Zum Stand der Forschung
Die Literatur über österreichische Exilautorinnen und -autoren in Lateinamerika ist nur dann umfangreich, wenn man alle jene Studien heranzieht, die Stefan Zweig und seinem Exil in Brasilien sowie Egon Erwin Kisch und seinem Exil in Mexiko gewidmet sind. Über die vielen anderen österreichischen Autorinnen und Autoren, die in südamerikanischen Ländern Zuflucht fanden, findet man nur wenig. Ihre Werke sind seit langem vergriffen, selten in Antiquariaten und seltener noch in öffentlichen Bibliotheken erhältlich. So dürften z. B. in Österreich nicht mehr als zwei oder drei Exemplare von Leo Katz‘ Roman „Totenjäger“ vorhanden sein. Es fehlt selbst an Überblickdarstellungen. Zwar veröffentlichten Alisa Douer und Ursula Seeber 1995 den Photo- und Textband „Wie weit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler“ (vgl. Douer, Seeber 1995, 312; span. Ausgabe unter dem Titel: Qué lejos esté Viene. Latinoamérica como lugarde exilio de escritores y artistas austriacos; Wien 1995). Diese Publikation kann aber nur als ein erster Schritt bei der Beschäftigung mit dem österreichischen Exil in Lateinamerika angesehen werden; sie enthält aber nützliche Kurzübersichten zur Exillsituation in den einzelnen Ländern und schätzt die Zahl der österreichischen Emigrant/inn/en in Südamerika auf 7.500 bis 9.000 Personen (vgl. Patrick von Zur Mühlen, 1995, 10). An den germanistischen Instituten lateinamerikanischer Universitäten wird kaum Exilforschung betrieben. Es fehlen zudem verlässliche und kontinuierlich an der Sache interessierte Ansprechpartner in Lateinamerika, mit denen eine Zusammenarbeit möglich wäre.
Eine Ausnahme ist Prof. Izabela Maria Furtado Kestler in Rio de Janeiro, die auch der internationalen „Gesellschaft für Exilforschung“ angehört.
Quelle: MdZ 13 (1996) 2.
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Quelle: MdZ 15 (1998) 1. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
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Am besten dokumentiert ist das sowohl künstlerisch als auch politisch hochinteressante Exil in Mexiko – durch zeitgeschichtliche Studien, Autobiographien und Neueditionen.. (vgl. Kießlich 1974 und von Hanffstengel u.a. 1995) Dem Exil in Mexiko hat die Zeitschrift „Mit der Ziehharmonika. Zeitschrift für Literatur des Exils und des Widerstands“, die jetzt den Namen „Zwischenwelt“ trägt, 1998 ein Schwerpunktheft gewidmet. (vgl. Mit der Ziehharmonika 15, 1998, 1) Mexiko war der einzige Staat der Welt, der trotz der Sorgen um den Verkauf des 1938 verstaatlichten mexikanischen Erdöls, dessen wichtigster Käufer Hitlerdeutschland war, die Annexion Österreichs durch Hitlerdeutschland niemals anerkannt hat. Christian Kloyber hat über die Vorgänge ausführlich geschrieben (vgl. Kloyber 1987). Er und der andere österreichische Spezialist für das mexikanische Exil, der Egon-Erwin-Kisch-Biograph Marcus G. Patka (vgl. Patka 1997), werden demnächst den lange schon angekündigten Band „Österreicher im Exil – Mexiko“ herausbringen, der deshalb viele Jahre später erscheinen kann als geplant, weil in Österreich für kontinuierliche Exilforschung kaum Mittel flüssig gemacht werden, es sei denn, aus Anlass eines Gedenktages oder einer internationalen Repräsentationsverpflichtung.
So wurde etwa für die Biennale von Venedig 1993 kurzfristig ein Überblickswerk „Vertreibung der Vernunft/The Cultural Exodus from Austria“ (hg. von Friedrich Stadler und Peter Weibel, Wien 1993) bestellt, freilich nur wenige Monate vor dem Ereignis und ohne nennenswerte Dotierung von Forschungsarbeiten. Diese Publikation ist ein sehr umfangreiches Werk geworden, das sein Zustandekommen letztlich nur dem Goodwill und dem Engagement der auf dem Gebiet der Exilforschung Tätigen verdankt. Bei entsprechender Vorbereitung hätte es ein Standardwerk werden können.
Mexiko
Alle, die in Mexiko waren, sind dem Lande mit großer Zuneigung verbunden. Lassen wir es Lenka Reinerová stellvertretend für die anderen sagen:
„Was immer ich über Mexiko höre, berührt mich. Als wir, Menschen aus verschiedenen, vom Krieg überfallenen Ländern Europas im Land der von den Europäern weiß Gott nicht jederzeit milde, geschweige denn großzügig behandelten Indios Zuflucht fanden, wurden wir hochherzig aufgenommen. Gewiß, die Bürger der Vereinigten Staaten von Mexiko hatten ihre revolutionären Erfahrungen, wußten, was gnadenlose Unterdrückung, aber auch was zielbewußter Widerstand vermögen, und sie haben es bis heute nicht vergessen. Dennoch: Da kam eine bunt zusammengewürfelte Menschenmenge über das Meer, sprach nicht eine, sondern gleich mehrere fremde Sprachen, brachte andere Lebensgewohnheiten mit, hatte eine andere Hautfarbe, ließ sich bei ihnen nieder, und niemand, weder die Einheimischen noch die gerade Angekommenen wußten, ob sie kurze oder lange Zeit oder gar für immer dableiben würden. Aber keiner fragte danach, niemand zeigte Ungeduld, selbst die Behörden kamen den in ihr Land geflüchteten Menschen verständnisvoll entgegen.“
Reinerová 1998, 3
Die Hauptmasse der Flüchtlinge in Mexiko waren nicht Deutsche und Österreicher, sondern etwa 40.000 Spanier, Anhänger der Spanischen Republik, die hier nach dem Triumph Francos (1938) eine Zuflucht fanden.
Friedrich Katz, der in Chicago lebende Historiker, Sohn des schon erwähnten Schriftstellers Leo Katz, blieb Mexiko mit seinem ganzen wissenschaftlichen Werk verbunden, zuletzt mit seiner großen Biographie des Revolutionsführers Pancho Villa, die Carlos Fuentes, selbst vielseitig historisch und auch archäologisch interessiert, „ein Meisterwerk zeitgenössischer Geschichtsschreibung“ nannte. Eine für Friedrich Katz von mir angestrebte Ehrung, die er vor zwei Jahren noch akzeptiert hätte, blieb dem 1927 in Wien Geborenen jedoch versagt, da seinem wissenschaftlichen Werk der Österreich-Bezug fehle, wie die offizielle Version lautete.
Mexiko nimmt Ende der 1930er, Anfang der 1940er Jahre allerdings eine Sonderstellung ein. Es ist das Land, in dem zu dieser Zeit große Reformen im Bildungswesen und zum Teil auch in den Eigentumsverhältnissen in Angriff genommen wurden. Es herrschte politische und gesellschaftliche Aufbruchstimmung, die die Akkulturation der Flüchtlinge aus der geschlagenen Spanischen Republik und der Hitlerflüchtlinge aus Deutschland und den vom Nationalsozialismus überwältigten Ländern begünstigte. (vgl. Kloyber 1998, 12-20 und 28-32)
Brasilien - Paul Frischauer, Stefan Zweig
Schwieriger war die Situation in Brasilien, wo Gétulío Vargas mit Geheimdienstmethoden herrschte. Paul Frischauer, der österreichische Exilant, sollte sein Hagiograph werden. („Presidente Vargas“, 1943) Frischauers wechselreiches Schicksal wurde von Ursula Prutsch und Klaus Zeyringer beschrieben. (vgl. Prutsch, Zeyringer 1997) Während Frischauer seine Illusion, in Gétulio Vargas einen großen Politiker zu sehen, oder die kalkulierte Einschmeichelung im Auftrag des britischen Secret Service einigermaßen heil überstand, zerbrach der in Brasilien hochgeachtete Stefan Zweig. In seinem „Brasilien. Ein Land der Zukunft“ (1941) hat Zweig, so schreibt Johann Holzner, „eine Gegenwelt gefunden zu jener Welt, aus der er in den letzten Jahren seines Lebens immer weiter sich entfernt hat […] Gegenbild zu der Behauptung, daß unterschiedliche kulturelle Lebensformen in einer geschlossenen Gemeinschaft notwendig zusammenprallen und endlich scheitern müßten.“ (Holzner 1998, 173)
Aus: MdZ13, Nr. 1, Mai 1996
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Aber dies war, so scheint es, für Brasilien selbst nicht der entscheidende Punkt. Dem Traum von einer Menschheit, in dem die Nationen nicht in getrennten Gräbern liegen wollen, nachdem sie sich im Leben schlecht und recht toleriert oder auch nicht toleriert haben, widersprach die wirkliche soziale Spannung des Landes. Sie hat Alfredo Bauer, der im Februar 1939 als 15jähriger nach Buenos Aires gekommen ist, in seinem Stefan Zweig-Roman „Der Mann von gestern und die Welt“ (spanisch 1990) gegen den geliebten Stefan Zweig geltend gemacht, nicht im Sinne des Übergehens von Täuschung in Enttäuschung, sondern im Sinne des Aufzeigens der Möglichkeiten und Grenzen des von und mit Stefan Zweig geführten Humanismus-Diskurses. Der liberale Humanismus, als dessen Repräsentant sich Stefan Zweig darstellt, hat für Alfredo Bauer seine Grundlage in den Idealen der Französischen Revolution, auch wenn Zweig der Verwirklichung dieser Ideale – es sei an seine Romane „Joseph Fouché“ und „Marie Antoinette“ erinnert – skeptisch gegenüberstand.
Liberaler Humanismus - politische Utopie - blutige Geschichte
Der liberale Humanismus, dessen tragische Ohnmacht Stefan Zweig in seinem Erasmus-Roman zur Bedingung humanistischer Haltung macht, weil überall, wo das Wort zur Tat wird, sich die Kette der Taten als mächtiger erweist als die Logik der Worte, hat für den Marxisten Alfredo Bauer seine Grundlage in einer spezifischen Entwicklungsphase der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist dies die Phase in der die Durchsetzung und Verallgemeinerung der Prinzipien bürgerlichen Zusammenlebens als Lösung des sozialen Problems erscheint. Für den liberalen Humanismus besteht das Problem nicht in der Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise selbst, sondern in den noch vorhandenen politischen, ethnischen, kulturellen und sozialen Überresten früherer oder anderer Gesellschaftsformationen. Die immer gerade bevorstehende Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft verheißt als eine stets hinausgeschobene Utopie die Überwindung einer Geschichte von Gewalttaten und unerhörten Verbrechen, von gedrücktem Elend und hochfahrendem Reichtum.
Doch in Lateinamerika stößt die aufstrebende bürgerliche Gesellschaft wie nirgendwo sonst auf ihre eigene blutige Vorgeschichte, auf die Zerstörung großer Kulturen in Mexiko und Peru, auf millionenfachen Mord und das Hinsiechen ganzer Völker in den Bergwerken. Darauf ist der 1997 in Quito verstorbene Diego Viga (Paul Engel), der durch den Bürgerkrieg aus Kolumbien vertrieben wurde und zuletzt in Ecuador lebte, in seinen Erzählungen eingegangen. Dass das Dahinsiechen der Indio-Völker auch im 20. Jahrhundert noch lange nicht vorbei war, beschreibt auch der heute als Germanist in der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft anerkannte Egon Schwarz in seiner Autobiographie „Keine Zeit für Eichendorff. Chronik unfreiwilliger Wanderjahre“ (Königstein/Ts. 1979). Schwarz, geboren 1922 in Wien, flüchtete 1939 nach Bolivien, wo er u.a. als Aufseher in den Zinnminen von Potosi Beschäftigung fand und sich, charakteristisch für die Erfahrung Südamerikas, einer Gruppe linker Aktivisten anschloss. Anders aber als Paul Engel und Alfredo Bauer, die in Südamerika blieben und der kommunistischen Partei die Treue hielten, gelangte Schwarz 1953 in die USA und verlagerte sein Engagement auf andere Gebiete. (vgl. Bolbecher, Kaiser 2000, 578 f.)
Mit dem Gold und Silber Lateinamerikas wurden in Europa nicht nur Kriege geführt, sie schufen zugleich die stofflichen Voraussetzungen eines die zunehmende Warenzirkulation unterstützenden Münzwesens. Der europäische Humanismus, so versteht es Alfredo Bauer, gerät in den peripheren Ländern des Kapitalismus in Widerspruch mit seinen eigenen Grundlagen und muss weiterentwickelt, vertieft und radikalisiert werden. Diese Weiterentwicklung fanden Diego Viga und Alfredo Bauer im Marxismus – gewissermaßen ein idioma universal (Weltsprache) des europäischen Geistes. So verstanden es auch Egon Erwin Kisch und Leo Katz in Mexiko, die, freilich einer anderen Generation angehörig, als sozusagen fertige kommunistische Parteigänger ins Exil getrieben wurden.
Den zahlreichen linksgerichteten oder kommunistisch gesinnten Exilautoren Lateinamerikas steht eine schmale Gruppe von katholisch-konservativen Emigranten gegenüber, die namentlich in Brasilien willkommen waren, besonders wenn sie ihr Judentum abgelegt und die Taufe angenommen hatten. (vgl. Hohnschopp u. a. 1994) Dies trifft z. B. auf Otto Karpfen zu, der mit der Taufe den zweiten Namen Maria annahm. Er war Mitarbeiter der in Wien zur Zeit des Ständestaates erschienenen Zeitschrift „Der christliche Ständestaat“. Karpfen, der in Brasilien den Namen Carpeaux annahm, wandelte sich von einem Apologeten von Gétulío Vargas in den 1960er Jahren zu einem liberalen Gegner der 1964 errichteten Militärdiktatur. Anders jedoch als Alfredo Bauer und Diego Viga, deren Werk auch der argentinischen oder ecuadorianischen Literatur zugerechnet werden kann, blieb Carpeaux eher ein Mittler zwischen den Kulturen. Für die Brasilianer schrieb er eine große Literaturgeschichte Europas und eine Studie über die deutsche Literatur und blieb innerhalb der brasilianischen Kultur auf die Kultur seiner Herkunft spezialisiert. (vgl. Pfersmann 1988, 1012 – 1016 und Pfersmann 1992, 97-106)
Alfredo Bauer
Verweilen wir jedoch noch bei Alfredo Bauer, dem Arzt, Essayisten, Kritiker und Romancier. Er ist einer der wenigen, die sich gedankenreich und kritisch mit der Geschichte Lateinamerikas und besonders mit jener Argentiniens beschäftigt haben. Bauer hat sich auch mit lateinamerikanischen Denkern wie José Carlos Mariátegui auseinandergesetzt. (vgl. Bauer o. J.)
Alfredo Bauers Zyklus „Peru in Sonetten“ nimmt Gedanken Mariáteguis auf: Cuzco, die Stadt der Inkas, ist die heimliche, wirkliche Hauptstadt des Landes, während Lima die Unterworfenheit Perus, seine Nicht-Selbstbestimmung und Nicht-Selbstzentrierung ausdrückt: „In Mexiko“, so referiert Bauer Mariátegui, „habe die Conquista im Innern des Landes, in der alten Hauptstadt des Aztekenreiches ihren Sitz errichtet. In Peru habe sie eine neue Stadt an der Küste gegründet und damit die koloniale Struktur, die Ausrichtung nicht auf das Land selbst, sondern nach außen, noch mehr hervorgehoben. In diesem Sinne weise das unabhängige Peru auch viel weniger wirtschaftliche, soziale und politische Substanz und viel weniger bürgerliches Selbstbewußtsein auf als das unabhängige Mexiko.“ (vgl. Bauer o. J., 18)
Cuzco
O Stadt der Bilder, Kirchen, Goldgefäße! Von Herren bestellt, von Knechten ausgedacht, vom Mönch geplant, von Sklavenhand gemacht. Doch ist auch da Kultur, auch da ist Größe. Von alter Art sind nur geringe Reste inmitten fremder Kirchen stehn geblieben. Gewaltig aber dräut vom Berge drüben Sacsayhuaman, die kriegerische Feste. Der stolze weiße Mann und seine Stärke war wenig wert, als das Gebirge bebte, begrabend unter Trümmern, was da lebte. Da wurde alles Spanische zuschanden, und der Zerstörung haben widerstanden allein die alten Heiden-Mauerwerke.
Lima
Dies ist die andere, die fremde Stadt. Nicht Haupt, nur Zwingburg ist sie stets gewesen. Ein Joch, ein blutig Werkzeug jener Bösen, von denen einer sie gegründet hat. Hier sitzt der Mann von Erz auf erzenem Rosse, wenn der ein Held war, ist’s der Teufel auch. Da liegen, – seht nur! -, denn das war sein Brauch, zertretene Leiber unter dem Kolosse. Die Stadt ward groß und reich durch fremde Kraft. Befreit das Land, und die Bewohner nicht. O Lima, Goldfassade, leeres Licht! O Republik der Grafen und Marquis! O Staat und Stempel ohne Bürgerschaft! O Volk, nie mitgezählt: wie endet dies!
Bauer 1988, 4 f.
Alfredo Bauer überträgt die Analyse auf Argentinien: Historisch gesehen ist Buenos Aires nicht das produktive Zentrum des Landes gewesen, sondern zuallererst der Ort, an dem der Import von vor allem englischen Industriewaren und der Export von argentinischen Halbfabrikaten und Rohstoffen abgewickelt wurde. Dieses Buenos Aires war nicht am wirtschaftlichen Aufbau des Landes interessiert, sondern an dessen Unterordnung unter die Bedürfnisse seiner Handelsgeschäfte. (vgl. Bauer 1996, 55-64)
In diesem Zusammenhang steht die grausame Verfolgung und Unterdrückung der in den Pampas lebenden Gauchos, denen José Hernández (1834-1886) im „Martin Fierro“ ein Denkmal gesetzt hat. An der Übersetzung dieses argentinischen Nationalepos erprobten sich vor Alfredo Bauer schon Adolf Karl Emil Borstendörfer (1893 Prag-1957 Buenos Aires) und der jüdische Gelehrte Heriberto Haber, der heute, nachdem er über 30 Jahre in Lateinamerika tätig war, in Israel lebt und dort gegen den jüdischen Fundamentalismus auftritt. Er allerdings hat den „Martín Fierro“ nicht ins Deutsche, sondern ins Hebräische übersetzt. Alfredo Bauers Übersetzung ihrerseits ist 1995 in Stuttgart erschienen.
Fritz Kalmar - Heimweh nach Österreich
Es versteht sich von selbst, dass einige der Schriftsteller/innen im lateinamerikanischen Exil mit ihren Herzen und Gedanken in Europa, in Österreich geblieben sind. So beschreibt der in Montevideo lebende Fritz Kalmar in seinem Buch „Das Herz europaschwer. Heimwehgeschichten aus Südamerika“ (Wien 1997) eine Österreicherin, die es nach Asunción in Paraguay verschlagen hat und die überall Österreichisches findet: Ein kahler Hügel nahe der Stadt wird ihr so zum Kahlenberg bei Wien, und die aus Brettern gezimmerte Erfrischungsbude, die auf ihm steht, wird ihr zum Wiener Heurigenlokal. Das sonntägliche, rucksackbepackte Hinauswandern aus der Stadt wird übrigens – Alfredo Bauer erwähnt es – zu einer von den Exilierten übernommenen neuen Mode der lateinamerikanischen Jugend. Auch Fritz Kalmar, der seine heimwehkranken Leidensgenossen mit Liebe, aber auch mit einem Lächeln schildert, ist nicht frei von dieser Krankheit:
Fritz Kalmar, geboren 1911 in Wien, flüchtete 1939 nach Bolivien und lebt seit 1953 in Montevideo (Uruguay). Von Theaterleidenschaft besessen, war er Mitbegründer, Schauspieler und Autor etlicher Exiltheater. (vgl. Bolbecher, Kaiser 2000, 358 f.)
Quelle: MdZ 14, Nr 4, Dezember 1997. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
MalerIn/FotografIn: © Alisa Douer
„Ich darf mich nicht beklagen über das Schicksal. Natürlich leide ich immer noch darunter, nicht in Wien zu leben; das tut weh. Aber in Uruguay sind die Menschen offenherzig und ungemein hilfsbereit. Ich habe eine urugayische Familie gefunden, die ich meine zweite Familie nenne. Ein Ehepaar mit vier Kindern. Das ist eine enorme Erleichterung, um das Gefühl des Hängengebliebenseins auszuhalten. So bemühe ich mich eben, jedes Jahr einmal nach Wien zu kommen und ein paar Wochen hier zu sein, bei meiner Familie und in meiner Heimat.“
Zit. nach: Hörtner 1997, 10
Kalmar, Fritz erzählt
Interview mit Fritz Kalmar (Keine Aufnahmeländer, Druck zur Emigration 1938 in Österreich. Aus: Kalmar Fritz (* 1911) – Emigration nach Südamerika. Dauer: 0:50 min.
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Die Zuneigung zu Wien hindert Kalmar jedoch nicht, sich mit der ‚Vergangenheitsbewältigung‘, wie sie in Österreich betrieben wird, sehr kritisch auseinanderzusetzen. Im Jahre 2000 ist in Wien seine Erzählung „Das Wunder von Büttelsburg“ erschienen. Das ist die Geschichte eines Sarges, in dem ein vormaliger jüdischer Mitbürger ruht. Der Sarg, in dem er schließlich doch heimkehrt, lässt sich, einmal niedergesetzt, nicht mehr von der Mitte des kleinstädtischen Hauptplatzes rücken. Das für wenige feierliche Minuten inszenierte Gedenken schlägt in eine nicht endende Selbstbefragung um, Verdecktes kommt hoch, Schuldzuweisungen ersetzen Erkenntnisse. Am Ende triumphiert neuerlich die Selbstzerstörung des Gemeinwesens. Offenbar hat es Fritz Kalmar auf uns abgesehen. Derselbe Kalmar hat als österreichischer Honorarkonsul in Montevideo politisch verfolgten Uruguayanern in den 1970er Jahren vielfach geholfen: Selbst einst vertrieben, solidarisierte er sich mit denen, die nun aus Uruguay flüchten mussten, um ihr Leben zu retten.
Trude Krakauer - Niewiederkehr
Die 1995 in Bogotá verstorbene Trude Krakauer – Siglinde Bolbecher plant ihr schmales, doch intensives Werk in einem Band herauszugeben (vgl. Bolbecher 1994, 10 f.) – beschreibt ihrerseits ihre Lage in Kolumbien mit dem Bild von „Luftwurzeln“. Sie hat Wurzeln ausgereckt, aber diese haben keine Erde gefunden. Bei Krakauer hat sich das Heimweh radikalisiert zu einer bewussten Niewiederkehr in ihrem ganzen langen Leben (geboren 1902 in Wien). Ihr Heimweh ist nicht von dem Schuldgefühl des Versäumens erfüllt, sondern von Trotz und Anklage. In der „Niewiederkehr“, in der Abwehr der Wiederholung erhält sich das grausam zerstörte Niewiederkehrende doch:
In der Zeitschrift „Mit der Ziehharmonika“ [11 (1994) 3, 8-10], sind erstmals zwölf Gedichte Gertrud Krakauers abgedruckt.
Wer seinen Weg im Niewiederland sucht, der kommt nirgends an und kehrt nimmermehr heim; er geht nur und geht, um zu gehen.
Er geht durch die Straßen der Nimmermehrstadt, da stehen vor den Türen und nicken ihm zu die kleinen, vergessenen Freuden.
Und jede begrüßt er gerührt und beglückt und jede hält heimlich das Messer gezückt und stößt es ihm mitten ins Herz.
Wer seines Wegs im Niewiederland geht, der weiß es kaum, daß er das Messerlein sucht. Er geht nur und geht, um zu gehen.
Man muss diese Schwierigkeit der ‚Verwurzelung‘ in Zusammenhang mit der Realität Kolumbiens sehen. Als die österreichischen Flüchtlinge nach Bogotá kamen, hatte die Stadt an die 300.000 Einwohner, heute hat sie offiziell 1,500.000, inoffiziell 6,000.000. Durch den fortwährenden Bürgerkrieg ist Entwurzelung im eigenen Land zum Schicksal eines bedeutenden Teils der kolumbianischen Bevölkerung geworden.
Um heimisch zu werden in einem neuen Land, bedarf es eines Blicks, der die zerrissene Oberfläche der Erscheinungen durchdringt, der hinter dem scheinbaren bloßen Hin und Her doch den geschichtlichen Zusammenhang erfasst. Heimisch wird man nicht in der Betrachtung von drei Bäumen, einem Zaun davor und mit dem Blick auf einen Hügel, heimisch wird man in einem spannungsreichen Geflecht von Enttäuschungen und Erwartungen, Niederlagen und neuen Versuchen. Aus einem solchen Heimischgewordensein in Argentinien heraus wirft Alfredo Bauer vielen Exilierten vor, „daß ein passives Abseitsstehen alles eher bedeutet als Respekt vor der […] Nation“, der man nun, so oder so, angehört. Die Erfahrung, zwei verschiedene Kulturkreise zu verstehen, den europäischen und den lateinamerikanischen, habe ihn die Achtung vor den „Eigenheiten aller Völker“ gelehrt und ein Interesse an der ganzen Menschheit, nicht als hochfliegender Abstraktion, sondern in der Mannigfaltigkeit menschlichen Tuns. Er ist stolz darauf, das Land, in dem er nun lebt, zu verstehen und nicht in einem Gemisch „aus Minderwertigkeitsgefühl und Standesdünkel“ nicht dazugehören zu wollen. Alfredo Bauer, ein scharfer und nicht müde werdender Kritiker argentinischer Zustände, erweist sich gerade darin als ein argentinischer Patriot, wenn wir dieses verfemte Wort für diese Haltung verwenden dürfen.
Österreichische Exilschriftsteller/innen in Lateinamerika
Theodor Balk: Dragutin Fodor. Pseudonym: T. K. Fodor. Geboren 22.9. 1900 in Zemun, Ungarn; gestorben 25.3. 1974 in Prag. Exil: 1933 Tschechoslowakei, 1934 Frankreich, 1937 Spanien, 1939 Frankreich, Mexiko 1941.
Alfredo Bauer: Pseudonym: Jorge Bermúdez Blanco, Alfredo Ackermann, Roberto Bandler. Geboren 14.11. 1924 in Wien. Exil: 1939 Argentinien.
Adolf Karl Emil Borstendörfer: Pseudonym: Hartmann Albert. Geboren 15.06. 1893 in Prag, gestorben 07.12. 1957 in Buenos Aires. Exil: 1938 Paraguay, 1943 Argentinien.
Leopold Andrian-Werburg: Eigentlich: Leopold Reichsfreiherr Ferdinand von Andrian zu Werburg. Geboren 09.05.1875 in Berlin, gestorben 19.11.1951 in Fribourg (Schweiz). Exil: 1938 Schweiz, 1939 Frankreich, 1940 Brasilien.
Adolf Walter Freund: Pseudonym: Joe Conway, Werner Braun. Geboren 11.01.1899 in Dresden (Deutschland), gestorben im Dezember 1983 Buenos Aires (Argentinien). Exil: 1938 Frankreich, 1939 Argentinien.
Quelle: Alisa Douer/Urusula Seeber (Hg.): Wieweit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien, München: Picus Verlag 1995, S. 35. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Otto Maria Carpeaux: Eigentlich: O. M. Karpfen. Pseudonym: Otto Maria Fidelis, (Dr.) Leopold Wiesinger. Geboren 09.3. 1900 in Wien, gestorben 03.2. 1978 in Rio de Janeiro (Brasilien). Exil: 1938 Belgien, 1939 Brasilien.
Paul Engel: Pseudonym: Diego Viga. Geboren 7.6.1907 in Wien, gestorben 27.8.1997 in Quito. Exil: 1938 Kolumbien, 1950 Ecuador.
Herbert (Heriberto) Haber: Auch: Naftali Jacov. Geboren 23.11. 1930 in Wien. Exil: 1938 Argentinien, 1971 Israel.
Elsa Kotányi-Jerusalem: Geboren 23.11. 1877 in Wien, gestorben 1942 in Buenos Aires (Argentinien). Exil: Argentinien.
Karl Kost: Geboren 14.8. 1902 in Grabowce (Galizien). Exil: 1941 Argentinien.
Fred (Alfred) Heller: Geboren 16.4. 1889 in Ober-Siebenbrunn (NÖ), gestorben 12.4. 1949 in Montevideo (Uruguay). Exil: 1938 CSR, Frankreich, 1939 Uruguay.
Joseph Kissner: Geboren 27.4. 1920 in Czernowitz (Bukowina; nach anderer Angabe: Wien). Exil: 1944 Palästina, 1956 Brasilien.
Eduard Klein: Geboren 25.7. 1923 in Wien. Exil: 1938 CSR, dann Chile; 1953 DDR.
Walter Klein: Geboren 12.10. 1917 in Wien, gestorben 16.1. 1987 in Berlin (DDR). Exil: CSR; 1939 Senegal, dann Chile; 1955 DDR.
Trude (Gertrud) Krakauer: Geboren 30.5. 1902 Wien, gestorben 25.12. 1995 Bogotá. Exil: 1938 Kolumbien.
Fritz Kalmar: Pseudonyme: Harald/Richard Hauser, Robert Peter. Geboren 13.12. 1911 in Wien. Exil: 1939 Bolivien, 1953 Uruguay.
Conrad Henry (Konrad Heinrich) Lester: Eigentlich (bis 1941): Kurt Heinz Lichtenstern. Geboren 05.11. 1907 in Wien, gestorben 10.01. 1996. Exil: 1935 Schweiz, 1938 CSR, dann Frankreich, 1940 Algerien, 1941 Brasilien, dann USA.
Anna (Annie) Renée Lifezis (Lifczis): Pseudonym: Annie Reney. Geboren 06.02. 1902 in Wien, gestorben 15.07. 1987 in Wien. Exil: 1938 Schweiz, dann Argentinien; 1960 Spanien.
Heinz Markstein: Pseudonym: Josef Heimar, Jan Melnik. Geboren 09.04. 1924 in Wien. Exil: 1938 Bolivien, 1945 Argentinien.
Livia Neumann-Székely: Pseudonym: Livia Degner, L. Degner, S. E. Kelly. Geboren 10.4. 1912 in Budapest. Exil: 1938 Argentinien.
Melech Rawitsch: Eigentlich: Sacharja-Chana (Zacharias Hans) Bergner. Geboren 27.11. 1893 in Radymno (Galizien), gestorben 20.8. 1976 in Montreal (Kanada). Exil: Australien, Argentinien, USA, Kanada.
Alexander Lenard: Geboren 09.03. 1910 in Budapest, gestorben 13.04. 1972 in Donna Irma bei Blumenau (Brasilien). Exil: 1938 Italien.
Paula Ludwig: Geboren 05.01. 1900 in Altenstadt (Vorarlberg), gestorben 27.01. 1974 in Darmstadt (BRD). Exil: 1933 Ehrwald (Tirol), 1938 Frankreich, Brasilien 1940.
Quelle: MdZ 11, Nr. 4, Dezember 1994
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Mend(e)l (Max) Neugröschel (Najgreschl): Geboren 09.2. 1903 in Nowy Sacz (Galizien), gestorben 08.2. 1965 in New York. Exil: 1939 Brasilien, 1941 USA.
Elfi Lichtenberg: Eigentlich: E. Weiss. Geboren 26.4. 1904 in Wien, gestorben 08.1. 1988 in Wien. Exil: Kolumbien.
Karl Mautner: Pseudonym: Karl Döblinger. Geboren 15.7. 1907 in Wien, gestorben 10.1. 1990 in Bogotá (Kolumbien). Exil: 1938 Kolumbien.
Alex (Alexander, Alejandro) Szarazgat: Pseudonym: Pablo Deutsch. Geboren 25.11. 1922 in Wien. Exil: 1938 Schweiz, 1940 Argentinien.
Josef Székely: Pseudonym: S.E. Kelly. Geboren 27.9. 1891 in Salonta (Rumänien), gestorben 19.11. 1955 in Buenos Aires. Exil 1938 Argentinien.
Martha Tausk: Geboren 15.1. 1881 in Wien, gestorben 20.10. 1957 in Nijmegen (Holland). Exil: 1939 Niederlande, dann Brasilien.
Hugo Wiener: Geboren 16.2. 1904 in Wien, gestorben 14.5. 1993 in Wien. Exil: 1938 Kolumbien, 1939 Venezuela, 1946 Mexiko, 1947 Venezuela.
Stefan Zweig: Geboren 28.11. 1881 in Wien, gestorben 22.2. 1942 in Petropolis (Brasilien), durch eigene Hand. Exil: 1934 GB, 1940 USA, 1941 Brasilien.