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KAPITEL

1. Palšstina/Israel - ein "Exilland"?
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2. Moshe Ya'akov Ben-GavriÍl
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3. Meir Marcell Faerber
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4. Simon Kronberg
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5. Max Brod
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6. Max Zweig
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7. Leo Perutz
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8. Anna Maria Jokl
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9. Elazar BenyoŽtz
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10. Anhang
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Armin A. Wallas:
"Exilland" Palšstina/Israel

Moshe Ya'akov Ben-GavriÍl


Mehr als ein Jahrzehnt vor dem "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland kam der Publizist und Schriftsteller Eugen Hoeflich nach Palästina. Im Jahre 1927 verließ er Wien, siedelte sich in Jerusalem an, legte seinen Diaspora-Namen ab, wählte den hebräischen Namen Ben-GavriÍl und wurde palästinensischer Staatsbürger. Seit dem Ersten Weltkrieg, als er für einige Monate als österreichisch-ungarischer Offizier Dienst im k. und k. Reservespital Jerusalem versehen hatte, engagierte er sich in der zionistischen Bewegung. Unter anderem beeinflusst von dem Kulturzionisten Martin Buber, arbeitete er die Idee des "Panasiatismus" aus, d. h. einer Gesamtasien (Judentum, Arabien, Indien, China, Japan) umfassenden geistig-kulturellen und politischen Erneuerungsbewegung. "Asien" fasste er als einen "geistigen Begriff" auf, der Ursprünglichkeit, Verinnerlichung und Religiosität umfasst. Dem entgegen stand "Europa", das ihm als Synonym für Krieg, Nationalismus, Imperialismus, Entfremdung und Antisemitismus erschien. Schon früh prophezeite er den Juden Europas das Nahen einer Katastrophe und forderte sie auf, Europa zu verlassen, um in Palästina ein selbst bestimmtes jüdisches Gemeinwesen zu errichten. Zugleich wies er als oppositioneller Zionist schon Anfang der 1920er Jahre auf die Dringlichkeit einer friedlichen Lösung der Araberfrage in Palästina hin und arbeitete als erster das Konzept eines "binationalen", jüdisch-arabischen Staates aus.

Ben-GavriÍl, Moshe Ya'akov: Selbstporträt (1924) zeigen

"Der grosse Wunsch der letzten zehn Jahre ist wahr geworden: ich sitze in Jerusalem, sitze in einem freundlichen Zimmer eines arabischen Hauses in der Musrara, schaue auf einen sonnigen Garten hinaus, höre arabische Rufe, hebräische Lieder - alles ist wieder gut. Wie unendlich schwer aber war es, hierher zu kommen! Das Unverständnis, das Mutter dem Entschluss mein Leben endlich von Grund auf zu ändern entgegenbrachte, das Unvermögen, das Reisegeld zusammenzubringen, und doch kam wie immer, alles so, wie es kommen muss. Gott hilft! Im letzten Augenblick wurde mir eine Invalidenrente zugesprochen die ich für zwei Jahre verpfändete, ein Mann lieh mir drei Hundert Schilling und wir fuhren, mit Arbeiterzertifikat in der Hand - wie schwer und langwierig war es, die Einwanderungserlaubnis zu bekommen! - auf Zwischendeck gegen Jaffa. Tel-Awiw, die unsympathischeste Stadt, die ich kenne, widerte mich mit ihren unendlich kleinen Menschen derart an, dass ich, als nach drei Tagen Fieber und Schmerzen nach der beim Landen erhaltenen Typhusinjektion schwand, frohen Herzens abfuhr, wiewohl ich Mir [= Ehefrau Mirjam] zurücklassen musste, die ins Theater eintrat. Jerusalem nahm mich auf. Still, ganz still, unfähig meine Gefühle auch nur annähernd zu erfassen, ging ich durch die Strassen, ging zur Kotel hama'aravi [= Klagemauer], ging immer wieder durch die Stadt. [...] Am zweiten Tag ging ich zur Regierung und verzichtete auf meinen bisherigen Namen. Am 3. März war ich in Palästina gelandet, am 8 März hörte ich auf Eugen Hoeflich zu sein und bin seit diesem Tag Moscheh Jaakub ben gawriel. Ich will auch innerlich ein neuer Mensch werden. Inschallah!" (Hoeflich, Tagebücher 1915 bis 1927, 1999, 244; Eintragung vom 24.3. 1927)

Den Lebensunterhalt verdiente Ben-GavriÍl als Palästina-Korrespondent deutschsprachiger Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen. Das Spektrum seiner Beiträge umfasst politische Analysen und Kommentare ebenso wie Berichte über Kunstausstellungen, Vorträge und Theateraufführungen. Das Haus, das Ben-GavriÍl und seine Ehefrau, die Schauspielerin und Phonetiklehrerin Mirjam Ben-GavriÍl, geborene Schnabel, in Jerusalem führten, war ein viel besuchter Treffpunkt des geistigen Lebens. Die Eindrücke, die er auf seinen zahlreichen Reisen durch das Land sammelte, verarbeitete Ben-GavriÍl 1938 im "Kleinen Palästinabuch für empfindsame Reisende", ein Buch, das die Geschichte, Kultur und Landschaft Palästinas, die Farbigkeit des orientalischen Lebens, die mystische Atmosphäre der Stadt Jerusalem, die Aufbauarbeit des Zionismus, aber auch die Konflikte des Landes beschreibt.

Trotz der Radikalisierung des jüdisch-arabischen Konflikts, vor allem im Zuge der Unruhen von 1929, setzte Ben-GavriÍl seine Bemühungen um eine friedliche Lösung fort. Er knüpfte Kontakte zu arabischen Intellektuellen und sympathisierte mit dem "Brith Schalom" (= Friedensbund), er engagierte sich aber auch in der jüdischen Untergrundbewegung Hagana. Im Zweiten Weltkrieg diente er in der britischen Armee, 1948 nahm er am israelischen Unabhängigkeitskrieg und 1956 am Sinaifeldzug teil.

Ben-GavriÍl, Moshe Ya'akov: Das Haus in der Karpfengasse zeigen

Der literarische Durchbruch gelang Ben-GavriÍl erst in den 1950er und 1960er Jahren, mit teils unterhaltsamen, teils spannenden Erzählungen und Romanen über das Leben im Nahen Osten. Den Anfang machte der Roman "Frieden und Krieg des Bürgers Mahaschavi" (1952), der die Abenteuer eines jüdischen Arztes zum Inhalt hat, der im Zweiten Weltkrieg in der britischen Armee dient. Weitere Bücher berichten über das Leben der Beduinen in den Wüsten Palästinas, über kuriose Gestalten aus dem Orient und über die Verhältnisse im modernen Israel, als Kreuzungspunkt westlich-europäischer und östlich-orientalischer Kultur. Mit dem jüdischen Leben in Europa vor und während der Shoah befasste sich Ben-GavriÍl im autobiographischen Buch "Die Flucht nach Tarschisch" (1963), einer Schilderung seiner Jugend im Wien der Jahrhundertwende, und im Roman "Das Haus in der Karpfengasse" (1958), einer Darstellung der Ereignisse nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und dem Einmarsch der Hitler-Truppen in Prag. Mit diesem Roman, der auch verfilmt wurde (Regie: Kurt Hoffmann), gelang Ben-GavriÍl der entscheidende literarische Durchbruch. Vor dem Auftreten Ephraim Kishons galt er im deutschsprachigen Raum als der bekannteste Autor aus Israel. Auf zahlreichen Vortragsreisen, die ihn nach Deutschland (und nur selten in sein Herkunftsland Österreich) führten, begnügte er sich nicht mit der Erzählung von Anekdoten aus Israel, sondern erhob immer wieder die mahnende Stimme gegen das Verdrängen der nationalsozialistischen Vergangenheit.


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