Verfolgung, Vertreibung und die Germanistik
Geringfügig gekürzte und adaptierte Fassung der Einleitung „Lebenswege und Lieblingslektüren österreichischer NS-Vertriebener in den USA und Kanada“. In: Müller-Kampel 2000, 1-18.
„Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige. Einige von uns hausten tatsächlich wie solche an der Riviera. Andere würgten das Brot der Armut und der Knechtschaft.“
Viertel 1992, 177
Nach all den Jahren offiziöser „Vergangenheitsbewältigung“, vielfältigsten wie verschiedenartigsten historiographischen Bemühungen um nachvollziehende Erfassung jener Zeiten, die man verdunkelnd-verschämt auch wohl die finsteren zu nennen pflegt, nach Gedenk- und Mahnfeiern anlässlich einschlägiger Jahrestage glaubt man zu wissen, was sich hinter den Worten Berthold Viertels verbirgt. Voluminöse dokumentarische Kompendien, eine mittlerweile beinahe unüberschaubar gewordene Fülle von historiographischen Überblicks- und Detailstudien (zumal zur Wissenschaftsemigration und zum literarischen Exil) erlauben mittlerweile Annäherung, Übersicht und Analyse der erzwungenen Emigration zwischen 1933 und 1945.
„Voluminöse dokumentarische Kompendien“: In Auswahl: Spalek, Feilchenfeld, Hawrylchak 1976ff.; Röder, Strauss 1980- 1983. DÖW 1984, 1987, 1992, 1995; Lexikon deutsch-jüdischer Autoren 1992 ff.
„Wissenschaftsemigration“: In Auswahl: Neumann [u. a.] 1953; Fleming, Bailyn 1969; Coser 1984; Möller 1984; Ash, Söllner 1996; Für Österreich: Stadler 1987, 1988; Weibel, Stadler 1995.
„Zum literarischen Exil“: Unverzichtbar: Walter 1984, 1978; Spalek, Strelka 1976, 1989.
Über das Elend und Entsetzen des Einzelnen, die Demütigungen und Träume eines jüdischen Mädchens, das wegen ihres ‚arischen‘ Äußeren um Butter geschickt wird; (vgl. Torton-Beck 2000, 308) eines Gymnasiasten, dem von einem Mitschüler „Du Saujud“ ins Gesicht gespieen wird; (vgl. Heller 2000, 85) eines träumerischen Studenten, der sich beim Grenzübertritt eine neue Biographie zurechtlegen muss, denn es geht um das Leben (vgl. Sokel 2000, 44 f.) – darüber geben Statistiken, Lexika und Studien indessen nur dürftige Auskunft. „Da liegt das Dilemma“, betont Ruth Klüger in ihrer Autobiographie: „Für uns Heutige ist die Statistik das, was die Notwendigkeit im Trauerspiel für die Schicksalsgläubigen einer anderen Zeit war; aber anders als das Trauerspiel ist die Statistik halt sehr unergiebig in den Einzelheiten. Wo wir uns fürchten und freuen, spricht sie nicht mit.“ (Klüger 1992, 106) Und was jene bewegte, die den ideellen Bodensatz der Täterkulturen Deutschland und Österreich in der fremden Heimat neu bestellten und dergestalt zu Mittlern wurden (und sich auch als solche begreifen), lässt ein bloß historiographischer Blick allenfalls erahnen.
Ruth Klüger - Die Rechtsansprüche konnten trotz aller Bemühungen nicht in allen Fällen ermittelt werden. Wir bitten, sich mit der Projektleitung in Verbindung zu setzen!
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Insbesondere gilt dies für jüdische Vertriebene, die sich im Aufnahmeland der Germanistik zuwandten – jener Disziplin, die schon während der 1920er Jahre an den Universitäten Deutschlands und Österreichs tatkräftig an der ideellen Nährung deutschnationaler und nationalsozialistischer Kulturideologie mitgewirkt hatte. Die germanistische ‚Kunde des Deutschtums‘, eine akademisch reichlich dubiose Disziplin (vgl. Heller 1976, 93), die nach 1933 von einem „schrille[n] Chor“ von „völkischen oder opportunistischen Chauvinisten“, (Schwarz 1995, 161) bestimmt wurde, entsprach dem Selbstverständnis Deutschlands als Weltmacht (Schwarz 1974, 47) und zählte zum Grundbestand nationalistischer Ideologie. (vgl. Sokel 1974, 63) Ein nicht unbedeutender Teil der literaturwissenschaftlichen Germanistik der 1920er Jahre hatte sich als Künder kultureller und politischer Werte verstanden – und zudem noch in einem Gegenstand, welcher sich problemlos national(istisch) und rassi(sti)sch definieren ließ. Auf diese Weise wurde die Disziplin auch empfänglich für nationalsozialistische Ideologeme. Das spätestens seit der Jahrhundertwende entwickelte ideelle Profil schlug sich auch in der personellen Rekrutierung der Universitäten nieder – mit der Folge, dass es innerhalb der Germanistik nach 1933 bzw. 1938 kaum zu Emigrationsbewegungen kam – weder in Deutschland noch in Österreich. (vgl. Sturm 1995; Lerchenmüller, Simon [u. a.] 1997; Für Österreich: Holzner 1985; Strutz 1985; Meissl 1985, 1981 und 1989; für Deutschland: Ferber 1956; Schmitz 1994, VII, IX)
Dennoch ist in den Exilländern auch innerhalb der Germanistik ein bis heute nachwirkender „überwältigende[r] […] Wissensschub“ durch Emigranten aus Deutschland und Österreich zu verzeichnen (Schmitz 1994, XVI) – freilich durch Emigranten der zweiten Generation, also jene, die als Kinder oder Jugendliche vertrieben wurden und sich erst in den Zielländern der Germanistik widmeten. An prominenter Stelle standen und stehen hier – nach dem Ableben des renommierten Kafka-Forschers Heinz Politzer (Wien 1910-Berkeley, Calif 1978) – die aus Wien gebürtigen und nunmehr in den USA und Kanada tätigen Germanist/inn/en und Komparatist/inn/en: Walter Herbert Sokel (geb. Wien 1917), Peter Heller (Wien 1920 – Williamsville, N. Y. 1998), Herbert Lederer (geb. Wien 1921), Hans Eichner (geb. Wien 1921), Egon Schwarz (geb. Wien 1922), Harry Zohn (geb. Wien 1923), Dorrit Claire Cohn (geb. Wien 1924), Ruth Klüger (geb. Wien 1931) und Evelyn Torton Beck (geb. Wien 1933).
Quelle: MdZ 9, Nr. 3, Oktober 1992, S. 14. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
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Mit freundlicher Genehmigung von Kari Grimstad
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Quelle: Die Zeit gibt die Bilder. Schriftsteller, die Österreich zur Heimat hatten. Hg. von Ursula Seeber, Fotografiert von Alisa Douer. Wien 1992, S. 119. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
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QQuelle: Die Zeit gibt die Bilder. Schriftsteller, die Österreich zur Heimat hatten. Hg. von Ursula Seeber, Fotografiert von Alisa Douer. Wien 1992, S. 69. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
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Infolge der kultur-, mentalitäts- und politikgeschichtlichen Unterschiede zwischen den beiden Herkunftsländern der Emigranten, der Weimarer Republik einerseits, der Ersten Republik Österreichs andererseits, kam es in den Aufnahmeländern zu unterschiedlichen Formen der fachlichen Selbstidentifikation, Selbstrepräsentation und Wirkung – zumal im Bereich der deutschen Literaturwissenschaft mit ihren regional heterogenen literargeschichtlichen Traditionen und Konzepten (deutschsprachige Literaturgeschichte als übergreifendes Modell versus Literaturgeschichte Deutschlands, der deutschsprachigen Schweiz und Österreichs). Und in der Tat durchdringen die lebensgeschichtlichen Erzählungen wie auch die Schriften von Evelyn Torton Beck, Dorrit Cohn, Hans Eichner, Peter Heller, Ruth Klüger, Herbert Lederer, Egon Schwarz, Walter H. Sokel und Harry Zohn Erinnerungen an die österreichische Heimat, die sie verscheucht hatte wie Ungeziefer, an die antisemitische Rage der grölenden Rotten, aber auch an die früh vertrauten Worte und Geschöpfe von Dichtern wie Kafka, Schnitzler, Hofmannsthal, Werfel oder Stefan Zweig. „Wien“, versichert Ruth Klüger, „ist die Stadt, aus der mir die Flucht nicht gelang.“ (Klüger 1992, 17)
'Anschluss' in Wien, Emigrationsbedingungen
Spätestens die pogromartigen Ausschreitungen im Zuge des ‚Anschlusses‘ hatten den jüdischen Gymnasiasten und ihren Eltern vorgeführt, dass die Flucht aus Wien die einzige Überlebensmöglichkeit bot. An diesem Abend des 11. März 1938 hatte sich Wien, wie Carl Zuckmayer es schildert, in eine Hölle verwandelt, in ein
„Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch […]. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen: die einen in Angst, die andren in Lüge, die andren in wildem, haßerfülltem Triumph. Ich hatte in meinem Leben einiges an menschlicher Entfesselung, Entsetzen oder Panik gesehen. […] Ich erlebte die erste Zeit der Naziherrschaft in Berlin. Nichts davon war mit diesen Tagen in Wien zu vergleichen. Was hier entfesselt wurde, hatte mit der ‚Machtergreifung‘ in Deutschland […] nichts mehr zu tun. Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Mißgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt.“
Zuckmayer 1966, 71 f.
Rund 220.000 Juden befanden sich zur Zeit des ‚Anschlusses‘ in Österreich, (vgl. Jelavich 1987, 232) 170.000 davon in Wien (was ca. 10% der Stadtbevölkerung entsprach). (vgl. Botz 1987, 360) Schon in den ersten Tagen hatten die neuen Herren 70.000 Juden und politisch Missliebige verhaftet (vgl. Moser 1966, 5) und sich rund 3.800 Juden das Leben genommen. (vgl. Spaulding 1968, 100) Stufenweise erfolgte die Ausgliederung der verbliebenen Wiener Juden aus der Gesellschaft: Sie reichte von Erniedrigungs-Ritualen wie Identitätszerstörungen, Demütigungen und Beschimpfungen über Verhaftungen, physische Angriffe und Misshandlungen, Zerstörung der wirtschaftlichen Existenz, erzwungene Emigration bis hin zur Abschiebung und schließlich zur Vernichtung. (vgl. Botz 1987, 361-374) Nachdem die NS-Bürokratie vorerst noch zwischen legaler Emigration, erzwungener Emigration, Flucht und Vertreibung unterschieden hatte (wenn dies auch nicht den Gegebenheiten entsprach), so wurde mit März 1938 die Vertreibung praktisches Programm. (vgl. Toury 1986, 59) „Darr Jud muß weg und sein Gerschtl bleibt da.“ Der rabiaten Hetzparole aus dem „Völkischen Beobachter“ (Wiener Ausgabe vom 26. April 1938, zit. nach Botz 1987, 361) sollten u. a. die in Wien gegründete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ genügen (vgl. Anderl 1994, 275-299), auch spezielle Reisebüros, die begannen, Schiffe für ’nicht-arische‘ Passagiere zu chartern und einschlägige ‚Reisen‘ zu organisieren (vgl. Toury 1986, 53), und nicht zuletzt die von den Vertriebenen zu bezahlende ‚Fluchtsteuer‘, die in Deutschland schon vor dem ‚Anschluss‘ rund 539 Millionen Reichsmark eingebracht hatte. (vgl. Strauss 1981, 343)
Indessen hatten sich in so gut wie allen Ländern, die sich aufgrund ihrer geographischen Nähe oder politischen Gegebenheiten zur Flucht anboten, nach 1938 die Asylbedingungen spürbar verschärft – trotz öffentlicher Lippenbekenntnisse und Willensbekundungen (wie sie beispielsweise bei der von Franklin D. Roosevelt initiierten Konferenz von Evian im Juli 1938 geäußert wurden).
Zur Asylpolitik der verschiedenen Länder vgl. den Überblick von Walter 1984.
Die Tschechoslowakei beispielsweise, die bislang einen vergleichsweise freien Zugang geboten hatte, schloss mit 11. März 1938 ihre Grenzen hermetisch ab. Die im August beim Innenministerium in Prag vorliegenden Einreisegesuche beliefen sich auf über 100.000, von denen allerdings nur solche genehmigt wurden, in denen tschechoslowakische Staatsangehörige um die Einreise für ihre Eltern bzw. Kinder nachgesucht hatten. (vgl. Großmann 1969, 48) Frankreich hatte die im Februar 1938 zustandegekommene neue Völkerbundkonvention für Flüchtlinge aus Deutschland zwar unterzeichnet, aber keineswegs in Kraft gesetzt. Entgegen früheren Gepflogenheiten wurde nur wenige Tage nach dem ‚Anschluss‘ österreichischen Flüchtlingen an der franzhochverehrte Nachbarnchen Grenze ein Visum abverlangt. (vgl. Walter 1984, 88)
Die Schweiz war schon vor 1938 jenes europäische Land gewesen, das gegen die Exilierten und Emigranten aus Hitlerdeutschland die härtesten Vorschriften erlassen und sie auch ohne alle Rücksichten praktiziert hatte. (vgl. Walter 1984, 165) Großbritannien (es hatte bis 1938 von allen demokratischen Staaten prozentual die wenigsten Emigranten aus Hitler-Deutschland aufgenommen (vgl. Walter 1984, 112 f.) und die Annexion Österreichs mit schärferen Aufnahmerestriktionen beantwortet als andere Asylstaaten, vgl. Sherman 1973, bes. 87-89) hatte bei der Konferenz von Evian zugestimmt, die Restriktionsbestimmungen für temporäre Flüchtlinge zu lockern. (vgl. i. d. F. London 1989, 30 f.) Nachdem daraufhin bis Kriegsausbruch die Zahl der Vertriebenen im Land von 11.000 auf 78.000 (90% davon Juden) gestiegen war, doch auch abzusehen war, dass die wenigsten davon (entgegen ihrem Status als ‚Transitflüchtlinge‘) das Land verlassen würden können, startete man ein ‚Remigrationsprogramm‘. In dessen Verlauf mussten allein 1940 an die 10.000 Vertriebene weiterziehen (die meisten davon in die USA), 8.000 wurden als „enemy aliens“ deportiert – fast alle davon nach Kanada oder Australien. Von den 33 nach Evian eingeladenen Nationen stammten 20 aus Lateinamerika. (vgl. Metz 1992, 134 und i.d.F. Blancpain 1991, 165-179)
In Argentinien, das bis zum Ersten Weltkrieg eine relativ liberale Immigrationspolitik verfolgt hatte, verschlechterten sich die Asylbedingungen durch starke nationalistische Strömungen. In Bolivien schürte während des Zweiten Weltkriegs der »Movimiento Nacional Revolucionario« den Antisemitismus, um einen Sündenbock für die Folgen der Depression zu bieten; für Ecuador musste jeder Flüchtling den Nachweis eines Depots über mindestens 400 US-Dollar erbringen (von manchem Konsul wurde aber auch in einzelnen Fällen ein Kapital von bis zu 5.000 Dollar zur Bedingung gemacht, vgl. Walter 1984, 367); und Chile schloss 1939 seine Grenzen für Flüchtlinge aus NS-kontrollierten Gebieten überhaupt. Generell forciert wurde die Erteilung von ‚Landwirtschaftsvisa‘ – Genehmigungen, welche den Flüchtling verpflichteten, an Landansiedlungsprogrammen teilzunehmen oder Dschungelgebiete urbar zu machen. Letztlich jedoch kam fast die gesamte lateinamerikanische Einwanderung aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei auf dem Wege der Korruption zustande. (vgl. Walter 1984, 306) Ganz gleich, an welches Land die Flüchtlinge sich wandten – ihre Lage glich jener des Ertrinkenden, wie ihn Alfred Polgar im „Prager Tagblatt“ vom 18. September 1938 schildert:
„Ein Mensch wird hinterrücks gepackt und in den Strom geworfen. Er droht zu ertrinken. Die Leute auf beiden Seiten des Stroms sehen mit wachsender Beunruhigung den verzweifelten Schwimmversuchen des ins Wasser Geworfenen zu, denkend: wenn er sich nur nicht an unser Ufer rettet.“
zit. nach Lützeler 1973, 61
Ein zumindest fürs erste rettendes Ufer zu erreichen gelang schließlich rund 430.000 Juden (150.000 davon aus Österreich). (vgl. Strauss 1982, XV) So mag wohl für alle Transit- und Aufnahmeländer sowie die späteren Befreierstaaten gelten, was Walter H. Sokel über die Schweiz äußert: „Und wenn man heute auf die Schweiz schlecht zu sprechen ist, so sage ich immer: ‚Ich bin ein Verteidiger der Schweiz. Ich verdanke der Schweiz mein Leben.'“ (Sokel 1974, 46)
Flüchtlingsland USA
Begehrtestes Ziel der jüdischen Flüchtlinge waren die USA. (vgl. bes. Whiteman 1993, 73 [dt.: 1995, 29]) Dies galt bereits für die Jahrzehnte vor 1933, war doch zwischen 1880 und 1925 die jüdische Bevölkerung in den USA bei einer Gesamtpopulation von 50 bzw. 115 Millionen von rund 280.000 auf viereinhalb Millionen gestiegen – vor allem durch Zuwanderung aus Osteuropa. (vgl. Karp 1989, 139) Restriktionen prägten seit 1920 auch hier die Einwanderungspolitik der Regierung. (Zu den verabschiedeten einschlägigen Gesetzen vgl. Karp 1989, 141) Sie entsprachen durchaus der Stimmung in der Bevölkerung, wie man 1939 in einer von der amerikanischen Monatszeitschrift »Fortune« veranstalteten Meinungsumfrage nachlesen konnte: Dort hatten 83% auf die Frage „Wenn Sie Mitglied des Kongresses wären, würden Sie zu einem Gesetz, das die Tore der Vereinigten Staaten für eine größere Anzahl europäischer Flüchtlinge über die gesetzliche Quote hinaus öffnet, Ja oder Nein sagen?“ mit „Nein“ geantwortet. (vgl. Durzak 1973, 145) Den jüdischen Gemeinden in den USA wie den Vertriebenen schlugen vielfach Nationalismus, Antisemitismus und eine generelle Xenophobie entgegen (vgl. bes. Wyman 1984; Szajkowski 1971, 101-143; Strauss 1971, 64-66) – aber auch eine Welle von Hilfsbereitschaft seitens privater (religiöser) Hilfsorganisationen. (vgl. Nichols 1988, 86-111) Mitverursacht waren Flüchtlingsfeindlichkeit und Restriktionspolitik freilich auch durch die wirtschaftliche Depression: Bei einer geschätzten Arbeitslosenzahl von 15 Millionen hätte, so argumentierte die „New York Times“ 1932, eine Genehmigung von 500.000 gerade abgewiesenen Visa-Anträgen die Situation auf dem Arbeitsmarkt nur weiter verschärft.
Vorherrschend war in den USA die Form der Quotenpolitik – 1939 betrug die Quote für das ganze Land 2.600 Familien. (vgl. Szajkowski 1971, 132) Die USA unterschieden zwischen vier Visakategorien: non-immigrant visas für Touristen und Transitreisende, non-quota immigrant visas für Geistliche, Universitätslehrer, Studenten, ehemalige Staatsbürger und Verwandte von qualifying individuals, quota-immigrant visas sowie gewöhnliche immigration visas. ( vgl. Strauss 1982, 59) Erfordernis für die Zuerkennung eines Quoten-Visums war der Nachweis, dass der Einwanderer der Öffentlichkeit nicht zur Last fallen werde (was für den Flüchtling bedeutete, dass ein Verwandter bzw. ein amerikanischer Staatsbürger für sein Auskommen bürgen musste). Auf Anordnung von Bockenridge Long, einem einflussreichen Antisemiten im State Department, wurden jedoch nicht einmal die legalen Quoten für Juden erfüllt. Erst als ein New Yorker Rabbiner Roosevelt darauf aufmerksam machen konnte, änderte sich dies – für viele schon zu spät. Trotz Depression, Quotenpolitik und Affidavit-System, (vgl. Szajkowski 1971, 113) fanden zwischen Jänner 1933 und November 1943 rund 580.000 jüdische Emigranten in den USA eine neue Heimat (vgl. Szajkowski 1971, 113), darunter zwischen 250.000 und 300.000 NS-Flüchtlinge. (vgl. Breitman, Kraut 1987, 9; Strauss 1971, 64) Gegen heftige, auf antisemitischen Vorurteilen und einwanderungsfeindlicher Ranküne beruhende Widerstände in Kongress und Bevölkerung setzte Präsident Harry S. Truman auch 1948 die »Displaced Persons Bill« durch, welche die Aufnahme von 205.000 europäischen Displaced Persons vorsah. Bis 1952 nahmen die USA rund 337.244 Überlebende von Krieg und Holocaust auf: Sklavenarbeiter, Kriegsgefangene und sonstige europäische Vertriebene sowie 137.450 jüdische Immigranten. (vgl. Dinnerstein 1982, 286 u. 288)
Die jüdischen Flüchtlinge waren in ein Land gekommen, das sich in einer tiefen Wirtschaftskrise befand und sich erst seit 1940 langsam aus der Depression heraus zu arbeiten begann. Vielfach bedeutete dies den Zwang zu untergeordneten Tätigkeiten, beruflich sozusagen wieder bei Null anzufangen. (vgl. Strauss 1971, 79) Die Mühen und existentiellen Sorgen des Neubeginns wurden in den USA sozioökonomisch meist durch Familienunterstützung gemildert (sie galt hier ohnehin als eine erwünschte bzw. erforderte Aufnahmebedingung, vgl. Strauss 1981, 338). Zudem bot ein Netz von jüdischen Hilfs- und Wohlfahrtsorganisationen den Flüchtlingen nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch die Möglichkeit einer Integration ohne erzwungene Verleugnung der eigenen Herkunft, einer emotionalen und mentalen Ausbalancierung zwischen dem Eigenen, das hier in den USA als fremd, und dem Fremden, das als das Übliche und Gebotene galt. (vgl. Strauss 1971, 86)
Das amerikanische ‚Wirtschaftswunder‘ zwischen 1940 und 1960 garantierte zumindest Jobs – erste solide Stellungen in Fabriken und Ämtern. Dass jüdischen Flüchtlingen letztlich eine überproportionale Teilhabe an den Früchten dieses Wirtschaftswunders gelang, war auf den Unternehmungsgeist der Vertriebenen zurückzuführen (vgl. Strauss 1971, 80) – und wohl auch auf die durch jahrhundertelange Verfolgung und Ausgrenzung erlernte Fähigkeit, unliebsamen Situationen gewachsen zu sein. Nach überstandenen Qualen und Ängsten und in Erinnerung an die Ermordeten arbeitete man an der Verwirklichung des Traums von Unabhängigkeit und Prosperität. Kulturell reagierte die erste Generation von Flüchtlingen auf die neuen Erfordernisse in Ökonomie, Sprache, Bildungswesen, Kommunikationsverhalten, Freizeitformen, Kleidung und politischer Identitätsbildung, indem sie den ohnehin erwünschten Weg der Amerikanisierung einschlug. (vgl. Strauss 1988, 290)
Angeekelt von der industriellen Menschenvernichtung, den grauenerregenden Kriegsverbrechen und der entfesselten deutschen Herrenmenschen-Ideologie, erwartete die christlich-protestantische Meinungsmehrheit von den jüdischen Hitler-Flüchtlingen, sich dem ‚american way of life‘ anzupassen. (vgl. Strauss 1971, 91) Wie rasch und tiefgreifend die kulturelle Assimilation erfolgte, lässt sich beispielsweise aus der rapide abnehmenden Zahl deutschsprachiger Periodika ablesen: Hatte es in den USA 1930 noch 22 deutschsprachige Zeitungen gegeben, so sank die Zahl bis 1940 auf 13, bis 1950 auf sieben und bis 1960 schließlich auf vier. (vgl. Fishman, Nahirny, Hofman, u. a. 1966, 52)
Literatur als Erinnerung und Heimat
Wer aus Österreich warum, unter welchen Bedingungen und wohin vertrieben wurde und was aus den Flüchtlingen geworden sei – diesen Fragen wandten sich historische Sozialwissenschaft, politische Historiographie und literarische Exilforschung erst seit den 1960er Jahren zu. Als erste rückten dabei die großen Namen in das Blickfeld des Bewusstseins: die Schriftsteller Hermann Broch, Elias Canetti, Robert Musil, Joseph Roth, Stefan Zweig; Künstler, Musiker und Filmschaffende wie Otto Klemperer, Oskar Kokoschka, Ernst Krenek, Otto Preminger, Max Reinhardt, Arnold Schönberg, Billy Wilder; nicht zuletzt Sigmund Freud und seine Tochter Anna. Wie selbstverständlich drängte sich der Eindruck auf, die Vertreibungspolitik hätte in erster Linie Intellektuelle und darunter vor allem anerkannte Persönlichkeiten betroffen – geradezu ein Who’s who aus Wissenschaft, Kunst und Wirtschaft. (vgl. etwa Spaulding 1968, 85 u. 92)
Doch als der Zweite Weltkrieg ausbrach, flüchteten alle Juden, denen es noch irgend möglich war – ein in keiner Weise monolithischer sozialer, professionaler, ökonomischer, religiöser und politischer Querschnitt aus der Gemeinschaft. (vgl. Strauss 1988, 291) Zum Zeitpunkt ihrer Vertreibung und Flucht standen die später in den USA und Kanada germanistisch und komparatistisch Tätigen keineswegs im Lichte der Öffentlichkeit, und ihre Eltern gingen höchst unterschiedlichen Berufen nach. Deren berufliche Skala reichte vom Schildermaler, kleinen Gewerbetreibenden über den Künstleragenten bis hin zum Makler und Großindustriellen. Die Lebenswege von Evelyn Torton Beck, Dorrit Cohn, Hans Eichner, Peter Heller, Ruth Klüger, Herbert Lederer, Egon Schwarz, Walter H. Sokel und Harry Zohn bestätigen für den Bereich der Geistes- und Literaturwissenschaft, was die Immigrationsforschung ganz allgemein vermutet: dass der größte Beitrag der jüdischen Einwanderer zum Leben Amerikas durch deren Kinder geleistet wurde, dass (nach einem Wort Ralph Waldo Emersons) die erste Generation die Wälder schlägt und die zweite die Paläste baut. (vgl. Karp 1989, 142) Schneller und meist auch leichter war den Jungen die Umstellung auf die neue Sprache und die fremde Kultur gelungen – zumal die Eltern in der Mehrheit agnostisch waren oder ihr jüdisches Erbe auf ein Minimum reduziert hatten. (vgl. Bendix 1990, 51) Und dennoch mag es ihnen ergangen sein wie Stella Hershan, als sie sich schriftstellerisch in die neue Sprache einübte und Geschichten zu schreiben begann:
„Oddly, most of the stories took place in Vienna. I could not understand why. But suddenly I was fascinated by Austrian history.“
Hershan 1991, 197
Die jüdischen Flüchtlinge waren von einem Regime ausgegrenzt und zuletzt vertrieben worden, das sich stets um kulturhistorische Absicherung bemüht hatte, ein ideologisches Einvernehmen zwischen gegenwärtiger Bestialität und vergangener Philosophie, Kunst und Literatur herzustellen versucht hatte. Mittlerweile weiß man, dass ein Mann abends Goethe und Rilke lesen, Bach und Schubert spielen und am nächsten Morgen in Auschwitz seiner ‚Arbeit‘ nachgehen konnte. (vgl. George Steiner zit. nach Maier 1988, 286) Die vor 1933 mitunter emphatisch vertretene Idee einer kulturellen deutsch-jüdischen Symbiose hatte sich als Täuschung entlarvt, (vgl. Benz 1992, 95 f.) als „the most tragically unrequited love affair in world history“. (Zohn 1988, 228) So war es, wie Hans Eichner feststellt,
„(…) damals für einen jüdischen Flüchtling aus Deutschland eine seltsame, vielleicht abwegige Entscheidung, sein Leben gerade dem Studium der deutschen Literatur zu widmen. Aber man hat wohl meist (nicht notwendigerweise und nicht immer) zur Dichtung in seiner Muttersprache eine besonders innige Beziehung“.
Eichner o. J. [Typoskript, 8]
Walter H. Sokel erschien die Entscheidung für das Studium der deutschen Literatur mitunter wie ein Verrat:
„Als ein die deutschsprachige Literatur Studierender fühlte ich mich moralisch verdammt, pervers und absurd erscheinend, Verräter nicht nur an der jüdischen Gemeinschaft, der ich durch Familie und Geburt angehörte, sondern an der Menschheit, gegen die sich der von Deutschen und Österreichern verübte mehrfache Genozid unvergebbar versündigt hatte. Als die Nachrichten des höllischen Grauens tagtäglich immer dichter zu uns kamen, erfaßte mich tiefes Schuld- und Schamgefühl. Wie konnte ich mich rechtfertigen? Wie konnte ich es rechtfertigen, die Sprache zu lehren, in der die Vernichtung meiner Tanten, meiner Kusinen, und, wäre er nicht am Abend vor der Deportation einem Herzinfarkt erlegen, meines Vaters beschlossen und ausgeführt worden war? Gab es einen Verrat, der schlimmer schien als die Vermittlung und damit in gewisser Weise die Unterstützung einer Kultur, die solch unvorstellbares Grauen ermöglicht hatte?“
Sokel 1998, 40
Möglicherweise wurzelte die persönliche Motivation des germanistischen Interesses auch in einem Bedürfnis nach innerer Kontinuität über die Zäsur hinweg. (vgl. Hoffmann 1994, 27) Ebensowenig, wie deutsche und österreichische Ideengeschichte in toto der NS-Kulturideologie einzufügen waren, ließen sich die nun auf dem Felde der Germanistik tätigen jüdischen Vertriebenen das nehmen, was ihnen kulturelle Heimat gewesen war: das Interesse an und die Liebe zur Literatur. „Diese Liebe“, so Walter H. Sokel, „nahm ich über den Ozean mit in die amerikanische Emigration, wo sie durch Nostalgie vertieft noch intensiver wurde. Ich empfand Amerika zunächst als wahre Fremde, in der ich im echtesten Sinn des Schlagwortes ‚verfremdet‘ lebte. Und da war Österreich, vermittelt durch seine Literatur, eine versunkene Heimat, von der ich aber selbst eigentlich immer schon ausgeschlossen gewesen war“. (Sokel 1990, 23)
Die analysierende Erinnerung an Literatur, Philosophie und Kunst, geübt und vorgebracht in einer (vielfach auch von Eltern und Freunden) geächteten Sprache, begehrt dagegen auf, neben den ermordeten Verwandten und Freunden und dem geraubten Besitz auch noch all das zurücklassen zu müssen, worin man kulturell, ideell und emotional heimisch zu werden begonnen hatte. „Man konnte uns aus Österreich vertreiben, aber man konnte Österreich nicht aus uns vertreiben,“ versichert Herbert Lederer. (1990, 130) „Und was fing ich in der Neuen Welt an?“ fragt Peter Heller mit nahezu sarkastischem Unterton. „Ich hielt fest – aus Trägheit, früher Gewöhnung, Liebe? – an dem mir Vertrauten, quasi Eigenem: studierte Musik (Klavier) und Literatur, vornehmlich deutsche, auch Geistesgeschichte und Komparatistik […] Ich hielt fest an der Muttersprache oder wurde von ihr festgehalten.“ (Heller 1990, 68) Harry Zohn gewahrt rückblickend ähnliches an sich wie Stella Hershan: „Trotz meiner weitgehenden Amerikanisierung besann ich mich in zunehmendem Maß auf meine Muttersprache und die mir sozusagen entwendete (aber nicht entfremdete) Kultur.“ (Zohn 1990, 6) Argwohn und Zweifel beschleichen Ruth Klüger, wenn sie sich ihres Wegs in die Germanistik besinnt. Weil einige ihrer Auschwitz-Gedichte im selben Band mit Exil-Gedichten von Heinz Politzer erschienen waren und der prominente Germanist sie empfohlen hatte, bot das German Department in Berkeley ihr eine Assistentenstelle an:
„Wenn ich schlecht gelaunt bin, ist mir das nicht recht, denn ich werde den Verdacht nicht los, daß dieser Beruf für eine wie mich eine Charakterlosigkeit ist. Als wäre ich dadurch in die Schuld der Deutschen geraten. Dann sage ich mir wieder, mit der eigentümlichen Logik, die nur unserem unverläßlichsten geistigen Organ, dem Gewissen, zugänglich ist, daß ich andererseits keinen Antrag auf ‚Wiedergutmachung‘ gestellt habe […] Das befriedigt mich. Merkwürdiges Soll und Haben, Aufrechnung, Abrechnung. Ich bin den Deutschen nichts schuldig, sage ich mir dann, sie eher mir. Denn sinngemäß hätte ich ja mein verspätetes Germanistikstudium durch einen solchen Zuschuß mitfinanzieren können. Es ist auch so gegangen. Wenn ich gut gelaunt bin, sehe ich eine poetische Richtigkeit, wenn nicht Gerechtigkeit, darin, daß gerade von diesen Gedichten der Weg zu meinem passend-unpassenden Beruf geführt hat. Daß sich da ein Ring geschlossen hat.“
Klüger 1992, 199 f.
National, deutschnational, faschistisch, gewaltverherrlichend, antisemitisch in katholischer, protestantischer oder nationalsozialistischer Manier, wie viele Texte der deutschsprachigen Literatur und auch nicht wenige Werke kanonisierter Autoren daherkamen, konnte es freilich nicht ‚die‘ deutsche Literatur sein, welche die Vertriebenen mit Österreich verband. Eher schon waren es einzelne Autoren, Werke, Ideen oder Strömungen, und hier in erster Linie Vertreter der Moderne: Rainer Maria Rilke, Arthur Schnitzler, Robert Musil, Franz Werfel, Stefan Zweig; vor und über allem jedoch Franz Kafka und Sigmund Freud.
Das Porträt zu Robert Musil kann auch wenig Multimediales anbieten, da weder Tondokumente von Musils Stimme noch Filmaufnahmen von ihm existieren, wie wir sie etwa von Thomas Mann besitzen, die dem interessierten Publikum den Dichter akustisch oder in bewegten Bildern näher bringen könnten. Vielleicht ist dies aber ganz im Sinne des Autors, der den „Tatsachen“ – auch den biographisch-persönlichen – stets misstraut hat und dem „geistig Typische[n]“ (Musil 1978, 939) und dem „Möglichen“, dem „Noch-nicht-Wirklichen“ den Vorzug gab. So kann das „Ideographische vor das Biographische“ (Berghahn 1980,13) gestellt und „unter der Oberfläche der vermeintlichen harten Tatsachen das verborgene Leben des Zeitgeistes“ (ebd.) unter Umständen verstehbarer gemacht werden.
Der Exilwissenschaftler teilt mit dem Exildichter das Los, dass seine Verbundenheit mit der deutschen Sprache an das „factum brutum seiner Ausgrenzung“ und damit an den konkreten Sachverhalt erlittener Gewalt gekoppelt bleibt. (Hoffmann 1994, 27) Der Gedanke an die anderen, die zurückgeblieben sind, zurückbleiben mussten, die zu Tode Gequälten, bestialisch Vernichteten, bleibt gegenwärtig (vgl. Hoffmann 1994, 27) und drängt nach Aussprache, Analyse, Mahnung. Innerhalb des Faches Germanistik, das lange genug seine Augen vor den poetisch verbrämten antisemitischen Ausfällen seiner altvorderen Dichterheroen verschlossen hatte und sich nach 1945 nur zögernd des kulturellen und literarhistorischen Beitrags der Vertriebenen zu erinnern begann (und dabei sogleich in allerlei Mythisierungen verfiel (vgl. Winckler 1995, 68-81), bedeutete dies ein stetes wissenschaftliches Nachdenken über deutsch-jüdische, österreichisch-jüdische Beziehungen und Exilliteratur. Auf jüdische Autoren und Autorinnen (insbesondere österreichischer Herkunft) hinzuweisen und sie zu übersetzen, jüdische Gestalten in der Literatur zu untersuchen sowie die untergründigen Spuren völkisch-antisemitischen Hasses in der kanonisierten deutschsprachigen Literatur nachzuverfolgen zählt demgemäß zu den Forschungsschwerpunkten insbesondere von Evelyn Torton Beck, Peter Heller, Ruth Klüger, Herbert Lederer, Egon Schwarz, Walter H. Sokel und Harry Zohn.
Literaturwissenschaft als Mahnung und Bewahrung
Ende der 1960er Jahre war die US-amerikanische Bevölkerung zu 3% jüdisch, aber 8,7% der Hochschullehrer waren Juden, und an den führenden amerikanischen Universitäten waren es 17% (vgl. Steinberg 1974, Tafel 12). Wenn man bedenkt, dass ein überproportional hoher Anteil dieser jüdischen Universitätslehrer in den Fächern Medizin, Jurisprudenz und Psychologie arbeitete, (vgl. Steinberg 1974, Tafel 12) dass weiters bei über 2.000 Hochschulgermanisten im Jahre 1990 nur an die 35 jener Generation von deutschen und österreichischen Flüchtlingen angehörten, denen als Kindern oder Jugendlichen die Flucht geglückt war , ist man geneigt, deren Wirkung im Aufnahmeland USA als relativ gering und unbedeutend anzusehen. (vgl. Eichner o. J. [Typoskript, 9 f.]) Innerhalb ihrer Disziplinen und Tätigkeitsbereiche freilich – der (internationalen) germanistischen Literaturwissenschaft, der Vergleichenden Literaturwissenschaft, des Übersetzungswesens, der Literaturkritik – ist ihr Beitrag nicht hoch genug einzuschätzen. Als (kulturideologisch ebenso vielsagendes wie zweifelhaftes) Indiz dafür mag gelten, dass in den 1970er Jahren US-amerikanische Germanisten ihre Stimme gegen die angebliche institutionelle wie intellektuelle Dominanz emigrierter Kollegen und Kolleginnen aus Deutschland und Österreich erhoben. (vgl. Bathrick 1976, 252-257; Van Cleeve, Willson 1993)
Stein des Anstoßes waren die pädagogische Vermittlung von und die forschungspraktische Orientierung an kulturellen und methodologischen Maßstäben, wie sie in den deutschsprachigen Herkunftsländern üblich waren und sind. Anpassung an die sozialen und intellektuellen Standards der US-amerikanischen Gesellschaft im Sinne eines stärker amerika- und praxisbezogenen Unterrichts wurde eingemahnt. (vgl. Van Cleeve, Willson 1993, 253) Selbst wenn das übelbeleumdete Wort nicht ausgesprochen wird, so schwingt dessen Bedeutung doch unterschwellig mit: jenes der „Überfremdung“ der amerikanischen Germanistik durch deren aus Deutschland und Österreich vertriebene Vertreter. (vgl. den provokanten Titel „Modernisierung oder Überfremdung?“ [ohne Autor, 1994]) Allan Bloom (vgl. Bloom 1987) warf den Emigranten tatsächlich vor, sie hätten durch ihren Wissensschub zu einer Zersetzung der amerikanischen Wertekultur und ihrer Auflösung in eine unverbindliche Vielfalt der Sinnwelten beigetragen. Es gebe „Gründe zur Annahme,“ repliziert Egon Schwarz, „daß Allan Blooms Buch Teil einer breit angelegten Kampagne gegen eine humanistische, liberale, pluralistische und kosmopolitische Weltanschauung an den amerikanischen Universitäten ist, wohin sie sich geflüchtet hat, seit sie, einst eine Großmacht im öffentlichen Leben des Landes, zu einer kläglichen Minderheit zusammengeschrumpft ist.“ (Schwarz 1994, 127)
Quelle: Die Zeit gibt die Bilder. Schriftsteller, die Österreich zur Heimat hatten. Hg. von Ursula Seeber, Fotografiert von Alisa Douer. Wien 1992, S. 119. Mit freundlicher Genehmigung von Alisa Douer.
MalerIn/FotografIn: © Alisa Douer
Worin bestand und besteht nun dieses »Fremde«, mit dem man den Flüchtlingen auf ein Neues den Stempel des Anderen aufdrückt? Neben einem in der bürgerlichen Aufklärung wurzelnden wissenschaftlich-pädagogischen Tätigkeitsprofil und bestimmten ästhetischen Urteilsschemata (vgl. Mosse 1988, 201) zählen dazu sicherlich auch der stete, prüfende Blick in die Alte Welt der Täter und ihrer Nachgeborenen, das Bemühen um Vermittlung und Verständigung. Herbert Lederer hat sich „immer weniger als einen Gelehrten, sondern mehr als einen Lerner und Lehrer betrachtet, als einen Mittler und Vermittler zwischen zwei Sprachen, zwei Literaturen, zwei Kulturen. Aber ein Mittler kann man nur sein, wenn man selbst in der Mitte steht.“ (Lederer 1990, 129) „I write“, bekennt Harry Zohn, „as a sort of guardian and professional purveyor of the German-Jewish heritage“. (Zohn 1988, 227)
Zweifel und Ernüchterung beschleichen Egon Schwarz mitunter auf seinen Grenzgängen zwischen Kontinenten und Kulturen: „Viel Trost weiß ich auf Grund meiner Erfahrungen nicht zu spenden. Nur schwach flackernd sehe ich Vernunft und Freiheit das geschichtliche Dunkel durchzucken.“ (Schwarz 1992, 307) Doch „das Mögliche zu tun, um diese Flämmchen vor dem Verlöschen zu bewahren, sie nach Kräften zu schützen und zu nähren, das halte ich für Menschenpflicht und Lebenssinn.“ (Schwarz 1992, 307) „Also gehe ich überall hin und versuche zu predigen“, erklärt Evelyn Torton Beck. „Ich trage verschiedene Hüte – und auch der Wiener Hut sitzt fest auf meinem Kopf.“ (Torton-Beck 1990, 61)