Zur Problemstellung der österreichischen Exilliteraturforschung
„Immer schon waren Dichter ohne Heimat unheimliche Dichter.“ (Marcel Reich-Ranicki: Juden in der deutschen Literatur 1969). Auch für die österreichischen Autoren im mexikanischen Exil, ja für alle Österreicher und Österreicherinnen, die das kulturelle und das politische Exil in Mexiko mit gestalteten, gilt diese Beobachtung. Immer schon wurden aus den vertriebenen und verfolgten Autoren verdrängte und vergessene Schaffende. Sie zu entdecken gilt es sowohl in ihrer „neuen“ Heimat als auch in ihren Herkunfts- und Geburtsländern.
Die erste umfassende Darstellung des deutschsprachigen Exils in Mexiko wurde vom ostdeutschen Zeitgeschichtsforscher Wolfgang Kießling vorgelegt. (Wolfgang Kießling 1967) So wird eine erste Zusammenstellung des österreichischen Exils in Mexiko von der ostdeutschen Exilforschung erfasst. Als Referat am „Internationalen Symposion zur Erforschung des österreichischen Exils von 1934 bis 1945“ (1975) stellte Kießling die Situation des österreichischen Exils in Mexiko auch in Österreich in groben Umrissen dar. (vgl. Wolfgang Kießling 1977) Erst durch die Arbeiten von Fritz Pohle (1986), Christian Kloyber (1987) und Marcus Patka (1999) konnten die groben Konturen aus der Sicht der offiziellen DDR-Geschichtsschreibung erweitert, ergänzt und ideologisch bestimmte Blickwinkel kritisiert werden. Schon 1973 hat die Mexiko-Deutsche und Germanistin Marianne Oeste de Bopp einen aus der Sicht der deutschen Kolonie in Mexiko verfassten Beitrag für Manfred Durzak vorgelegt, der dann im Sammelband „Die deutsche Exilliteratur 1933-1945“ erschien. (Durzak 1973) Im Sinne einer „Kulturkunde des Deutschtums“, wie dies Fritz Pohle in seiner umfassenden Darstellung des mexikanischen Exils der deutschen Antifaschisten nennt, beschränkte sich Oeste de Bopp auf die nicht ohne Bewertungen auskommende Beschreibung des deutschsprachigen Exils aus der Perspektive der elitären und bürgerlichen Position der alteingesessenen deutschen Kolonie, die mit großer Reserviertheit den deutschen Flüchtlingen gegenüberstand, ja ihnen größtenteils feindlich gesinnt war.
Über die österreichische Exilliteratur wird und wurde vor allem als deutsche Literatur gesprochen. Das Exilland Mexiko wird zudem hauptsächlich als politisches Exilland der „Linken“ erfasst, österreichische Autor/inn/en also immer in diesem Kontext dargestellt und gedeutet, wie dies am Beispiel der österreichischen Kommunisten und Publizisten Bruno Frei und Leo Katz geschieht.
Bruno Frei war Chefredakteur der Zeitung „Berliner am Morgen“, Leo Katz bis 1933 Mitarbeiter an der „Roten Fahne“, etwa ab 1930 waren beide österreichischen Schriftsteller Mitglied der KPD.
Leo Katz (rechts), mit seinem Sohn Friedl und seiner Frau Bronia. Quelle: Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke 2000. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
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Kurzinformationen zu dem in dieser Überblicksdarstellung erwähnten Personen finden Sie in folgender Beilage zu unserem Modul: Kloyber, Christian: Liste von Exilant/inn/en in Mexiko:
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Beide hatten einen großen Einfluss auf die Landesgruppe „Mexiko“ der Kommunistischen Partei Deutschlands und sie sorgten für die erste Gestaltung der deutschen Exilzeitschrift „Freies Deutschland“.
Ist von „bedeutenden“ Autorinnen und Autoren die Rede, kommt diese Rolle vor allem Anna Seghers zu, deren Roman „Das siebte Kreuz“ in Mexiko auf Deutsch und Spanisch im Verlag der Exilschriftsteller „El Libro Libre“ (Das freie Buch) erschien. Der Welterfolg des Exilromans sicherte unter anderem der österreichische Regisseur Fred Zinnemann durch die Verfilmung für Hollywood als Stoff für antifaschistische Propaganda.
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Gleich nach Anna Seghers rückt der Prager „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch als Beispiel deutscher Exilliteratur in Mexiko. Marcel Reich-Ranicki (Reich-Ranicki 1961) würdigte die schriftstellerischen Qualitäten des altösterreichischen Reporters, vor allem die Autobiographie „Marktplatz der Sensationen“, auch sie erschien in Mexiko im Verlag „El Libro Libre“.
Egon Erwin Kisch, der Prager rasende Reporter. Foto aus dem Erinnerungsalbum von Oscar Römer, Sohne des österreichischen Dirigenten Ernst Römer. Quelle: Archiv Oscar Römer, México D.F., 2001. Mit freundlicher Genehmigung von Christian Kloyber.
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Schon 1945 wurde in Wien ein Verlagsort geschaffen, der Exilliteratur in Österreich „einbürgern“ wollte, jedoch nur auf kurze Zeit und auf ein politisch erzieherisches Kalkül beschränkt. Von den Remigranten aus Mexiko erschienen in der ersten Nachkriegswelle des Buchmarkts in Wien eine Auswahl der Werke von Egon Erwin Kisch, Bruno Frei und Marie Frischauf Pappenheim. Der kommunistische Globus-Verlag (vgl. 10 Jahre Globus-Verlag 1955) nahm sich dieser Autoren kurzfristig an, verschwand aber nach 1947 bald wieder von den öffentlich wahrgenommenen Büchertischen der Zweiten Republik.
Erst mit dem Erscheinen einer weiteren Autobiographie am deutschen Buchmarkt, der von Bruno Frei unter dem Titel „Der Papiersäbel“ (1972) veröffentlichten, tauchte die Erinnerung an das mexikanische Exil wieder auf und traf auf das beginnende Interesse der österreichischen Germanistik und Exilforschung nach 1972. Bruno Frei war also der erste österreichische Schriftsteller, der nach 1968 an das Exilland Mexiko erinnerte. (vgl. Österreicher im Exil 1943 bis 1945. Protokoll des Internationalen Symposiums zur Erforschung des österreichischen Exils 1977)
Mexiko
In der mexikanischen Zeitgeschichte steht die Jahreszahl 1938 für den Abschluss einer schweren außen- und innenpolitischen Krise, die durch die Enteignung und Verstaatlichung der von ausländischen Großkonzernen kontrollierten Erdölgewinnung ausgelöst wurde. Die Interessen der englischen, niederländischen und nordamerikanischen Erdölfördergesellschaften hatten einen Staat im Staat geschaffen, der auch nach der Mexikanischen Revolution nach 1910 die Kontrolle über Wirtschaft und Regionalpolitik übernommen hatte. Am 18. März 1938 hatte sich der revolutionäre General und seit 1934 mexikanische Präsident Lázaro Cárdenas zu diesem Schritt sozialistischer Verstaatlichungspolitik entschlossen, der eine internationale Isolation Mexikos zur Folge hatte, die bis zum japanischen Überraschungsangriff auf Pearl Harbour andauern sollte.
In dieser außenpolitischen Krisensituation und fast unbeobachtet von der mexikanischen Öffentlichkeit, aber auch ohne internationales Echo oder gar Nachahmung bedacht, richtete die mexikanische Diplomatie in jenen hektischen Tagen als einzige Nation offiziell und in einem schriftlichen Dokument vorgelegt, eine Protestnote an den Völkerbund gegen den „Anschluss“ Österreichs an Hitlerdeutschland.
Am 18. März übergab der mexikanische Diplomat und Jurist Isidro Fabela dem Generalsekretär des Völkerbundes Josephus Avenol diesen bemerkenswerten Protesttext. Isidro Fabela galt als ausgezeichneter Kenner Österreichs und der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie: er hatte sich seit 1918 mit der österreichischen Innenpolitik beschäftigt, seine besondere Beachtung fand die österreichische Verfassung (Hans Kelsen) und die Ausschaltung der Demokratie nach 1933. Das Experiment des Roten Wien wurde nicht nur von ihm verfolgt, ja es besuchten mexikanische revolutionäre Abgeordnete nach 1920 immer wieder die österreichische Hauptstadt. Die Wiener Sozial- und Bildungspolitik wurde im innermexikanischen Diskurs, vor allem von den Gewerkschaften, als Vorbild dargestellt.
Der Protest Mexikos gegen das „Verschwinden Österreichs“ aus der Staatenfamilie des Völkerbundes blieb auch im Deutschen Reich nicht ohne Beachtung. Der Gesandte Deutschlands in Mexikos, Freiherr Rüdt von Collenberg, überbrachte einen „scharfen Protest der Führers“.
Das Tagebuch des deutschen Diplomaten Freiherr Rüdt von Collenberg befindet sich im Archiv des mexikanischen Außenministeriums und wurde 1991 im Jahrbuch des „Instituto de Investigaciones Interculturales Germano-Mexicanas“, herausgegeben von Renata von Hanffstengel, Seiten 82-100 auszugsweise abgedruckt.
Hitler forderte Mexiko auf, die „tragisch-komische Erklärung“ vor dem Völkerbund sofort zurückzunehmen und die „anti-nazionalsozialistische Propaganda“ der mexikanischen Regierungspresse zu zensurieren. Hingegen wurden die großen Tageszeitungen des Landes, wie „Excelsior“, „Universial“ von der Deutschen Gesandtschaft und der 5. Kolonne mitfinanziert und gaben lautstark Nazipropaganda wieder. Erst mit dem Kriegseintritt Mexikos, und vor allem durch eine großzügige Unterstützung der mexikanischen Presse, des Radios und vor allem auch des jungen mexikanischen Films durch amerikanisches Kapital (Nelson Rockefeller besuchte 1942 Mexiko) wurde die nationalsozialistische Propaganda endgültig beendet.
Die Nachricht, dass „Österreich ins große Reich heimgefunden“ habe, wurde von der deutschen Volksgemeinschaft und ihren Zeitungen, wie dem „NS-Herold“ und dem „Mitteilungsblatt der Volksgemeinschaft“ und der „Deutschen Schule“ in Mexiko Stadt gefeiert. Auf dem Vereinstreffen der Deutschen und der angeschlossenen ehemaligen österreichischen Vertretung in Mexiko servierte man den kulinarischen Hit der Saison: Schwarzbrot und darauf aus roten Paprika auf gelbem Käse ein Hakenkreuz (anonymer Bericht, gesammelt im Nachlass der mexikanischen Germanistin Marianne Oeste de Bopp, 1978 dem Autor zur Abschrift vorgelegt).
Die österreichische diplomatische Vertretung (Konsulat) übergab schon am Tag des „Anschlusses“ bereitwillig alle Unterlagen an die deutsche Gesandtschaft. Die in Mexiko lebenden österreichischen Antifaschisten befürchteten, dass diese Unterlagen sowohl gegen sie in Mexiko, aber auch gegen ihre Verwandten in der Heimat verwendet werden könnten, und richteten einen Protestbrief an den mexikanischen Präsidenten Cárdenas.
Auf der im Mai 1939 in Paris tagenden internationalen Konferenz zur Rettung der nach Frankreich geflüchteten Spanier und der Internationalen Brigaden bot Mexiko allen Flüchtlingen und Verfolgten der ehemaligen Spanischen Republik Asyl. Mit den Flüchtlingen der Spanischen Republik, denen Mexiko ohne Formalitäten in einem einzigartigen Beweis von Solidarität Zuflucht gewährte, trafen auch die ersten österreichischen Emigranten ein. Besondere Verdienste um die Errettung der Verfolgten und Vertriebenen erwarb sich im Marseille der mexikanische Botschafter Gilberto Bosques. Mexiko hatte in Marseille gar ein Schloss angemietet, wo die Flüchtlinge untergebracht wurden, ehe die Schiffspassage nach Mexiko geregelt werden konnte. Es gab sogar einen Kindergarten, Schule und Theater im mexikanischen Lager in Marseille. Anna Seghers hat in ihrem Roman „Transit“ (1944 in englischer Sprache, in deutscher Sprache zuerst veröffentlicht 1948) dem mexikanischen Konsulat in Marseille ein literarisches Denkmal geschaffen.
Unterstützt wurde die Erteilung der Einreisegenehmigungen, die von den Österreichern hauptsächlich in den mexikanischen Vertretungen in Marseille und Lissabon eintrafen, von der mexikanischen Zentralgewerkschaft CTM unter dem Generalsekretär Vicente Lombardo Toledano, aber auch von so bedeutenden Künstlern wie Diego Rivera, Frida Kahlo, Silvestre Revueltas u. a.
Gilberto Bosques, , letzter mexikanischer Botschafter Mexikos in Frankreich, er kehrte 1944 aus deutscher Gefangenschaft nach Mexiko zurück. Quelle: Siehe Biographie Bosques, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, Exilbibliothek; Hemeroteca Nacional, Ciudad de México. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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Aktivitäten, Institutionen, Gründungen
Liga für deutschsprachige Kultur
Das Auftreten Ernst Tollers gab schon 1938 den Anstoß zur Gründung der „Liga für deutsche Kultur“ (später und durch Einwirken der Österreicher in „deutschsprachige Kultur“ geändert), die sich im Sinne Tollers – auch als Teil der Volksfrontbewegung gegen den Nationalsozialismus verstand.
Ernst Toller hatte schon auf dem PEN-Club Kongress in Ragusa gegen die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1932 protestiert und war Mitunterzeichner des Pariser „Aufrufs zur Bildung der deutschen Volksfront“ im Jahr 1936.Tollers viel beachteter Auftritt in Mexiko galt als Auslöser zur Gründung der „Deutschen Volksfront in Mexiko“ (Frente Popular Alemán en México). Die Volksfrontbewegung, der mexikanischen Gewerkschaftsbewegung angeschlossen, war ein wichtiges Instrument, die Asylanträge der in europäischen und afrikanischen Häfen wartenden Österreicher zu beschleunigen.
Der aus Berlin stammende Journalist und Fotograf Heinrich Gutmann und der in Mexiko lebende Wiener Zahnarzt Moritz Luft galten als Mitbegründer dieser ersten Bewegung der deutschsprachigen Exilkultur, die sich der mexikanischen „Liga revolutionärer Schriftsteller“ angeschlossen hatte.
Die Exilzeitschrift „Demokratische Post“ berichtete, dass Moritz (Muricio) Luft der Schwiegersohn Joseph Roths sei.
Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980. Quelle: Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980
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Acción Republicana Austríaca de México
Ende 1941 bis ins Frühjahr 1942 erreichten die letzten österreichischen Flüchtlinge, oft nach abenteuerlichen Fluchtrouten, viele von ihnen über Frankreich, Spanien und Nordafrika (Casablanca) Mexiko.
Die in Wien aufgewachsene Lisa Fittko berichtet in ihren Erinnerungen „Mein Weg über die Pyrenäen“, erschienen 1985 bei Hanser in München, über den als „F-Route“ bekannt gewordenen Fluchtweg. Bruno Frei schreibt in seiner Autobiographie „Der Papiersäbel“ (S. Fischer, Frankfurt 1972) über die letzte über Kuba führende Schiffspassage. Theodor Balk gedenkt in seinem Fluchtroman „Das verlorene Manuskript“, das er im Verlag der deutschsprachigen Emigranten in Mexiko „El Libro Libre“ 1943 verlegen konnte.
Gegen Ende des Jahres 1941 schlossen sich die österreichischen Emigranten in der „Acción Republicana Austríaca de México“ (Republikanische Aktion der Österreicher in Mexiko) zusammen, die sich gemeinsam mit den Freiheits-Bewegungen der Deutschen, Tschechoslowaken, Ungarn, Polen, usw. (Freies Deutschland, Unión Internacional Guiseppe Garibaldi, Alianza Democrática Española, Asociación Polaca, Colonia Yugoslava, Hungría Libre, Colonia República China, Francia Libre und die Agrupación de los Checoseslocavos Antinazi-Fascistas) bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs für die Befreiung ihrer Heimat mit Taten der Solidarität und Kultur kämpften und dafür in ihrem Gastland warben.
Gerade das österreichische Exil in Mexiko zeigt, dass der Erfolg der kulturellen und der künstlerischen Arbeit weitaus größer und wichtiger war als die politische Auseinandersetzung. Somit war der Erfolg der „Acción Republicana Austríaca de México“ in der Hauptsache ein kultureller Erfolg, ein sozialer Erfolg der Integration in Mexiko.
Die ARAM (Acción Republicana Austríaca de México) war trotz der Propaganda der Monarchisten um Otto von Habsburg, die aus den USA auch nach Mexiko kam, eine unabhängige Bewegung und hatte keine organisatorische Beziehung zum „Free Austrian Movement“ des bürgerlichen Lagers in den USA und Kanada oder zur „Austrian Action“ der Sozialdemokraten.
Die in Mexiko eintreffenden österreichischen Exilanten stießen also auf die in Mexiko schon länger lebenden Österreicher, unter ihnen Mauricio Luft und Franz Schallmoser. Sie gründeten am 3. Dezember 1941 die unabhängige und republikanische Bewegung der antifaschistischen Österreicher in Mexiko. Bemerkenswert ist dabei auch, dass die Gründung schon Wochen vor der Konstituierung der „Alemania Libre“ geschah, die kommunistisch dominierte Organisation der deutschen Exilanten in Mexiko.
Der erste Vorsitzende der unabhängigen und republikanischen Bewegung der antifaschistischen Österreicher war der Wiener Sozialdemokrat und Mitarbeiter der Wiener Volksbildung, der Buchhändler Rudolf Neuhaus. Gründungsmitglieder waren: Resi Mandl, Bruno Frei, Arthur Bonihady, Hans Zagler, Mauricio Luft, Mela Ballin, Otto Hahn und Josef Foscht. El escudo war der republikanische Adler Österreichs, fast identisch mit dem heutigen Wappen Österreichs. Ende 1943 legte Rudolf Neuhaus den Vorsitz zurück, an seine Stelle trat der aus Österreich stammende und in Mexiko naturalisierte Ing. Franz Schallmoser.
Der Exilant Rudolf Neuhaus begann als ambulanter Bücherverkäufer und gründete ?die? internationale Buchhandlung in Mexiko. Quelle: Archiv Familie Neuhaus-Kolb, México D.F., 1994. Mit freundlicher Genehmigung von Christian Kloyber.
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Am 15. August 1942 erschien die erste Nummer der von der Acción Republicana Austríaca de México herausgegebenen österreichischen Exilzeitschrift „Austria Libre“ in spanischer Sprache. Der Chefredakteur war der bekannte Journalist Bruno Frei. Die Aufgabe der ersten Jahre bestand hauptsächlich darin, mexikanische Journalisten, Politiker und die mexikanische Gewerkschaftsbewegung über das „wahre Österreich“ und über den antifaschistischen Kampf im Exil zu informieren. Später erschien die „Austria Libre“ auf Deutsch und auf Spanisch, inzwischen wurde „Austria Libre“ nicht nur in Mexiko gelesen, sondern auf dem ganzen amerikanischen Kontinent, ja sogar in England und Australien! Besondere Bedeutung gewannen auch die regelmäßigen Radiosendungen der „Austria Libre“, die wöchentlich als „La Voz de Austria“ ausgestrahlt wurden.
Austria Libre erschien in Mexiko unter seinem Chefredakteur Bruno Frei in deutscher und spanischer Sprache zwischen 1941 und 1945. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, Exilbibliothek; Hemeroteca Nacional, Ciudad de México. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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Österreichische Exilkünstler und Wissenschaftler senden eine Grussnote an den Anti-Nazi Kongress in Mexiko, 1942. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, Exilbibliothek; Hemeroteca Nacional, Ciudad de México. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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Der Heinrich-Heine-Klub
El Libro Libre
Unter großen finanziellen und auch technischen Schwierigkeiten wagte man die Gründung eines eigenen deutschsprachigen Verlages, der unter seiner Bezeichnung „El Libro Libre“ (Das Freie Buch) bis 1946 eines der erfolgreichsten Unternehmungen im Exil war.
Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980. Quelle: Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980.
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Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980. Quelle: Dokument aus dem Mexikanischen Staatsarchiv, entdeckt von Christian Kloyber im Rahmen seiner Exilforschung 1978-1980
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Erwin Kisch konnte seine Werke, wie z. B. seine Autobiographie „Marktplatz der Sensationen“ oder seine „Entdeckungen in Mexiko“ den Lesern in deutscher Sprache vorstellen; der österreichische Historiker und Publizist Leo Katz beschrieb im Roman „Totenjäger“ die Tragödie der jüdischen Heimat in Rumänien.
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Den Frauen kam im Exil eine besonders wichtige Rolle zu, sie waren es, die trotz ärmlicher Lebensbedingungen verstanden, ein wenig „heimatlicher Atmosphäre“ im exotischen Exilland zu schaffen. Ohne Gisl, Kischs Wiener Ehefrau, wären nur wenige seiner Manuskripte veröffentlicht worden. Sie transkribierte die verschlungene und eigenwillige Handschrift und entflocht seine literarischen Reportagen für die Veröffentlichung.
Gertrude Kurz, die aus Wien stammende Physikerin – sie lehrte nach 1945 an mexikanischen Universitäten – organisierte nach 1942 das Frauenkomitee der österreichischen Exilantinnen. Neben der Wiener Ärztin Else Volk, die für die deutschsprachigen Exilzeitschriften in Mexiko schrieb („Freies Deutschland“, Demokratische Post“, „Austria Libre“), soll besonders an Marie Frischauf-Pappenheim erinnert werden. (Marie Frischauf veröffentliche 1949 im Wiener Globusverlag den Roman „Der graue Mann“.) Die Wiener Ärztin war durch erste Veröffentlichungen in der „Fackel“ (Karl Kraus) bekannt geworden, für Arnold Schönberg verfasste sie den Text „Erwartung“ (Opus 17). Schon 1934 musste sie, vom Ständestaat wegen ihrer mit Annie Reich verfassten Publikation „Ist Abtreibung schädlich?“ verfolgt, nach Frankreich flüchten. Im mexikanischen Exil schrieb sie verzweifelte Gedichte, die sie erst 1962 kurz vor ihrem Tod in Wien unter dem Titel „Verspätete Ernte, zerstreute Saat“ veröffentlichte.
„Wenn die Österreicher rufen, kommt ganz Mexiko“, sagte ein Besucher nicht ohne Anflug von Neid. In der Tat, der Musik- und Theaterabend, zu dem wir unter dem Motto ‚Ein Abend bei Strauß und Nestroy‘ einluden, vereinigte im Saal der Electricistas alles wieder einmal, was sich in der Hauptstadt, sei es durch Geburt, sei es durch Neigung, zu dem Wiener Kulturkreis rechnet – und darüber hinaus, alles, was Wien gerne hat, (und wer hat Wien nicht gern?)“
Bruno Frei: Unser Theaterabend 1944
Das Exiltheater, Inszenierung und Dramaturgie waren fest in österreichischer Hand. Ernst Robitschek und seine Frau Luise hatten bei Max Reinhardt gelernt. Zu Ernst Robitscheks wichtigsten Exilproduktionen gehören die lateinamerikanischen Erstaufführungen der „Dreigroschenoper“ und eine bestaunte „Woyzeck“ Inszenierung; für das Bühnenbild beider Aufführungen war Kurt Berci (Wien) zuständig.
Am 30. September 1944 wurde im Rahmen des Heinrich-Heine-Klubs das Drama „Denn seine Zeit ist kurz“ des österreichischen Dramatikers Ferdinand Bruckner uraufgeführt, die deutsche Schauspielerin Steffanie Spira führte Regie, in den Hauptrollen spielten Ernst Robitschek und Viktor Blum.
Quelle: Instituto de Investigaciones Interculturales, Dra. Renata von Hanffstengel, México, D.F. 1999. Mit freundlicher Genehmigung von Renata von Hanffstengel, Universidad Nacional Autónoma de México
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Außerdem kamen noch „Die Himmelfahrt der Galgentoni“ von Egon Erwin Kisch, Johannes R. Bechers Drama „Hundert Kilometer vor Moskau“, drei Einakter von Georges Courtline und, als besondere Überraschung zu Kischs 60. Geburtstag die dramatisierte Fassung der Reportage „Der Fall des Generalstabchefes Redl“ zur Aufführung.
Ernst Robitschek (Charles Rooner) erhielt schon 1943 die ersten Nebenrollen im mexikanischen Film, und er verkörperte oft den „bösen“ Deutschen. Mit dem mexikanischen Leinwandstar María Felix spielte er in „Doña Bárbara“, 1945 war er in der Steinbeck-Verfilmung „La Perla de la Paz“ und in der mexikanischen Kriminalkomödie „La sombra de Chuco el Roto“ zu sehen. 1952 befand sich Ernst Robitschek am Höhepunkt seiner mexikanischen Karriere, viel beachtet leitete er die Theatergruppe der Universität (Universidad Nacional Autónoma de México) und das französische Theater in Mexiko. Die mexikanische Anthologie „México, realización y esperanza“ würdigte 1952 den österreichischen Dramaturgen.
Der Exilsalon der Irma Römer - Persönlichkeiten
Der Exilsalon der Wienerin Irma Römer (die Gattin des Wiener Dirigenten Ernst Römer) war der Kulturtreffpunkt der deutschsprachigen Exilanten, im Haus Römer gründete man – wie ja schon erwähnt – den Heinrich Heine-Klub und plante Konzert- und Theateraufführungen. Römer hatte schon 1938 Triumphe mit der Aufführung der Operette „Die Fledermaus“ in Mexiko gefeiert, die in diesem Jahr gleich 75 Mal aufgeführt wurde. Doch besonders verdient machte sich Ernst Römer durch seine Bemühungen um die Werke der österreichischen Moderne, er dirigierte in Mexiko Werke Gustav Mahlers und Arnold Schönbergs.
Der junge Komponist Marcel Rubin gestaltete regelmäßig musikalische Beiträge der österreichischen Radiosendung „La Voz de Austria“ und schrieb die Melodie des wiederholt zur Aufführung gebrachten „Dachaulieds“ von Jura Soyfer. Am 19. November 1943 trat Rubin erstmals als Komponist in Erscheinung.
Der Wahlösterreicher und letzter Dirigent der Wiener Staatsoper 1938, Carl Alwin, dirigierte das „Divertimento“ des spanisch-mexikanischen Komponisten Rodolfo Halffter und „Die Stadt wartet“ von Marcel Rubin. Am Ende des vierten Exiljahres beendete Rubin seine zweite große Komposition, die Zweite Sinfonie („Erde“). Der Dirigent Carl Alwin war von dem auch nach Mexiko emigrierten österreichischen Kammersänger Franz Steiner geholt worden, um mit beizutragen, die junge Mexikanische Oper aufzubauen.
1945, wenigen Wochen vor seinem Tod, komponiert der letzte Dirigent der Wiener Staatsoper, 1938, eine Österreich-Hymne, die in Austria Libre veröffentlicht wird. Quelle: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Wien, Exilbibliothek; Quelle: Hemeroteca Nacional, Ciudad de México. Mit freundlicher Genehmigung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW)
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1939 kam der Komponist Hanns Eisler in Mexiko an. Der Mitarbeiter Bertolt Brechts war 1938 in die USA emigriert, als das befristete Besuchervisum ablief, drohte ihm die Deportation nach Deutschland. Durch die Intervention mexikanischer Künstler und Komponisten, unter ihnen Luis Sandí, Carlos Chevez und Silvestre Revueltas erhielt Hanns Eisler eine Gastprofessur am Staatlichen Konservatorium in Mexiko Stadt. 1940 ermöglichte ihm Eleonor Roosevelt, die Frau des amerikanischen Präsidenten, den Aufenthalt in den USA.
Surrealismus und Exil: Wolfgang Paalen
Die herausragende Persönlichkeit der internationalen Moderne war in Mexiko zwischen 1939 und 1959 der aus Wien stammende Maler, Surrealist und Schriftsteller Wolfgang Paalen.
Vom 24. September bis 7. November 1993 zeigte das Museum Moderner Kunst in Wien die erste umfassende Retrospektive seines Werkes in Wien. Paalens Bedeutung in der modernen Malerei wird auch durch Octavio Paz hervorgehoben, der schon kurz nach Paalens Selbstmord im Herbst 1959 einen Nachruf für die erste Retrospektive in Paris verfasste. Octavio Paz war mexikanischer Botschafter in Paris.
Zwischen 1939 und 1939 gehörte Paalen dem engsten Kreis der Surrealisten um André Breton an. 1940 erreichte er über Alaska, British Colombia und die USA Mexiko. Frida Kahlo und Diego Rivera hatten Wolfgang Paalen und seine Frau Alice Rahon schon 1938 nach Mexiko eingeladen. Kurz nach seiner Ankunft in Mexiko organisierte er gemeinsam mit dem peruanischen Dichter César Moro die erste lateinamerikanische Ausstellung des Surrealismus; Paalens Werke aus der Zeit von 1937 bis 1947 waren Vorbilder für die amerikanischen Abstrakten Expressionisten. Seine Arbeiten wurden während des Zweiten Weltkriegs in New York und Mexiko ausgestellt und in seiner Kunstzeitschrift „DYN“ publiziert. DYN gehörte zu den bedeutendsten Kunstzeitschriften der Jahre zwischen 1942 und 1945 und wurde von Paalen im Alleingang in Mexiko in englischer und französischer Sprache herausgegeben. Er selbst schrieb Lyrik und Erzählungen, die bis heute nicht bekannt wurden.
Quelle: Walter Reuter und Fundación Wolfgang e Isabel Paalen, A.C., México 1994. Mit freundlicher Genehmigung von Christian Kloyber
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Isidro Fabela, der intellektuelle Autor des mexikanischen Protests, und das gehört zu den zahlreichen Facetten des mexikanischen Diplomaten und Intellektuellen, hatte im Frühjahr 1938 den „Vater aller Surrealisten“ André Breton persönlich eingeladen, an der mexikanischen Universität Vorlesungen über Kunst und Poesie zu halten, vor allem aber, um mit den Künstlern und mit den Intellektuellen Mexikos Kontakt aufzunehmen, um damit auch die isolierte mexikanische Kunstszene in das internationale Licht zu rücken.
Mit dem Auruf „Al Público de América Latina“ luden im Sommer 1938 die bedeutendsten mexikanischen Künstler zu den Vorträgen Bretons in „Bellas Artes“, unter ihnen der weltbekannte Photograph Manuel A. Bravo, der Komponist Carlos Chávez, die noch unbekannte Malerin und zweite Frau Diego Riveras, Frida Kahlo, die Schriftsteller Salvador Novo, Carlos Pellicer, Diego Rivera selbst und der Maler Tamayo.
Der in Wien geborene Wolfgang Paalen (1905-1959) gehörte in seiner Pariser Zeit (1936-1939) zum engsten Kreis der Surrealisten um André Breton und genoss die Bewunderung von heute so bekannten Malern wie Max Ernst, Paul Klee, Wassily Kandinsky. Noch im Jänner 1938 widmete André Breton seinem Freund Wolfgang Paalen eine Einzelausstellung in der Pariser Galerie Renou et Colle.
Dem aus einem reichen jüdischen Haus stammenden Wolfgang Paalen war es im Frühjahr 1939 bewusst, dass seine Zukunft nicht mehr in Europa liegen kann. Mit seiner Frau Alice Rahon und der lebenslangen Freundin, der Schweizer Industriellentochter und Photographin Eva Sulzer, verlässt er Frankreich. Kurz nachdem Paalen in Mexiko eingetroffen war – er und seine Frau folgten einer Einladung von Diego Rivera und Frida Kahlo -, organisierte er gemeinsam mit dem Peruanischen Dichter César Moro und unterstützt von André Breton (noch von Frankreich aus) die erste lateinamerikanische Ausstellung des Surrealismus: Exposición Internacionael del Surrealismo, die im Jänner und Februar 1940 in der Galería Arte Mexicano eine „Heimat“ hatte, und für wenige Wochen ein Beweis für die Kraft der modernen Kunst gegen Faschismus und Rassismus war. Paalens organisatorisches Talent brachte im Jahr 1940 eine Ausstellung zuwege, die – wie so viele Leistungen im Exil – bis heute in Österreich ohne Beachtung blieb.
Folgende Künstler stellten ihr Werk aus: Hans Arp, Hans Bellmer, Denise Ballon, Victor Brauner, Manuel Alvárez Bravo, Serge Brignoni, Graciela Aranis-Brignoni, Giorgio de Chirico, Salvador Dalí, Paul Delvauy, Oscar Dominguez, Marcel Duchamp, Max Ernst, Alberto Giacometti, Frida Kahlo, Wassily Kandinsky, Paul Klee, René Magritte, André Masson, Matta Echaurren, Joan Miró, Henry Moore, César Moro, Meret Oppenheim, Alice Rahon, Wolfgang Paalen, Roland Penrose, Francis Picabia, Pablo Picasso, Man Ray, Remedios, Diego Rivera, Kurt Seligmann, Eva Sulzer, Yves Tanguy, Raoul Ubac; und die jungen, damals weitgehend unbekannten mexikanischen Maler wie Agustín Lazo, Manuel Rodriguez Lozano, Carlos Mérida, Guillermo Meza, Moreno Villa, Roberto Montenegro, Anontio Ruíz und Xavier Villarrutia.
Österreich ist in Mexiko durch Wolfgang Paalen vertreten, der – obwohl Österreich schon von den internationalen Landkarten verschwunden war – gerade als Protest und Hinweis auf die außenpolitische Haltung Mexikos – „Austria“ an die erste Stelle der teilnehmenden Länder dieser internationalen Ausstellung setzte (Ausstellungskatalog 1939/1940).
Viel beachtet und in seiner Heimat bis vor wenigen Jahren konsequent ignoriert, publizierte Paalen also im mexikanischen Exil die Kunstzeitschrift ?DYN? (abgeleitet von griechischen Begriff für „das Mögliche“). Die erste Nummer erscheint im April 1942 und als Leitmotiv schreibt Paalen auf die Innenseite des Covers:
„All totalitarian tyrannies banished modern art. They are right. For as a vital stimulus to imagination, modern art is an invaluable weapon in the struggle for freedom.“