Exil Überblicke 10.) Österreichische Emigration in Kolumbien

Einleitung

Luftwurzeln

Ich hab meinen Halt in der Erde verloren. Luftwurzeln treib ich, blasse Gedichte, die zittern und schwanken und tasten ins Leere.

Du standest am Fenster, der Wind trug den Grashauch der Berge herüber. Du sagtest: „Wie köstlich die Luft ist!“

Nun suchen die bebenden Wurzeln vergebens die Luft, die so gut war.

Trude Krakauer, Bogotá

kolumbien trude krakauer
Titel: Krakauer, Trude
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Von Amsterdam dauerte 1938 die Überfahrt nach Puerto Colombia, einem Hafen an der Atlantikküste Kolumbiens, den man heute nicht mehr auf der Landkarte findet und der 40 km von Barranquilla entfernt lag, ungefähr drei Wochen. Um nach Bogotá, der in 2650m Höhe liegenden Hauptstadt zu gelangen, fuhr man von Barranquilla mit einem Stromdampfer den Rio Magdalena aufwärts; das letzte Stück Weges konnte mit der Bahn zurückgelegt werden. In einem bereits nazistisch überarbeiteten zeitgenössischen deutschen Lexikon wird Kolumbien als fruchtbar und reich an Bodenschätzen beschrieben, allerdings kaum industrialisiert. Die Erdöl- und Metallgewinnung, die wenigen Eisenbahngesellschaften waren im Besitz von US-amerikanischen oder britischen Gesellschaften; ebenso die Wasser- und Lichtversorgung sowie der Fernsprechverkehr fast aller größeren Städte. Die Fluggesellschaft SCADTA (Sociedad Colombo Alemaña de Transportes Aereos) befand sich vor dem 2. Weltkrieg in deutschen Händen. (vgl. Petersen, Scheel, Ruth 1933, 311 f.) Die wenigen Ausländer waren als Fachkräfte, Spezialisten in leitender Stellung tätig oder hatten eigene Firmen, vor allem in der Textilbranche und im Handel.

kolumbien hafen puerto
Titel: Puerto Colombia
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
kolumbien santa marta
Titel: Hafen Santa Marta
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien zuckerrohrpresse
Titel: Zuckerrohr-Presse
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien bogota
Titel: Bogota - Hauptstraße
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Mit der brutalen Zerstörung der Demokratie im Februar 1934, der Verfolgung und Illegalisierung der österreichischen Arbeiterbewegung begann auch die erste, politisch motivierte Fluchtbewegung aus Österreich. Selbstverständlich waren die meisten Sozialdemokraten, Schutzbündler und Kommunisten daran interessiert, mit dem Widerstand in Österreich verbunden zu bleiben bzw. die Unterstützung demokratischer Regierungen und der europäischen Arbeiterbewegung zu nützen. Für diese Gruppe stellte sich nicht einmal die Frage eines außereuropäischen Exils. So waren es wenige, die nach neuen Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten außerhalb Europas suchten. Trotzdem handelte es sich auch bei dieser Emigration, die den Charakter einer Auswanderung annahm, letztlich um eine politisch motivierte. Das „Wagnis Südamerika“ begründete sich nicht nur in der politischen und ökonomischen Depressivität Österreichs, sondern auch in der Überzeugung, dass die Nazi-Diktatur, die imperialistischen Bestrebungen des Dritten Reiches nicht vor Österreich stehen bleiben würden. Der Nazi-Putschversuch vom Juli 1934 in Wien, die Nürnberger Rassegesetze, das Abkommen von Berchtesgaden 1936 markieren die Zeitereignisse, die Ohnmacht und Furcht vor der Zukunft hervorriefen.

Kolumbien zählte nicht zu den relativ „traditionellen“ Immigrationsländern wie Argentinien, Chile oder Brasilien, in die Europäer vor der nationalsozialistischen Herrschaft oft aus wirtschaftlichen Gründen einwanderten. Die Zahl der aus beruflichen Gründen in Kolumbien lebenden Österreicher/innen war dementsprechend klein, und doch spielten sie eine bedeutende Rolle bei der Visumbeschaffung durch Einladungen bzw. der Besorgung von Arbeitsgenehmigungen und einer Starthilfe für die ankommenden Exilanten. Der Architekt und österreichische Konsul Heinrich Brunner-Lehenstein, der u. a. den Parque Nacional in Bogotá – vergleichbar dem Stadtpark in Wien – Anfang der 30er Jahre gestaltete, und sein Sohn Koloman Brunner-Lehenstein, der maßgeblich die Gründung einer österreichischen Exilorganisation, des „Comité de los Austriacos Libres“ vorantrieb, konnten durch ihre Verbindungen und ihr Ansehen wesentlich zur politischen Situierung der geflohenen Österreicher beitragen. Auch Bernhard Mendel, der nach Abschluss seines Studiums der Rechtswissenschaft bereits 1925 nach Kolumbien ausgewandert war, suchte um Arbeitsgenehmigungen und Visa für jüdische Österreicher/innen an. (Gespräch der Verfasserin mit Grete Neu, 25. Mai 1993 in Bogotá)

brunner
Titel: Der Architekt und Städteplaner Karl Heinrich Brunner-Lehenstein (1887-1960)
Quelle: Alisa Douer/Urusula Seeber (Hg.): Wieweit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien, München: Picus Verlag 1995, S. 183. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
MalerIn/FotografIn: © Alisa Douer

Grete Neu und ihr Mann haben durch einen Arbeitskontrakt von Dr. Mendel 1939 nach Kolumbien flüchten können.

Erste Kontakte mit einer fremden Kultur

Fritz Friedmann hatte 1932 zu Ausbildungszwecken in einer Farbfabrik in Deutschland gearbeitet und war über die politische Entwicklung zutiefst betrübt zurückgekehrt. 1936 entschloss er sich, einem Angebot folgend, nach Kolumbien auszureisen, um sich eventuell mit seiner Familie dort niederzulassen. Nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich war es ihm möglich, insgesamt 29 Personen über zum Teil fingierte Arbeitsvisa aus Österreich zu retten. In der Konzentration auf die Familie und den Bekanntenkreis zeigt dieses Beispiel eine durchaus typische Emigrationsform. Damit lässt sich auch zum Teil die Frage beantworten, wie Kolumbien zum Exilland wurde bzw. eine Unterscheidung zur jüdischen Massenemigration treffen.

Lore Friedmann, die 1937 ihrem Mann nach Kolumbien nachfolgte, erinnert sich ihres ersten Eindruckes von der Hauptstadt Bogotá, mit damals 350.000 Einwohnern (ohne die „barrios“ gerechnet), als einer „schwarzen Stadt“. Die Menschen waren nach der Tradition des Hochlandes dunkel gekleidet, ihre Gesichter grau und abgearbeitet und sie wirkten ungesund und schlecht ernährt. Mit Entsetzen erfüllten sie die zahlreichen Straßenkinder. (Interview der Verfasserin mit Lore Friedmann, 23. Mai 1993 in Bogotá)

In einem Brief, datiert mit Juni 1941, schildert ein österreichischer Exilant die zunächst „wirren“ Vorstellungen, die er und seine Frau sich bei ihrer Ankunft im Juli 1938 von den zu erwartenden Lebensumständen gemacht hatten.

„In unserem Gepäck hatten wir daher vorsorglich einige europäische Kulturgüter wie: Zahnpasten, Mistschaufeln, Lavoirs und Clopapiere verstaut. (…) heute lächeln wir darüber, denn 80% der Bevölkerung kennen diese Dinge nicht, die Mehrzahl der Häuser haben weder Kanalisation, noch elektrisches Licht, noch Wasserleitung. Kolumbien kann das ‚Land der Gegensätze‘ genannt werden. Denn neben zerfallenen Lehmbehausungen sind modernste Wolkenkratzer, eine wunderschöne freizugängliche Bibliothek, Musiksäle etc. – und 70% der Bevölkerung Analphabeten, unerhörter Reichtum und unvorstellbare Armut, vorläufig noch friedlich, knapp nebeneinander …“

Bericht von Kurt Weiss im Juni 1941, Bogotá. DÖW Akt Nr. 6426

Einen versöhnenden Ausgleich zum „Kulturschock“ bot die Schönheit der nordwestlich von Bogotá gelegenen immergrünen Hochebene, mit Eukalyptuswäldern, umrahmt von einer Bergkette, die an die durch Flucht verlorene alpine Heimat erinnerten.

Trotzdem waren die Anstrengungen der Anpassung enorm, allein die Umstellung auf die zum Teil tropisch feuchte Hitze bei der Ankunft in Puerto Colombia, das stundenlange Warten, bevor Zoll- und Visa-Formalitäten erledigt waren, die Fahrt durch den Tropen-Urwald am Unterlauf des Rio Magdalena bis zu den hochgelegenen Pässen der Kordilleren.

kolumbien pacho rio negro
Titel: Pacho Rio Negro
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien raquira boyaca
Titel: Marktszene: Raquira Boyaca (Nr. 1)
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien raquira boyaca2
Titel: Marktszene: Raquira Boyaca (Nr. 1)
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Die soziale Situation war für die 1938 und 1939 eintreffenden, politisch und als Juden verfolgten Asylanten zweifellos äußerst schwierig. Sie hatten ihre Bürgerrechte, ihr Vermögen und ihre Erwerbsmöglichkeit verloren, waren knapp dem KZ entkommen und waren daher kaum „abenteuerlustig“ eingestellt.

Eine zeitgenössische Darstellung der zahlenmäßigen Entwicklung der österreichischen Emigration nach Kolumbien von Alberto Kleiner, der sich nur auf Material jüdischer Hilfsorganisationen stützte, weist von 1934 bis 1942 insgesamt 526 Österreicher/innen aus. Zum Vergleich waren im gleichen Zeitraum 2.347 Deutsche und insgesamt 1.098 Flüchtlinge aus anderen Ländern wie Polen, Rumänien, Bessarabien, Tschechoslowakei, Ungarn nach Kolumbien gelangt. 1938 war das Jahr der größten Emigrationswelle, sowohl aus Österreich (275 Personen), als auch aus Deutschland (1.443 Personen) und den osteuropäischen Staaten. (vgl. Kleiner 1943, 21f.)

Bis Oktober 1938 handhabten die kolumbianischen Behörden und Konsulate die Visumvergabe relativ liberal. Am leichtesten und häufigsten praktiziert wurde die Vorlage eines Arbeitskontraktes oder einer Einladung nach Kolumbien. Der Kabarettist Hugo Wiener, seine spätere Frau Cissy Kraner, Eugen Strehn, Sänger und Regisseur an der Wiener Volksoper, Polly Sylvan, „Die drei Meloparodisten“, Elmar, Gotthelf und Spiegel (die in dem Wiener Theater „Die Kammerspiele“ großen Erfolg hatten), sowie Gertrud Bodenwieser und 15 Mitglieder ihrer Tanzgruppe hatten eine „rettende“ Einladung vom Bürgermeister (Alcalde) von Bogotá, an den Festlichkeiten zur Vierhundertjahrfeier der Stadtgründung teilzunehmen. (vgl. Wiener 1991, 150-159) Der österreichische Konsul Brunner-Lehenstein war auch persönlich daran interessiert, dass möglichst viele Visa ausgestellt wurden. Denn so konnten seine Tochter Magda, die Tänzerin bei Bodenwieser war, und seine Frau (als Garderobierin ausgegeben) aus Europa emigrieren. Gertrud Bodenwieser war wegen ihrer „freien“ Auffassung vom klassischen Ballett, ihrer „gewagten“ Tanzchoreografien bei den Nazis verfemt; ihren Mann, Friedrich Rosenthal, kurz nach dem Einmarsch verhaftet, konnte sie nicht aus dem KZ retten. (vgl. Dunlop MacTavish o. J., 60)

„Die drei Meloparodisten“: Gesangstrio, spezialisiert auf Parodien von damaligen Stars wie Richard Tauber und Hans Albers. 1938 in Amsterdam von Hugo Wiener für das Gastspiel in Bogotá engagiert, wo sie neben Gesangsparodien auch mit Schubertliedern auftraten. Mit Cissy Kraner und Hugo Wiener zuerst nach Venezuela, dann nach Kuba geflüchtet. Nach dem Krieg löste sich die Gruppe auf.

kolumbien villa de leyva
Titel: Villa de Leyva
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
bodenwieser
Titel: Bodenwieser, Gertrud
Quelle: Alisa Douer/Urusula Seeber (Hg.): Wieweit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien, München: Picus Verlag 1995, S. 182. Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. www.bildarchiv.at Mit freundlicher Genehmigung der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien 2002
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Aus dem Fest wurde eine Trauerfeier. Wenige Tage vor der Feier stürzte ein vollbesetztes Flugzeug nahe Bogotás ab; Nationaltrauer war angesagt. Beim ersten Auftritt wurden Mozart und Schubert aufgeführt, Eugen Strehn sang das „Hobellied“ aus Raimunds „Verschwender“. Die Einnahmen spendete die Truppe den Hinterbliebenen der Flugzeugkatastrophe. Wiener, Strehn hatten ein Programm „Vamos a Colombia“ („Auf nach Kolumbien“) vorbereitet, und die Bodenwieser-Truppe führte mit ihnen gemeinsam ihre Revue „Vienesa“ auf. Die Kolumbianer waren begeistert von den Aufführungen und das „vornehmlich“ männliche Publikum fasziniert von den Tänzerinnen. Das zunächst auf zwölf Wochen befristete Visum wurde verlängert, Tourneen durch ganz Kolumbien arrangiert. Das Reisen war furchtbar anstrengend, aber alle standen unter dem Druck, Geld zu verdienen und sich auf das Exil einzurichten. Anfang 1939 trennte man sich. Wiener und die Kraner nahmen ein Angebot nach Venezuela an; Gertrud Bodenwieser folgte der Tänzerin Shona Dunlop nach Neuseeland, nachdem ihrer Schwester Franziska Hecht und ihrem Neffen Carlos Hecht die Flucht nach Kolumbien geglückt war. Magda Brunner eröffnete eine Ballettschule in Bogotá.

Die Bodenwieser-Truppe war ursprünglich als exquisite Attraktion für die „High Society“ nach Kolumbien gelangt. So tanzten sie beim „Präsidentenball“, zu dem der neue Präsident Santos bei seinem Amtsantritt geladen hatte. Wiener Walzer und Bauerntänze fanden großen Anklang, die Bodenwieser war aber nicht bereit, auf avantgardistisches Ballett zu verzichten, oder auf Inhalte, die den großen Landbesitzern nicht angenehm waren wie der Tanz „Cart Drawn by Man“, der versklavende Unterdrückung thematisiert. (vgl. Dunlop MacTavish o. J., 70)

Die vielfältigen Kultur der Indigenas inspirierte sie zu neuen Choreografien, in die sie indianische Musik und Tanzschritte integrierte. Im „Coffee Dance“ wurden der Kaffeeanbau und die Arbeit im Cauca-Gebiet dargestellt. Zwei spanische Ballettlehrer trainierten mit den Tänzerinnen die klassischen nationalen Tänze: Colombiano, Bambuco, den Cumbia usw. Der große Auftritt in der Stierkampfarena von Bogotá fand zugunsten der Tuberkulosebekämpfung statt. Vor 30.000 Zuschauern tanzte die Truppe gemeinsam mit indianischen und schwarzen Tänzern. In den 10 Monaten „Tanz“ in Kolumbien trug Gertrud Bodenwieser sicher sehr viel dazu bei, dass Wien und Österreich überhaupt bekannt wurden und sich mit diesem Ort und seinen Menschen die Vorstellung einer spezifischen Musik und tänzerischen Ausdrucksform verband.

kolumbien frau mit hut
Titel: Frau mit Hut - Straßenszene
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien frau mit zigarett
Titel: Frau mit Zigarette
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: unbekannt
kolumbien lastentraegerin
Titel: Lastenträgerin - Bäuerin mit Tongefäßen (Serie -"Frauen Kolumbiens")
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Für die restriktivere Handhabung der Visa-Vergabe war unter anderem der Regierungswechsel vom liberalen und reformorientierten Präsidenten Alfonso López, der bis Mitte 1938 und dann wieder 1942-1945 amtierte, zu dem konservativen Präsidenten Eduardo Santos verantwortlich. Unter seiner Amtszeit 1938-42 gewannen rechtsorientierte Gruppen an Einfluss, auch regten sich nationalsozialistische Zellen, die unter den bereits in Kolumbien ansässigen Auslandsdeutschen Einfluss zu gewinnen versuchten. Immerhin war ein Teil als Firmeneigentümer vom Import und Export von und nach Deutschland abhängig. Mitte der 30er Jahre war Deutschland nach den USA der zweitwichtigste Handelspartner Kolumbiens; Kaffee und Südfrüchte wurden auf Hapag-Lloyd-Schiffen ausgeführt und Industriewaren eingeführt. Die Konzerne Siemens, AEG und IG Farben hatten eigene Vertretungen in Bogotá. (vgl. Petersen, Scheel, Ruth 1933, 311) Die einzige deutschsprachige Zeitung in Kolumbien, der ab 1937 erscheinende „Karibische Beobachter“, war nazistisch beeinflusst. Er erschien zweimal monatlich in einer Auflage von 800 bis 1000 und umfasste 36 Seiten. 1939 musste er eingestellt werden.

kolumbien palacio
Titel: Palacio de Inquicitión
Quelle: Archiv der Thomas Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Letztlich blieb der Einfluss der Nationalsozialisten unter den Auslandsdeutschen gering. Der Ausbruch des II. Weltkrieges gefährdete zunächst die Handelsbeziehungen und der Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Deutschland am 18.12. 1941, sowie die Konfiskation deutschen Vermögens durch die kolumbianische Regierung machten eine nationalsozialistische Betätigung zunichte. (vgl. Allgaier 1979, 443)

Dieter Allgaier ist bemüht durch seinen Beitrag die kommerzielle bzw. unpolitische Ausrichtung der Deutschen Kolonie in Kolumbien nachzuweisen und verhehlt nicht seine Ressentiments gegenüber den jüdischen Exilanten.

Allerdings haben sich nur 5 Prozent aktiv mit der antifaschistischen Emigration solidarisiert. (Das Andere Deutschland, Nr. 38, 10. Mai 1941. 5; zit. nach Kießling 1980, 361) Darüber hinaus gab es zwischen der deutschen Kolonie und den Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich und den okkupierten Ländern keinen Kontakt.

Ende 1938 traten neuen Dispositionen der Regierung Santos bezüglich der Einreise in Kraft, die sich spezifisch gegen eine jüdische Masseneinwanderung auswirkten. Die Einreisekaution wurde von 150 auf 300 Dollar erhöht; ebenso die Einfuhrzölle auf das Gepäck hinaufgesetzt. War ein Visum abgelaufen, wurde die Einreise verweigert bzw. musste eine Garantieerklärung vorgewiesen werden.

Die Folge war eine drastische Senkung der Einwanderungszahl auf ein Viertel des Vorjahres. Aus Österreich konnten 1939 noch 163 Personen einreisen, was in der Zahlenrelation relativ hoch war und zum Teil auf die Bemühungen der bereits Immigrierten und auf die Hilfe der privaten jüdischen Hilfsorganisationen zurückzuführen ist. 1936 wurde die erste lokale Hilfsorganisation „Sociedad Hebrea de Socorro“ in Bogotá gegründet und später das „Comité de Protección a los Inmigrantes Israelitas“, in dem alle jüdischen Gruppen vertreten waren. Finanziell und organisatorisch wurde die Flüchtlingshilfe von der „United Hebrew Sheltering Immigrants Aid Society“ (Hias) bzw. der HICEM (einer Fusion von verschiedenen lateinamerikanischen Hilfsorganisationen) unterstützt und ab 1940 vom amerikanischen Hilfskomitee „American Jewish Joint Distribution Committee“ (Joint). (vgl. Von zur Mühlen 1988, 35)

ausreisewillige
Titel: Ausreisewillige 1938
Quelle: Douer, Alisa/Seeber, Ursula: Wie weit ist Wien? Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien: Picus Verlag, 1995, S. 14. Privatbesitz, Wien - Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
MalerIn/FotografIn: Privatbesitz, Wien

Probleme in der neuen Heimat

Um den Flüchtlingen effektiver helfen zu können, wurden Hafenhilfsstellen in Barranquilla, Buenaventura, Cucuta (an der Grenze zu Venezuela) gegründet sowie Zweigstellen in Cali und Medellin. Während des großen Flüchtlingsstroms versuchten die Hilfsstellen die Emigranten zunächst unterzubringen, sie auf verschiedene Städte aufzuteilen und sie finanziell zu unterstützen. Die bereits Ansässigen richteten Pensionen für Flüchtlinge ein und hatten dadurch ein kleines Einkommen. Manche Flüchtlinge hatten keine „ordentlichen“ Dokumente oder konnten die Kaution nicht bezahlen. Verhandlungen mit den Hafenbehörden waren nötig, bisweilen Bestechungen, um das Gepäck freizubekommen. Andererseits haben die kolumbianischen Behörden 1938 auch wiederum Kautionsschulden erlassen, und so konnten die Einfuhrzölle für frisch Ankommende beglichen werden.

Die Flüchtlinge hatten neben dem Sprachproblem und der Unwissenheit über das Land auch Vorurteile; wollten vor allem in die Hauptstadt Bogotá und nicht an einem „abgelegen Ort“. Traditionelle Gewohnheiten erschwerten die Integration und die Eingliederung war auch über die Arbeit nicht unbedingt leichter. Ohne Geld, Besitz und ohne Verbindungen war der Straßenverkauf von selbsterzeugten Produkten oder en gros gekauften Waren eine naheliegende Variante der Existenzsicherung. Aber gerade der „Straßenverkauf“ ist in Kolumbien eine „Einkommensquelle“ der ärmsten Schichten der Bevölkerung. (vgl. auch Kleiner 1943, 26) Hans Friedmann, vom Beruf Chemiker, berichtet, wie er die ersten Monate nach seiner Ankunft in Bogotá versuchte, mit der Herstellung von chemisch-technischen und kosmetischen Produkten im Haus seines Bruders etwas zu verdienen, und wie er damit scheiterte. (vgl. Friedmann 1987, 478) Andere versuchten sich als „Produzenten“ von Schuhpaste, Bäckereien, Strickwaren durchzuschlagen. Legendär die Einkommensquelle des erst 1942 in Kolumbien eingereisten deutschen Schriftstellers Erich Arendt und seiner Frau Katja, die von der Produktion von Pralinen lebten. Ihr Beispiel ist durchaus typisch für die Schwierigkeiten, die Kulturschaffende und in geisteswissenschaftlichen Berufen Tätige hatten. Aber auch Ärzte, die zwar dringend benötigt wurden, hatten es schwer, wenn sie nicht das Geld für eine eigene Praxis aufbringen konnten. Der Mediziner Paul Engel, in Wien bekannt durch seine Untersuchungen auf dem Gebiet der Endokrinologie, brachte sich als Arzneimittelvertreter durch. Wie groß war seine Freude aber auch Enttäuschung als ihm der Rektor der Universidad Libre, Jorge Elicar Gaitán, 1938 zum außerordentlichen Professor für Endokrinologie bestellte. Für seine Vorlesungen erhält er kein Honorar. (vgl. Felden 1987, 77) Nach den damaligen kolumbianischen patriarchal-feudalen Universitätsstrukturen, den geringen Mitteln des Staates für Wissenschaft und Bildung, wurde davon ausgegangen, dass Professoren, die größtenteils aus der Oberschicht stammten, ihre Lehrtätigkeit nicht aus materiellen Gründen betrieben.

engelpaul
Titel: Der Schriftsteller, Arzt und Universitätslehrer Paul Engel (Pseud. Diego Viga, *1907)
Quelle: Alisa Douer/Urusula Seeber (Hg.): Wieweit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien, München: Picus Verlag 1995, S. 186. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
MalerIn/FotografIn: © Alisa Douer

Aber auch jene Exilanten, die eine Anstellung in der Industrie oder im Gewerbe fanden, mussten mit den landesüblichen niedrigen Löhnen zu leben lernen. Notwendige Lebensmittel waren sehr billig, aber das monatlich zur Verfügung stehende Budget entschied über die Qualität des Wohnens. Der durchschnittliche Monatsverbrauch für einen Vierpersonenhaushalt kann mit 240 Pesos angenommen werden. Die meisten Exilant/innen mussten in den ersten Jahren mit der Hälfte auskommen. Im Vergleich dazu verdiente eine Verkäuferin im Durchschnitt 30, ein qualifizierter Arbeiter 60 bis 80 Pesos; ein Bank- oder Staatsbeamter 100 bis 150 Pesos monatlich. Höhere Löhne waren äußerst selten und wurden nur für Spezialisten ausländischer Firmen bezahlt. In Kolumbien gab es zwar den Achtstundentag (48 Stunden pro Woche), aber keine allgemeine Krankenversicherung; kein Verbot der Kinderarbeit und keine Schulpflicht, so dass Tätigkeiten wie Schaffner, Zeitungsverkäufer, Botendienste hauptsächlich von Kindern zwischen 7 und 12 Jahren ausgeübt wurden. (Bericht von Kurt Weiss im Juni 1941, Bogotá. DÖW Akt Nr. 6426)

Allgemein kann festgestellt werden, dass der Grad der Integration der Flüchtlinge zu einem hohen Ausmaß davon bestimmt wurde, inwieweit eine materiell und beruflich zufriedenstellende Arbeit gefunden wurde bzw. Geld angespart werden konnte, um eine eigene Firma zu gründen.

Eine ganz besondere Bedeutung bei der Einfindung in das kolumbianische Leben, bei der ‚Brotsorge‘ und der Herstellung gesellschaftlicher Kontakte kam den Frauen zu. Sie leisteten zunächst die größere Anstrengung, den sozialen und kulturellen Bruch zu überwinden; nicht selten unter Ausblendung eigener Zukunftsvorstellungen. (vgl. Bolbecher 1992, 54 f.) Ob die Frauen mit Arbeitsvisa ausgestattet, etwa als „Kindermädchen mit Fremdsprachenkenntnissen“, oder als „Ehefrau“ immigrierten, ihre Ausbildung, Kenntnisse passten keineswegs in die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung der kolumbianischen Gesellschaft. Es galt erfinderisch zu sein, Marktlücken aufzuspüren und in Nischen eine Existenz aufzubauen. Von der Herstellung von Konditorwaren, Bäckereien bis zur Miniaturporträtmalerei, Gymnastik- und Ballettschule, Musikunterricht und Pensionsbetrieb reicht das Repertoire.

‚Macho‘-Gehabe war geflissentlich zu übersehen und schränkte zugleich die Bewegungsfreiheit der Frauen ein. Die manchmal bei der Darstellung des politischen Exils ‚belächelten‘ geselligen Zusammenkünfte der Emigrierten waren die psychologische und soziale Voraussetzung für die politischen, kulturellen und karitativen Aktivitäten, die in der Geschichtsschreibung des Exils leider bloß als kollektive Männersache dargestellt werden.

Politik im Exil

Die persönlichen politischen Anschauungen der Österreicher/-innen in Kolumbien spiegelt das politische Spektrum der 1. Republik wider: von linken, liberal eingestellten jüdischen Demokraten bis zu den verschiedenen nationalösterreichisch eingestellten Konservativen unterschiedlicher Couleurs – habsburgische Legitimisten, Christlich-Klerikale und Austrofaschisten. Als Einzelpersonen versuchten sie zu den jeweiligen Exilorganisationen Kontakte zu knüpfen. Um nur einige Beispiele zu nennen: Dr. Carlos Hecht (Cali), Sohn von Dr. Robert Hecht, dem juristischen Berater von Dollfuß und Mitautor der ‚Ständeverfassung 1934‘, pflegte Verbindungen zu dem „Austria Office“ (Zusammenschluss von Monarchisten und der sozialdemokratischen Dissidentengruppe um Herbert Allina unter dem Protektorat von Sir George Franckenstein, London) (vgl. Maimann 1975, 107) und der legitimistischen „Austrian League“, deren Sekretär Dr. Otto Hecht war. (vgl. Maimann 1975, 95) Beide Organisationen strebten 1940 die Bildung einer österreichischen Exilregierung an, was nicht gelang.

Dr. Robert Hecht wurde im März 1938 von den Nationalsozialisten verhaftet und im KZ Dachau ermordet.

Der Maler und Sozialdemokrat Franz Lichtenberg suchte Anschluss beim „Austrian Labor Committee“ (Julius Deutsch, New York). Julius Deutsch empfahl ihm die international ausgerichteten sozialistischen „Free World Organisation“. (Brief vom 24. Februar 1942 von Julius Deutsch an Franz Lichtenberg. DÖW, Akt 6426)

Paul Engel, der im Exil unter dem Schriftstellernamen Diego Viga bekannt wurde, hatte als einer der wenigen österreichischen Emigranten durch seine Tätigkeit als Vertreter der US-Firma Mead Johnson & Co Gelegenheit, durch Kolumbien zu reisen und Kontakte herzustellen.

„Ich wollte, daß die Linken unter den Österreichern die Leitung übernehmen und die alten Heimwehrler den Mund schließen sollten. […] Wir mußten ja auch politisch wirken, aufklären, dem Nazieinfluß unter den Kolumbianern entgegenwirken; …“

Aus unveröffentlichten biographischen Notizen von Paul Engel; zit. nach Felden 1987, 96

Durch seine gute Bekanntschaft mit Erich Arendt, dem Sekretär der deutschen „Antinationalsozialistischen Freiheitsbewegung“ (ANFB) in Bogotá, beteiligte er sich an deren Veranstaltungen und war Vermittler zwischen österreichischen und deutschen Exilgruppen.

Entscheidend für die gesamte Emigration aus Österreich waren jedoch nicht parteipolitische Auseinandersetzungen und historische Rechnungen, sondern praktische politische Lebensfragen und der Konsens über die Wiedererrichtung eines unabhängigen, demokratischen Österreich. (vgl. Goldner 1977, 250)

Das österreichische Konsulat war nach dem „Anschluss“ auf Wunsch des kolumbianischen Außenministeriums geschlossen worden. Trotzdem wurden amtliche Bestätigungen, welche von den Österreicher/innen verlangt wurden, von Konsul Brunner-Lehenstein weiter ausgestellt und de facto anerkannt. Die ersten organisatorisch zusammenhängenden Aktivitäten bestanden in Sammlungen und Hilfe für das Rote Kreuz. Anfang 1941 wurde die überparteiliche österreichische Vereinigung „Comité de los Austriacos en Colombia“ gegründet. Der Leitung gehörten als Präsident Koloman Brunner-Lehenstein, als Sekretär Heinz Ungar und weiters Franz Lichtenberg, Dr. Heinrich Kreisler und Dr. Peter Müller an. (Bericht von Franz Lichtenberg. DÖW Akt 6426, 2 und 8)

Nach einem im National Archive, Washington, aufliegendem Bericht vom 21. Dezember 1942, Nr. C12767, der einen Überblick über die „Free Austrian“ Organisationen und Aktivisten gibt, wird auf die Zusammenarbeit des „Comité de los Austriacos libres“ mit dem „Austrian National Committee“ (USA) unter der Leitung von Graf Ferdinand Czernin und dem „Austria Office“ (GB) hingewiesen.

Das „Comité“ erreichte im Laufe der Zeit, dass es von den kolumbianischen Behörden, aber auch von den Vertretungen der Alliierten respektiert wurde. So behielten die österreichischen Pässe auch nach Ablauf ihre Gültigkeit. Österreichischen Exilanten, die einen deutschen Pass hatten, wurden nicht als deutsche Staatsbürger behandelt. In einem sehr entschiedenen Brief an den Generalsekretär der Polizeidirektion fordert Koloman Brunner-Lehenstein, dass die Nationalität „einheitlich als ‚österreichisch‘ anerkannt und als solche auf jeglichem Dokument, jeder amtlichen Urkunde verzeichnet werde.“ Als Gründe führt er die Okkupation durch das Deutsche Reich an, und dass ja auch Franzosen, Belgier, Polen usw. nicht als deutsche Staatsbürger behandelt würden. Das hieße die Annexionen zu akzeptieren. (Brief von Koloman Brunner-Lehenstein an Doktor Luis Eduardo Páez vom 20. September 1943 [span.] DÖW, Akt 6426) Der politische Hintergrund war, dass die kolumbianische Regierung ohne Unterschied zunächst alle Deutschen als „feindliche Ausländer“ behandelte; ihre Bewegungsfreiheit einschränkte und Vermögen beschlagnahmte.

Die kolumbianischen „Austriacos Libres“ schlossen sich im Oktober 1943 dem allgemeinen Zentralkomitee für Lateinamerika an („Comité Central Austriaco de América Latina“), das den Zusammenschluss der wichtigsten Vereinigungen der „Austria Libre“ in Südamerika ermöglichte und sich als Teil des „Free Austrian World Movement“ (London) verstand. (vgl. Goldner 1977, 256)

Am 30. Oktober 1943 schlossen sich aus zwölf lateinamerikanische Staaten die „Austria Libre“-Vereinigungen in Montevideo zusammen; Generalsekretär wurde Dr. Karl Stephan Grünberg.

Es ist bemerkenswert, dass in Kolumbien, aber letztlich in allen südamerikanischen Staaten eigenständige österreichische Auslandsorganisationen aufgebaut wurden, deren Ziel ausnahmslos die Wiederherstellung Österreichs war. Die Moskauer Deklaration bedeutete für sie eine Bestätigung ihres Wirkens und bot neue Möglichkeiten eines selbstbewussteren Auftretens. Die Mischung aus „Patriotismus“ und „Kosmopolitismus“, wie sie zunächst der Haltung der konservativen Kräfte entsprach, und der gesellschaftspolitische Ansatz der Linken, die eine soziale und demokratische Neugestaltung einforderten, haben sich bis zu einem gewissen Grad ergänzt. In der ersten Phase des Exils überwog nach außen die „patriotische Haltung“. Ausgehend von der politischen und kulturellen „Vergangenheit“ Österreichs stand der Charakter des Unrechts und der Nicht-Akzeptanz des „Anschlusses“ fest. Letztlich war diese Haltung eine Voraussetzung, sich im Exilland verständlich zu machen. Das österreichische Exil stand immer auch in Gefahr, den Charakter einer politisch bornierten Eigentümlichkeit anzunehmen, die Gemeinsamkeit mit der faschistischen Entwicklung in Italien und Deutschland zu verschleiern. Vertrauen in eine mögliche Zukunft konnte sich nur in den Forderungen nach einer sozialen Gesellschaft, nach gleichem Recht und politischer Gestaltungsfreiheit herstellen, die eine kritische Absage an eine bloße Restauration voraussetzte. Beide Haltungen bildeten die Grundlage für die Selbstbestärkung wie für die politische und kulturelle Agitation, die die Exilant/innen nicht bloß im Status von Sozialfällen beließ. „Das österreichische Volk setzt sich seiner Herkunft nach aus allen Nationen Zentraleuropas zusammen. […] Die 2 Millionen Wiener pflegten eine kulturelle Lebensform, die nicht dem eingesperrten Leben eines antihistorischen Nationalismus entsprach, sondern der Weltkultur“, wurde in einem Flugblatt kolportiert. (Flugblatt [span.] DÖW, Akt 8504)

Das Comité de los Austriacos Libres war Kommunikationszentrum für die Mitglieder (200 in Bogotá), mit Vorträgen und Klavierabenden im kleineren Kreis; so hielt der Ingenieur Emanuel Rosenberg, der von 1917 bis zum März 1938 technischer Direktor der Elin Werke in Weiz, Steiermark, war und die „Rosenberg-Maschine“, einen Dynamo für die elektrische Zugsbeleuchtung, und ein Umformungsaggregat für das Elektroschweißen erfunden hatte, Vorträge über sein Fachgebiet.

Eine Würdigung von Emanuel Rosenberg verfasste Wilhelm Frank. (In: Stadler 1987, 431)

Der Sozialist Kurt Weiss – in Bogotá hatte er eine Anstellung bei der Alkohol-Monopol Gesellschaft erfreute mit Aufführungen seines Marionettentheaters. Die Figuren stellte er selbst her, eine Fertigkeit, die er sich als Jugendführer bei den Roten Falken erworben hatte. Die Schriftstellerin Margot Hermer (verheiratete Neumann) gestaltete Literaturabende mit Lesungen aus der deutschsprachigen Literatur. (Gespräch mit der Verfasserin am 26. Mai 1993 in Bogotá) Um Geld für die Flüchtlingshilfe zu sammeln, wurde zu Festen der „Austriacos“ ins „Instituto Colombo-Británico“ geladen und ein Basar aufgebaut.

Margot Hermer besaß noch die Textauswahl, bevorzugt las sie Heine, Goethe und Rilke.

Die ersten größeren, öffentlich wirksamen Veranstaltungen fanden 1942 statt. Zunächst erreichte das Comité de los Austriacos, dass die Österreicher beim jährlichen Ball der Alliierten mit einen Pavillon vertreten waren. Franz Lichtenberg gestaltete die Kulissen als „Wiener Heurigen“ auf der Bühne des Teatro de Colon (Nationaltheater). Diese Beteiligung war eine wichtige politische Manifestation, die sich in den folgenden Kriegsjahren wiederholte. (Dankschreiben von Koloman Brunner von Lehenstein an Franz Lichtenberg, 7. Oktober 1942. DÖW, Akt 6426)

Am 7. November 1942 fand die Premiere der Johann-Strauß-Operette „El Murcielago“ („Die Fledermaus“) im Teatro de Colon statt, die vielleicht am stärksten beachtete kulturelle Aktivität des österreichischen Exils. Die Aufführung wurde vom kolumbianischen Präsidenten unterstützt, der auch mit zahlreichen Regierungsmitgliedern bei der Erstaufführung anwesend war. Eugen Strehn, der die künstlerische Leitung hatte, und Herbert Fröhlich, der für die Musik verantwortlich zeichnete, wählten diese Strauß-Operette, da bereits eine spanische Textvorlage existierte. Im Ensemble wirkten deutsche und österreichische Sänger/innen zusammen. Gespielt wurde für das Rote Kreuz, die Einnahmen, insgesamt 750 Pfund, wurden über Vermittlung von Otto Hecht und dem ehemaligen österreichischen Botschafter in London, Sir George Franckenstein, dem „Duke of Gloucester’s Red Cross and St. John Fund“ überwiesen. (Siehe Briefwechsel zwischen Otto Hecht [9. März 1943, London] und Lord Iliffe [4. Mai 1943] mit Koloman Brunner von Lehenstein. DÖW, Akt 8504)

kolumbien el murcielago
Titel: Teatro de Colon: Programmzettel
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Hecht „warnt“ allerdings davor, dass das „Free Austrian Movement“ die Spende für sich vereinnahmt, denn dann „würde sich Sir George augenblicklich zurückziehen.“ Darin spiegeln sich die politischen Differenzen und Konkurrenzen der verschiedenen Exilorganisationen wieder.

Für die „Free Austrians of Colombia“ (Bericht in der englischen Zeitung „The Star“, 13. April 1943) und für das österreichische internationale Exil war es ein Anliegen, einen Beitrag zur Unterstützung der Alliierten zu leisten.

Am 12. November 1944, dem Jahrestag der Ausrufung der 1. Republik, hielt Franz Lichtenberg eine Festrede, die im kolumbianischen Radio gesendet wurde, in der er Demokratie und „Nationalfaschismus“ gegenüberstellte und sich für die Zukunft nur einen Staat vorstellen konnte, der „das Recht gibt an seinem Aufbau entscheidend mitzuwirken und die Sicherheit der persönlichen Freiheit garantiert.“ (DÖW, Akt 6426) Nach Kriegsende hat das „Comité de los Austriacos“ eine Reihe von Hilfsaktionen initiiert. Zunächst wurde eine Schuh- und Kleidersammlung für Opfer der Nationalsozialisten durchgeführt, allerdings war der Transport noch sehr schwierig und die Sendung blieb in Paris hängen. Es wurde Geld aufgebracht, um Kaffee und Südfrüchte zu schicken, eine große Zahl Carepakete ging an Stadtrat Afritsch zur Verteilung. Elfi Lichtenberg, bis zu ihrer Entlassung 1934 als Jugendfürsorgerin in Wien, bemühte sich im Kontakt mit Eva Kolmer, Free Austrian Movement in GB, und Karl Grünberg, Comité Central Austriaco de América Latina in Montevideo, um eine Erholungsaktion für geschwächte österreichische Kinder, die aber an den Transportproblemen scheiterte. (DÖW, Akt 6426)

kolumbien arnold toynbee
Titel: Toynbee, Arnold
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Diese Beispiele vermitteln, was eine zahlenmäßig kleine, aber motivierte, politisch konstruktive Exilgemeinschaft vermochte. Die meisten Exilant/innen wollten zurück, was sich zum Teil als ebenso schwierig herausstellte wie die Emigration. Bereits 1944 bemühte sich eine „Comisión de los Austriacos“ in Bogotá um eine Zusammenarbeit mit der UNRRA, um nicht nur Spenden, sondern auch Rücktransporte für die Nachkriegszeit zu organisieren. Eduardo Santos, Vizepräsident der UNRRA, unterstützte die Österreicher/innen dabei, was aber nicht half. So wurden die Rückkehrer quasi wie Ausländer behandelt, die aber noch dazu keine offizielle Vertretung hatten. Um ein Permit nach Wien zu erlangen, musste der Wohnsitz, der in den meisten Fällen arisiert worden war, und der Bezirk angeben werden, damit die zuständige Alliierten Behörde ihre Einreisebewilligung gab.

kolumbien ausschnitt zeit
Titel: Ausschnitt aus der Zeitschrift "Zeitspiegel" vom 19. Jänner 1946
"Die ersten Pakete eingelangt. Aus aller Welt kommt Hilfe" (Zeitspiegel 19. Jänner 1946). Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Meldungen im „Zeitspiegel“ (London, 19.1. 1946) über Sammlungen in Südamerika, u. a. in Kolumbien. Mangels an Transportschiffen bzw. der fortdauernden militärischen Seehoheit kamen die Spenden nicht nach Österreich. Auch das gesammelte Geld für den Ankauf von Kaffee wurde anderwertig verwendet.

kolumbien gerardo reichel
Titel: Reichel-Dolmatoff, Gerardo
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Gerardo (Gerhard) Reichel-Dolmatoff, Anthropologe und Archeologe. 1912 in Salzburg geboren, Studium in Wien, München und Paris. 1939 über eine Einladung des kolumbianischen Präsidenten Eduardo Santos Emigration nach Kolumbien. Gründete das Departamento de Antropologia de la Universidad de los Andes in Bogotá. Mit seinen jahrzehntelangen ethnologischen Studien über die indianischen Ureinwohner Kolumbiens in den Regionen der Karibikküste, des Pazifik und des Amazonas-Tieflandes und vor allem durch seine Aufenthalte bei den indigenen Kogis und Arhuacos (Sierra Nevada de Santa Marta) hat er einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der kolumbianischen Geschichte geleistet. Seit 1974 Professor an der University of California in Los Angeles. Berühmt am amerikanischen Kontinent durch seine zahlreichen ethnologischen und anthropologischen Publikationen. 1991 erschien seine Autobiographie „Indios de Colombia“. Diese so wie sein umfassendes Werk ist nicht ins Deutsche übersetzt. Gerardo Reichel-Dolmatoff starb am 16. Mai 1994.

Schmerzlicher Neuanfang

Für die in Kolumbien gebliebenen Emigranten, die zum Teil die österreichische Staatsbürgerschaft nicht aufgegeben haben, wurde das Exil zu einem schmerzlichen Bruch, aber auch Neuanfang. Elfi Lichtenberg begann Gedichte zu schreiben.

kolumbien brief comite cent
Titel: Brief von Karl Stephan Grünberg an Elfi Lichtenberg in Bogota (Comite Central Austriaco de América. Montevideo, am 16. August 1945)
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Unter dem Titel“Liebeslieder an das Leben“ ist eine Sammlung ihrer Gedichte, mit Illustrationen von Franz Lichtenberg erschienen. Wien: Capri Verlag 1978.

Hermi Friedmann, Schülerin der Fotografin Lotte Meitner-Graf, widmete sich neben ihrem kommerziellen Fotoatelier thematischen Fotozyklen: Sie lernte Kolumbien mit der Kamera sehen, die Landschaft, den Alltag, die Menschen in den verschiedensten Regionen und im Kontrast dazu die koloniale spanische Architektur. Eines ihrer bevorzugten Themen wird die Frau; der Lebenszyklus der Frau, die Arbeit der Frauen. Sie fotografiert Künstler und Musiker, die im Teatro de Colon auftreten; zeigt sie in der Arbeitssituation bei den Proben, vor dem Auftritt oder entspannt im Gespräch: Aron Copland, Igor Strawinsky, Wilhelm Backhaus, Rudolf Serkin, Leonard Bernstein, Maria Anderson, Arthur Rubinstein, Yehudi Menuhin – um nur einige zu nennen. (vgl. Friedmann 1990 und Bolbecher 1993, 3) Ein Zyklus von über 200 Künstlerporträts. Diese „große Welt der Musik“ geht zum Teil auf die Initiative von Bernhard Mendel zurück, Mitbegründer der kolumbianischen Gesellschaft der Musikfreunde, der die Kontakte zu den internationalen Konzertagenturen herstellte. (Interview der Verfasserin mit Grete Neu am 26. Mai 1993 in Bogotá)

kolumbien busch serkin
Titel: Busch, Adolf und Rudolf Serkin (1950)
Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann
kolumbien hermi friedmann
Titel: Friedmann, Hermi
Quelle: Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
kolumbien amigos dela
Titel: Werbeplakat: Sociedad de los Amigos de la Música
Schaufensterausstellung beim Atelier von Hermi Friedmann: Gesellschaft der Musikfreunde. Quelle: Foto: Hermi Friedmann. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft. Mit freundlicher Genehmigung von Familie Friedmann
MalerIn/FotografIn: Hermi Friedmann

Ein wichtiges Zentrum der Exilkultur war die Buchhandlung „Libreria Central“, 1926 von dem Österreicher Paul Wolf eröffnet. In ihr waren sämtliche Exilpublikationen erhältlich. Hans Ungar übernahm in den 50er Jahren die Buchhandlung auf Abzahlung und erweiterte sie um eine Galerie. (Interview von Hanny Hieger mit Heinz Ungar am 20. Juni 1993 in Bogotá) Heute ist die „Liberia Central“ ein angesehener, beliebter Treffpunkt für kolumbianische Maler und Literaten und Vermittlungsstelle zur europäischen Kultur.

Mit 92 Jahren lebt Trude Krakauer allein in Bogotá. Geblieben ist die Freundschaft mit dem Mann ihrer Jugendfreundin Thea Weiss, die ihr das lebensrettende Arbeitsvisum verschafft hatten. Im Exil begann sie neben der Brotarbeit zu schreiben, an die Fortsetzung ihres Medizinstudiums war nicht zu denken. In Mappen liegen ihre zahllosen unveröffentlichten Gedichte und literarische Übersetzungen aus dem Spanischen: Jorge Guillén, Guillermo Valéncia, León de Greiff, Rubén Darío, José Asunción Silva, Rafaél Pombo u. a. (Interview der Verfasserin mit Gertrud Krakauer am 23. Mai 1993 in Bogotá) Das Geschäft mit der Literatur versteht sie nicht, einige Anläufe zur Veröffentlichung hat sie unternommen. Aber es war, als wäre der Faden der Zeit gerissen.

krak
Titel: Krakauer, Trude
Quelle: Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke 2000. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
mautnerkarl
Titel: Mautner, Karl
Quelle: Alisa Douer/Urusula Seeber (Hg.): Wieweit ist Wien. Lateinamerika als Exil für österreichische Schriftsteller und Künstler. Wien, München: Picus Verlag 1995, S. 193. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Anhang

Forschungsliteratur

  • Allgaier, Dieter - Die Deutschen in Kolumbien
  • Bolbecher, Siglinde - Ariadne behält ihren Faden. Verdeckte Entwürfe antifaschistischer Strategien von Schriftstellerinnen
  • Bolbecher, Siglinde - Die Fotografin Hermi Friedmann
  • Bolbecher, Siglinde; Kaiser, Konstantin - Lexikon der österreichischen Exilliteratur
  • Deutsch, Julius - Brief vom 24. Februar 1942 von Julius Deutsch an Franz Lichtenberg. DÖW, Akt 6426
  • Dunlop MacTavish, Shona - An Ecstasy of Purpose. The Life and Art of Gertrud Bodenwieser
  • Felden, Dietmar - Diego Viga. Arzt und Schriftsteller
  • Friedmann, Hans - Emigrant in Kolumbien 1938 bis 1947
  • Friedmann, Susana - Die Photographie und Hermi Friedmann
  • Goldner, Franz - Die Österreichische Emigration 1938 bis 1945
  • Hecht, Otto; Iliffe, Lord - Briefwechsel zwischen Otto Hecht ( 9. März 1943, London) und Lord Iliffe ( 4. Mai 1943) mit Koloman Brunner von Lehenstein. DÖW, Akt 8504.
  • Kießling, Wolfgang - Exil in Lateinamerika. Kunst und Literatur im antifaschistischen Exil 1933-1945. Bd.4
  • Kleiner, Alberto (Hg.): - Inmigración Judía a Colombia
  • Koloman Brunner-Lehenstein - Lehenstein - Dankschreiben von Koloman Brunner-Lehenstein an Franz Lichtenberg, 7. Oktober 1942. DÖW, Akt 6426
  • Lichtenberg, Franz - Bericht von Franz Lichtenberg. DÖW Akt 6426
  • Maimann, Helene - Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938-1945
  • ohne Autor - Das Andere Deutschland, Nr.38, 10.Mai 1941
  • ohne Autor - Flugblatt (span.), DÖW, Akt 8504
  • Petersen, Carl; Scheel, Otto; Ruth, Paul Hermann (u.a.) (Hg.) - Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums
  • von zur Mühlen, Patrik - Fluchtziel Lateinamerika. Die deutsche Emigration 1933 - 1945: politische Aktivitäten und soziokulturelle Integration
  • Weiss, Kurt - Bericht von Kurt Weiss im Juni 1941, Bogotá. DÖW Akt Nr. 6426
  • Wiener, Hugo - Zeitensprünge. Erinnerungen eines alten Jünglings
Nach oben scrollen