Exil Überblicke 16.) Exil und literaturgeschichtliche Reflexion: Überlegungen zu einem (un)auffälligen Missverhältnis

Problemaufriss

„Kennzeichnend für uns ist nicht, daß unser Leben durch ein (unerinnerbares) Intermezzo eine Unterbrechung erfahren hat, sondern daß die Zerfällung unseres Lebens in mehrere Leben endgültig geworden ist; und das heißt, daß das zweite Leben im Winkel vom ersten absteht und das dritte wieder vom zweiten, daß jedesmal eine „Wegbiegung“ stattgefunden hat, eine Knickung, die den Rückblick […] unmöglich macht.“

Günther Anders 1962, 67

Gilt die biographisch-literarische Geographie des Exils mittlerweile als gut vermessen, so zählen Arbeiten, die sich mit der Exilerfahrung im Kontext der ästhetischen Traditionen beschäftigen, noch immer zu den Desiderata der literaturwissenschaftlichen Forschung. Dabei sprechen Passagen wie jene aus Günther Anders „Vitae, nicht vita“, Jean Amérys Essays oder Michael Hamburgers Beschreibung des Exils über „ein besonderes Verhältnis zur Sprache“ (Michael Hamburger 1978, 481-485) Aspekte des Exils in einer Weise an, die diese Annäherung geradezu herausfordern, ohne bislang in repräsentativen Texten zur Literaturgeschichte Niederschlag gefunden zu haben.

Auf diese bedenkenswert paradoxe Situation hat Klaus Briegleb bereits auf der Tagung der Internationalen Germanisten-Vereinigung (IGV) in Tokyo in seinem Referat ‚Die Nicht-Rezeption der deutschen Exil-Literatur nach 1933 in der westdeutschen Gegenwartsliteratur‘ hingewiesen. Auf ihn und einschlägig Nachfolgendes stützt sich die im Titel formulierte Grundthese des (un)auffälligen Missverhältnisses: Der Exil-Forschungslandschaft mit ihren beeindruckenden Ergebnissen, zuletzt z. B. im „Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945“ (Claus-Dieter Krohn u. a. 1998), im „Lexikon der österreichischen Exilliteratur“ (Siglinde Bolbecher/Konstantin Kaiser 2000), weiters in der von J. M. Spalek betreuten Reihe über das Exil in den USA oder in den Exil-Nummern der Zeitschrift „Zwischenwelt“ (vormals „Mit der Ziehharmonika“), steht eine Marginalisierung im Spektrum literaturwissenschaftlicher Debatten, man könnte auch sagen eine Ghettoisierung in Fachorgane und Exil-Gesellschaften, gegenüber.

zeyringer
Titel: Zeyringer, Klaus: Österreichische Literatur
Zeyringer Klaus: Österreichische Literatur 1945-1998. Überblicke Einschnitte Wegmarken. Innsbruck: Haymon Verlag 1999
MalerIn/FotografIn: unbekannt
metzler
Titel: Kilcher, Andreas B. (Hg.): Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur
Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Hg. von Andreas B. Kilcher. Stuttgart, Weimar: Verlag J. B. Metzler 2000
MalerIn/FotografIn: unbekannt
handbuch
Titel: Handbuch der deutschsprachigen Emigration
Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. HG. von Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winckler unter redaktioneller Mitarbeit von Elisabeth Kohlhaas in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Exilforschung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1998
MalerIn/FotografIn: unbekannt
Titel: Lexikon der österreichischen Exilliteratur, hg. von Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser
Quelle: Bolbecher Siglinde, Kaiser Konstantin: Lexikon der österreichischen Exilliteratur. Wien: Deuticke Verlag 2000
MalerIn/FotografIn: unbekannt
mdz1999
Titel: Zeitschrift "Mit der Ziehharmonika"
Quelle: MdZ 16, Nr. 1, März 1999. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt
mdz1995
Titel: Zeitschrift: Mit der Ziehharmonika: Frauen im Exil
Quelle: MdZ 12, Nr. 3, Oktober 1995. Archiv der Theodor Kramer Gesellschaft
MalerIn/FotografIn: unbekannt

Exil als literarhistorische und ästhetische Kategorie wird nach wie vor am Rande des literaturwissenschaftlichen Diskurses angesiedelt. Neben „bedeutsamen“ Leistungen sei die Exil-Produktion, so ein oft erhobener Einwand, durch eine Tendenz zur „ästhetischen Desintegration“ mitgeprägt und seien zu wenig innovative „Ausdrucksformen“ festzustellen. (vgl. Wulf Koepke, Michael Winkler: Exilliteratur 1989). Die Folge davon sei, dass es wenig fruchtbare Debatten über Formfragen gäbe und vermeintliche Absagen des Exils an die Moderne, so als wäre das Trauma der Vertreibung, die Reduktion des Menschen auf ‚mechanische[n] Halter eines Passes‘ (Bert Brecht: Flüchtlingsgespräche), das überlebenshungrige Schlüpfen in andere Identitäten oder die Irritation über den „menschlichen Abfall“ (Jakov Lind: Selbstporträt) nicht bereits Reflexion eines zum Teil radikal, zum Teil chiffriert anderen Sprechens, eines eigen- und widerständigen Korpus! Als Gegenbeispiel sei auch das Interesse an innovativen poetischen Aspekten im Rahmen der Expressionismus-Debatte genannt, die z. B. in Klaus Manns Tagebuch 1938 aufmerksam registriert wurde.

lindportrait
Titel: Lind, Jakov: Selbstporträt (Buchumschlag)
Buchumschlag von Jakov Kind: Selbstportrait. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 1983 (=Wagenbachs Taschenbücherei WAT 105). Mit freundlicher Genehmigung von Jakov Lind
MalerIn/FotografIn: Lind, Jakov

Hat Dieter Sevin noch vornehm vom Skandal der „Bedeutung der Nicht-Rezeption“ gesprochen (Dieter Sevin, 1992, 6), so ist bei Bernhard Spies schon von „Herabstufung“ zu lesen: „Der Hochachtung vor dem wissenschaftlich Erreichten entspricht eine gewisse Herabstufung des Gegenstandsbereiches ‚Exil'“, der kaum als Parameter für Profilierung und (universitäre) Karriere gilt (Bernhard Spiess, 1996, 11). Für die Relevanz und Unabgeschlossenheit der Exilerfahrung spricht andererseits, dass derzeit dem deutschen P.E.N. mit Said ein Exilant und Immigrant vorsteht.

Das Verhältnis der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zum Exil

Klaus Briegleb hält der deutschen Nachkriegsliteratur Reflexionsarmut insofern vor, als diese eine Verweigerung der Auseinandersetzung mit der im Exil entstandenen Texte kultiviert habe. Kategorien wie Bewusstheit und Gedächtnis seien auf merkwürdige Weise desavouiert worden: „Das Trauma eines Blickwinkels von draußen, der Gedanke dieses Blicks erschreckt noch immer“ (Klaus Briegleb, 1991, 59).

Dieses Trauma – nur Peter Weiss‘ „Ästhetik des Widerstandes“ und Ingeborg Bachmanns „Todesarten-Zyklus“ werden davon ausgenommen – erschien ihm durch emphatische Bekenntnisse zum Antifaschismus und zur Trauerarbeit literarischer Vatermörder durch Exponenten der 68er-Generation zugedeckt. Diese Generation habe es verstanden, die „Mördersprache“ nach anfänglichem Misstrauen wortmächtig neu zu okkupieren, ihr sei aber ein konkreter Dialog mit der vertriebenen Dichtung kein tieferes Anliegen gewesen. Selbst Autoren, denen eine exilgeprägte poetologische Epochenleistung zugebilligt wird, allen voran Paul Celan, seien davon nicht verschont geblieben. Trotz breiter Vereinnahmung seiner „Todesfuge“ habe er sich alsbald neuerlicher Exilierung als Jude in deutscher Fremde (vgl. Kommentar von Theo Buck, 1999, 9) gegenübersehen müssen.

An Reinhard Federmann lässt Paul Celan 1962 einen Brief denkwürdig ausklingen: „Pawel Lwowitsch Tselan/Russkij poët in partibus nemetskich infedelium/ – ’s ist nur ein Jud -„. Eine vielsprachige Collage, der das triste Eingeständnis zugrunde liegt, sich aus dem erworbenen sprachlichen Territorium neuerlich exiliert, auf das traumatische Stigma der Andersheit, der Nichtzugehörigkeit verwiesen zu sehen. Aber hat nicht schon Alfred Döblin 1946 bitter bilanziert? „Und als ich wiederkam, da – kam ich nicht wieder.“ Obwohl derzeit ein zaghaftes Einsetzen des vermissten inner-literarischen Dialogs bei österreichischen bzw. mit Österreich in Beziehung stehenden Autor/inn/en konstatiert werden darf (z. B. bei Gerhard Roth, Peter Henisch, Jakov Lind, Robert Schindel, Anna Mitgutsch, Marlene Streeruwitz), bleibt die Frage im Raum, ob dies zu substantiellen Korrekturen am Stellenwert unseres Gegenstandsbereichs geführt hat.

Literaturgeschichten und Zeitschriften über das Exil

Beleuchtet man das Selbstverständnis des Faches von seinen repräsentativen Unternehmungen wie z. B. Literaturgeschichten oder Zeitschriften her, sieht es für das Exil nach wie vor nicht gut aus. Für die Wiedergewinnung einer kulturell-intellektuellen Öffentlichkeit nach 1945 fallen die Leistungen des Exils und dessen Verschränkung mit der Gegenwartsliteratur kaum ins Gewicht – sieht man von einigen rhetorischen Bekenntnissen ab. Es scheint, als hätte es den PEN-Kongress 1980 zum Thema „Literatur des Exils“ nie gegeben, auf dem Peter Härtling und Willy Brandt die Exilkultur als die nötige „andere“ nationale Tradition und Identität definiert hatten; es scheint, als hätten die Exil-Arbeitsstellen keine Symposien abgehalten und keine Publikationen vorgelegt.

Merkwürdig ist daher auch die Blickwinkel der Exilerfahrung gegenüber. Während Lutz Winckler „Mythen der Exilforschung“ nachspürt (Lutz Winkler, 1995, 68?81), die im Zuge der Positionsdebatten der 70er Jahre in der BRD immerhin einen gewissen Stellenwert hatten, bedauert der Nachkriegsband von Hansers „Sozialgeschichte der deutschen Literatur (1945-67)“ nach gut 200 Seiten über die Wiederaufbau-Ära zwar die „Abwehr der Leistungen von Exilautoren“, konzediert ihnen aber keinen eigenen Raum und schreibt somit (unbeabsichtigt?) an der Abwehr fort. Auch der von Horst Albert Glaser koordinierte neu aufgelegte Band „Deutsche Literatur zwischen 1945 und 1995“ (UTB 1997) kennt im Gegensatz zu seinem bei Rowohlt 1983 erschienenen Vorläufer (Deutsche Literatur. Bd. 9) die Exilliteratur nicht mehr als Referenz für die Literatur nach 1945. Weitere Defizite hat Eberhard Bahr (1993) angesprochen, die nun zum Teil durch das „Metzler Lexikon der Deutsch-Jüdischen Literatur“ (2000) aufgearbeitet wurden.

Auch die Lektüre der imposanten „Literaturgeschichte Österreichs 1945-1998“ von Klaus Zeyringer geht am vielschichtigen Komplex Exil vorbei bzw. behandelt ihn nur in Nebensätzen. Nur an Heimito von Doderers „Merowinger“ wird auf den „intertextuellen Roman-Boden“ hingewiesen, d. h. auf den Exilautor Hans Flesch-Brunningen. Dabei lädt der Abschnitt „Defizitgeschichten“ geradezu ein nachzufragen, worin diese bestanden haben. Doch weder Jean Améry, noch Berthold Viertel, weder Jakov Lind, Fred Wander noch Hermynia Zur Mühlen, um nur einige Namen zu nennen, sind einige Zeilen gewidmet. Diese Absenz schmerzt, weil mit ihr beachtliche Exilleistungen fehlen, z. B. jene der Verschränkung von Essay und Erzählung, eine unterschätzte Signatur (H. G. Adler), jene der ideologiekritischen Reflexion, wie sie Berthold Viertels „Austria Rediviva“ (1945) vorführt, oder jene der bewusst fragilen Synthesen, auch in der Form, wie z. B. Jean Amérys „Unmeisterliche Wanderjahre“.

Niemand will den Schlüsseltexten der 60er Jahre (Thomas Bernhards „Frost“, Heinrich Bölls „Billard um halb zehn“ oder Günter Grass‘ „Blechtrommel“ ihr Gewicht absprechen, schon gar nicht hinsichtlich ihrer Auseinandersetzung mit verdrängten kollektiven Dispositionen. Dennoch ist einzuwenden, dass Texte wie Hilde Spiels „Lisas Zimmer“ (1961/65), Albert Drachs „Unsentimentale Reise“ (1966) oder Fred Wanders „Der siebente Brunnen“ (1972) neben den genannten literarischen Monumenten bestehen können, ja sie geradezu kontrastiv kommentieren.

wanderbrunnen
Titel: Wander, Fred: Der siebente Brunnen
Fred Wander: Der siebente Brunnen. Erzählung. Mit einem Nachwort von Christa Wolf. Darmstadt: Luchterhand Literaturverlag 1988
MalerIn/FotografIn: unbekannt

An Jakov Lind und Fred Wander tritt nämlich eine spezifische Literarizität von Exilerfahrungen in den Blickpunkt, die deutlich von den heroisch-historischen Exilautobiographien der älteren Generation abrückt. Ihre Verlusterfahrungen fügen sich nicht mehr in einen teleologischen Welt- und Lebensentwurf, ihre Autonomie und Ästhetik zielt eher auf Modulationen des Vertriebenen- und Existenzstatus (Stichwörter: ahasverische bzw. anarchische Vagabondage, zerfranste Text-Körper). Auch die Zuwendung zu verschütteten erzählerischen Traditionen einer ostjüdischen Oralität in den Texten Fred Wanders verdiente umfassende Würdigung.

Ein analoges Bild bieten die „repräsentativen“ germanistischen Fachzeitschriften. Die Hefte des letzten Jahrzehnts der „Deutschen Vierteljahresschrift“ (DVJS), des „Jahrbuchs für Internationale Germanistik“, des „Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der deutschen Literatur“ (IASL) oder der „Weimarer Beiträge“ kommen ohne einen Grundsatzbeitrag zur Exilliteratur aus, verzeichnen dagegen etliche zur NS-Literaturpolitik, und belegen, dass Exilthemen Ausnahmen darstellen.

Um es an einem Beispiel zu veranschaulichen: von den rund 270 Beiträgen der DVJS (1991-99) sind gerade drei, und diese nur eingeschränkt, der Exilthematik zurechenbar. Selbst die vom Emigranten Louis Fürnberg mitbegründeten „Weimarer Beiträge“ haben seit 1990 offenbar eine Wende hin zum üblichen Fachorgan vollzogen. Exil – demodé? Beinahe, wäre nicht Ernst Loewy mit einer Louis-Fürnberg-Studie vertreten, und klängen nicht in zwei Beiträgen einschlägige Aspekte wenigstens an.

Exilerfahrung und Poetologie

Diese Bilanz – sie will kein Lamento sein – ließe sich fortschreiben oder lakonisch durch die Leistungen der Exilforschung kontrastieren. Doch wichtiger scheint die Frage nach den poetologischen Ansätzen und Leistungen der Exilerfahrung zu sein, was über die jeweilige biographisch-historische Narration hinausweist. Anders formuliert: wie vermittelt sich die traumatische Erfahrung von exilierten Schriftsteller/inne/n auf der Ebene der Texte? Können wir uns heute noch mit den konventionellen Parametern begnügen, wenn es um die ästhetische Ausdifferenzierung von Schrift und Erfahrung geht? Denn dass Exilierungen – die nach 1945 fortbestehenden miteingeschlossen – Traumata nach sich ziehen, steht mit Blick auf zahlreiche Autor/inne/n-Reflexionen oder Kontroversen (z. B. Fritz Beer und Chaim Noll, 1994, 125-39) außer Zweifel. Dieses Wissen kann freilich nicht genügen. Es gilt weiter zu fragen, auch und gerade angesichts der Schwierigkeit eines wirklichen Gesprächs, das für Überlebende oft oder gar „stets ein Täuschungsverhältnis“ bereithält, sowie angesichts der Erkenntnis, dass „Normalität obszön ist“. (Robert Schindel, 1999, 3-8).

Einen interessanten Ansatz hierzu lieferte Elisabeth Bronfen (1993, 167-183). Sie meint, dass das Exiltrauma an bestimmte Sprachbilder geknüpft ist und spezifische Narrationen generiere, in denen insbesondere die Dramatik der „Entortung“, des zerbrochenen Lebens eine Rolle spiele, worauf mit neuen Selbstentwürfen reagiert werde. Schnitt- und Bruchstellen steuern solche Entwürfe an, imaginative Doppelungen in einem Zustand diskontinuierlichen Seins, als das die Exilrealität meist erfahren wird.

Bronfen illustriert dies einerseits an Vladimir Nabokovs „The real life of Sebastian Knight“ (1941), andererseits an „Lisas Zimmer“ von Hilde Spiel (1961/65) und zeigt, wie in verschiedenen Kontexten die „unheimliche Zwischenposition des Exils“ ästhetisch unterschiedlich, jedenfalls aber im differenzierten Aufgreifen von Ursprungsmythen, in Form der Flucht in Erinnerung, in Auslöschung und Annahme oder Abtötung des Femden im Ich fruchtbar wird (Bronfen, 1993, 179).

Jean Améry hat seine Verlusterfahrungen mehrfach beschrieben. Unter anderem zitiert er eine Briefstelle des deportierten Lyrikers Alfred Mombert: „Alles fließt von mir ab, wie ein großer Regen“ (Jean Améry, 1966, 100), eine Stelle, die ihm die Brücke bildet hin zur Beraubung der eigenen Geschichte durch deren gewaltsames Herausbrechen aus dem mit „Heimat“ verwobenen Raum, in den es keine Rückkehr geben konnte:

„Es bestand in der stückweisen Demontierung unserer Vergangenheit, was nicht abgehen konnte ohne Selbstverachtung und Haß gegen das verlorene Ich. Die Feindheimat wurde von uns vernichtet, und zugleich tilgten wir das Stück eigenen Lebens aus, das mit ihr gekoppelt war […] Therapie hätte nur die geschichtliche Praxis sein können, ich meine: die deutsche Revolution und mit ihr das kraftvoll sich ausdrückende Verlangen der Heimat nach unserer Wiederkehr. Aber die Revolution fand nicht statt, und unsere Wiederkehr war für die Heimat nichts als eine Verlegenheit.“

Jean Amery, 1966, 88

Mit der Demontage der Vergangenheit mussten sich auch die Bilder von ihr, die Wahrnehmungsformen und Darstellungsmöglichkeiten verändern. Als vorläufiges Fazit ist festzuhalten, dass Exil-Texte gerade aus den Verletzungserfahrungen heraus auch ästhetisch interessante Wege beschreiten und herrschende akademische Blickwinkel der Tradition bzw. dem Kanon gegenüber aufbrechen. Gerade Narrationen des Unfassbaren, z. B. Rituale der Entwürdigung, Strategien egozentrischen Überlebens, könnten Angelpunkte künftigen literaturwissenschaftlichen Arbeitens sein. Damit verbunden wäre eine selbstkritische Reflexion des „Kanons“ und die Sensibilisierung für übersehene „Außen“-Blicke auf die Konstruktionen der Identität nach 1945. „Fragilität“, „Diversität“, auch „Zerfällungen“ im Sinne von Günther Anders sowie Eigenwilligkeit (z. B. Melancholie und/oder satirische, schwarze Komik) könnten so als Bausteine einer Exilpoetik verstanden werden.

Die Exilforschung hat in den letzten Jahren über ihr Selbstverständnis intensiv nachgedacht, ihre Positionierungen hinterfragt und ihre Perspektiven erweitert: Beiträge zur Gender-Thematik, zum Exil-Alltag und zu den im Exil favorisierten Ausdrucksformen dokumentieren dies.

Anhang

Forschungsliteratur

  • Bahr, Eberhard - Deutsch-jüdische Exilliteratur und Literaturgeschichtsschreibung
  • Beer, Fritz; Chaim, Noll - Denn ich bin wie Sie Jude und Exilant...
  • Bolbecher, Siglinde; Kaiser, Konstantin - Lexikon der österreichischen Exilliteratur
  • Bronfen, Elisabeth - Exil in der Literatur. Zwischen Metapher und Realität
  • Hamburger, Michael - Einige Bemerkungen zur Kategorie Exil-Literatur
  • Koepken, Wulf; Winkler, Michael (Hg.) - Exilliteratur 1933- 1945
  • Krohn, Claus-Dieter u.a. - Dieter u.a. - Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945
  • Loewy, Ernst - "Lessing und Spira". Zu einem Roman-Fragment von Louis Fürnberg
  • ohne Autor - Die Pestsäule
  • Schindel, Robert - Schweigend ins Gespräch vertieft. Anmerkungen zu Geschichte und Gegenwart des jüdisch-nichtjüdischen Verhältnisses in den Täterländern
  • Sevin, Dieter (Hg.) - Die Resonanz des Exils. Gelungene und misslungene Rezeption deutschsprachiger Exilautoren
  • Spalek, John M. u. a. (Hg.) - Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Bd. 3: USA
  • Spiess, Bernhard - Exilliteratur - ein abgeschlossenes Kapitel? Überlegungen zu Stand und Perspektiven der literaturwissenschaftlichen Exilforschung
  • Winckler, Lutz - Mythen der Exilforschung?
Nach oben scrollen