum Pioneer Corps meldeten. Mit diesen Soldaten traten erstmals auch kampferprobte österreichische Flüchtlinge, welche in den Internationalen Brigaden in Spanien gedient hatten, in die britische Armee ein.
15. Dezember 1942: In der Wigmore Hall, London, findet auf Initiative der dem Free Austrian Movement angeschlossenen Austrian Musicians‘ Group ein großes Anglo-Österreichisches Konzert statt.
Dezember 1942: Im Rahmen der weihnachtlichen Paketaktion der Friends of Austrians in H.M. Forces des Austrian Centre werden über 1.000 Pakete an österreichische Soldaten in der britischen Armee verschickt.
1943
Jänner 1943: Als wichtigste Organisation der österreichischen Studenten in Großbritannien wird die National Union of Austrian Students gegründet, die im Oktober 1943 dem Free Austrian Movement beitrat.
Jänner 1943: Der Musical Circus Swiss Cottage wird als weitere Bühnenorganisation des Austrian Centre gegründet und unterhält je eine Spielgruppe im Paddington-Haus und im Swiss Cottage-Haus des Austrian Centre.
März 1943: Gemeinsam mit den britischen Interbrigadisten beginnt das Austrian Centre eine große Sammelaktion für die Internierten in Nordafrika. 300 Pfund werden für die österreichischen Interbrigadisten, weitere 134 Pfund für andere österreichische Flüchtlinge in Nordafrika gesammelt. Ein kleiner Teil an Kleidern und Geld dieser Sammlung geht an die österreichischen Flüchtlinge in der Schweiz, die sich dorthin vor dem Vichy-Regime in Frankreich gerettet hatten.
April 1943: Das Free Austrian Movement setzt eine Kommission ein, welche sich mit Nachkriegsfragen für Österreich beschäftigt. Diese wurde im Oktober 1943 als Post War Reconstruction-Committee konstituiert.
April 1943: Die tägliche Sendung des BBC nach Österreich wird auf drei Sendungen pro Tag mit einer Gesamtdauer von eineinhalb Stunden erweitert.
22. April 1943: Das britische Parlament beschließt die Zulassung der Flüchtlinge zu allen britischen Waffengattungen. Nach Bewältigung der langwierigen Durchführungsbestimmungen konnten im Juni 1943 österreichische Flüchtlinge auch in Kampfverbände der britischen Armee eintreten, was eine neuerliche, freiwillige Rekrutierungswelle unter den Flüchtlingen auslöste. Bereits nach wenigen Wochen war die Zahl der Österreicher in der britischen Armee auf über 3.000 gestiegen.
16. Mai 1943: In der Porchester Hall, London, findet eine große Konzertakademie mit dem Chor des Young Austria statt.
Juni 1943: Die österreichische Sektion der New Commonwealth Society of Justice and Peace wird gegründet.
Juli 1943: Im Austrian Centre, Westbourne Terrace 126, wird ein Sommer-Café mit Zeitungen, Radio und einer Spielecke eröffnet.
Juli 1943: Es erfolgt die formelle Gründung des Verlags Free Austrian Books des Austrian Centre, welches bereits 1940 und dann seit dem Frühjahr 1942 englische und deutschsprachige Publikationen herausgebracht hatte. Der Verlag Free Austrian Books sollte den österreichischen Flüchtlingen in Großbritannien ebenso dienen wie den britischen Gastgebern. Neben der Veröffentlichung von durch die politischen Zeitereignisse bedingten programmatischen Schriften des Austrian Centre wurde vor allem versucht, ein möglichst eindrucksvolles Bild von Österreich als Kulturnation zu vermitteln.
August 1943: Die League of Austrian Socialists eröffnet das Georg Weissel-Haus, Fitzjohns Avenue 36, in London als Vereinslokal.
September 1943: Die Arbeitsgemeinschaft „Österreich heute, gestern und morgen“ wird in Birmingham gegründet.
Oktober 1943: Das Free Austrian Movement gründet in London das Post War Reconstruction-Committee, das Austrian Centre die Literaturgemeinschaft des Austrian Centre.
1. November 1943: Moskauer Deklaration der Dreimächte-Konferenz, welche Österreich als Opfer der deutschen Aggression anerkennt und die Wiederherstellung Österreichs als alliiertes Kriegsziel festlegt. Zugleich wird festgestellt, dass Österreich selbst auch einen Beitrag zu seiner Befreiung leisten müsse.
6. November 1943: Infolge der Moskauer Deklaration wird das Austrian Representative Committee mit Sitz in London gegründet. Die von den britischen Behörden zwar nie als offizielle Vertretung Österreichs in Großbritannien anerkannte Organisation wurde zu einer wichtigen repräsentativen Körperschaft, in der sozialistische Gewerkschafter, Sozialisten, Liberale, demokratische Katholiken und Sozialdemokraten vertreten waren. Die für die Kommunisten reservierten zwei Sitze blieben unbesetzt. Anlässlich der Diskussionen über die Nachkriegskonzeptionen des Austrian Representative Committee sprach sich der Vertreter des London Bureau erstmals für eine künftige Neutralität Österreichs aus und machte damit eine grundlegende Änderung in der Haltung seiner Organisation publik. Dennoch konnte bis über das Kriegsende hinaus keine Annäherung des London Bureau und der Kommunisten, welche sich übrigens weiterhin hinter das Free Austrian Movement als repräsentativer Vertretung der Österreicher in Großbritannien stellten, erreicht werden.
November 1943: In London findet ein erstes großes Treffen österreichischer Soldaten in der britischen Armee statt.
November 1943: In London wird die Gruppe Österreichischer Pfadfinder in Großbritannien gegründet.
27. und 28. November 1943: In London wird die Landeskonferenz des Free Austrian Movement abgehalten, an der 108 Delegierte von 27 Organisationen (darunter 11 Provinz-, 6 Berufs- und 3 Jugendorganisationen) teilnehmen. Das Free Austrian Movement umfasst nun 7.000 Mitglieder.
Dezember 1943: Es wird eine eigene, wöchentlich ausgestrahlte Sendung für die österreichische Jugend im Rahmen der österreichischen Sektion des BBC (jeden Samstag um 6.45 Uhr auf Welle 49.19 und 25.31) eingerichtet.
16. Dezember 1943: Infolge der Moskauer Deklaration beschließt das britische Innenministerium, dass sich alle österreichischen Staatsbürger, welche nach der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatten, als österreichische Staatsbürger umregistrieren lassen können.
Dezember 1943: Alle Organisationen des Free Austrian Movement widmen ihre Weihnachtsaktion den österreichischen Soldaten in der britischen Armee. Das Forces Welfare Department des Free Austrian Movement bringt zum erstenmal ein gedrucktes Bulletin für die österreichischen Soldaten heraus, welches danach monatlich erscheint und an die in Indien, Nordafrika, im Mittleren Osten und in Großbritannien stationierten österreichischen Soldaten ergeht.
1944
Jänner 1944: Das Social Welfare Department des Free Austrian Movement wird gegründet. Als erstes legt es mittels Fragebogen einen Suchkataster vermisster Österreicher in Großbritannien (Search Register) an. Im August 1944 wurde das Search Register dem neugegründeten internationalen Suchbüro für Vermisste des Foreign Relations Department des British Red Cross angeschlossen.
15. Februar 1944: Das Monatsblatt des Free Austrian Movement, „Austrian News“, erscheint gedruckt und nicht mehr hektographiert. Zugleich wird die Möglichkeit der Einzelmitgliedschaft beim Free Austrian Movement, dem bisher nur Organisationen angehören konnten, eingeführt.
11. März 1944: Anlässlich des sechsten Jahrestags der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland wird das Free Austrian World Movement (Freie Österreichische Weltbewegung) mit Sitz in London gegründet. Diese Länder übergreifende Organisation, der österreichische Exilorganisationen zunächst aus 14, zuletzt aus fast 30 Ländern angehörten, stand stets unter dem starken Einfluss des britischen Free Austrian Movement in Great Britain, in welchem allein 29 Organisationen, Kulturorganisationen, politische Gruppen und Fachvereinigungen, Jugendgruppen und Sportvereine mit zusammen 7.000 Mitgliedern zusammengeschlossen waren. Insgesamt zählte das Free Austrian World Movement 1945 über 25.000 Mitglieder in Nord- und Südamerika, in Palästina, Ägypten, Abessinien, Tunis, Algier, Indien und Australien. Politisch reichte das Spektrum von Legitimisten bis Kommunisten.
März 1944: Mit einer großen Feier wird der fünfte Geburtstag des Austrian Centre begangen. In der dazu veröffentlichten Festbroschüre wird festgehalten, dass das Austrian Centre in den beiden letzten Jahren acht Broschüren in englischer Sprache mit einer Gesamtauflage von 50.000 Stück und deutschsprachige Broschüren mit einer Gesamtauflage von 19.000 Stück herausbrachte, dass die Spielgruppe des Austrian Centre 1943 englischsprachige Aufführungen vor über 10.000 Briten aufführte, dass der 1943 gegründete Austrian Musical Circle des Austrian Centre bisher etwa 50 Konzerte veranstaltete und dass die Kleinkunstbühne „Das Laterndl“ in den fünf Jahren seines Bestehens 23 Stücke und Revuen zur Aufführung brachte. Das Austrian Centre zählte bereits 3.500 Mitglieder. 1943 verzeichnete es einen Umsatz von 46.000 Pfund und verfügte über 70 Angestellte in diversen Büros, den Restaurants, der Redaktion der Zeitschrift „Zeitspiegel“, im Verlag Free Austrian Books, in der Herberge, im Beratungsbüro des Council of Austrians in Great Britain usw. Der größte Teil der Arbeit (Spielgruppe, Bibliothek, Buchladen, diverse Fach- und Veranstaltungsgruppen) wurde jedoch ehrenamtlich von österreichischen Flüchtlingen in ihrer Freizeit geleistet.
März 1944: Die Austrian Liberal Association wird als wichtigste Exilorganisation der Liberalen in Großbritannien gegründet und tritt dem Free Austrian Movement in Great Britain bei.
18. und 19. März 1944: In London findet ein großes Treffen der Friends of Austrians in H. M. Forces statt. Jeder sechste Österreicher in Großbritannien gehört inzwischen der britischen Armee an.
März 1944: Im Austrian Centre werden der Kreis junger österreichischer Schriftsteller und eine Photo-Sektion im Austria Centre Paddington gegründet.
März 1944: Die Association of Austrians in Yorkshire, hervorgegangen aus dem Österreichischen Klub in Leeds, wird gegründet.
April 1944: Die Association of Austrians in Cheltenham wird gegründet.
Mai 1944: Das Free Austrian Movement startet seine Kurse für die Nachkriegszeit.
7. Mai 1944: Das Austrian Centre veranstaltet im Whitehall Theatre, London, eine große Festakademie mit dem Rosé-Quartett.
Mai 1944: Der Austrian Football Club wird gegründet. Sein erstes Meisterschaftsspiel trug er am 23. September 1944 gegen Park Hill, den drittplazierten in der letztjährigen Meisterschaft der Northern London Alliance Amateur League (First Division) aus und erzielte ein 4:4 (2:2). Nach fünf Niederlagen und zwei Unentschieden konnte die Mannschaft im November 1944 gegen Walpole den ersten Sieg mit 5:1 (1:1) erringen.
3.-25. Juni 1944: Die Ausstellung des nach London geflüchteten österreichischen Karikaturisten Joseph Otto Flatter (1894-1988) im Swiss Cottage des Austrian Centre erregt mit ihren Hitler-Karikaturen allgemeines Aufsehen.
6. Juni 1944: In der Nacht zum 6. Juni 1944 beginnt die alliierte Invasion in der Normandie. Mit dabei sind österreichische Soldaten in der britischen Armee. Bald begannen auch die ersten Trauerfeiern für die im Kampf gefallenen österreichischen Soldaten. Der erste Österreicher in der britischen Armee, der bei der Befreiung von der Nazi-Diktatur auf dem europäischem Festland starb, war der Leutnant bei den britischen Fallschirmtruppen Franz Karl Revertera (1919-1944).
16. Juni 1944: In einem ersten Großeinsatz werden die „V1“-Raketen der deutschen Luftwaffe auf London abgeschossen. Der in der Folge rapid zunehmende deutsche Raktenterror zwang das Austrian Centre, viele seiner Aktivitäten einzustellen und den Kindergarten nach Schottland zu verlegen, wo er bis zum Kriegsende blieb. Sowohl die zunehmende Zahl österreichischer Soldaten als auch die nun rasch steigende Zahl der ausgebombten österreichischen Flüchtlinge stellten verstärkte Anforderungen an die österreichischen Flüchtlingsorganisationen.
Juni 1944: Das Free Austrian Movement in Great Britain erstellt einen Spezialisten- und Berufskataster, in welchem etwa 2.500 hochqualifizierte österreichische Arbeiter, Intellektuelle und Experten aus Großbritannien, aber auch anderen Staaten eingetragen werden. Zugleich beginnt man mit Kursen für Schulhelfer und Fürsorgehelfer, weil das Free Austrian Movement in Great Britain annimmt, dass Erzieher und Fürsorger am dringendsten und als erstes im wiederzuerrichtenden Österreich gebraucht würden.
Sommer 1944: Nach dem Überfall von 16 Gestapo-Angehörigen auf das Büro der Österreichischen Völkerbundliga am 16. März 1938 wurde die Tätigkeit dieser Organisation eingestellt. Die nach Großbritannien geflüchteten Mitglieder führten ab Sommer 1944 die Austrian League of Nations Society/Österreichische Völkerbundliga mit Sitz in den Räumen der Austrian Democratic Union, London, weiter. Sie fungierten als „Trustees“, bis durch Neuwahlen ein neues Exekutivkomitee gewählt werden könne.
Juli 1944: Die Anglo-Austrian Democratic Society, eine gemeinsame Organisation von Briten und österreichischen Flüchtlingen, wird in London gegründet.
Oktober 1944: Der Council of Austrians in Great Britain richtet eine neue Abteilung ein, das „Suchbüro für Vermisste“, welches vermisste Österreicher in Großbritannien aufspüren soll.
21. und 22. Oktober 1944: Das Free Austrian Movement hält im Danish House und im Austria War Charity House, London, die II. Österreichische Kulturkonferenz ab.
Dezember 1944: Das London Bureau of the Austrian Socialists in Great Britain startet die „Schriftenreihe des Londoner Büros der österreichischen Sozialisten“, welche aber nach zwei Nummern wieder eingestellt wird.
Dezember 1944: Das britische Kriegsministerium gibt bekannt, dass die Ausländer in der britischen Armee unter die gleichen Bestimmungen zur Demobilisierung fallen wie die britischen Soldaten. Die Armee werde für die Repatriierung der österreichischen Soldaten in ihre Heimat oder – wenn gewünscht – in ein anderes nicht-britisches Land sorgen.
Dezember 1944: Die Weihnachtsaktion steht ganz im Zeichen der am 1. Oktober begonnenen „Sammelkampagne für die Österreicher im befreiten Europa“ des Free Austrian World Movement, welche 3.073 Pfund erbringt, davon 762 Pfund vom Austrian Centre. Gerade der Kontakt der österreichischen Soldaten in der britischen Armee mit anderen österreichischen Freiheitskämpfern vor allem in Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden und deren Berichte über diesen europaweiten Freiheitskampf von Österreichern hatten diese enorme Spendefreudigkeit in Großbritannien ausgelöst. Allein an die österreichischen Soldaten können 1.500 umfangreiche Pakete verschickt werden. In diesem Zusammenhang soll noch eine Hilfskampagne des Austrian Centre erwähnt werden. Eingedenk der großartigen Hilfe der Niederländer für Österreich nach dem Ersten Weltkrieg, die tausende österreichische Kinder vor dem Verhungern gerettet hatte, sammelte man nun für die nach der Befreiung von Hunger geplagte niederländische Bevölkerung und konnte in nur wenigen Wochen einen bemerkenswerten, wenn auch nur symbolischen Beitrag zur Bekämpfung von Hunger und Elend in den Niederlanden leisten.
1945
Jänner 1945: Die regelmäßigen Beratungen der Association of Austrian Nurses and Allied Professions im Austrian Centre beginnen.
Jänner 1945: Die Refugee Teachers Association wird gegründet, welche dem Free Austrian Movement in Great Britain beitritt. Weiters wird die Gruppe Hedi Urach ins Leben gerufen, eine Vereinigung Jugendlicher, die zum Young Austria gehörte.
17. Februar 1945: Das Free Austrian Movement in Great Britain hält in London eine große Konferenz zur Frage „Österreich und die Auslandsösterreicher“ ab.
11. März 1945: Die Gedenkfeier anlässlich des siebenten Jahrestags der Okkupation Österreichs durch Nazi-Deutschland wird zur letzten großen Veranstaltung der österreichischen Flüchtlinge in Großbritannien vor der Befreiung Österreichs.
29. März 1945: Die Meldung, dass die Rote Armee die österreichische Grenze überschritten hat, löst großen Jubel unter den österreichischen Flüchtlingen in Großbritannien aus.
10. April 1945: In der Royal Albert Hall, London, findet ein großes österreichisches Konzert des National Symphony Orchesters statt.
April-Mai 1945: Die Gründe zum Feiern für die österreichischen Flüchtlinge häufen sich. Am 13. April wird Wien endgültig befreit, am 27. April erfolgt die Bildung der Provisorischen Österreichischen Staatsregierung, am 28. April überschreiten die aus Deutschland kommenden Amerikaner und am 6. Mai die aus Italien vorrückenden Briten die österreichische Grenze, am 8. Mai wird der Waffenstillstand verkündet und damit ganz Österreich endlich frei, am 9. Mai 1945 um 00.01 Uhr tritt die Kapitulation Deutschlands in Kraft und wird um 00.16 Uhr in Berlin noch einmal unterzeichnet.
19. April 1945: Das Austrian Centre hält seine letzte Jahres-Delegierten-Konferenz vor der Befreiung Österreichs ab. Es zählt nunmehr 3.500 Mitglieder.
23. April 1945: Das Free Austrian Movement in Great Britain veranstaltet eine Monster-Kundgebung in der Seymour Hall, London, anlässlich der Befreiung Österreichs unter dem Motto „Wien ist frei!“. An der Veranstaltung nimmt auch ein Oberstleutnant der Roten Armee als offizieller Vertreter der Sowjetunion teil.
8. und 9. Mai 1945: Der VE Day wird in Großbritannien mit großen Feierlichkeiten begangen. An der großen Siegesfeier nehmen auch die österreichischen Flüchtlinge teil.
Die ersten „Notverordnungen“ zur ?Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung‘ waren noch in gleichem Maße gegen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten gerichtet. 1933 wurden Anhaltelager errichtet, die beiden größten in Wöllersdorf und Kaisersteinbruch. Zunächst nur als Notarreste für sozialistische und nationalsozialistische Verwaltungshäftlinge gedacht, „wurden sie bald zum Instrumentarium der Rechtlosigkeit, denn die Anhaltung konnte auf unbestimmte Zeit verhängt werden, und für die Einweisung genügte der bloße Verdacht einer verbotenen Parteibetätigung.“ (Jagschitz 1976, 53)
Juli-September 1945: Das Austrian Centre führt die Registrierung der Österreicher in Großbritannien durch, um Unterlagen für österreichische und britische Behörden zwecks Repatriierung bereit zu haben. Nur 2.400 Österreicher werden registriert, darunter 1.912 Zivilisten. Von den Zivilisten wollen 859 sofort nach Österreich zurückkehren, 700 sind unentschieden, 179 wollen weiter wandern und 174 entscheiden sich für einen Verbleib in Großbritannien. Außerdem melden sich 152 Nichtösterreicher, die lange in Österreich gelebt und nun dorthin zurückkehren wollen.
2. und 9. September 1945: Im Studio One, Oxford Circus (London), wird der Film „The Battle for Vienna“ (Die Schlacht um Wien) präsentiert. Der Reingewinn dieser Veranstaltungen geht an den War Emergency Fund for Austrian Refugees.
13. – 20. September 1945: Bei Foyles in London findet eine letzte große Ausstellung österreichischer Exil-Künstler statt.
September – Dezember 1945: Ein besondere Aufgabe fällt dem Austrian Centre als Kontaktstelle nach Österreich zu, weil es bis zum Februar 1946 keine Postverbindung mit Österreich gab. Zu diesem Zweck werden zwei Aktionen durchgeführt: Mit Hilfe der französischen Besatzungsbehörden in Österreich wird ein eingeschränkter Briefverkehr mit Österreich aufgebaut, und mit Radio Wien werden Grußsendungen arrangiert. Daneben werden Unterstützungs- und Hilfskomitees gegründet, nunmehr aber für Österreich selbst. Die Organisationen des Free Austrian Movement in Great Britain schließen sich mit der britischen Organisation Friends of Austria zum gemeinsamen Austrian Relief Committee (Oesterreichhilfe Komitee) zusammen. Das Austrian Centre stellt seinen War Emergency Fund for Austrian Refugees (Kriegsnothilfefond für Oesterreichische Flüchtlinge) zur Verfügung, der am 1. Oktober 1945 zum Austrian Relief Fund (Oesterreichischer Hilfsfond) umgewandelt wird. Bereits bis Ende 1945 werden hier 2.000 Pfund gesammelt. Es ist allerdings äußerst schwierig, die mit dem Geld erworbenen Nahrungsmittel, Kleidung und Medikamente nach Österreich gelangen zu lassen. Dies gelingt zunächst nur mit kleinen Sendungen über Soldaten und die Quäker. Erst im Frühjahr 1946 konnten über United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) und das Internationale Rote Kreuz die Sendungen rasch nach Österreich gelangen. Mit Hilfe britischer Unterstützung durch führende Persönlichkeiten, Parlamentarier und Hilfsorganisationen wurde schließlich das Aid to Austria Appeal Committee (Englisch-Oesterreichisches Komitee) eingerichtet, welchem sich das Austrian Relief Committee anschloss. Mittels des größeren Einflusses dieser Organisation bei der britischen Regierung und einer breiteren Öffentlichkeit konnte die Bewilligung zur Überweisung von 10.000 Pfund in die Schweiz zum Ankauf von Lebensmitteln für Österreich erreicht werden. Tatsächlich erzielte ein einziger Aufruf im britischen Radio allein 13.000 Pfund für Österreich.