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KAPITEL

1. Einleitung
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2. Erich Fried und Hans Schmeier im britischen Exil
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3. Identitšten
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4. Anhang
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Konstantin Kaiser:
Erich Fried (1921-1988) und Hans Schmeier (1925-1943)

Erich Fried und Hans Schmeier im britischen Exil


Nach Frieds eigener Aussage soll ihm sein älterer Freund Joseph Kalmer (1898-1958), Journalist, Lyriker, Übersetzer und linker Sozialdemokrat, damals gesagt haben: "Wenn du so weitermachst, dann wirst du natürlich eines Tages unweigerlich den Stalin-Preis kriegen, mein Haus dürftest du dann aber nicht mehr betreten." (K. Kaiser: Gespräch mit Erich Fried. Exil in Großbritannien: Kalmer, Schmeier und andere, 1990, 81) Dass sich Fried jedoch im Spätherbst 1943 von der kommunistischen Parteiarbeit zurückgezogen hat, dürfte durch ein anderes Ereignis beschleunigt worden sein: den Freitod seines um drei Jahre jüngeren Freundes Hans Schmeier. Am 12. Oktober 1943 stürzte sich der 18jährige, ein begabter Lyriker, vom Dach seines Wohnhauses in London. Er hinterließ ein Abschiedsgedicht, das Fried mir aus dem Gedächtnis zitierte (er hat es, mit geringfügigen, uncharakteristischen Abweichungen, auch bei anderen Gelegenheiten zitiert):

Kalmer, Joseph zeigen

Schmeier, Hans zeigen

So Erich Fried in einem Interview mit dem Bielefelder "StadtBlatt", Nr. 9, September 1982, S.21, zitiert bei Volker Kaukoreit: Frühe Stationen des Lyrikers Erich Fried. Werk und Biographie 1938-1966. Darmstadt 1991, 55. - So auch in einer deutschsprachigen BBC-Sendung vom 11.11. 1963, nachgedruckt bei Gerhard Lampe: "Ich will mich nicht erinnern an alles was man vergißt." Erich Fried - Biographie und Werk. Köln 1989, 83. - Letzteren Hinweis verdanke ich dem Aufsatz von Jörg Thunecke: "Sein tiefstes Gesetz schreibt sich jeder allein": Erich Frieds Exillyrik vor und nach dem 13. Oktober 1943. In: Exil (Frankfurt/M.) 18 (1998) 2, 85-107. Thunecke beschäftigt sich mit demselben Thema wie ich, Fried und Schmeier, nur dass sich Thunecke für Schmeier und seinen Tod in erster Linie als Baustein einer Fried-Biographie interessiert. - Thunecke fehlt, trotz der vielen Quellenangaben, die er aufbietet, ein wenig das "feeling" für die innere Situation des österreichischen Exils in Großbritannien. Z. B. schreibt er, dass das Austrian Centre "kommunistisch unterwandert" gewesen sei (23). Man kann den Kommunisten aber schwerlich vorwerfen, eine Einrichtung "unterwandert" zu haben, die ohne ihre Initiative gar nicht existiert hätte. Da Thunecke die für das gesamte österreichische Exil - und gerade in Großbritannien ganz besonders - wichtige Diskussion um die Frage der österreichischen Nation einfach nicht zur Kenntnis nimmt und bloß - Helene Maimann zitierend - von der "Propagierung des patriotischen Deutschenhasses im FAM" (Free Austrian Movement) spricht (94), kann er auch Frieds Position (bzw. deren Entwicklung) nur unscharf zeichnen. Von den meist sehr jungen Funktionären der kommunistischen Gruppe in Großbritannien entwirft Thunecke implizit ein Bild, das eher für Geheimdienstleute passt als etwa für Franz Bönsch, Albert Fuchs, Georg Knepler, Eva Kolmer, Arthur Rosenthal (d. i. A. West), Willy Scholz, Herbert Steiner, Franz Weintraub (d. i. F. West), mit denen Fried zum Teil auch späterhin freundschaftlichen Umgang pflegte.

Zum letzten Mal, zum letzten Mal
will ein Gedicht ich schreiben.
Es wird von mir und meiner Qual
sonst nicht viel übrigbleiben.

Die Welt war gut, die Welt war gut,
nur ich wußt nicht zu leben.
Euch, Brüder voller Lebensmut,
bitt ich, mir zu vergeben.

Was kommen mag, was kommen mag,
ich weiß, ihr werdet siegen.
Es kommt auch ohne mich der Tag,
ach, laßt mich im Grab nur liegen.


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