Palästina/Israel - ein "Exilland"?
Palästina/Israel unterscheidet sich gravierend von allen übrigen Ländern, in denen Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland Zuflucht fanden. „Erez Israel“, das „Land Israel“, ist untrennbar mit jüdischer Geschichte und Religion verbunden. In den Jahrhunderten der Diaspora, der Zerstreuung der Juden nach der Zerstörung des Tempels von Jerusalem durch die Römer im Jahre 70 n. Chr., richtete sich die Zukunftshoffnung der Juden immer wieder auf eine Rückkehr in das „heilige Land“. Religiös begründet, drückt sich diese Hoffnung jedes Jahr beim Pessachfest – dem Fest zur Erinnerung an den Exodus des Volkes Israel aus Ägypten – aus. Und zwar im Wunsch: „Nächstes Jahr in Jerusalem“. Die Diaspora wurde vielfach als Exil, als Verbannung (Galut), als Ort der Fremdheit und Nichtzugehörigkeit erlebt, immer wieder bedroht von antisemitischen Anfeindungen, Verfolgungen und Pogromen.
Im Zuge der im 19. Jahrhundert entstandenen politischen Bewegung des Zionismus wurden konkrete Schritte unternommen, das „Land Israel“ für das Judentum zurück zu gewinnen, und zwar durch diplomatische Verhandlungen mit den Großmächten, Siedlungstätigkeit in Palästina, Erneuerung der hebräischen Sprache etc. Betrachtet man die Situation der jüdischen Einwanderer in Palästina/Israel, so relativiert sich der Begriff „Exil“. Der Entschluss zur Einwanderung konnte aus unterschiedlichen Motiven gefasst werden. Einwanderer, die aufgrund ihrer zionistischen Überzeugung nach Palästina gelangt waren, sahen in ihrem neuen Wirkungsort kein ‚Exil‘, sondern eine „wiedergefundene Heimat“. Andererseits kamen viele der nach 1933 zugewanderten Juden eher zufällig nach Palästina, auf der Suche nach einem Zufluchtsort, um der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen.
Die Problematik des „Exil“-Begriffs wird deutlich, wenn man die zionistische Weltanschauung betrachtet. Jüdische Einwanderer werden als „Olim“ (= Aufsteigende), die Einwanderung selbst als „Alija“ (= Aufstieg) bezeichnet. Im Begriff „Alija“ verbindet sich die religiöse Dimension einer Höherentwicklung der Persönlichkeit mit der politischen Dimension der Immigration nach Palästina/Israel. Andererseits gelten Juden, die aus dem jüdischen Staat auswandern, als „Jordim“ (= Absteigende). Nach zionistischer Auffassung gilt demnach das jüdische Leben in den Ländern der Diaspora als „Exil“, die Alija hingegen als „Heimkehr“, als Rückkehr in die „altneue“ „Heimat“ der Juden. Demnach ist es problematisch, von Palästina/Israel als einem „Exilland“ zu sprechen, vielmehr muss stets die Komplexität, ja Widersprüchlichkeit dieser Begrifflichkeit bedacht und an den jeweiligen Einzelfällen überprüft werden.
In welchen historischen Kontexten vollzog sich die Zuwanderung jüdisch-österreichischer Schriftsteller nach Palästina/Israel? Im Jahre 1882, als Palästina noch unter osmanischer Verwaltung stand, setzte die zionistische Siedlungstätigkeit ein. Die zionistische Idee entstand nicht, wie manchmal behauptet wird, als eine bloße Abwehrreaktion gegen den Antisemitismus, der sich Ende des 19. Jahrhunderts radikalisiert hatte. Vielmehr verstand sich die zionistische Idee als ein Versuch, den Juden der Diaspora ein neues Selbstbild zu vermitteln. Das eigene „Anderssein“ sollte selbstbewusst, offensiv, auch kämpferisch interpretiert werden. Dem damals weitverbreiteten Assimilationsstreben – das oftmals verbunden war mit dem Verlust jüdischer Identität – wurde das Gegenbild eines selbstbestimmten Judentums entgegengestellt. Geprägt wurde der Begriff „Zionismus“ von dem österreichisch-jüdischen Publizisten Nathan Birnbaum, vorbereitet wurde die Idee in den Schriften des sozialistischen Theoretikers Moses Hess (Rom und Jerusalem, 1862), des orthodoxen Rabbis und Talmudgelehrten Hirsch Zwi Kalischer (Drischat Zion = „Sehnsucht nach Zion“, 1862) und des russisch-jüdischen Publizisten Leon Pinsker (Auto-Emanzipation!, 1882). Schwungkraft erhielt die Bewegung durch das Wirken von Theodor Herzl, der 1896 seine wegweisende Broschüre „Der Judenstaat“ veröffentlichte, 1897 den I. Zionistenkongress in Basel einberief und die organisatorischen Grundlagen der Zionistischen Organisation schuf.
Die zionistische Immigration erfolgte in mehreren Einwanderungswellen (Alijot); die jüdische Bevölkerung Palästinas wurde als „Jischuw“ (= Ansiedlung) bezeichnet. Die zionistischen Pioniere (Chaluzim) sahen sich vor große Probleme gestellt. Es galt, Land urbar zu machen, Felder zu entsteinen, Malaria verseuchte Sümpfe trockenzulegen und sich mit den im Lande lebenden Arabern zu verständigen.
„Eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“
Balfour-Deklaration
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Palästina unter die Mandatsverwaltung Großbritanniens gestellt. Dies weckte zunächst die Hoffnungen der Zionisten, zumal im Jahre 1917 der britische Außenminister Balfour in einem Brief an Lionel Lord Rothschild eine Erklärung zugunsten der Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ abgegeben hatte („Balfour-Deklaration“). Die Erwartungen wurden jedoch rasch gedämpft, als die britische Verwaltung die jüdischen und arabischen Interessensgegensätze gegeneinander auszuspielen begann und eine restriktive Einwanderungspolitik verfolgte. Immer wieder wurde das im Aufbau befindliche jüdische Gemeinwesen von arabischen Unruhen erschüttert, besonders heftig in den Jahren 1929 und 1936. Zu weiteren Konflikten, von denen der Jischuw belastet wurde, zählten unter anderem der Antagonismus zwischen orthodoxen und nichtreligiösen Juden, die Spannungen zwischen „europäischen“ und „orientalischen“ Zuwanderern oder die ideologischen Gegensätze zwischen Arbeiterbewegung und bürgerlich-nationalistischen Gruppierungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Palästina unter die Verwaltung der UNO gestellt, und schließlich, im Mai 1948, erfolgte die Gründung des Staates Israel, der sogleich – im Unabhängigkeitskrieg gegen die arabischen Nachbarstaaten – um seinen Bestand kämpfen musste.
Im Zuge der 1933 einsetzenden Masseneinwanderung deutschsprachiger Juden („Fünfte Alija“) kamen vorwiegend Flüchtlinge ins Land, die oft nur mangelhafte Hebräischkenntnisse besaßen und wenig über Zionismus und Judentum Bescheid wussten. Die deutschsprachigen Juden wurden von den Ansässigen ironisch ?Jeckes? genannt. Über die Herkunft dieses Spitznamens gibt es unter-schiedliche Versionen. Vermutlich leitet sich die Bezeichnung davon her, dass die an korrektes Benehmen gewohnten „Jeckes“ selbst bei den heißen Temperaturen des israelischen Sommers Sakkos („Jacken“) getragen haben. Der Begriff „Jeckes“ galt als Inbegriff für Umständlichkeit und Integrationsprobleme, insbesondere für Schwierigkeiten bei der Erlernung der hebräischen Sprache. Integrationsschwierigkeiten ergaben sich aufgrund der Alters- und der (zumeist mittelständisch-freiberuflichen) Berufsstruktur der Flüchtlinge. Obwohl Palästina in den 1930er Jahren unter einer ernsten Wirtschaftskrise litt, konnten diese Probleme – so manchem Vorurteil zum Trotz – relativ rasch gelöst werden. Deutschsprachige Einwanderer leisteten wichtige Beiträge nicht nur im politischen und kulturellen Leben, sondern auch im landwirtschaftlichen und industriellen Bereich.
Die britischen Behörden erließen jedoch restriktive Einwanderungsbestimmungen, denen zufolge die legale Einreise nur mit quotenmäßig festgesetzten Zertifikaten möglich war. Um die Rettung von Kindern und Jugendlichen, für die Einwanderungszertifikate leichter zu erhalten waren, kümmerte sich die „Jugend-Alija“. Im Mai 1939 veröffentlichte die britische Regierung ein „Weißbuch“, das die jüdische Einwanderung auf ein Minimum reduzierte. Viele Flüchtlinge suchten, mit Unterstützung zionistischer Organisationen wie Hechaluz und Hagana, illegal ins Land zu kommen, auf abenteuerlichen Wegen, unter großer Gefahr. Von den Briten aufgegriffene illegale Flüchtlinge wurden in dem – südlich von Haifa gelegenen – Lager Atlit interniert oder in ein Flüchtlingslager auf der Insel Mauritius deportiert.
Die Lage der deutschsprachigen Einwanderer gestaltete sich zudem schwierig, da die deutsche Sprache zunehmend mit Misstrauen betrachtet, boykottiert, vielfach sogar bekämpft wurde. Deutsch galt nun nicht mehr als Sprache Theodor Herzls und des frühen Zionismus, sondern als Sprache Hitlers und der Judenverfolgung. Deutschsprachige Schriftsteller, auch wenn sie sich mit der zionistischen Idee identifizierten und Palästina/Israel als ihre neue Heimat betrachteten, befanden sich in einer Art von „Sprach-Exil“ (Schalom Ben-Chorin). Die Interessen der aus Österreich zugewanderten Juden wurden von der „Hitachdut Olej Austria“ vertreten.
Die Emigranten trafen sich in literarischen Kreisen und Salons. Unter anderem initiierte Max Brod in Tel Aviv einen „Literarischen Salon“, der von Ernst und Nadja Taussig geleitet wurde. Ebenfalls in Tel Aviv leitete der aus Olmütz gebürtige Philosoph, Architekt und Schriftsteller Paul Engelmann „Philosophische Abende“, während die aus Wien stammende Schauspielerin Stella Kadmon auf der Dachterrasse ihres Hauses Chanson-Abende und Leseaufführungen von Dramen veranstaltete. Im Rahmen der B’nai B’rith Logen gründeten österreichische Einwanderer in Tel Aviv die Jacob-Ehrlich-Loge. Eine erste deutschsprachige Zeitung, der von Meir Marcell Faerber 1935 gegründete „Orient-Express“, musste schon nach zweieinhalb Monaten aufgrund eines Boykottbeschlusses des Hebräischen Journalistenverbands eingestellt werden. Dennoch wurden kurz darauf zwei deutschsprachige Tageszeitungen ins Leben gerufen: Jediot Chadaschot (seit 1974 „Chadaschot Israel/Israel Nachrichten“; diese Zeitung besteht bis heute, als Chefredakteurin wirkt die 1938 aus Wien geflüchtete Publizistin und Schriftstellerin Alice Schwarz-Gardos) und „Jediot Hajom“ (inzwischen eingestellt).
Österreichische jüdische Schriftsteller kamen aus unterschiedlichen Motiven nach Palästina/Israel. Dies sollen die folgenden Fallbeispiele illustrieren.
Moshe Ya'akov Ben-Gavriêl
„Der grosse Wunsch der letzten zehn Jahre ist wahr geworden: ich sitze in Jerusalem, sitze in einem freundlichen Zimmer eines arabischen Hauses in der Musrara, schaue auf einen sonnigen Garten hinaus, höre arabische Rufe, hebräische Lieder – alles ist wieder gut. Wie unendlich schwer aber war es, hierher zu kommen! Das Unverständnis, das Mutter dem Entschluss mein Leben endlich von Grund auf zu ändern entgegenbrachte, das Unvermögen, das Reisegeld zusammenzubringen, und doch kam wie immer, alles so, wie es kommen muss. Gott hilft! Im letzten Augenblick wurde mir eine Invalidenrente zugesprochen die ich für zwei Jahre verpfändete, ein Mann lieh mir drei Hundert Schilling und wir fuhren, mit Arbeiterzertifikat in der Hand – wie schwer und langwierig war es, die Einwanderungserlaubnis zu bekommen! – auf Zwischendeck gegen Jaffa. Tel-Awiw, die unsympathischeste Stadt, die ich kenne, widerte mich mit ihren unendlich kleinen Menschen derart an, dass ich, als nach drei Tagen Fieber und Schmerzen nach der beim Landen erhaltenen Typhusinjektion schwand, frohen Herzens abfuhr, wiewohl ich Mir [= Ehefrau Mirjam] zurücklassen musste, die ins Theater eintrat. Jerusalem nahm mich auf. Still, ganz still, unfähig meine Gefühle auch nur annähernd zu erfassen, ging ich durch die Strassen, ging zur Kotel hama’aravi [= Klagemauer], ging immer wieder durch die Stadt. […] Am zweiten Tag ging ich zur Regierung und verzichtete auf meinen bisherigen Namen. Am 3. März war ich in Palästina gelandet, am 8 März hörte ich auf Eugen Hoeflich zu sein und bin seit diesem Tag Moscheh Jaakub ben gawriel. Ich will auch innerlich ein neuer Mensch werden. Inschallah!“
Hoeflich, Tagebücher 1915 bis 1927, 1999, 244; Eintragung vom 24.3. 1927
Den Lebensunterhalt verdiente Ben-Gavriêl als Palästina-Korrespondent deutschsprachiger Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen. Das Spektrum seiner Beiträge umfasst politische Analysen und Kommentare ebenso wie Berichte über Kunstausstellungen, Vorträge und Theateraufführungen. Das Haus, das Ben-Gavriêl und seine Ehefrau, die Schauspielerin und Phonetiklehrerin Mirjam Ben-Gavriêl, geborene Schnabel, in Jerusalem führten, war ein viel besuchter Treffpunkt des geistigen Lebens. Die Eindrücke, die er auf seinen zahlreichen Reisen durch das Land sammelte, verarbeitete Ben-Gavriêl 1938 im „Kleinen Palästinabuch für empfindsame Reisende“, ein Buch, das die Geschichte, Kultur und Landschaft Palästinas, die Farbigkeit des orientalischen Lebens, die mystische Atmosphäre der Stadt Jerusalem, die Aufbauarbeit des Zionismus, aber auch die Konflikte des Landes beschreibt.
Trotz der Radikalisierung des jüdisch-arabischen Konflikts, vor allem im Zuge der Unruhen von 1929, setzte Ben-Gavriêl seine Bemühungen um eine friedliche Lösung fort. Er knüpfte Kontakte zu arabischen Intellektuellen und sympathisierte mit dem „Brith Schalom“ (= Friedensbund), er engagierte sich aber auch in der jüdischen Untergrundbewegung Hagana. Im Zweiten Weltkrieg diente er in der britischen Armee, 1948 nahm er am israelischen Unabhängigkeitskrieg und 1956 am Sinaifeldzug teil.
Der literarische Durchbruch gelang Ben-Gavriêl erst in den 1950er und 1960er Jahren, mit teils unterhaltsamen, teils spannenden Erzählungen und Romanen über das Leben im Nahen Osten. Den Anfang machte der Roman „Frieden und Krieg des Bürgers Mahaschavi“ (1952), der die Abenteuer eines jüdischen Arztes zum Inhalt hat, der im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee dient. Weitere Bücher berichten über das Leben der Beduinen in den Wüsten Palästinas, über kuriose Gestalten aus dem Orient und über die Verhältnisse im modernen Israel, als Kreuzungspunkt westlich-europäischer und östlich-orientalischer Kultur. Mit dem jüdischen Leben in Europa vor und während der Shoah befasste sich Ben-Gavriêl im autobiographischen Buch „Die Flucht nach Tarschisch“ (1963), einer Schilderung seiner Jugend im Wien der Jahrhundertwende, und im Roman „Das Haus in der Karpfengasse“ (1958), einer Darstellung der Ereignisse nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Prag. Mit diesem Roman, der auch verfilmt wurde (Regie: Kurt Hoffmann), gelang Ben-Gavriêl der entscheidende literarische Durchbruch. Vor dem Auftreten Ephraim Kishons galt er im deutschsprachigen Raum als der bekannteste Autor aus Israel. Auf zahlreichen Vortragsreisen, die ihn nach Deutschland (und nur selten in sein Herkunftsland Österreich) führten, begnügte er sich nicht mit der Erzählung von Anekdoten aus Israel, sondern erhob immer wieder die mahnende Stimme gegen das Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Meir Marcell Faerber
Wie Ben-Gavriêl fasste auch Faerber den Entschluss zur Alija ohne äußeren Zwang und aus zionistischer Überzeugung. 1934 verließ er die Tschechoslowakei und siedelte sich in Tel Aviv an. Obwohl er Hebräisch beherrschte, hielt er bei seinem literarischen Schreiben aber dennoch an der deutschen Sprache fest und bemühte sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder, organisatorische Grundlagen für das kulturelle Leben der deutschsprachigen Einwanderer zu schaffen, unter anderem gehörte er zu den Mitbegründern der „Hitachdut Olej Austria“. Als Mitglied der jüdischen Untergrundorganisation Hagana, die die Selbstverteidigung der Juden in Palästina leitete, war er – im Widerstand gegen die restriktive Immigrationspolitik der britischen Mandatsmacht – an der Einschleusung illegaler Einwanderer nach Palästina beteiligt und betätigte sich bei der Sozialarbeit für die Flüchtlinge aus Hitler-Deutschland.
„Im altneuen Lande, in das trotz feindseliger Haltung der britischen Mandatsverwaltung gegenüber den zionistischen Aspirationen zahlreiche Juden vor dem aggressiven Antisemitismus der Nazis flüchteten, war das Leben in mancher Hinsicht problembeladen. Da die meisten Einwanderer von Judentum, Zionismus und den Verhältnissen in ihrem neuen Lande nur sehr vage, unklare Begriffe hatten und das Hebräische ihnen fremd war, gründete ich zusammen mit einem Ostrauer Jugendfreunde, der die Administration übernahm, die erste deutschsprachige Tageszeitung des Mittleren Ostens. Sie wurde in Beirut als deutschsprachige Ausgabe der französischen „La Syrie“ gedruckt. Wir nannten sie „Orient-Express“ und ich leitete die Redaktion in Jerusalem. Der hebräische Journalistenverband, dem ich angehörte, fasste einen Boykottbeschluss, da Deutsch als die Sprache der Nazis verpönt war, und wir mussten die Zeitung nach etwa zweieinhalb Monaten einstellen, obwohl sie ein dringliches Bedürfnis befriedigte. […] Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre war meine Hauptbeschäftigung die Mitarbeit an den Bemühungen, den Einwanderern, insbesondere den illegalen, die Einordnung im Lande zu erleichtern. Den Rahmen für diese (freiwillige und unentgeltliche) Arbeit bot der Verband der Einwanderer aus Österreich, dessen Leitung ich angehörte.“
Faerber, Statt einer Autobiographie, 1990, 26 f.
Nach der Gründung des Staates Israel war Faerber als Parlamentsberichterstatter und Redakteur der deutschsprachigen Zeitung „Jediot Chadaschot“ tätig und wirkte auch als Israel-Korrespondent zahlreicher ausländischer Zeitungen. Das publizistische Oeuvre Faerbers umfasst unter anderem eine kurz gefasste Geschichte der Knesset, des israelischen Parlaments (Das Parlament Israels, 1958), Porträtskizzen über führende israelische Politiker ( … die Israel führen, 1971) und „Streiflichter“ aus der Geschichte der Juden in Österreich (Österreichische Juden, posthum erschienen 1996). Sein umfangreiches literarisches Werk beinhaltet sowohl Lyrik, Erzählprosa und Dramatik als auch Kinderbücher und Märchen (die Kinderbücher sind in hebräischer Sprache erschienen). Faerbers Erzähltexte – der wichtigste davon ist der Roman „Drei mal drei Glieder einer Kette“ (1985) – spielen teilweise vor historischem Hintergrund, teilweise handeln sie im Israel der Gegenwart. Des Öfteren arbeitet der Autor mystische, aus kabbalistischen und chassidischen Traditionen entnommene Motive in das Handlungsgerüst ein.
„Meine Bücher sind – auch wenn ich sie in deutscher Sprache schreibe – ja doch voll von jüdischem Inhalt und hebräischem Geist. Wenn jemand eine deutsche Muttersprache und eine deutsche Schulsprache hat, so wirkt sich das auf seine Möglichkeiten aus, sich zum Ausdruck zu bringen. Wenn ich etwas literarisch Gültiges schreiben will, so fällt mir das leichter in der deutschen Sprache als in der hebräischen.“
Faerber, Deutschsprachige Literatur in Israel, 1993, 30
Besonderes Verdienst erwarb sich Faerber als langjähriger Organisator und Mentor der deutschsprachigen Literatur Israels. 1975 gründete er den „Verband deutschsprachiger Schriftsteller in Israel“, den er bis zu seinem Tod leitete. Die Nachfolge übernahm die inzwischen ebenfalls verstorbene Germanistin Margarita Pazi; nunmehr wird der Verband von dem aus der Bukowina stammenden Publizisten Josef N. Rudel geleitet. Der Verband schuf für die deutschsprachigen Schriftsteller Israels eine organisatorische Plattform, von der aus Kontakte zu Verlagen und Zeitschriften geknüpft werden konnten. Das Schaffen dieser Autoren entstand lange Jahre in weitgehender Isolation und Abgeschiedenheit – isoliert in Israel (aufgrund des Festhaltens an der deutschen Sprache) und nicht oder wenig beachtet im literarischen Leben der deutschsprachigen Länder. Für die Bekanntmachung dieser lange Zeit „vergessenen“ Literatur trugen vor allem die beiden von Faerber herausgegebenen Anthologien „Stimmen aus Israel“ (1979) und „Auf dem Weg“ (1989) bei, die einen repräsentativen Querschnitt des deutschsprachigen Schreibens in Israel wiedergeben.
Simon Kronberg
Wie Faerber kam auch Simon Kronberg im Jahre 1934 nach Palästina. Im Unterschied zu Faerber trat er seine Reise jedoch nicht aus der demokratischen Tschechoslowakei an, sondern aus Deutschland, wo bereits ein Jahr zuvor Hitler die Macht ergriffen hatte. Kronberg war während des Ersten Weltkriegs als expressionistischer Dichter hervorgetreten, hatte sich jedoch in den 1920er Jahren immer mehr vom literarischen Leben zurückgezogen und sich in der zionistischen Bewegung, insbesondere in der jüdischen Jugendbewegung engagiert. In Berlin war er als Jugendführer und Chorleiter des „Jung-Jüdischen Wanderbundes“ (später: „Habonim Noar Chaluzi“) tätig. Die Entscheidung, nach Palästina zu emigrieren, war bei Kronberg somit zweifach begründet, zum einen aufgrund seiner zionistischen Weltanschauung, zum anderen aber auch als Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland. Kronberg bereitete sich auf der Hachschara-Farm Gut Winkel – wo er landwirtschaftlich ausgebildet wurde – auf das Leben im zionistischen Siedlungsgebiet vor und begleitete eine Gruppe Jugendlicher auf der Fahrt nach Palästina.
Quelle: Simon Kronberg; Quelle: Kronberg, Werke, Bd. 2, 1993, 2
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Die ersten Jahre, von 1934 bis 1937 verbrachte Kronberg in einem Kibbuz – Givat Chajim – nördlich von Tel Aviv. Hier, in einer der genossenschaftlichen Siedlungen Palästinas, wo der Versuch unternommen wurde, eine klassenlose Gesellschaft im Kleinen zu verwirklichen, schien es ihm möglich zu sein, jüdische Religion, Zionismus und Sozialismus zu einer Synthese zu führen. Er arbeitete als Schuhmacher, lehrte den Neuankömmlingen hebräische Lieder und inszenierte mit den Kibbuzmitgliedern selbstverfasste Sprechchöre. In diesen Texten arbeitete er zeitgeschichtliche Themen auf, unter anderem die Niederschlagung des Arbeiteraufstands in Wien im Februar 1934, um die Kibbuzgenossen zu einer Solidarisierung im internationalen Kampf gegen Faschismus und Nationalsozialismus aufzurufen. Ideologische Fragen wie das Spannungsverhältnis zwischen jüdischem Nationalismus und sozialistischem Internationalismus, aber auch die Aktualität jüdischer religiöser Traditionen standen im Mittelpunkt dieser Texte. So etwa führt das Stück „Pessach im Kibbuz“ das Geschehen des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten in die Gegenwart, indem das biblische Modell anhand der Flucht der verfolgten Juden aus Hitler-Deutschland aktualisiert wird. Die Sprechchöre waren als Lehrstücke konzipiert, es wurde die Grenze zwischen Darsteller und Publikum aufgehoben. Kronbergs Intention war es, den Darstellern ihre Identität als Juden (bzw. Zionisten) und als Arbeiter (bzw. Sozialisten) bewusst zu machen.
Als jedoch Kronberg sein Unterfangen, Religion und Sozialismus zu einer Einheit zu führen, aufgrund der religionskritischen Haltung der Kibbuzmitglieder scheitern sah, verließ er die Siedlung, ließ sich in Haifa nieder und verdiente seinen Lebensunterhalt als Chorleiter. Als Volksbildner und Musikpädagoge machte er den Gemeinschaftsgesang (Schira be-Zibur) in Palästina populär. Ein besonders Anliegen war es ihm, deutschsprachige Einwanderer mit der hebräischen Sprache, vermittelt über das hebräische Lied, vertraut zu machen. Seine eigenen, in deutscher Sprache verfassten literarischen Arbeiten trug er in privaten Lesekreisen vor, stieß jedoch auf wenig Verständnis, da sie auf die Zuhörer „zu modern“ wirkten. Dies galt sowohl für die Form der vom literarischen Expressionismus inspirierten Texte, als auch für den Inhalt. Trotz seiner zionistischen Überzeugung verweigerte sich Kronberg den Klischees der zionistischen Helden- und Aufbaumythen, vielmehr stellte er diese Mythen kritisch in Frage. Seine Außenseiterrolle wurde durch das Festhalten an der verpönten deutschen Sprache noch befestigt. Über seine tristen Lebensverhältnisse geben Briefe Aufschluss, die er an seine in Europa zurückgebliebene Frau Herta und seinen Sohn Peter geschrieben hat.
„Ein paar Mal habe ich Dir angedeutet, daß ich, im Gegensatz zu allen Menschen, mit denen ich bei der Arbeit oder sonst zusammenkomme, wie ein heruntergekommener, oder besser wie ein nicht hinaufgekommener Künstler (lies Vagabund) aussehe. Manchmal bietet mir einer abgelegte zerrissene Schuhe an […], dann andere einen von Herrschaften abgelegten Anzug eines feisten Mannes (der schon einmal von dieser Herrschaft gewendet worden ist) (ich ließ ihn von einem kleinen Schneider halbwegs auf mein Maß zurückschneidern, stöhnte ob des Geldes und trug ihn). Einmal kaufte ich von einer Frau, deren Mann gestorben war, 2 Hemden, billig; ein einziges Mal -, ich war der vielen alten Schuhe vor zwei Jahren müde geworden – kaufte ich mir ein Paar Stiefel. Ich habe mir noch nie – solange ich in Pal[ästina]. bin – ein Paar Socken, Unterhosen gekauft, von Anzügen gar nicht zu reden. Nur so billige Khakihosen und Blusen, die hab ich gekauft. Man kann (man muß nicht) hier so herumgehen. Ich habe keine gesellschaftlichen Verpflichtungen, das Wetter ist dementsprechend. Zwar, ich muß Dir gestehen: ich bin manchmal … müde. Ich weiß genau, wie schön es ist und nützlich und Eindruck schindend (auf andere Menschen) und Nerven sparend, gut angezogen zu sein. Vergiß nicht, ich bin fast immer unterwegs […]. Ich werde 56 Jahre und versuche, mich auszulachen. Ich habe zwar den Krieg nicht verloren, auch keine gute Existenz eingebüßt. Ich bin ein harter Arbeiter geworden. Das Leben ist hier immer teurer geworden. Ich wage es nicht, Geld auszugeben (für mich.) Ich gehe monatelang herum, ohne mir die Haare schneiden zu lassen. […] Dieses Leben lebe ich jetzt 13 Jahre.“
Simon Kronberg, Brief an Herta Kronberg, Haifa 18.4. 1947, zit. nach Wallas, Kibbuznik, 47f.
„Daneben läuft die Arbeit des – in deutscher Sprache Dichtenden. Das bedeutet in einem Land, das von der deutschen Sprache nicht viel wissen will, eine Komödie – und ich bin der Wurschtl darin. Vielleicht wird es in den nächsten Jahren, wenn die Grenzen um die Länder, die deutsch sprechen, nicht so hermetisch verschlossen sein werden, anders, besser. Ich habe wenigstens nie gehungert.“
Simon Kronberg, Brief an Herta Kronberg, Haifa 12.2. 1946, zit. nach Wallas, Kibbuznik, 48
In dem 1937/38 entstandenen Drama „Ehud“, das durchaus als ein Gründungsmythos des im Aufbau befindlichen Staates Israel interpretiert werden könnte, greift Kronberg die Geschichte des biblischen Richters Ehud auf und konstruiert daraus eine Vision vom Kampf des Volkes Israel gegen Fremdherrschaft, zugleich aber vom Ringen um soziale Gerechtigkeit. Kronbergs Ehud ist kein strahlender Held, sondern ein Außenseiter, körperlich missgestaltet, von seinen Mitbürgern isoliert, erfüllt von Hass auf die Gesellschaft, die ihn ausschließt. Seine Anhänger findet er unter den Ausgestoßenen der Gesellschaft, Bettlern, Besitzlosen, Krüppeln, Entrechteten und Unterdrückten. Kronberg greift biblische Urbilder auf und verleiht ihnen eine zeitkritische Dimension – er sucht die subversive Kraft der biblischen Erzählung zu vergegenwärtigen, um so zu einer ideologischen Neuorientierung des zionistischen Projekts beizutragen. In der unmittelbaren Gegenwart spielt das 1942 entstandene Drama „Der Tod im Hafen“. Angeregt wurde dieses Stück vom Untergang des Flüchtlingsschiffes „Patria“ im Hafen von Haifa, auf das die Hagana im Jahre 1940 einen Bombenanschlag ausgeübt hatte, um gegen die Einwanderungsbeschränkungen der britischen Mandatsmacht zu protestieren; die Explosion richtete jedoch so großen Schaden an, dass das Schiff sank und mehr als 200 Menschen getötet wurden. Kronberg entwirft in diesem Drama ein umfassendes Sozialpanorama, das die soziale und ideologische Heterogenität der aus Hitler-Deutschland geflüchteten Juden widerspiegelt, die in Palästina Zuflucht suchten. Zudem formuliert er eine radikale Kritik an fremdenfeindlichen Strömungen innerhalb des Jischuw. Ein weiteres Drama – „Nittel“ (Blinde Nacht), entstanden 1941 – thematisiert die Tragik und das Scheitern der Assimilationshoffnungen der Juden Europas sowie die Wirkungsmechanismen antisemitischer Agitation.
Aus Kronbergs lyrischen Texten ragt das Gedicht „Ein Jude“ hervor, verfasst im März 1946 unter dem Eindruck der Nachrichten über die Vernichtung der europäischen Juden in der Shoah. Kronberg vergleicht das Judentum mit einem Baum, dessen Wurzeln im Himmel verankert sind und der somit als ein Symbol für den Zusammenhang der irdischen und jenseitigen Welt gedeutet werden könnte. Der Lyriker chiffriert seine Trauer über die Ermordeten im Bild des mythischen Weltenbaumes – als Symbol des Lebens, der Vitalität, der Fruchtbarkeit und der Unsterblichkeit -, dessen Erlösungskraft bis zu den Opfern der Shoah dringen soll – ein Bild, in dem sich seine leise Hoffnung ausdrückt, dass sich die Lebenskraft des Judentums stärker als Verfolgung und Vernichtung erweisen werde.
Max Brod
Unter den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern, denen es gelang, sich am hebräischen Kulturleben zu beteiligen, ragt Max Brod hervor. In den 1910er und 1920er Jahren war Brod als Angehöriger des „Prager Kreises“ und als kulturzionistisch engagierter Schriftsteller bekannt geworden. Nach dem Tod seines Freundes Franz Kafka gab er dessen literarischen Nachlass heraus und schuf damit die Grundlage für die weitere Kafka-Rezeption. Obwohl sich Brod in seinem literarischen und essayistischen Werk intensiv mit jüdischen und zionistischen Themen auseinandergesetzt hatte, entschloss er sich zur Immigration nach Erez Israel doch erst im März 1939, wenige Tage vor dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Prag.
Quelle: Max Brod: Das Diesseitswunder oder Die jüdische Idee und ihre Verwirklichung. Tel Aviv: Goldstein 1939.
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Brods Flucht nach Palästina stellt sich somit ambivalent dar, sie war zugleich „Flucht“ und „Heimkehr“. Als er eine Stelle als Dramaturg an der Habima, dem späteren israelischen Nationaltheater, erhielt, musste er zunächst seine Hebräischkenntnisse verbessern. Später arbeitete er als Musikkritiker bei der deutschsprachigen Zeitung „Jediot Chadaschot“. In seinem ersten in Palästina veröffentlichten Buch, dem Essay „Das Diesseitswunder oder Die jüdische Idee und ihre Verwirklichung“ (1939), wählt er die Möglichkeitsform, um „die welthistorische Bedeutung des neuen jüdischen Gemeinwesens in Palästina“ zu umreißen: „es wird vielleicht eine adäquate Gestalt des Judentums schaffen, in der es imstande ist, sich selbst und der Welt genugzutun“. Dennoch beschreibt er die Reise nach Erez Israel in seiner späteren Autobiographie „Streibares Leben“ (1960) als „Aufbruch“. Eine solche Ambivalenz prägt das gesamte Leben und Schaffen Brods in Palästina/Israel. Einerseits identifizierte er sich mit dem jüdischen Staat, andererseits bewahrte er durch das Festhalten an der deutschen Sprache Distanz zur hebräischen Kultur. Unter dem Eindruck der Nachrichten über die Shoah, der auch viele seiner Verwandten und Freunde zum Opfer gefallen waren, empfand er seine Zugehörigkeit zur deutschen Kultur als belastend, ohne jedoch diesem Dilemma entkommen zu können.
Brods in Palästina/Israel entstandene Romane greifen vornehmlich historische Themen auf, unter anderem befassen sie sich mit den Schicksalen des römischen Schriftsteller-Philosophen Cicero und des frühneuzeitlichen Humanisten Johannes Reuchlin sowie mit Galileo Galileis „Kampf um Wahrheit“ gegen die Inquisition. Brod wählt historische Fallbeispiele aus nichtjüdischer Tradition, an denen er jedoch Prinzipien jüdischer Ethik sichtbar zu machen versucht. In der unmittelbaren Gegenwart spielt der Roman „Unambo“ (1949), der den jüdisch-arabischen Krieg zum Thema hat. Hier greift Brod das Doppelgängermotiv auf, in dem auch ein Hinweis auf seine eigene ambivalente Position im jüdisch-arabischen Konflikt zu erkennen ist. Zum einen war ihm die Notwendigkeit bewusst, den jungen jüdischen Staat militärisch verteidigen zu müssen, zum anderen erhoffte er eine zukünftige Versöhnung zwischen Juden und Arabern auf friedlichem, gewaltlosem Wege.
Unter dem Eindruck der Shoah entstanden literarische Texte der persönlichen Erinnerung, unter anderem der Roman „Der Sommer, den man zurückwünscht“ (1952), gewidmet seinem Bruder Otto Brod, der 1944 im Vernichtungslager Auschwitz umkam. Als Historiograph des „Prager Kreises“ setzte Brod auch der vernichteten deutsch-jüdischen Kultur ein literarisch-kulturgeschichtliches Denkmal. Überdies betätigte er sich als Komponist und als Philosoph – 1947 erschien das zweibändige Werk „Diesseits und Jenseits“, das sich vor allem mit der Frage nach der Ursache des Leidens und dem Kampf gegen das Leiden befasst.
Quelle: Zweig, Max: Lebenserinnerungen. Vorwort v. Hans Mayer. Gerlingen 1987, S. 255. Mit freundlicher Genehmigung von Thomas Bleicher, Bleicher Verlag.
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Mit der Figur des Jesus von Nazareth setzt sich Brods Roman „Der Meister“ (1952; 1960) auseinander. Das Buch schildert die geistig-ethische Wandlung eines griechischen Philosophen namens Meleagros, der zur Zeit Jesu dem römischen Verwaltungsapparat in Jerusalem angehört. Meleagros wandelt sich von einem areligiösen Skeptiker mit antijüdischen Vorurteilen zu einem gläubigen Anhänger der Lehre Jesu und schließt sich nach der Hinrichtung Jesu einer Gruppe jüdischer Freiheitskämpfer an, die gegen die römische Fremdherrschaft kämpft. In diesem Roman sucht Brod die jüdischen Ursprünge der von Jesus verkündeten Lehre herauszuarbeiten. Überdies verwendet er die Historie als Spiegel für Gegenwärtiges. So lässt sich der Kampf der Juden gegen Unterdrückung und Verfolgung mit dem Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in Beziehung setzen. Nichtjüdische Leser werden so für die jüdischen Quellen des Christentums sensibilisiert, jüdischen Lesern hingegen wird ein „zionistisches Modell“ vorgeführt, d. h. eine kämpferische Version jüdischer Identität in der „altneuen“, immer wieder umkämpften „Urheimat“ des Judentums.
Max Zweig
Den bisher genannten Fallbeispielen ist gemeinsam, dass die Autoren aufgrund ihrer zionistischen Weltanschauung nach Erez Israel gelangt sind, wenngleich Zeitpunkt und Motivation der Ansiedlung in Palästina unterschiedlich waren. Anders verhielt es sich bei Max Zweig, der durch einen Zufall nach Palästina kam. Im Dezember 1938 wurde sein Drama „Die Marranen“ in hebräischer Übersetzung an der Habima in Tel Aviv uraufgeführt. Dieses Stück stellt eine Parabel auf die nationalsozialistische Judenverfolgung im Spiegel der Ermordung und Vertreibung der zwangsgetauften Geheimjuden durch die Inquisition im Spanien des 15. Jahrhunderts dar. Anlässlich der Inszenierung des Dramas reiste Zweig nach Palästina, wo er von der Nachricht überrascht wurde, dass deutsche Truppen das Sudetenland besetzt hatten. Dies veranlasste ihn, nicht mehr in die von Hitler-Deutschland bedrohte Tschechoslowakei zurückzukehren, sondern in Tel Aviv zu bleiben.
„Zu meinem Erstaunen endete die Premiere, welche Ende Dezember 1938 stattfand, mit starkem, ja stürmischem Beifall. Das Publikum hatte verstanden, dass hier urjüdisches Schicksal dargestellt wurde, das Schicksal, von welchem zu gleicher Zeit die Juden in Deutschland heimgesucht wurden, welchem seit fast zweitausend Jahren die Juden in allen Ländern unter allen Völkern ausgesetzt und welches nicht mehr zu erleiden die Juden in Palästina entschlossen waren.“
Zweig, Lebenserinnerungen, 1987, 151
Quelle: Zweig, Max: Lebenserinnerungen. Vorwort v. Hans Mayer. Gerlingen 1987.
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Der Entschluss, in Palästina zu bleiben, wurde für Zweig lebensrettend. Trotz seiner Verbundenheit mit dem Staat Israel und seiner Sympathie für das zionistische Aufbauwerk blieb Zweig ein Außenseiter des israelischen Kulturlebens, bedingt durch sein Festhalten an der deutschen Sprache. Palästina/Israel betrachtete er nicht als seine „neue Heimat“, sondern als ein ?Asyl?, das ihm Schutz vor Verfolgung gewährt habe. Zeit seines Lebens fühlte er sich „verbannt“ aus dem „Bereich seiner Muttersprache“. Zweigs Verhältnis zu Israel ist von Ambivalenz geprägt – die Identifikation mit Israel als Zufluchtsort ist gebrochen durch sprachliche Distanz und das Bewusstsein mangelnder Zugehörigkeit.
„Wenn mein Name in einer literarischen Zeitschrift oder sonstwo genannt wird, werde ich regelmäßig unter die Exilschriftsteller eingereiht. Dagegen muss ich protestieren, obgleich ich es verstehen kann, dass diese Einordnung aus deutscher Sicht zulässig sein mag. Ich würde sehr undankbar sein, wenn ich Israel, wo ich aufgenommen, ja gefördert wurde, und wo ich unangefochten als Staatsbürger mit allen seinen Rechten und Pflichten lebe, als ein Exil bezeichnete. Freilich kann ich es auch nicht mein Vaterland nennen; das Land meines Vaters, des Vaters meines Vaters und der vorangegangenen Generationen […] war Österreich […]. Eine Heimat kann ich Israel nur in dem Sinne benennen, als ich jetzt hier daheim bin; […]. Am ehesten würde die Benennung ‚Asyl‘ zutreffen; ich habe hier ein freundliches, gastliches Asyl gefunden. Aber selbst die erlesenste Gastlichkeit und die allerherzlichste Freundschaft können den mitunter wilden Schmerz des Schriftstellers nicht lindern, der die Gewissheit besitzt, aus dem Bereich seiner Muttersprache auf ewig verbannt zu sein.“
Zweig, Religion und Konfession, 1991, 59
Dennoch arbeitete Max Zweig in seinem dramatischen Oeuvre immer wieder historische und aktuelle Stoffe auf, die direkt oder indirekt mit Geschichte und Gegenwart des jüdischen Staates in Verbindung standen. So fügen sich die Dramen „Davidia“ (1939), „Saul“ (1944) und „Ghetto Warschau“ (1947) zu einem „Israel-Triptychon“ zusammen. Am Beispiel des Kampfes um die fiktive Siedlung Davidia, die von arabischen Freischärlern angegriffen wird, verarbeitet Zweig die von dem israelischen Nationalhelden Joseph Trumpeldor geleitete Verteidigung der Kolonie Tel Chaj im Jahre 1920. Dieses Ereignis zählte in den Aufbaujahren Israels zu den wichtigsten nationalen Identifikationssymbolen. Die Dramatisierung dieses Geschehens bot Zweig Gelegenheit, seiner Sympathie für die Chaluziut, den zionistischen Pioniergeist, Ausdruck zu verleihen. Von den Chaluzim wurde das Stück begeistert aufgenommen, als es 1944 bis 1946 in hebräischer Übersetzung in mehreren Kibbuzim und Siedlungen des Landes aufgeführt wurde. Die historische Tiefendimension der israelischen Unabhängigkeit ließ Zweig in das Drama „Saul“ einfließen. Biblische Urbilder präfigurieren den Kampf um die Gründung des jüdischen Staates. Dieses Drama wurde ebenfalls in hebräischer Übersetzung, an einem symbolischen Datum, der Feier zum ersten Gründungstag des Staates Israel, im Mai 1949, an der Habima uraufgeführt. Der dritte Teil des Triptychons, „Ghetto Warschau“, setzt der Gwura, dem Widerstand der jüdischen Partisanen gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, ein literarisches Denkmal. Neben den Chaluzim gehören die Warschauer Ghettokämpfer zu den wichtigsten Identifikationssymbolen des jüdischen Staates. Zweigs Drama zeichnet die Abschüttelung der Jahrhunderte lang den Juden aufgezwungenen passiven Opferrolle und die Herausbildung einer neuen, kämpferischen Identität nach. Die Hauptfigur des Dramas, Simon Dannenberg, fasste Zweig als „letzten Juden“, d. h. als Überlebenden der Shoah, zugleich aber als den „ersten Israeli“, d. h. als den Verkünder eines neuen jüdischen Selbstbewusstseins auf. Der offene Schluss des Dramas deutet jedoch darauf hin, dass das neue Leben auf den Fragmenten des Zerstörten errichtet ist, ständig begleitet von der Erinnerung an die miterlebten Schrecken und gebrochen vom irrationalen Schuldbewusstsein der Überlebenden.
Weitere in Israel entstandene Dramen Zweigs handeln unter anderem in kommunistischen Satellitenstaaten und im Spanischen Bürgerkrieg, befassen sich mit dem wiederaufflammenden Neonazismus in Deutschland oder porträtieren historische Persönlichkeiten wie den heiligen Franziskus und Tolstoi. Insgesamt sind sie vom Bemühen gekennzeichnet, einen „Humanismus nach Auschwitz“ zu rekonstruieren. Wenn Zweig auch formal und stilistisch auf die Dramentradition des 19. Jahrhunderts zurückgriff, was ihm des Öfteren den Vorwurf der Antiquiertheit eintrug, stellen die von ihm verarbeiteten Themen zentrale Probleme der Gegenwart zur Diskussion. Zweigs humanistisches Ethos ist gebrochen durch die ständige Präsenz der Erinnerung an die Shoah.
Leo Perutz
Der Prager Schriftsteller Leo Perutz, der einem weiten Leserkreis durch phantastisch-mystische Erzählungen aus dem alten Prag bekannt wurde, repräsentiert jene Flüchtlinge, die Palästina/Israel weder als „neue Heimat“ noch als „Asyl“, sondern als Ort des „Exils“ auffassten. Im März 1938 erlebte Perutz den Einmarsch deutscher Truppen in Wien und die unmittelbar darauf einsetzenden Ausschreitungen gegen Juden. Er hoffte zunächst, ein Visum für ein europäisches Emigrationsland zu erhalten. Aufgrund der Bemühungen seines in der zionistischen Bewegung tätigen Bruders Hans Perutz konnte er jedoch, versehen mit einem sogenannten „Kapitalisten-Zertifikat“, nach Palästina reisen, wo er im September 1938 ankam. Die Ausrufung des Staates Israel im Jahre 1948 betrachtete Perutz mit Misstrauen, da er jeglicher Form von „Nationalgefühl“ und „Patriotismus“, mithin auch dem jüdischen Nationalismus, mit Ablehnung gegenüberstand. Er begeisterte sich für die Idee eines binationalen jüdisch-arabischen Staatswesens, kritisierte die antiarabische Politik und nahm aus Protest gegen die israelische Staatsgründung die österreichische Staatsbürgerschaft an. Obwohl er nach wie vor seinen Hauptwohnsitz in Tel Aviv hatte, begab er sich seit 1950 häufig auf Reisen nach Europa. Auf einer dieser Reisen, 1957 in Bad Ischl, ist er gestorben.
Quelle: Müller, Hans-Harald u. Eckert, Brita: Leo Perutz 1882-1957. Eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek, Frankfurt am Main. Wien-Darmstadt 1989 (= Sonderveröffentlichungen der Deutschen Bibliothek, Bd. 17). S. 366 . - Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Sollten noch welche bestehen, bitten wir, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen.
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„Ich hatte Palästina gerne, aber es hat sich seit einem Jahr sehr geändert. Die Araber in dem uns gehörenden Teil sind so gut wie verschwunden. […] Ich mag auch das Nationalgefühl nicht und auch nicht den Patriotismus, beide sind schuld an jedem Unheil, das seit 150 Jahren über die Welt gekommen ist. Mit Nationalgefühl beginnt’s und mit Cholera und Ruhr und Diktatur endet es. Ich will also fort, sowie ich kann, aber dabei weiß ich, daß mir ewig nach Palästina, und sogar nach Tel Aviv bange sein wird. So geht es einem, der allzuviel Vaterländer hat. Ich habe deren drei gehabt, und alle drei wurden mir wegeskamotiert.“
Perutz, Brief an Annie und Hugo Lifczis, Tel Aviv 2.10. 1948, zit. nach Müller u. Eckert (Hg.), Leo Perutz, 1989, 346
1951 schloss Perutz den – schon 1924 begonnenen – Roman „Nachts unter der steinernen Brücke“ (1953) ab, der im Prag Kaiser Rudolfs II. spielt und das Leben im alten jüdischen Ghetto von Prag rekonstruiert, in dem der hohe Rabbi Löw gewirkt hat. Die Handlung ist multiperspektivisch verschachtelt, indem sich der Roman aus 14 Novellen zusammensetzt, die zum Teil auf Überlieferungen jüdischer Märchen und Legenden zurückgreifen. Ebenfalls in historischer Zeit spielt der posthum erschienene Roman „Der Judas des Leonardo“ (1959), der anhand der Entstehung von Leonardo da Vincis Fresko „Das letzte Abendmahl“ ein Kulturbild der italienischen Renaissance entwirft. Der in der Gegenwart handelnde und Perutz‘ eigene Emigrationserfahrungen aufarbeitende Roman „Mainacht in Wien“ blieb hingegen unvollendet.
Anna Maria Jokl
AuQuelle: Gottschalk, Cornelia u. Müller-Salget, Klaus: "Meine sechs Leben". Interview mit Anna Maria Jokl in Jerusalem. In: Das jüdische Echo 47 (1998), 286-297, hier 295
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Jokls Lebenskonzept beruht auf der Integration in die israelische Lebenswelt bei gleichzeitiger Erinnerung an ihre vorangegangenen Lebens- und Exilstationen. Die Vergegenwärtigung der Shoah, als „ständige Situation“ und als „Zeitenwende“, bildet hierbei die Grundintention ihres Schreibens und Arbeitens. Erst spät, nach der Ankunft in Israel, begann sie Hebräisch zu lernen. 1939, als sie sich zur Flucht nach England entschloss, war es ihr noch nicht in den Sinn gekommen, in das damalige Palästina zu emigrieren.
„Wie Sie sehen, habe ich den Holocaust nicht am eigenen Leibe erfahren, er ist aber als ständige Situation nie mehr aus dem Bewußtsein geschwunden, als Zeitenwende, die die Welt irreversibel veränderte, nicht nur die jüdische. Sie machte die unausdenkbare Möglichkeit im Zentrum des Bewußtseins zur Realität, die seitdem wiederholbar ist, schwellenlos. Die nackten farblosen judäischen Berge Jerusalems ergriffen mich beim ersten spontanen Besuch. Almen, Linden, Wälder und Lämmerwölkchen waren nicht mehr meine gewesen, nach so vielem Weggehen. Hier hatte ich das Recht des Zu-Hause-Seins, – for better or worse, wenn auch unter schweren Einbußen. Ich spreche recht gut Hebräisch. Aber man vergißt nichts, nichts. Man ist alles Gewesene; die Verschmelzung aller Abläufe in Gleichzeitigkeit, ein neues chemisches Element. […] Die Welten, die uns formten und die wir erlebten, sind verschwunden, ihre Völker, Menschen, Länder sind kaum noch Geschichte für die Spätergeborenen, unsere Kämpfe und Tode, selbst unsere Antennen schon unbekannt, aber wir sehen noch ungefähr so aus wie früher und leben in der völlig veränderten Welt und Zeit, anscheinend angepaßt, aber anders lebendig, aus verborgenen geologischen Schichten.“
Kuna 1993, 63. Nach: Heydrich 1999, 83
Obwohl sich Jokl die hebräische Sprache erst in fortgeschrittenem Alter erarbeitet hat, lässt sich der Einfluss des Hebräischen in ihren deutsch verfassten Texten nachweisen. Jokls Schreiben ist von der Essenz und der Assoziationsvielfalt des einzelnen Wortes, wie es für die hebräische Sprache charakteristisch ist, geprägt. Sowohl die Texte des Prosabandes „Essenzen“ (1993) als auch die autobiographischen Skizzen des Bandes „Die Reise nach London“ (1999) sind prägnante, auf das Wesentliche reduzierte Erzähltexte. Gute Sprache entsteht nach Jokls Auffassung aus der Brechung von Sprachen, an den Grenz- und Mischzonen der Sprachen. Die Texte handeln an den „Brennpunkten“ im Leben der Autorin. Persönliches Erleben – fokussiert in Begegnungen und Erinnerungen – und Zeitgeschichte fließen ineinander. Miniaturenhafte Wirklichkeitsausschnitte weiten sich zu Chiffren deutsch-jüdischer Existenz im 20. Jahrhundert.
Elazar Benyoëtz
Quelle: Douer, Alisa: Neuland. Israelische Künstler österreichischer Herkunft. Wien 1997, S. 93. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
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„Die mich heimsuchende deutsche Sprache bescherte mir Augenblicke eines hohen dichterischen Glücks. Ich hörte dabei aber nie auf, meine Lage als beklagenswert zu empfinden. Mein ganzes Bewußtsein ist gegen mich, und mit diesem gegen mich gerichteten Bewußtsein wehrte und wehre ich mich dagegen, ein deutscher Dichter zu sein“
Benyoëtz, Treffpunkt Scheideweg, 1990, 162
Als bevorzugte Gattung wählt Benyoëtz den Aphorismus. Sprache wird konzentriert in Ein-Sätze. Worte und Sätze werden auf ihren ursprünglichen Sinn zurückgeführt, geben ihre Mehrfachbedeutungen preis. Wort-Spiel offenbart sich als Wort-Ernst. In der abbreviativen Form des Gesagten werden multiperspektivische Denk- und Interpretationsprozesse gebündelt. Mittels eines literarischen Montageverfahrens kombiniert Benyoëtz Aphorismen mit Briefen, Lyrik, Zitaten und essayistischen Reflexionen. Die Bücher von Benyoëtz – die wichtigsten davon sind „Worthaltung“ (1977), „Treffpunkt Scheideweg“ (1990), „Filigranit“ (1992), „Brüderlichkeit. Das älteste Spiel mit dem Feuer“ (1994), „Variationen über ein verlorenes Thema“ (1997) und „Die Zukunft sitzt uns im Nacken“ (2000) – entfalten Grenzgänge zwischen Literatur, Sprachkritik, Philosophie und Religion. Das bevorzugte Thema des Aphoristikers ist das deutsch-jüdische Verhältnis, das er mit dem Begriff „Treffpunkt Scheideweg“ umschreibt, ein Begriff, der Dialog und Zerbrechen, kulturelle „Symbiose“ und Vernichtung in ein spannungsreiches wechselseitiges Interpretationsverhältnis stellt. Die Zäsur der Shoah prägt jedes Wort, das nach Auschwitz geschrieben wird, ebenso jeden Versuch des Gottes-Gedenkens. So heißt es in einem Aphorismus von Benyoëtz in prägnanter Kürze:
Aus: Benyoëtz, Elazar: Treffpunkt Scheideweg. München-Wien 1990.
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Quelle: Benyoëtz, Elazar: Variationen über ein verlorenes Thema. München-Wien 1997.
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„Rom wie Jerusalem sind aber nur noch über Auschwitz zu erreichen“
Benyoëtz, Variationen über ein verlorenes Thema, 1997, 83
„Und doch wird es kein Zufall sein, daß Juden gern an Sprachstämmen lehnen, daß viele Juden, immer wieder Juden, in allen Sprachen um die Wortwurzeln versammelt und bekümmert sind“
Benyoëtz, Variationen über ein verlorenes Thema, 1997, 31
„Hebräisches Denken ohne Gott ist undenkbar […] Wohl bin ich überzeugt, aus meinem jüdischen Glauben heraus zu sprechen, doch ist diese Überzeugung im Deutschen kaum begründet, und es bleibt die Frage, ob sie darin einen Grund auch haben könnte. Wie dem auch sei, ich spreche mich aus, auf deutsch und auf daß mir die deutsche Sprache Gehör schenke“
Benyoëtz, Variationen über ein verlorenes Thema, 1997, 84
Der Schreibprozess findet in der Spannung zwischen Freiheit und (Selbst-)Zweifel statt. Andererseits unternimmt es Benyoëtz, die vernichteten jüdischen Quellen der deutschen Sprache wieder zu finden, sich der verloren gegangenen „nomadischen Beweglichkeit“ der Sprache zu nähern. Benyoëtz macht das Gebrochensein, aber auch die Bedeutungsvielfalt jedes einzelnen Wortes und Satzes der deutschen Sprache bewusst. Der Zwiespalt, den der Deutsch schreibende israelische Schriftsteller radikal zur Sprache bringt, beruht darin, dass es „das Deutsch, in das man sein Judentum hineindenken konnte“, „nicht mehr“ gibt.
„Bis 1933 war es möglich, in Deutschland und im Deutschen jüdisch zu denken. Deutsch war einmal jüdisch tragfähig; man durchdachte es nicht nur, man glaubte sogar, sich selbst darin ausdenken zu können. Das Deutsch, in das man sein Judentum hineindenken konnte, gibt es nicht mehr“
Benyoëtz, Treffpunkt Scheideweg, 1990, 89
„Nie werde ich für andere schreiben, noch geschrieben haben können, als für die Überlebenden unter den Mördern meines Volkes und deren Kindeskinder. Warum ich das tue? Weil es die mir einzig mögliche Weise der Solidarität ist. Es ist mein Auschwitz.“
Benyoëtz, Treffpunkt Scheideweg, 1990, 141